PDA

Vollständige Version anzeigen : Dein Päckchen nach drüben


Paisley
22.06.2001, 23:10
Ich habe neulich mal in unserer Garage gewühlt und fand dabei einen Jahressammelband der Zeitschrift 'Ratgeber für Haus und Familie', Jahrgang 1971. Im Novemberheft fand ich folgenden Artikel:
'DEIN PÄCKCHEN NACH DRÜBEN
In keinem Monat werden so viele Päckchen und Pakete aus privater hand in die DDR verschickt wie im November. Dies ist einesteils ein erfreuliches Zeichen für den nach mehr als zwei Jahrzehnten der Teilung immer noch nicht abgerissenen Kontakt zu den Menschen im anderen Deutschland. Zu einem nicht unerheblichen Teil sind diese Sendung aber auch wohl der materielle Ausdruck unseres schlechten Gewissens, das sich angesichts der Adventskerzen in uns regt. Sagen wir es gleich rundheraus: ein Paket mit Kaffee und Schokolade, und sei es noch so großzügig bemessen, kann niemals ein -ersatz sein für das geschriebene Wort, für das aneinanderdenken, für eine Besuchsreise oder einen gelegentlichen Blumengruß. Unsere freunde und Verwandten in der DDR sind keine Wohltätigkeitsempfänger, und ein dickes Wihnachtspaket ist keine Ablöse für jene innere und briefliche Verbindung, auf die es allein ankommt, wenn der echte Kontakt zu einem lieben Menschen jenseits der Zonengrenze erhalten bleiben soll.
Zu diesen Erwägungen ideeller Art kommen freilich noch die rein technischen Unsicherheiten, die aus den postalischen Bestimmungen der anderen Seite resultieren. Die wichtigsten Fragen sind immer noch: was sollen wir schicken? Was dürfen wir schicken? So viel sei gleich vorweg gesagt: Unser Freund im anderen Teil Deutschlands ist im allgemeinen kein Armenhausinsasse, sondern ein Mensch wie wir, der sich zu Weihnachten über die gleichen Geschenke freuen wird, die wir auch unseren Freunden in der Bundesrepublik zu schenken pflegen.
Schenken wir also, was das Herz uns eingibt - und was die amtlichen Bestimmungen erlauben. Die Auswahl ist größer, als wir zuerst vermuten werden. Man darf Lebensmittel, Textilien, Lederwaren, Kosmetik und Gebrauchsgegenstände schicken, soweit diese den von der DDR bemessenen 'persönlichen Bedarf' nicht überschreiten. Dieser persönliche Bedarf sieht nach den Bestimmungen so aus:
1 kg Fett (Butter, Margarine, Pflanzenfett), 1 kg Fleisch- oder Wurstwaren (nixht in Konservendosen oder Gläsern), 1 kg Nährmittel (Mehl, Reis, teigwaren, Gebäck), Bachzutaten wie Nüsse, Kokosraspeln, Zitronat, Rosinen usw. je 500 g, 250 g Käse, 250 g Milchpulver, 125 g Tee, 50 g Backpulver, Tortenguß, Eipulver, Soßenpulver, je 10 g Gewürze, insgesamt 250 g Puddingpulver, Brühwürfel, Suppen in Beuteln, je 1 kg Honig, Marmelade, zucker, je 250 g Kaffee und Kakao, 300 g schokolade, 50 g Tabakerzeugnisse.
Diese Dinge werden jetzt vor weihnachten angesichts des Stollen- und Plätzchenbackens naturgemäß im Vordergrund stehen, und jede Hausfrau in der DDR wird sich darüber freuen. Trotzdem sollten wir unsere Gaben nicht darauf beschränken, sondern über den Back- und Verzehrbedarf hinaus noch ein persönliches Geschenk mit in unser Päckchen legen. Dabei sind am begehrtesten Kleidungsstücke aus Perlon oder Nylon, die drüben sehr teuer sind, modische Stoffe (nicht mehr als 4 Meter!), echte Lederwaren und Strickgarne aus Naturwolle oder Dralon. Aber auch hierbei gibt es Vorschriften, die peinlich genau beachtet werden müssen, wenn wir uns nicht der Gefahr der Beschlagnahme unseres Paketes aussetzen wollen: Es dürfen je Sendung nur 2 Bekleidungsstücke versendet werden, jedoch nicht beide von gleicher Art. Also nicht zwei Wolljacken oder zwei Damenröcke, sondern beispielsweise eine Jacke und eine Bluse. Zusammengehörige stücke wie Wäschegarnituren, Schuhe, Strümpfe gelten als EIN Bekleidungsstück. Wollen sie ein größeres Stück wie einen Mantel, ein Kostüm oder einen Anzug versenden, so dürfen keine weiteren Textilien in der sendung enthalten sein (Auch keine Zutaten wie Futterstoff oder Nähgarn!). diese Bestimmungen gleten auch für getragene Kleidung.
Daß getragene Textiliten vo zuständigen Gesundheitsamt desinfiziert werden müssen, ist wohl den meisten Absendern von Paketen bekannt. Getragene und neue Kleidung sollten allerdings nicht zusammen verschickt werden. Es empfiehlt sich, bei neuen Kleidungsstücken die Originalverpackung, Markenbezeichnung, Waschanleitung uund dergleichen nicht zu entfernen, dmait der Status der neuheit auch äußerlich dokumentiert wird. Wer desinfizierte Sachen versendet, sollte Lebens- und Genußmittel getrennt verschicken.
Viele Absender von Päckchen in die DDR wissen auch nicht, daß ihre Sendung ausschließlich an EINE Person gerichtet sein darf. Wer sein Paket an die FAMILIE Otto Schulze adressiert, läuft Gefahr, daß es seine Empfänger nie erreicht. Also besser: an Herrn Otto Schulze, an Frau Hildegard Schuze etc. Dabei muß freilich beachtet werden, daß in einem Paket an einen männlichen Empfänger beispielsweise kein für eine Frau bestimmter Gegenstand wie z. B. ein Damenrock oder ein Paar Perlonstrümpfe enthalten sein darf. Man shcickt dann die Sachen besser getrennt in zwei Paketen, allerdings nciht am gleichen Tag, sonst kann es passieren, daß sie als Seriensendung oder Handelsware betrachtet und beschlagnahmt werden. Jeder Bewohner der DDR darf jährlich 12 Geschenksendungen aus der BRD erhalten, ohne Bindung an einen bestimmten Zeitpunkt. Es ist deshalb vielleicht empfehlenswert, seine Pakete gelegentlich an eine Person der Familie zu richten, die im allgemeinen weniger Pakete aus dem Westen bekommt.
Auch Bücher gehören zu den erlaubten Gegenständen, und man sollte wirklich von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, da sie über das rein Materielle hinaus eine geistige Brücke in die Isolierung unserer Freunde und Verwandten schlagen kann. Die Bücher dürfen allerdings keine politischen Themen zum Inhalt haben oder sich mit den abgetrennten Ostgebieten beschäftigen. Auch Kriminalromane und Western sind verpönt.
Die verwirrende vielzahl dieser bestimmungen könnte manchen abschrecken, ein Päckchen in die DDR auf den Weg zu schicken. Aber bei näherem Besehen bleibt wirklich genügend Spielraum, den Menschen im anderen Teil unseres Vaterlandes eine echte freude zu bereiten. Und das nicht nur zu Weihnachten!'
Gruß Paisley

