Vollständige Version anzeigen : Dokumentationen, die man nicht vergisst
Ich schaue mir leidenschaftlich gerne Dokumentationen und Reportagen an. Viele sind zwar sehr interessant, meistens vergisst man sie aber schnell wieder. Aber es gibt ein paar, die begleiten einen lange. Ich schaue sie immer wieder, wenn ich sie im TV-Programm sehe. Leider habe ich ein furchtbar schlechtes Namensgedächtnis, deshalb hat dieser Strang zwei Ziele: ich möchte gerne die Namen der fehlenden Dokus erfahren und ich möchte gerne von Euch erfahren, welches Eure Liebslingsdokus sind und warum.
Ich fange mal an:
"Todesspiel", 1997, Heinrich Breloer
Besonders fasziniert mich das "Todesspiel", eine bereits mehrfach ausgezeichnete, halbdokumentarische Nacherzählung der Ereignisse rund um Schleier, die RAF und die Entführung der "Landshut" in Mogadischu. Damals war ich noch zu jung um das alles zu verstehen. Einfach genial ist die perfekte Verknüpfung der Interviews und der Spielhandlung, dazu noch mit exzellenter schauspielerischer Leistung. Sehe ich mir immer wieder an, obwohl ichs schon 4 Mal gesehen habe.
"Blue Eyed, 93 Minuten" von/mit Jane Elliott
Zweite Doku, die mich sehr fasziniert hat handelt von Jane Elliott , die als Lehrerin in den USA bereits in den 50er Jahren "Experimente" zum Thema Diskriminierung durchgeführt hat.
http://www.eyetoeye.org/de/film/index.shtml
Tja, die dritte Doku beschäftigt sich mit einem ca. 40jährigen Engländer, der sich als "Callboy" selbstständig gemacht hat, dabei aber eine Familie hat. Ich glaube er hieß "Gary" ... weiss jemand den Namen?
In der vierten Doku ging es um den "rästelhaften" Tod von Kurt Cobain - ein amerikanischer Reporter versuchte darin, der Theorie nach einer möglichen Verschörung nachzugehen, wonach Courtney Love einen Mord an Kurt in Auftrag gegeben haben soll. Auch hier weiss ich keinen Namen...
Danke schonmal.
Hmm, ist zwar keine Dokumentation, doch auf den den dokumentierenden Papieren des Prozesses gegen die Baader-Meinhoff-Gruppe basierend:
Stammheim von Reinhard Hauff (1985), Drehbuch: Stefan Aust
Einiges Unterhaltsamer:
I'm from Hollywood - eine Dokumentation über Andy Kaufmanns Wrestlinkarriere
Danke Kusie, einen solchen Strang wollte ich schon lange anlegen.
Ich sehe sehr selten Spielfilme im Fernsehen, denn aus finanziellen und aesthetischen Gruenden ueberschreitet die Bildschirmdiagonale meines Apparates die 36 cm nicht. Und da hockt man dann augenfreundliche 2,50 m von dem kleinen Kasterl entfernt und soll sich auf ausgedachte Geschichten konzentrieren ueber "People that I don't know and that I don't care about"*. Also nee, zum Filme gucken geht der urbane Buerger ins Lichtspieltheater um die Ecke. Dort gibt es kein Telefon, keine herumliegende Post, keine Werbeunterbrechungen und vor allem keinen Kuehlschrank.
Trotzdem wuerde ich nie auf einen Fernseher verzichten wollen, wegen, naja, der Strangtitel laesst es erahnen, der tollen Dokumentation (und wegen der Simpsons, der Tagesschau, Harald Schmidt und der Vierschanzentournee). Immer wieder faszinierend und bewegend finde ich insbesondere:
1. Nacht fiel ueber Gotenhafen (Allein dieser Titel. Herrlich!)
2. Die Gentlemen bitten zur Kasse
3. Das Wunder von Lengede (oder so aehnlich - es geht um ein Grubenunglueck)
*Lieblingszitat meiner amerikanischen Patentante, mit der mich ein unterdurchschnittlich ausgepraegtes Interesse an "Geschichten" verbindet.
Ach, und darf hier endlich mal
This Is Spinal Tap erwähnt werden? Die lustigste Rockumentary aller Zeiten! Wer sie nicht kennt, sollte sich schämen. Regie: Rob Reiner, 1984
Bartholmy
14.12.2001, 15:32
Gut. Ich schäme mich.
