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Horst Rathbauer
06.04.1999, 19:06
Jetzt frage ich mich, ob ich wirklich der erste bin, der im Zeitgeist-60-Abschnitt beheimatet wäre oder ob es damals noch keinen Zeitgeist gab oder ob ich schon etwas alzheimere.
Hilft mir wer auf die Sprünge?
Was fällt einem ein zu diesem Thema:
Etwa Mauerbau 1961
Ostern 1968
AFN und ungebrochene Begeisterung für die USA, wenn auch Vietnam schon in aller Gehirne und Gegfühle wr.
Ja, da war Kennedys Ermordung im Nov. 1963, ein spontaner Schweigem***** der Studenten in Stuttgart zum dortigen US-Konsulat.
So gegen 1965 war da die Ostdenkschrift der ev. Kirche, die für fürchtlichen Aufruhr sorgte. Diese Position machte sich auch Golo Mann zueigen, damals Professor für Politikwissenschaften an der TH Stuttgart.
Er gab dann enttäuscht seinen Lehrstuhl auf weil er meinte, die Studenten hätten ihn zu wenig unterstützt. Was sicher nicht am Thema sondern an den Semesterferien lag.
Dann war da 1965 , zwanzig Jahre Kriegsende.
Keiner wollte daran thematisch rühren, von wohlfeilen Deklarationen mal abgesehen.
In Stuttgart gab es in der Bibliothek eine öffentliche Veranstaltung der Studentengemeinde, auf der des Tages gedacht und Zuckmayers (?) 'Dies Irae' vorgetragen wurde. Die Reaktionen waren heftig, giftig und verdeckt.
Zeitgeist der 60 er Jahre. Es muss da noch Erinnerungsarbeit geleistet werden. Die 60«er scheinen vergessen zu sein, allerdings nicht 'Die Beatles'.
Was war nur damals los?
Harald Leinweber
09.04.1999, 04:00
Guten Tag,
die 60er waren für mich die Zeit des unbeschwerten Fernsehens: Zwei Programme - und die Welt kommt ins Haus.
Ich war ein Fan von Yancy Derringer, Hiram Holiday und Stanley Beamish. (Wahrscheinlich bin ich deswegen gegen den Antimaerikanischen Affekt immun.)
Ich weiss nicht, worüber man da reden kann. Aber ich habe immer wieder gemerkt, dass ich es dennoch gerne tue - von Hiram schwärmen (bebrillt, Regenschirm, wusste alles,reiste herum) oder über Stanley lachen (die Wirkung der Pille liess natürlich immer dann nach, wenn er gerade die Bösewichte am Schlafittchen gepackt hatte) oder hoffen, dass Yancy auch diesmal wieder einen Derringer im Ärmelaufschlag hatte oder sein Indianer zu Hilfe kam (jeder sollte einen haben - so einen Indianer, meine ich).
So, genug gealbert.
Andererseits: Spass muss sein - sonst kommt keiner zur Beerdigung.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit
Harald Leinweber
Hallo, anscheinend war niemand von euch in Berlin ansässig, sonst würdet ihr von Gammlern und Hippies zu berichten wisse.Wo unter diesen Menschen noch jeder mit jedem bekannt war, die Treffpunkte bekannt und das Leben, zumindest eine Zeitlang, auf die leichte Schulter genommen wurde. Im Gefolge der APO tauchten die Kinderläden auf, die Frauen begannen sich zu rühren.Doch ich rolle die Sache von hinten auf. Anfang der 60iger war in Berlin vom 'Wirtschaftswunder' noch nichts zu spüren, Ruinen an jeder oder fats jeder Ecke, am Kudamm noch unverbaute Sicht auf die Seitenstrassen. Im Schuhhaus 'Salamander' gab es die Lurchi-Hefte nioch ihne Schuhkauf.Vaniileis am Stiel,mit Schokoladenumhüllung, kostete 20 Pfennig, Brause in gedrungenen Flaschen 30 Pf., ein Brötchen 5 Pf.. Die Supermärkte kamen auf und begannen die kleinen Läden, bei denen noch ageschrieben werden konnte, zu verdrängen. Altpapier und leere Wein- und Schnapsflaschen , die standen zu diesem Zweck neben den Mülltonnen, zu sammeln und bei kleinen Fabriken oder Sammelstellen gegen Bares abzugeben,war für mich als Kind eine gute Einnahmequelle. Nein, ich rede nicht vom Ostteil sondern vom Westteil der Stadt. Transsistorradios waren der letzte Schrei, Blues wurde zu 'Crimson + Clover' bei Discobeleuchtung im Jugendheim getanzt und 'Stairway to heaven' war in den ersten 'richtigen' Discos das, was die Leute auf die Tanzfläche brachte. Die Miete waren noch niedrig und Erhöhungen derselben wurden noch mit Demomstrationen bedacht.Willy Brandt war Bürgermeister und für Adenauer ab Magdeburg Sibirien.
In Erwartung positiver Reaktionen, Tschüss
------------------
Harald Leinweber
14.04.1999, 22:25
Guten Tag?
Waren die 60er Jahre eine bessere (glücklichere, naivere, einfachere) Zeit? Oder scheint das einem nur so, wenn bzw. weil man in den 60ern aufgewachsen ist?
Mir scheint das manchmal so, wenn ich z. B. 'Raumpatrouille' sehe: 'Helgamädchen, koch uns doch bitte einen Kaffee!' sagt da Commander MacLane. Heute würde sie ihm zu Recht was von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und so erzählen und er müsste seinen (TransFair-)Kaffee selbst kochen.