Knappe Wamba
07.06.2002, 11:40
Meinem Cousin haben wir mal ein Fortuna Düsseldorf Trikot schicken wollen und zwar das mit der ARAG Werbung (Pokalsiegertrikot). Die Packliste war bei Eingang verschwunden, ebenso das Trikot. Der blanke Hass, die pure Hilflosigkeit, diese jämmerliche Enttäuschung. Kein beigelegtes Schreiben "verstösst gegen Vorschrift 101 c) Abs. 3 etc." der Staatspolizei. Es war einfach ein banaler Diebstahl eines gesichtslosen Grenzers, gegen den man sich nicht wehren konnte. Diese Ungerechtigkeit hab ich bis heute nicht vergessen, obwohl ich damals erst 10 Jahre alt war. Wie kann man einem Kind eine solche Freude nehmen? Möge der hoheitliche staatliche Entnehmer dafür in der Hölle schmoren.

Der Gerber
10.06.2002, 13:54
... und alle Verantwortlichen für dieses unmenschliche System mit ihm, jawollja

Paisley
17.06.2002, 08:49
Knappe Wamba, da schließe ich mich an. In der Hölle soll er schmoren, oh ja! Das ist gemein, gerade bei einem Kind. Habt Ihr das damals als Überraschung versendet? Oder wußte der zu beschenkende Cousin vorher von Euch, daß Ihr ihm so ein Shirt schickt? In letzterem Fall wäre es sogar noch gemeiner - da wartet und wartet man, und dann - geklaut! Mistkerl!!