Sehr gut und auch sehr lustig fand ich in letzter Zeit Die Blume der Hausfrau, eine Dokumentation über Vorwerk-Staubsauger-Vertreter in Baden-Württemberg.
Besonders verblüffend daran, wie die Kamera zwangslose in alle Wohnzimmer mitkommt und es, scheint's, weder die Vertreter noch die potenziellen Kunden irgendwie stört - eher befeuert es sie noch.
@Kusie:
Die Dokumentation über Shootingstar Cobain ist vermutlich "Kurt and Courtney" von Nicholas Broomfield, 1998. Habe ich aber ergooglet, nicht gesehen.
Prof_Bienlein
14.12.2001, 16:16
Eine preisgekrönte, deutsche Dokumentation aus dem Jahre 1970: "Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang" - unbedingt ansehen, falls die mal ausgestrahlt wird!
Die 24-teilige BBC-Reihe "Der kalte Krieg" und die 6-teilige Reihe des selben Senders über den Krieg in Jugoslawien. Die BBC-Dokumentationen sind überhaupt immer wieder vorbildlich und informativ gestaltet!
@Murmel
Tausend Dank, das ist Sie! Und die gibts sogar auf DVD *Kreditkartezück*
--
"Jetzt in Capital: wie reich sind Sie wirklich?"
der film hieß so in anlehnung an sid and nancy, da courtney im gleichnamigen film dazumal die nancy gespielt hat. der film hat mir auch sehr gut gefallen, vor allem weil der regisseur seine eigene unsicherheit thematisiert hat, bzw. den prozess der dreharbeiten, also wie sich die klarheit der sachlage immer mehr verwischte, gut und böse etwas durcheinander gerieten. also letztlich auch ein film über die grenzen des dokumentierens.
(aber dennoch war mein letzter gedanke: warum ist denn die blöde kuh noch nicht längst hinter gittern!?! - und so ging es wohl vielen.)
ein sehr guter dokumentarfilm ist auch "gespräche mit verrückten frauen" im original heißt er "dialogues with mad women". und ja natürlich das bereits erwähnte "blauäugig".
eisenvater
14.12.2001, 18:47
when we were kings, dieser dokfilm von 1996 oder so hat eine Art Renaissance von non-fiction filmen ausgelöst...
Eigentlich alles von Errol Morris
http://us.imdb.com/Name?Morris,+Errol
Kathrin Passig
15.12.2001, 17:24
Terry Zwigoffs "Crumb". Wunderbare Musik, sympathische Irre, Exfreundinnen, die die Größe von Mr. Crumbs Ausrüstung preisen, Wahnsinn, Drama, Tragödie und sehr, sehr lustig.
KalmükenFranze
15.12.2001, 18:27
ja, crumb, sehr schön, aber auch "roger & me". general motors hat eine fabrik geschlossen, zigtausend arbeitsstellen gehen flöten, eine ganze region versinkt im sozialen elend. autor /hauptdarsteller michael moore macht sich auf den weg, mit general motors boss roger smith ein interview über die schließung und die folgen für die bevölkerung zu führen. der weg ist der film. er bekommt das interview nicht. die plumpen versuche ihn abzuwimmeln und sein penetrantes nachhaken - herrlich absurde real-life comedy.
und "rauliens revier", über einen älteren polizeibeamten, der im duisburger ausländer ghetto ein fast väterliches verhältnis zu seinen immer wiederkehrenden schwarzen schäfchen entwickelt.
Nevergrewup
16.12.2001, 04:16
"The Civil War" lautete der Titel einer mehrteiligen im WDR ausgestrahlten Doku, die mich seinerzeit fasziniert hat. Es geht um den amerikanischen Bürgerkrieg und zu sehen sind eigentlich nur Photos, Photos und noch mehr Photos, die ein Sprecher aus dem Off kommentiert, gelegentlich kommt vor der Kamera auch ein Historiker o.ä. zu Wort, leise Klavierklänge (z.B. "The Battle Hymn Of The Republic") bilden die musikalische Untermalung.
Ich glaube in anderen 3.Programmen wurde diese Doku noch nie gezeigt, oder irre ich da?
Prof_Bienlein
16.12.2001, 22:56
Doch, NGU, sie lief auch in den anderen Dritten. Ich fand sie auch sehr interessant, habe aber trotzdem nicht ganz durchgehalten. War halt doch etwas SEHR umfangreich.
