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Vollständige Version anzeigen : Die Zonengrenze und die Mauer


Paisley
04.06.2001, 09:53
Ich bin in der Nähe der ehemaligen Zonengrenze aufgewachsen. Heute noch kann man ihren Verlauf sehen, obwohl sich die Natur alles massiv wieder zurückholt.
In meiner Kindheit und Jugend kam ich immer wieder mal an der Grenze vorbei. Da gab es Parkplätze (z. B. in der Nähe von der Burg Ludwigstein / Nordhessen) mit Blick auf die Grenze und mit einer Info-Tafel. Da stand dann drauf, daß diese mörderische Grenze Brüder von Brüdern trenne. Wenn drüben ein Auto eine Straße langfuhr, guckte man wie elektrisiert: Menschen!
Und es war kaum zu fassen.
Schon als Kind hatte man ohne jede weitere Erklärung das Gefühl: das da drüben ist so nah dran, zum Greifen nah - aber doch viel weiter weg als Afrika oder die USA.
Die Mauer in Berlin sah ich mit 13 zum ersten Mal. Komisch die Hochstände zum Rübergucken, wie im Zoo.
Wie habt ihr die Mauer / Zonengrenze empfunden?
Gruß Paisley

waldfee42
09.06.2001, 23:47
ich kann mich noch sehr gut an den tag erinnern, als die grenze dicht gemacht wurde.
zu diesem zeitpunkt war ich im praktikum in leipzig. einige mädchen aus unserer praktikumsgruppe fuhren samstags immer nach westberlin und kamen dann im laufe des sonntags zurück.
so auch an dem bewußten wochenende im august 1961.
am nächsten morgen, ein sonntag, waren wir nur zu zweit im quartier. da unser praktikum dem ende zu ging, hatten wir beschlossen, nach dem frühstück unsere sachen schon mal zu sichten. gegen 8.00 uhr stellten wir das radio an und fielen fast vom stuhl!
der sonntag war gelaufen, wie sich jeder vorstellen kann. wir hörten nur noch radio, im laufe des tages kamen wir zu der überzeugung, daß die situation sehr ernst war. unser einziger wunsch war, kein krieg!
soweit kam es ja nicht.
aber mir wurde dann in den kommenden wochen klar, daß das eine teilung auf lange zeit sein würde.
ich selbst wohnte zu weit weg von der grenze und habe sie nur bei urlaubsfahrten nach thüringen und dienstfahrten nach berlin erlebt. in bestimmte orte durfte man ja ohne besondere aufenthaltsgenehmigung nicht fahren.

Zazie
10.06.2001, 03:25
Also ich bin ein echtes Mauerkind. Beim Haus meiner Großeltern bildete die Mauer sozusagen die eine Seite der Grundstücksbegrenzung. Das war in West-Berlin, und zwar genau neben dem Grenzübergang Staaken, wo damals der Transit nach Hamburg war und später nur noch Laster durchfuhren. Jedenfalls, neben dem Haus meiner Großeltern verlief noch eine ganz schmale Straße, die war damals nur den Alliierten zugängig (mein Vater fuhr da auch ein paarmal lang, bis er mal darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er das nicht durfte) und danach kam gleich die Mauer. Sozusagen schon mitten im Niemandsland, denn um zu meinen Großeltern zu kommen, musste man schon mal die erste Zollstation auf Westseite passieren und dabei 'Anlieger' sagen. Dieses Anlieger konnte ich schon sehr früh sagen, es hat meine Kindheit regelrecht geprägt. Gleich gegenüber vom Haus, auf Ostseite, befand sich ein Wachtturm. Wenn nun jemand bei uns im Garten war, dauerte es nicht lange, und der Grepo dort oben richtete sein Fernglas auf uns. Darauf machte mich mein Opa eines Tages aufmerksam, ich fand das kurios. Ich ging viel an der Mauer entlang spazieren, zuerst mit Opa und Papa und Hund, nachher fuhr ich mit dem Fahrrad dort lang. Verstehen konnte ich es nie. Ich weiß auch nicht mehr, was meine Familie geantwortet hat, als ich sie fragte, warum da so'n Zaun steht (stellenweise war es nur ein Zaun und dahinter gleich das Niemandsland) und warum man da nicht hingehen konnte, auf die andere Seite. Später hörte ich in der Schule oft von Leuten, die 'in den Osten fuhren'. Ich fragte meine Eltern, warum wir nie in den Osten fuhren, weiß aber nicht mehr, was sie mir geantwortet haben. Wir hatten zwar Ostverwandte, fuhren die aber nie besuchen, und ich hab die irgendwie nie als solche identifiziert. Für mich waren es Verwandte, die von irgendwoher weiter weg kamen. Vaters Cousine war ab und zu zu Besuch und einmal hatte sie mir ein Sandmännchen-Püppchen mitgebracht. Aber irgendwann kam sie dann nicht mehr. Später habe ich dann auch erfahren, warum. Es hat da wohl einen ziemlichen Zoff gegeben und mein Vater erinnerte sich auch sehr ungerne an seine Cousine und seine Onkel aus dem Osten. Muss eine sehr unangenehme Zeit gewesen sein, die er mal als Kind bei denen verbracht hat.
Das erste Mal in der DDR war ich mit 14, mit der Kirche. Sachsenhausen und Ost-Berlin. Ich weiß noch, dass mich das sehr sehr beeindruckt hatte und ich danach sehr nachdenklich war. Ich habe diese Teilung Deutschlands nie verstehen können und war froh, als es vorbei war. Bin ich heute noch.
Viele Grüße
Zazie