Knappe Wamba
17.06.2002, 12:22
Nein, er wusste es nicht. Erst als ich fragte, ob das Trikot angekommen sei. Wäre es mir nicht zu klein geworden, hätte ichs wahrscheinlich auch nicht verschickt.
Aber so ganz allgemein, habe ich damals immer mitgeholfen zu packen. Meine Eltern haben vorher immer die Einkäufe erledigt und abends saß ich immer mit Mami am Tisch und habe mitgeholfen, die Waren den verschiedenen Paketen zuzuordnen. Alles wurde ganz ordentlich aufgelistet, um die Entnahmequote einfach zu senken. Mein Papi hat dann immer zum Schluss ganz ordentlich die Pakete verschnürt und den Adressaufkleber draufgepappt. Hatte schon was rituelles für uns. Für die Empfänger eher etwas reelles.

Nevergrewup
18.06.2002, 13:17
Habe neulich auf dem Dachboden meine Korrespondenz aus Kindertagen durchforstet und bin auf ein Bildchen gestoßen, das mir mein damaliger Brieffreund aus der Nähe von Dresden zugeschickt hatte. Es wurde aufgenommen in irgendeinem Hinterzimmer einer Gaststätte und zeigt ihn bei einer Breakdance-Vorführung, bei der er den Trainingsanzug trägt, den ich seinerzeit ausgemustert und ihm (offensichtlich mit Erfolg!) habe zukommen lassen. Nun, die Atmosphäre in dem kleinen Saal ist dermaßen realsozialistisch skurril, das ich das Bildchen hier eigentlich mal abbilden müßte: Passend zum schwarz-grünen Trainingsanzug trägt er knallgelbe Kniestrümpfe und auf dem Kopf eine schwarz-gelbe Dynamo Dresden - Kappe, das vertretene Publikum besteht aus Muttis zwischen 40 und 60 Jahren, die an Tischchen mit grauen Tischdeckchen sitzend seinen Breakdance-Künsten interessiert zuschauen. Auch das Muster der Tapete und die Vorhänge vor dem Fenster verdienen Erwähnung...

Ruebenkraut
19.06.2002, 00:02
Unbedingt sofort tun! Oder fehlt Dir ein Scanner?

Nevergrewup
19.06.2002, 15:25
Einen Scanner habe ich, wenn ich das nächste Mal bei meinen Eltern zu Besuch bin, werde ich das Bildchen mitnehmen, OK? Die Wahrscheinlichkeit, daß mein damaliger Brieffreund hier ebenfalls im Forum vertreten ist, scheint mir sehr gering zu sein, also werde ich das Bild veröffentlichen... Übrigens, kurz nachdem die Mauer fiel, hat er mich anläßlich des DFB-Pokalfinales in West-Berlin besucht. Es war unser erstes Treffen und ich erinnere mich, das Gefühl gehabt zu haben, auf eine Person aus einer völlig fremden Welt zu treffen, was nicht nur an seinem sächsischen Dialekt lag. Ich konnte mit ihm überhaupt nicht warm werden, der Kontakt brach dann auch schnell ab...

Ella L
17.07.2002, 16:52
warum redet eigentlich keiner von den päckchen in die andere richtung - also von ost nach west??? während die einen mit jener obligatorischen füllung von aldi-schokonüssen, perlon-strumpfhosen, maggi-brühe und sunil-duft nämlich im osten ostern und weihnachten zugleich bescherten, verschafften die anderen den paketempfängern im westen doch meistens krampfiges grinsen. und das lag wohl nicht allein nur an dem kohlestaub, sondern besonders an ausgesuchten artikeln wie blumenkindern aus dem erzgebirge, die seiffener kapelle samt kurrende-kindern oder selbst geklöppelten tischdeckchen ...

Ruebenkraut
18.07.2002, 14:47
Ich muss so ca. 12 gewesen sein, als uns Frau Kannemüller (Name geändert) ein Re-Päckchen schickte, zum Dank für die vielen Geburtstags- und Weihnachtspakete, die meine Ma nach drüben geschickt hatte.
Drin war - extra für mich - ein Ding, dessen Funktion mir nicht bekannt war. Ich musste erst fragen, was das denn sein könne. Es handelte sich um ein graublau kariertes Plastikteil, etwas größer als DIN A4, wie ein Umschlag aufzufalten und mit Druckknöpfen zuzuknöpfen. Meine Ma meinte, damit könne man Oberhemden transportieren, falls man verreisen wolle und diese nicht im Koffer zerknittern sollten.