Als sehr eindrucksvoll habe ich den zu den von dir erwähnten Bildern verlesenen Brief eines gefallenen Soldaten an seine Frau in Erinnerung...
@Nevergrewup:
Ich glaube nicht, daß "The Civil War" schon auf den anderen 3. Programmen lief, denn das erklärt wenigstens etwas, daß ich diese Serie verpaßt habe. Wie schade, das hätte ich mir angesehen! Ich finde so etwas total interessant, überhaupt Geschichts- oder Kulturgeschichts-Dokus.
Grüße von Paisley
DerCaptain
17.12.2001, 12:57
Meine Lieblingsdoku: "Sherman's March" von Ross McElwee (.hier (http://www.firstrunfeatures.com/vid/sherman.html) mehr).
McElwee ist ein, naja, verkrachter Filmstudent, der eine Doku über den Feldzug von General Sherman im amerikanischen Bürgerkrieg drehen will. Bei Recherchen in seiner Heimat trifft er u.a. seine Ex und spätestens ab diesem Zeitpunkt entgleitet ihm der Film komplett. Von Sherman oder dem Sezessionskrieg keine Rede mehr, es geht nur noch um ihn selber, seine Frauen, seine Eltern, herrlich.
Schönstes Scheitern einer Dokumentation. Ever.
gesichter des todes
ist zwar nur eine pseudo-doku und eigentlich dem splatter-genre zuzuordnen. aber vergessen werde ich diese dafür nie. ich war 10 jahre alt und sah diesen film heimlich beim älteren bruder eines freundes auf video.
serengeti darf nicht sterben
grzimek rockt!
Die Wucht
17.12.2001, 19:38
Die Meute war keine grossartige Dokumentation über politischen Journalismus. Dennoch ist sie mir in Erinnerung geblieben wegen eines Satzes von G. di Lorenzo. Aus dem Gedächtnis zitiert: Politiker und Journalisten verstehen sich deswegen so gut, weil sie beide einen starken Drang zur Macht haben.
Dieser Satz ist an sich eine Platitüde, allerdings fand ich es widerlich, mit welch wohlüberlegter Selbstgefälligkeit er - Chefredakteur - diesen Satz ausgesprochen hat.
Lucky People Center International von Johan Söderberg
Der Versuch, in 80 Minuten diverse Religionen und Kulturen der Erde zu dokumentieren und mit moderner Musik in Einklang zu bringen. Von dem Zusammenschnitt der verschiedenen Kulturkreise und Aussagen kann man behaupten, er sei teilweise recht banal oder beliebig, aber der Film ist ein Erlebnis. Es geht darum, wie weit sich der Mensch in verschiedenen Regionen der Welt vom Menschsein entfernt hat und um Menschen, die einen anderen Zugang zur Natur haben als wir.
Raphael der Himmlische
17.12.2001, 21:31
Hallo allerseits!
Einen sehr gelungenen Zeiteiler mit dem Titel "Die Bombe tickt" gab es einmal im deutschen Fernsehen, ich weiss leider nicht mehr genau den Kanal, aber es muesste auf ARD gewesen sein.
Es ging um Neonazis und Ausslaenderfeindlichkeit, angelehnt an die Geschehnisse in Lichtenhagen. Obwohl es eigentlich eher ein Spielfilm war, wurden auch dokumentarische Teile eingebaut, sowie auch Originalaufnahmen und Nachrichten, die real im Fernsehen zu sehen war ... daher hat das ganze fuer mich eben auch dokumentarischen Charakter.
Unvergessen nur bei mir,
fragt
Euer Raphael
Herr Cohn
18.12.2001, 18:17
Kaddisch, Die letzten Juden von Schargorod,von Stanislaw Krzeminski, 1992, dauert eine halbe Stunde und ist denkbar anrührend und schlicht. Die alte Rosele ist gestorben, Witwe seit 1942, als ihr Mann David umgebracht wurde. Ihre Angehörigen haben keinen geeigneten Sarg auftreiben können, es gab nur sowjetische rote, und das ging nicht. Schließlich kam von irgendwoher ein grau gemusterter, und dann konnte sie sterben.