Paisley
30.09.2003, 08:20
@waldfee42:

Was wurde aus den Mädchen, die nicht zurückgekommen sind an jenem Sonntag, als die Mauer gebaut worden ist? Hast Du noch einmal von ihnen etwas erfahren können? Sind sie im Westen geblieben?
Gruß Paisley

Onkel Heinzi
15.04.2004, 18:26
Wenn ich mir vorstelle, daß diese schikanösen Oberblödmänner und -weiber, die man an die "Westgrenze der DDR" abgeordnet hatte, heute noch ihre Pension von uns gezahlt bekommen, wird mir echt übel.

Ich bin damals oft in die sozialistischen Länder gefahren, aber solche schlimmen Erlebnisse wie die mit jenen Grenzwächtern aus dem anderen Teil Deutschlands habe ich da nicht gemacht.

Allein das Unbehagen und die betonte Unfreundlichkeit, die von diesen Leuten ausgingen, waren unübertroffen. Man hatte echt das Gefühl, wegen eines zufällig im Auto übersehenen SPIEGEL sofort wegen Hochverrats und Spionage für Jahre in den Knast gehen zu können.

Gorman Truart
14.05.2004, 11:48
Aber irgendwie fehlt mir der ganze Ostblock. Ich war 87 und 88 erstmals in der DDR, das hatte was gemütliches und konservatives. Polen auch! Heut kauf ich da meine Zigarretten und den Spargel.

Johnny Harms
15.05.2004, 04:01
Das Hochwuchten dieses Stranges tut mir weh, weil ich Paisley und Waldfee vermisse.
Zur letzten Äußerung erspare ich mir einen Kommentar.

Johnny

Spleen
16.05.2004, 18:20
Paisley is alive and well, and coming to Herne. :)

Paisley
17.05.2004, 07:31
Genau! Und freut sich schon mächtig!

Gestern war ich übrigens im Grenzmuseum "Schifflersgrund", ganz bei mir in der Nähe, in Bad Sooden-Allendorf, einer kleinen, netten Stadt, die direkt an der ehemaligen Zonengrenze liegt.

Dieses kleine Museum kann ich jedem nur empfehlen, der mal in diese Ecke Deutschlands kommt. Man erfährt eine Menge über das Leben an und mit der Grenze. Allgemein, aber auch ganz speziell in diesem Grenzabschnitt.

waldfee834
11.04.2006, 18:45
liebe paisley, die empfehlung mit dem Museum in Bad Sooden-Allendorf ist gut, werde ich mir in den nächsten Monaten mal ansehen.
BIN WIEDER UP TO DATE (nach langer Enthaltsamkeit!!!), aber mit neuer Identität.