Problem war: Ich besaß gar kein Oberhemd, sondern nur T-Shirts, Sweat-Shirts und Pullis. Oberhemden waren mir ein Graus.
Außerdem stank das Teil DDR-Plastikmäßig (sorry: plastemäßig), so dass ich mein nicht vorhandenes Oberhemd darin auch nicht hätte spazierentragen mögen, äh, wenn ich eins gehabt hätte, meine ich... (...ihr versteht schon).

Nevergrewup
18.07.2002, 20:05
Als mir Anfang der 80er meine Brieffreundin aus der Nähe von Karl-Marx-Stadt schrieb, daß man gerade günstig an Wolle kommen könnte und sie sich liebend gerne für meine Päckchen bedanken wollte, machte ich ihr den Vorschlag, mir doch einfach einen Schal in den Vereinsfarben meines Bundesliga-Teams zu stricken. Tja, sie schrieb zurück, daß sie über meine Idee happy wäre und daß sie sich sofort an die Arbeit machen würde, doch was ich dann ein paar Wochen später von ihr erhielt, war ein meterlanger grün-weißer Schal aus schwerer, filziger Wolle, den ich mir wohl 3-4 mal um den Hals hätte schlingen müssen, damit die Enden nicht den Boden berührten. Mich beeindruckte, wieviel Tage sie offensichtlich an diesem Ding gestrickt hatte und hab mich auch dafür bedankt, doch tragen konnte ich diesen Schal beim besten Willen nicht.

Hm, Räuchermännchen aus dem Erzgebirge, "Fetzer"-Schokoriegel, Kekse aus Wurzen, "Mosaik"-Comics oder die "NBI", die Neue Berliner Illustrierte, habe ich auch von ihr bekommen. Es waren schon recht fremde, eigenartige Dinge, die ich von ihr erhielt und die mir die DDR immer rätselhafter erschienen ließen...

Ella L
19.07.2002, 12:36
was hast du ihr denn geschickt, dass sie sich so dankbar-demütig bei dir revanchiert hat? artikel aus der bravo? abgetragene klamotten? gar überspielte kasetten? ... dann hast du diesen schal auch verdient! und eigentlich einen noch vielviel längeren.

hat eigentlich irgendjemand noch kontakt zu solch alten brieffreunden? oder hat der mauerfall diese deutsch-deutschen bindungen hinweggerafft?

Nevergrewup
19.07.2002, 15:58
Regelmäßig erhielt sie von mir die "Dr.Sommer"-Seite aus der Bravo, die trennte ich seinerzeit fein säuberlich aus dem Heft, schlug sie vorsichtshalber noch einmal in Papier ein und steckte sie zu den üblichen 1-2 handgeschriebenen Seiten in den Umschlag. Die Briefe mit diesem heißen Inhalt sind mit einer Ausnahme immer angekommen, meine Päckchen erreichten auch alle die Empfängerin in Sachsen, wurden allerdings regelmäßig vorher geöffnet und untersucht. Der Inhalt war wenig spektakulär: 3er Packungen Snickers, Pralinen, ab und zu eine Jeans-Hose (Neu- wenn auch keine Markenware), Kölnisch Wasser oder kleine Fläschchen Parfüm der Marke "My Melody", die sich sehr gewünscht hatte. Unsere Brieffreundschaft dauerte von 1978 bis ca. 1988, kurz nach Mauerfall nahm ich noch einmal Kontakt auf und erfuhr, daß sie geheiratet und einen Sohn zur Welt gebracht hatte. Wir wollten uns angesichts der neuen Reisefreiheit bei Gelegenheit mal treffen, daraus wurde aber nichts, da der Kontakt schnell wieder abbrach. Hm, als ich neulich in Zwickau weilte, mußte ich an unsere lange Brieffreundschaft denken und nahm mir vor, mich noch einmal bei ihr zu melden. Ihre jetzige Adresse kenne ich allerdings nicht...

Elwood
19.07.2002, 23:32
Ganz gelegentlich habe ich noch Kontakt zu einem Brieffreund aus Magdeburg, den ich in den 80ern kennengelernt habe. Für ihn habe ich zu DDR-Zeiten viel geschmuggelt, etwa Zeitschriften im Armaturenbrett verschraubt. Briefmarken haben wir auch getauscht. Das war ein Aufwand ohne Ende, mit Anmeldungen, Kontrollen (durch den Sammlerverband mit echten "Tauschkontrollstellen", die Stasi und sonst noch wem). Ein richtiger Sammler war ich nie, aber es hat mir Spaß gemacht, für ihn Sachen zu besorgen, vor allem Verbotenes. Kaum jemand wird sich erinnern, aber sehr oft waren in der DDR Marken mit politischen Inhalten unerwünscht (auch damit frankierte Briefe wurden zurückgeschickt). So erinnere ich mich an die "10 Jahre Vertreibung" von 1955 und die fast identische "20 Jahre Vertreibung" von 1965 oder die "amnesty international" von 1974.
Ach, da gab es noch mehr. An von Seiten der Bundespost abgewiesene Marken fällt mir spontan nur "25 Jahre antifaschistischer Schutzwall" von 1986 ein.
Die verbotenen Marken schmuggelte ich natürlich auch.