Schargorod, heute in der Ukraine gelegen, ist ein Stedtl mit Erdstraßen, gekalkten Häusern mit Holzveranden unter breiten Wellblechdächern, überall stehen alte Bäume und Kinder auf Fahrrädern. Die Synagoge, italienisch-polnischer Barock, vierhundert Jahre alt, wird als Weinkelterei genutzt. Der jüdische Kantor, ein gewitzter Mann mit fleckigem Hut, hat 1946 dafür gesorgt, ehe das Bauwerk ganz zusammenfiel. Immerhin steht es. Rosele, wachsbleich, wird in ihrem offenen Sarg langsam auf einem Lastwagen zum Friedhof gefahren. Hier auf dem Weg war damals das Zentrum des Stedtls, fast alles verwaist, eine Bäckerei steht seit 1943 leer, weil die Mazzesbäcker umgebracht wurden. Eine Esse wie aus einem Roman von Itzhak Lejb Perez, gekalkte Wände, Balken, Teppiche von Spinnweben. In Schargorod gibt es keine Zeit. Jeder will wegziehen, nach Amerika oder Israel, Viele sind noch da, denn dort wird man noch weniger haben als hier. Onkel Mischka, der Unverwüstliche, wird wohl auch hierbleiben. Er hat ein Erschießungskommando überlebt, damals, ist immer noch breit wie ein Berg, meißelt als Steinmetz für Jeden, der ein bisschen bezahlt. Rosele wird neben ihrem Mann David beerdigt, der Kantor singt Kaddisch für sie, es schallt ergreifend über den Hügel.
Knappe Wamba
25.02.2002, 12:31
Kalaschnikow & Co, Ein Film von Rainer Burkhardt und Peter Teuscher.
Gezeigt wird der Werdegang der AK-47 von seiner Entwicklung bis in die heutige Zeit. Kriegsschauplätze in aller Welt wurden zur Bühne des AK-47, sogar US-Amerikanische Gangs kommen zu Wort. Erinnernungen und Einblendungen des Konstrukteurs verdeutlichen den Zwiespalt, den seine Erfindung in Ihm auslöste, obwohl er damit nur seine Heimat beschützen wollte. Eine sachlich nüchterne Dokumentation über Waffengewalt, ohne jede reisserische Darstellung.
Reno Schmittchen
25.02.2002, 15:06
"Auf Traumpfaden mit Bruce Chatwin"
Schwarzes Schaaf
25.02.2002, 15:43
Living Dolls: The Making of a Child Beauty Queen
(USA 2001, Regie und Buch: Shari Cookson)
Eine Episode in der absolut grandiosen HBO Doku-Reihe "America Undercover". Das Thema ist der Kinder-Schoenheitswettbewerb Zirkus in den USA, gezeigt anhand der 4 jaehrigen Swan, die von ihren ehrgeizigen, selbst zu nichts gekommenen Eltern von Wettbewerb zu Wettbewerb geschleppt wird. Das verzerrte, erzwungene Laecheln dass die Kleine zur Schau traegt, wenn sie choreographiert den Laufsteg entlang tippelt, laesst einem das Blut in den Adern gefrieren.
zoegernitz
25.02.2002, 16:06
ja, das war schon ziemlich gruselig, schaaf.
alles von harun farocki (http://www.farocki-film.de/regdt.htm) (zuletzt: "die schöpfer der einkaufswelten" und "ich glaubte gefangene zu sehen")
Herr Cohn
25.02.2002, 20:50
Lieber Schmittchen, wovon handeln denn Bruce Chatwins Traumpfade?
Reno Schmittchen
25.02.2002, 21:11
Lieber Cohn, das ist ein Dokumentarfilm über das Leben von Bruce Chatwin, er lief vor einigen Monaten bei arte und vor einem Monat im ORB. Er hat mich sehr berührt.
Mehr zu Chatwin z. B. hier: http://www.taz.de/pt/2001/03/06/a0148.nf/text
Schwarzes Schaaf: das habe ich auch gesehen. Schlimm. Sollte der Präsident verbieten!
