PDA

Vollständige Version anzeigen : Ostverwandte - Westverwandte


Paisley
22.05.2001, 08:34
Ich denke, das gibt einen guten Strang. Habe leider jetzt gerade keine Zeit mehr, einen längeren Beitrag zu schreiben... das kommt aber noch. Schreibt schon mal was!
Bis bald
Gruß Paisley

waldfee42
27.05.2001, 19:33
ich hatte keine westverwandschaft und kann also wenig beitragen.
ein bruder meiner mutter lebte in köln, starb aber schon 1961. in den 50ern fuhr meine mutter immer nach köln.
allerdings hast du mich auf eine idee gebracht, ich hatte und habe heute noch sehr viele brieffreunde im westlichen ausland.
------------------
ein herzliches glückauf aus dem erzgebirge

Entente Cordiale
29.05.2001, 00:42
Ich hatte nur Verwandte im Westen, aber ich bin ja auch ein Wessi. Deswegen kann ich da auch nichts zu erzählen. Einen Onkel in Köln hatte ich auch nie, nicht einmal einen toten. Nicht einmal Erz oder ein Gebirge! Und da heisst es immer, die im Westen hatten alles und die im Osten nix!
(Beitrag wurde von Entente Cordiale am 28.05.2001 um 22:42 Uhr bearbeitet.)

dolomiti
29.05.2001, 16:56
Hallo.
Dann will ich mal: Ich bin Wessi und hatte reichlich Ostverwandte (die meisten habe ich natürlich immer noch, nur sind es ja keine Ostverwandten mehr http://www.alles-bonanza.de/ubb//wink.gif )
Der abstruseste Auswuchs der politischen Realitäten betraf sicher einen Cousin meines Vaters. Der hat nämlich als Ingenieur in einem Atomkraftwerk gearbeitet und so mußten wir uns immer bei Tantchen rechtzeitig ankündigen, wenn wir zu ihrem Geburtstag kommen wollten, damit besagter Cousin NICHT kommt. Ihm war natürlich jeglicher Westkontakt strengstens verboten. Und so trafen sich er und mein Vater, die früher als junge Menschen manche Ferien gemiensam verbracht hatten, erst nach der Wende wieder.
Nun - was soll man groß erzählen. Das waren Verwandte, wie alle anderen auch. Nur das drum herum um einen Besuch war natürlich immer sehr aufregend: Passierscheine besorgen, schikanöse Grenzkontrollen (was darf man mitnehmen, was nicht? - jedes Geschenk sorgsam auflisten. Ein Bildband zur Fußball-WM 74(??) haben sie mal beschlagnahmt, angeblich verboten, aber die dumme Stasisau wollte das Buch sicher nur für sich haben.), pünktlich zurück zum Grenzübergang, und immer wieder etwas Erleichterung, der Tristesse wieder entkommen zu sein.
Gruß

Paisley
04.06.2001, 09:43
Meine 'Ostverwandten' sind jetzt ja auch keine Ostverwandten mehr, so wie wir auch keine Westverwandten mehr sind.
Mein erster und einziger Verwandtenbesuch zu DDR-Zeiten fand im Sommer '89 statt, also kurz vor der Grenzöffnung. Kurz vor Passieren der Grenzstation in Herleshausen/Wartha warnte meine Mutter uns noch: 'Und bloß nicht 'Ostzone' sagen!' Irgendwie erstarrt saß sie die ganze Zeit während der Grenzpassage da.
Unterwegs Hunger. An der Autobahnraststätte erlebte ich leibhaftig, was ich bis dahin nur von anderen gehört hatte: eine Riesentraube vor dem Eingang (Schlange), am Eingang fragte dann jemand: 'Wieviel Personen?' und dann wurden uns Plätze zugeteilt. Das Restaurant war voll, keine halbleeren Tische wie im Westen. Am Tisch bei uns zwei sehr nette junge Männer.
Im Grunde war dieser Verwandtenbesuch wie alle anderen: die Gastgeber versuchten ihren Gästen alles zu bieten, die Gäste nahmen dankend an. Aber irgendwie war es hier anders. Wir wurden so - wie soll man sagen - hochgestellt: die WESTVERWANDTSCHAFT! Das wird mir hier im Strang wieder böses Blut einbringen, ja, ja - aber so war es. Ich fand das sehr unangenehm. Alles an uns war für sie scheinbar toll und bewundernswert. Ich fand das gar nicht. Für mich war dieser Verwandtenbesuch deshalb sehr bedrückend.
Ich sog begierig alles auf, was es zu erfahren gab. Probierte alles, sah mir alles an. Ich war neugierig auf diese Welt, die ich zuvor erst zwei Mal oberflächlich gesehen hatte. Ich lernte nette Menschen kennen, sah, daß die Leute hier ganz anders (verbindlicher) miteinander umgingen als bei uns.
Auch die Volkspolizei lernten wir kennen - meine Tante hatte unseren Besuch wohl nicht gemeldet und deshalb mußten wir auf der Dientstelle erscheinen. Dumpfes ängstliches Gefühl: was kommt jetzt? Nichts kam. Formalitäten.
Die an anderer Stelle bereits beschriebene Tristesse - ich empfand das auch so. Als wir nach 3 Tagen wieder im Westen waren, stoppten meine Eltern aus irgendwelchen Gründen an einem (West-)Supermarkt. Ich glaube, so wie da bin ich noch nie durch einen Supermarkt gelaufen. Gierig sog ich die ganze Konsumwelt in mich auf, froh, hier zu leben und nicht dort, wo ich eben war. Das mag sich für die ehemaligen DDR-Leute jetzt wahnsinnig überheblich anhören, aber so war's nun mal.
Ich denke, das war der interessanteste Familienbesuch meines Lebens.
Gruß
Paisley