Nevergrewup
21.07.2002, 05:36
Es gab von der Deutschen Bundespost 1980 auch die Briefmarke "25 Jahre NATO", die man besser nicht auf Briefe in die DDR hätte kleben sollen, denn die kamen mit dieser provokanten Frankatur nicht an, wie man später erfuhr. Elwood, Deine Schmuggel-Aktionen waren ziemlich heikel, hätten die Grepos Deinen Pkw auseinandergenommen und dabei die Zeitschrift entdeckt, hättest Du 'ne Menge Ärger gehabt. Die Einfuhr verbotener Gegenstände war alles andere als ein Kavaliersdelikt... Ich habe gelegentlich LP's wie Guns'n Roses, Aerosmith, Metallica u.a. mitgenommen, die Cover ließ ich daheim und nahm stattdessen "Fröhliche Musikanten" etc. mit, um an der Grenze kein Aufsehen zu erwecken. Ich gab an, daß ich zu einem Freund nach Ost-Berlin wollte und wir vorhatten, gemeinsam Volksmusik zu hören, was anscheinend glaubwürdig war, der Grenzer hatte sich nur die Cover, nicht aber das Vinyl bzw. das Etikett angeschaut, hihi! Bin dann zu meinem damaligen Bekannten, der offiziell zugelassener "Diskotheker" war und meinen heißen Scheiben auf Tape überspielte, um sie dann abends im Arbeiterheim auf seiner Tanzveranstaltung zu präsentieren. Mich nahm er dann meist mit, wobei ich als Westler dort eigentlich nicht erwünscht war, ich mußte mich deshalb inkognito geben, trotzdem bekamen einige Leute schnell spitz, daß ich aus dem Westen war und wollten sich mit mir anfreunden. Einige Male war ich auf diesen rockigen Tanzveranstaltungen im Arbeiterheim "Ernst Thälmann" (oder so ähnlich), doch eines Abends bekam ich nach einem solchen Besuch in Ost-Berlin beim Passieren des Grenzüberganges Bh.Friedrichstraße große Schwierigkeiten und wurde festgenommen. Das werde ich mal bei Gelegenheit an dieser Stelle berichten, führt eigentlich zu weit vom Thema dieses Stranges ab....

Elwood
23.07.2002, 20:15
@NGU: der Gefährlichkeit war ich mir durchaus bewußt, auch damals schon, schließlich habe ich mich mit dem Thema DDR schon länger beschäftigt. Zuerst (nachdem ich die ersten Male nur geschaut habe, wie das an der Grenze so abläuft) war es eine Mutprobe, später dann war es politisches Prinzip. Ich habe schon immer bockig ragiert, wenn mir irgendetwas vorgeschrieben werden sollte. Was erdreisteten sich die Stasi-Schergen eigentlich, den Bürgern alles vorzuschreiben? Wenn das im eigenen Staatsgebilde ertragen wurde (zumindest 40 Jahre lang), dann war es eben so - aber es klappte eben nicht bei mir.

Ella L
29.07.2002, 15:08
@NGU:
ich bin mir sicher, dass das sächsische provinz-mädchen heute noch von dir erzählt! du warst der pfad in die große weite welt.
und von wegen nicht spektakuär: Was wusste der DDR-Teen schon von marken-jeans und "my-melody"-woolworth-schnäppchen!?
allein das "made in w-germany" war doch verheißung genug!

moïsedachs
18.06.2004, 03:12
Nun ja, daß »made in BR Deutschland« des Zonen Teenies Äugelein damals leuten machten scheint außer Frage. Ob sich dieses Leuchten bis heute gehalten hat, wage ich zu bezweifeln, denn schließlich haben die Grabbeltische die sächsische Provinz im Sturm erobert und sind dort nun wenigstens dazu gut, das Vorwendebild betreffend großzügiger Geschenke zu relativieren...

Gruß!

m

Piktogramma
03.07.2004, 09:16
Also echt, *lach* wenn man euch so liest, versteht man gut, warum viele Ossis Wessis so arrogant finden.

Nichtsdestotrotz bin ich sehr amüsiert!