Die kinder von chigid
ein film über waisenhäuser in rumänien.lief anfang der neunziger
im dritten.
vielleicht hat den film noch jemand gesehen, leider habe ich den titel vergessen. gemacht wurde er von absolventen der filmschule ludwigsburg und gesendet wurde er vor etwa einem halben jahr so um mitternacht herum im zdf.
es ging um 5 - 6 frauen im grunddienst bei der bundeswehr und deren alltag unter ihren männlichen kollegen. der film hätte im untertitel auch gut "hauptschule bundeswehr" heißen können, denn man bekam unter anderem zu sehen, wie "meldungen" trainiert wurden. dabei kamen die rekruten in die dienststube und meldeten "panzergrenadier xy meldet dies und jenes". dabei verhaspelten sich die auszubildenden jedes mal aufs göttlichste, die ausbilder wurden immer ungeduldiger, verdrehten die augen und machten keinen hehl aus ihrer verachtung. die filmemacher schnitten das klägliche scheitern kommentarlos zusammen. auch konnte man sehen, wie versucht wurde, automatische gewehre nachzuladen oder wie im mannöver sämtliche waffen bei der leibesvisitation übersehen wurden.
eine der frauen, eine entsetzlich unsportliche und dauergefrustete, die sich mit dem statement vorstellte "ich hasse meine eltern" war zwischendurch aufs kindischste in einen ausbilder verliebt und grinste die ganze zeit verlegen, wenn dieser anweisungen gab. sie fiel am ende durch und man empfahl ihr einen schreibtischjob. eine andere, ein etwas moppeliger tomboy, platze die ganz zeit beinahe vor stolz, weil sie als ehemalige gymnastiklehrerin immerhin sportlich mithalten konnte. zum schreien komisch war eine szene, als diese während einer übung im breiten schwäbisch den feind herumkommandieren mußte.
das schöne an dem film: er wurde nicht in der absicht gemacht, irgendjemanden bloß zu stellen, das haben die rekruten ganz von allein fertig gebracht.
ich für meinen teil überlegte einen augenblick, ob ich nicht lieber selbst zur bundeswehr gehen sollte, um mich an der waffe ausbilden zu lassen, denn im ernstfall möchte ich mein leben nicht in die hände dieser leute legen, das war mir irgendwie klar geworden.
Nicki Tuete
04.08.2002, 13:39
Höllenleben
Ein Film von Liz Wieskerstrauch
Diese Dokumentation handelt von Nicki, einer 40jährigen Frau, deren Persönlichkeit in viele multiple Personen aufgespalten ist. Diese Personen beschützen sie vor der grausamen Gewalt, die ihr in ihrer Kindheit widerfahren ist. Nicki hat sich nach einer zehnjährigen Therapie entschlossen an die Öffentlichkeit zu gehen, und an die Tatorte ihrer Kindheit zurückzukehren. Liz Wieskerstrauch begleitet sie auf diesem schmerzvollen Weg. Das Filmteam reist in Wälder, Burgen, auf Friedhöfe und in die Siedlung, wo Nicki ihre Kindheit verbracht hat – wo ihr Stiefvater (einer der Täter) heute noch lebt.
Die verschiedenen „Innenpersonen“ schildern präzise und teilweise sogar unter körperlichen Schmerzen, was ihnen angetan wurde: Folter, seelische Grausamkeiten, ritueller Kindermissbrauch bis hin zu Kindstötungen. Alles deutet auf eine satanische Sekte hin. Mitten in Deutschland.
Man kann darüber spekulieren, inwieweit Nickis Schilderungen zutreffen, aber im Laufe des Films erscheint ihre Geschichte immer glaubwürdiger. Jedes Detail ihrer Angaben wird genauestens recherchiert. Ihre ehemalige Lehrerin kommt zu Wort, eine Psychotherapeutin und ein Satanismusexperte. Nickis Tagebucheintragungen und die Zeichnungen aus der Kindheit lassen einem kalte Schauer über den Rücken rieseln.
http://www.ndrtv.de/doku/images/20011212_hoellenleben_zeichnung_120_160.jpg
!http://www.ndrtv.de/doku/images/20011212_hoellenleben_zeichnung_schrei_160_120.jpg
Der Film endet als sich Nicki entschließt, bei der Polizei Anzeige gegen die Täter zu erstatten. Sie weiß jedoch nicht, ob man ihr glauben wird.
Im Abspann ist zu lesen, daß sich weitere Zeugen zu diesem Fall gemeldet haben.
Kennt noch jemand ausser mir eigentlich
Maskerade (Deutschland 1997),
ist mal auf Arte gelaufen.
Es ist ein wirklich schönes Essay, in dem über Masken an sich (religiöse Masken, Foltermasken, Gasmasken, Horrormasken, Theatermasken etc.) referiert und philosophiert wird. Die Filmemacher sind zu diesem Zweck durch die ganze Welt gereist, vom Schwarzwald über Spanien, Paris und Arizona nach Hollywood und haben dabei wirklich schöne und meditative Bilder eingefangen, dazu läuft Musik von Carl Orff, Pierre Schaeffer und den Residents.