dolomiti
05.06.2001, 15:09
Der (meist langwierige) Anmeldebesuch bei der VoPo war standard, wenn man länger als einen Tag drüben war. Eigentlich mußte man sich auch wieder abmelden - aber so nett waren sie meist doch, dass sie das beim Anmelden schon mit erledigt haben.

waldfee42
09.06.2001, 23:10
aus meiner generation sind einige noch vor 1961 in den westen gegangen.
wenn dann z.b. ein klassentreffen war, gab es auch immer vorher 'abstimmungen', wer eventuell nicht anwesend sein dürfte wegen eventueller westkontakte.
das problem hatte ich zum glück nicht, aber klassentreffen waren ja auch nicht so oft.
ich habe es aber sogar geschafft, mich mit meiner brieffreundin aus den usa in berlin zu treffen!

mizz luna
23.06.2001, 23:42
ich hatte keine ostverwandten. ich weiss
aber noch genau, wann ich das erstmal
hörte, dass es drüben gibt. an weihnachten
1963 hat papa am späten nachmittag
des heiligen abends kerzen auf das
gesims des blumenfenster gestellt. aussen.
weisse kerzen für die brüder und schwestern
drüben.

Mister Alili
27.06.2001, 03:48
Im Frühjahr 90 war ich (damals 11, hihi) mit meiner Familie auch noch mal die DDR-Verwandten besuchen, solange es die DDR noch gab (war ja nach Mauerfall und vor Wiedereingliederung).
Was mir von damals noch in Erinnerung ist, sind vor allem drei Sachen
1. Einkaufen mit der Verwandschaft:
Der Onkel (oder so) kommt vom Laden zurück zum Auto (ein Trabant) gerannt und ruft: 'Es gibt Bier!' Alle Verwandten fischen aufeinmal Einkaufstaschen aus den verschiedenen Winkeln des Wagens und die werden alle mit Bierflaschen gefüllt. Im Laden.
2. Essen gehen mit der Verwandschaft
Vom Besuch eines DDR-Restaurants weiß ich nur noch, dass wir Kinder so einen Fleischlappen (Schnitzel) bekamen, der auf einer Scheibe Brot lag. Das Fleisch war auf die GRöße des Brotes zugeschnitten und wurde mit Messer und Gabel gegessen.
Das war da so das 'übliche' Kinderessen im Lokal, so wie hier Wiener Schnitzel mit Pommes und Mayo. Ich fand dieses Essen damals ziemlich beeindruckend, auch wenn es mir nicht geschmeckt hat. War sogar ziemlich eklig, weil super fettig!
3. Die Straßen
Alle Witze und Klischees über die Straßen in der DDR sind keine Vorurteile, sondern stimmen zu 100%! Die Hauptstraße im Ort unserer Verwandschaft hatte irgendwo einen ca 15 cm hohen/tiefen Absatz. Über den die Leute fröhlich drübergeheizt sind, als wär nix. Und das mit den Trabbis!
------------------
I should have cried a thousand oceans
Maybe then I would have learnde to swim

Paisley
30.06.2001, 03:17
Bei einem DDR-Tagesbesuch 1988 fuhren wir mit dem Auto über eine Landstraße. Mit einem Mal sahen wir etwas Merkwürdiges herannahen, auf dem Pflaster. Beim Näherkommen erwies sich das als Schlagloch, mit einem Verkehrshütchen gesichert - das Hütchen stand im Schlagloch und guckte noch etwa zu 10 - 15 cm oben raus.
Huh!
Gruß
Paisley