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Vollständige Version anzeigen : Rätselhafte Schlagertexte


Klingeltonkomponist
24.01.2002, 10:36
Die Hand des Archäologen zittert, wenn er aus dem Schutt der siebten Schicht von Troja eine Tonscherbe herauszieht, die uns ein Rätsel dieser fernen Kultur lösen könnte. Aber wie sehr ist er vom Irrtum bedroht! Wie schnell ist eine falsche Deutung zur Hand! Dann liegt das bestaunte Exponat in den Schaukästen einer Sonderausstellung, als Ornament des Sonnentempels, und in Wirklichkeit war es nur ein mieses Graffiti von einem antiken Raststättenklo (nicht Linear B, sondern Fuck Britney).

Nicht viel anders geht es uns, wenn wir die Lebensäußerungen vergangener Jahrzehnte zu enträtseln versuchen. Vielleicht sind wir die letzte Generation, die mit bestimmten Worten, Dingen und Verhältnisse jener Siebziger überhaupt etwas anzufangen wissen, und deshalb ist es umso wichtiger, daß wir, alle gemeinsam, uns hier mühen, daß diese einmalige Kultur nicht in den Staub des Vergessens sinkt.

Wie schwierig das heute schon ist, möchte ich an einem Beispiel illustrieren. Die Schlagertexte der Siebziger waren für Zeitgenossen verständlich und selbstverständlich, für heutige Generation sind sie rätselhaft und unzugänglich. Dafür habe ich Auszüge des Liedes "Hab ich Dir heute schon gesagt, daß ich dich liebe?" eines gewissen Chris Roberts mitgebracht. Dieser swingende, schunkelige Schlager ist vielleicht dem einen oder andern noch bekannt (ansonsten hilft Google weiter) Betrachten wir nun dieses Rätsel aus dem Jahr 1971 (n.Chr.) etwas genauer:

"Telefone, Schreibmaschinen, Ladentische, finstre Mienen,
Keiner hat mehr Zeit, die Welt zu seeeehn.
Fernsehkasten, Fußballspiele, Krimiserien, Sorgen viele
und schon ist es Zeit zum Schlafen geeeehn."

(Offensichtlich wird hier ein Modernisierungsschub beklagt. Völlig rätselhaft bleibt allerdings, was etwa gemütliche Schreibmaschinen und beschauliche Krimiserien damit zu tun haben. Warum Fernsehkasten? Ein Windows XP-Update ist viel nervtötender!)

"Wir fragen dann, was wird wohl morgen sein?
Aber halt, da fällt mir etwas ein!
Hab ich Dir heute schon gesagt, daß ich dich liebe? usw."

(Es folgen einige Putzigkeiten)

Kinder lärmen, Steuerprüfer, Luftverschmutzung, 1000 Spießer,
machen jede Stunde zum Vulkaaan.
Rauschgiftsorgen, Wahltermine, Partygäste, nur Routine,
morgen früh fängt es von vorne aaan.

(Diese Zeilen verschließen sich endgültig jeder Interpretation. Warum schreien die Kinder den Steuerprüfer an? Sind die 1000 Spießer die Globalisierungsverlierer? Und warum 1000? Wer hat morgens früh Rauschgiftsorgen? Gehen die Partygäste zu den Wahlterminen? Zum Vulkan? Warum?)

Vielleicht hat der eine oder andere Leser einen Einfall, wie sich aus diesen Scherben ein Sinn ergeben möge. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Spleen
24.01.2002, 20:28
Hochinteressante Deutung! So kann man allerdings auch Rilke oder Heine lahmlegen! Mir fallen aber bei Gelegenheit bestimmt auch noch ein paar schöne Lyrics ein...

Werrnerr
24.01.2002, 20:55
@Klingeltonkomponist:
Ich befürchte, dass es an vielen deutschen Großstadtschulen mit Sekundarstufe II morgens früh Rauschgiftsorgen gibt.
Da Herr Roberts meines Wissen aus München kommt, was eine recht große Großstadt ist, und wohl schon in den 70ern war, kann ich mir gut vorstellen, dass sein Lied damals schon Ansätze des Visionären barg.

Spleen
03.02.2002, 09:30
@ Werrnerr: Meinst du "Rauschgift-Sorgen" oder "Rauschgifts- Orgien"??? ;)

Werrnerr
03.02.2002, 11:47
Der Deutungen gibt es viele. Auch viele richtige.