Hat etwas Hypnotisches, dieser Film, jedesmal, wenn ich ihn mir ansehe.
Megacities von Michael Glawogger auf Platz eins.
(Da gibt's ne Doku über eine Bergsennerin, die in der Nähe von Salzburg auf der Alm lebt und arbeitet. So schön gefilmt. So sanft portraitiert. Weiss einer wie der Film heißt und von wem der ist?)
Knappe Wamba
12.08.2002, 15:10
Erwin im Abseits
Geschildert wird das Scheitern des Fußballspielers Erwin Kostedde.
Erwin Kostedde: " Dann,...ja dann war der Alkohol da"
Otto Rehhagel: "Jeder ist seines Glückes Schmied"
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Der Burger und der King
Es wird detalliert der kulinarische Werdegang Elvis aufgezeigt. Rezepte werden eingeblendet.
WISOR
(USA 2001, vermutlich)
Es geht um ein Team von Wissenschaftlern und Technikern, die den Auftrag bekommen, für das marode New Yorker Dampfleitungssystem einen Speziellen Reparaturroboter zu konstruieren.
Der Film kreist dann um die Techniker, die dann an WISOR, dem besagten Roboter herumbasteln und nebenbei über Gott und die Welt debattieren. kommentiert wird das ganze von WISOR selbst, der aus den Gesprächen der Techniker sich eigene haarsträubende monologe zusammenreimt, die zum Schluss hin immer grössenwahnsinniger werden.
Der Film ist mal in Schwarzweiss oder Orange gefilmt (wenn geschweisst wird), garniert mit Archivaufnahmen, in denen von Fortschritt oder von katastrophalen Rohrbrüchen erzählt wird.
Ein sehr witziger Film, mit schön bizarrer Science-Fiction-Atmosphäre. Habe ihn leider nicht aufgenommen.
Hier noch eine Rezension des Films. (http://www.generation5.org/wisordvd.shtml)
Rupert Hentzau
22.08.2002, 13:02
Der King und die Buger
war meiner Erinnerung nach der Titel einer (natürlich) Britischen Dokumentation über E. Presley's Lebensweg unter besonderer Beachtung der Dinge die er in seinem Leben aß. Das ging von der Kindheit unter ledernackigen Hinterwäldlern bis zum unappetitlichen Ende im Badezimmer. Faszinierend komisch, manchmal erschütternd, unterm Strich unglaublich gut. Und immer werden die Rezepte mitgeliefert. Da der Herr Presley jetzt wieder gehypt wird könnte der Film eventuell auch mal wieder in irgendeinem Dritten gezeigt werden, also Augen auf und auf keinen Fall verpassen!
U_Sterblich
26.08.2002, 13:35
Ich empfehle heute Dogtown and Z-Boys, die Dokumentation über ein paar Kinder, die in Venice Beach in den 70ern das Skateboardfahren wieder entdeckt und revolutioniert haben. Sehr toll. Hinterher ist man irgendwie neidisch, nicht dabei gewesen zu sein, und auch sonst kein Skateboard zu besitzen.
eisenvater
26.08.2002, 14:50
skateboards gibt es ab 19 Euro, Skateboard -Simulatoren sind etwas teurer.. andererseits: ab ca 30 geht eigentlich beides nicht mehr wirklich gut, da kommt der Film doch ganz gelegen..
"Wehe du wirst alt!"
Dokumentation bei 3 Sat über Altenheime in Deutschland. Ganz grauenvoll.
eisenvater
26.08.2002, 15:17
Und?
Kurt & Courtney ist grossartig. Vom gleichen Regisseur habe ich auch den Dokfilm über Heidi Fleiss' Bordell gesehen, fast noch erschreckender, was sich da an seltsamen Gestalten herumtreibt. Er heisst Heidi Feiss: Hollywood Madame.
Ansonsten sind die besten Filme die ich in den letzten zehn Jahren gesehen habe alles Dokumentarfilme:
1. Crumb (siehe Passigs korrekter Eintrag)
2. Nico Icon. Darin kommt die seltsamste und faszinierenste Person vor, die ich je auf einer Leinwand gesehen habe, ein gewisser Carlos de Maldonado-Bostock. Ausserdem wird Alain Delon durch den ganzen Film hindurch als das Arschloch entlarvt, das er offenbar ist.
3. When we were Kings (auch schon erwähnt)
4. Paris is burning. Über die Parties und Bälle der Transsexuellen Stricher im New York der Achtziger.
5. Die BBC-Serie 'Lous Theroux' weird weekends', manchmal auf BBC Prime zu sehen.
zoegernitz
17.09.2002, 15:38
do. nacht, 0.25 uhr, orf 1 (in den vorletzten kunst-stücken):
CRUMB
Doku ueber das zusammenleben einer Gepardenfamilie mit dem deutschen Kuenstler Matto Barfuss in freier Wildbahn . Genial!
Dazu gibt es auch ein spannendes sowie informatives Buch.
fabchief
23.10.2002, 19:06
Zongo (viel weiter oben) hat recht: Serrengeti darf nicht sterben ist ein grossartiger Film der vollkommen zu Recht 1960 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Tragisch ist, daß sein Sohn während der Dreharbeiten mit seinem Flugzeug abstürzte und dabei ums Leben kam.
Grzimek hat auch sehr lesenswerte und unterhaltsame Memoiren geschreiben, die ich nur weiter empfehlen kann.
fabchief
Maulwisch
11.11.2002, 20:29
Morgen Nacht um halb zwölf wird auf 3Sat die Notwist-Dokumentation On/Off the Record wiederholt. Hat mich sehr überrascht, dass es im Tonstudio zugeht wie bei der Schülerzeitung: da sitzen verschlafene Jungens vor ihren Rechnern, spielen einander verschrobene Klanghappen vor und freuen sich, wie schön das klingt. Der ganze Produktionsprozess scheint aus endloser Frickelei und Grabenkämpfen zwischen den Bandmitgliedern zu bestehen. Dass die Richtungsstreits meistens witzig ausfallen, macht die Doku auch für Nicht-Notwist-Fans (wie mich z.B.) sehr sehr unterhaltsam.
raumoberbayern
15.11.2002, 00:26
vor Jahren lief auf Bayern 3 -- wo sonst -- eine recht beeindruckende Dokumentation über Ludwig II. Die beruhte auf dem Tagebuch seines Koches. Neben den Speise- und Reisegewohnheiten war es sehr interessant, das köngliche Leben aus der Perspektive eines einfachen Untertanen, der immer dabei war, geschildert zu bekommen.
Besonders einprägsam der Part über die Residenz: Ludwig II hatte auf dem Dach des Herkulessaales in einem riesigen Gewächshaus die Alpen inkl. See, Schwänen und Palmen nachstellen lassen. Weil die Statik nicht auf einen derart schweren Aufbau ausgerichtet war, bekam das Dach Risse und es regnete in die Betten der zivilen könglichen Mitarbeiter, die sich ein Stockwerk tiefer befanden. Das hat dem Koch garnicht gefallen.
Bei der Notwist-Doku habe ich nach der Hälfte in letzter Sekunde vor dem Einschlafen noch den Aus-Knopf erwischt. Sollte hier die Zähigkeit eines Produktionsprozesses dokumentiert werden, hats allemal das Thema granatiert nicht verfehlt. Garantiert, mein ich natürlich.
Maulwisch
17.11.2002, 16:53
Einschläfernd, zäh, schnickschnack. Der Film atmet eine gelassene Besinnlichkeit, die dem Rohmerschen Spätwerk in nichts... also... na gut, ein bisschen langweilig war's schon. Aber auf eine Weise, die im Stillstand auf Bewegung hoffen lässt. Stalker in Weilheim ohne Fallen. Mit Musik. Oder so.
henriette mayr
15.12.2002, 19:05
Tag für Tag ein Boulevardstück
von Nathalie Borgers (Belgien) ist ein Film über das Machen der Kronen-Zeitung und ein Publikumserfolg (http://derstandard.at/standard.asp?id=1160377)
in einem Wiener Kino (das Staatsfernsehen ORF will den Film nicht zeigen, auf Arte war er zu sehen). Höhepunkt: Hans Dichand ist zur Gugelhupf-Jause in die Amtsräume von Bundespräsident Klestil eingeladen, die beiden plaudern über Österreich. Dazu eine Diashow (http://derstandard.at/standard.asp?id=971594). Abgründig.
Gestern abend gesehen und absolut empfehlenswert:
"Henker", Regie: Jens Becker, Deutschland 2001, 90 Min.
Und weil ich im Internetangebot der TAZ eine so schöne und treffende Beschreibung gefunden habe, folgt hier die Zusammenfassung:
"Vom Vater lernen heißt töten lernen"
Jens Beckers Dokumentation "Henker" spürt die letzten Vertreter eines alten europäischen Gewerbes auf
Als Elena Ceausescu bei ihrer Verhaftung aus dem Panzerwagen kletterte, in dem sie mit ihrem Gatten Nicolai im Dezember 1989 eine ziellose Flucht angetreten hatte, sei von ihr der Geruch einer alten, ungepflegten Frau ausgegangen. Ihr Mann hingegen war frisch rasiert und parfümiert. Detailkenntnisse, die wir einem Herrn namens Ionel Boeru verdanken, Offizier der Eliteeinheit, die ironischerweise zum persönlichen Schutz Ceausescus formiert worden war, ihn aber letztlich dingfest machte und zu Tode brachte. Boeru war jener Mann, der das gesamte Magazin seiner AK-47 auf die berühmten Pelzmantelträger abfeuerte. Ein Vollstrecker.
Mit dieser einmaligen, der Dynamik des Zeitgeschehens unterworfenen Tat verkörpert der Rumäne Boeru eher die Ausnahme innerhalb des Panoptikums von Scharfrichtern, die Jens Becker und Gunnar Dedio in ihrer bündig mit "Henker" überschriebenen Dokumentation vor der Kamera versammelt haben. Da ist zum Beispiel Fernand Meyssonnier, der in Algerien mehr als 200 Menschen, vorrangig FLN-Kämpfer, juristisch legitimiert ermordet hat. Heute lebt er in der Provence und erzählt entspannt von der harmonischen Zusammenarbeit mit seinem ebenfalls als Henker tätigen Vater, der ihn faktisch angelernt hatte. Nach Massenhinrichtungen war es mitunter schwierig, die von der Guillotine abgetrennten Köpfe den entsprechenden Körpern zuzuordnen - auch eine schöne Familienerinnerung. Oder Joseph Malta, der als Wehrpflichtiger der US-Army nach Kriegsende mehr oder weniger zufällig zum letzten "Wegbegleiter" von 46 in Nürnberg zum Tode verurteilten Nazikriegsverbrechern avancierte. Er bedauert gestenreich und glaubwürdig, dass er die Delinquenten nicht habe foltern dürfen - schließlich sei der Tod durch den Strang eine viel zu milde Strafe gewesen. Weil die Häftlinge teils stark an Gewicht verloren hatten und ihre Eigenmasse beim Fall nicht zum Bruch des Rückgrats führte, pflegte Malta sich an ihre Beine zu hängen.
Paul Sakowski hingegen wollte sich 1937 als jugendlicher Kommunist von Breslau nach Spanien durchschlagen, um auf Seiten der Republikaner am Bürgerkrieg teilzunehmen. An der Grenze zur CSR gefasst, kam er ins KZ Sachsenhausen, wurde dort gezwungen, Dutzende von Mithäftlingen zu exekutieren. Die Russen verurteilten ihn 1945 zu lebenslänglicher Haft, aus der er 1970 als restlos gebrochener Mann entlassen wurde.
Becker/Dedio bemühen sich bei diesen und anderen Todesboten eindringlich um eine differenzierte Zeichnung ihrer Gesprächspartner, um Prägungen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Die Dokumentation erweist sich zudem als überaus sorgfältig recherchiert. Beklemmende Archivbilder stehen neben den aktuellen Porträts, ergänzen, kommentieren, konterkarieren sie durchaus effektiv. Leider wurde dieses assoziationsreiche Verfahren nicht durchgehalten: Von Beginn an grummelt effektheischende Privatfernsehmusik, die Aussagen der Henker werden durchweg mit einer voice over ins Deutsche übertragen - der dümmsten und unangenehmsten Methode filmischer Textübersetzung.
Trotz dieser Mängel geht "Henker" relativ elegant mit dem immanenten Grauen seines Themas um und kommt ohne moralische Gemeinplätze aus. Stattdessen vertraut der Film auf die subversive Energie seines Materials. Wenn zum Beispiel Monsieur Meyssonnier gut gelaunt die Funktionsweise "seiner" Guillotine beschreibt, so spiegeln sich darin universelle Abgründe, die weit über das Gezeigte und Gesehene hinausgehen.
Claus Löser (TAZ)
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