Sind wir deswegen heute besser dran als damals (nicht, dass ich zurück zur alten Rollenverteilung mächte oder so ...)?
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit
Harald Leinweber
Horst Rathbauer
20.04.1999, 23:46
Bei der 'Raumpatrouille' hat's geklickt. Die Wiederholungen in jüngster Zeit habe ich mir, wenn es ging, noch einmal angesehen. Mein Sohn (16, ich bin ein alter Vater) findet übrigens trotz Star Trek, die Serie hatte Charme.
Es ist ja noch nicht so viel zusammengekommen, aber immerhin. Bei dieser Gelegenheit bemerke ich, wie fremd mir das Deutschland der 60er offenbar ist (inzwischen kenne ich es für einen Österreicher wahrscheinlich ziemlich gut; in München habe ich fast 20 Jahre gelebt). Aber Ihre Schilderung, bianca, von Berlin hat mich - der ich noch zu Mauerzeiten (in den 70ern) zum erstenmal da war, an Wien und an meine Heimatstadt Innsbruck erinnert. Damals begannen auch bei uns die Bombenruinen langsam wieder Gebäuden zu weichen.
Da fällt mir ein, d i e Sensation der 60er in Innsbruck war der damals österreichweit erste SB-Laden mit selbstöffnenden Türen. Gekauft hat dort niemand was (das führte auch wieder zur baldigen Schließung), aber die Türen hat wohl jeder Innsbrucker einmal ausprobiert.
Was mir auch auffällt ist, daß die 60er offenbar noch nicht so sehr von Werbung beherrscht waren (die Beiträge in den 70ern und 80ern sprechen viel von solchen Dingen). Ich weiß gar nicht mehr - hat es die 'Mainzelmännchen' damals schon gegeben? In Österreich hatten wir den 'Würstelmann'. Das war der (junge) Otto Schenk und der Karlheinz Böhm in einer mobilen Würstelbude mit allabendlichen, kleinen Sketches.
Und dann war da noch das erste Auto - ein (sehr) gebrauchter Fiat 1400 mit Jalousien vor dem Kühler, Handjoke natürlich und Lenkradschaltung. In diesem Auto habe ich mit a c h t Freunden auch meinen ersten Oktoberfest-Besuch arrangiert (Übernachtung im Wagen auf einem Schotterplatz, wo heute der Radio Riem steht).
Die Begeisterung für die Amerikaner war noch da, obwohl die in den 50ern - glaube ich - noch größer war - wenigstens bei uns Kindern. Damals fuhren die wirklich noch im Jeep herum und verteilten Kaugummi und Schokolade. Mein Lieblingsamerikaner war ein - damals sagten wir noch ganz unbefangen - Neger. Der konnte seinen Jeep fahren ohne kuppeln zu müssen (das linke Bein ließ er immer so lässig aus dem Jeep raushängen).
60er-Jahre waren auch Käfer und der Traum vom Opel Kapitän oder diesem Buckel-BMW mit dem V8-Motor (wie hieß der noch?). Und groß ausgehen war Wienerwald.
Meine erste Stelle (damals sagte noch niemand 'Job') fiel noch in die 48-Stunden-Woche und das Wochende begann Samstag nachmittag.
Und natürlich, Herr Leinweber, haben wir von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung noch nicht mal geträumt. Manchmal frage ich mich ja, ob das damals Rollenverteilung war oder wir das heute als damalige Rollenverteilung sehen. Vielleicht ist das ein bißchen so, wie mit der political correctness: wenn man weiß, daß man ein Altersheim auch als Seniorenpark bezeichnen kann, dann bekommt beim 'Altersheim' ein schlechtes Gewissen.
Danke, liebe Freunde, hat Spaß gemacht!
waldfee42
10.04.2001, 16:53
die 60er beinhalten noch vieles mehr, z. B. die ermordung che guevaras 1967 in bolivien.
dann fällt mir die cuba-krise ein,
der sogenannte prager frühling 1968.
für mich waren die 60iger die zeit, die mich geprägt hat.
Wenn von 'den Sechzigern' die Rede ist, dann gehts ja meistens um die Spätsechziger, siehe All You Need Is Love, 68er usw. In die Frühsechziger wehte ja noch der Geist der Spätfünfziger herüber... Als Jahrgang 54 kann ich mich an einiges noch gut erinnern und hier stundenlang mit den Assoziationsketten rasseln, das Spektrum reicht von Freddy Quinn bis Captain Beefheart, von der ledernen Sepplhose im Grundschulalter bis zum rotschwarz gestreiften Hemd mit gelber Strickkrawatte ein paar Jahre später, vom Schuldirektor, der einen Rohrstock auf einem Schülerhintern zerkloppt bis Jimi Hendrix, der seine Gitarre auf der Bühne zerkloppt, zwischendrin gabs den ersten VW-Käfer, den ersten Fernseher (in einer Truhe, mit Radio und Plattenspieler: Stereo!!) - da guckte man Samstagabends 'Einer wird gewinnen' mit Hans Joachim Kulenkampff (dazu fischte man Fischli und Salzstangen aus bunt getönten Gläsern), unter der Woche gabs im Vorabendprogramm 'Meine drei Söhne', 'Einsatz für Isar 12', 'Die Abenteuer des Graf Yoster', nachmittags gabs 'Sport, Spiel, Spannung' mit Klaus Havenstein, später kam dann die unglaubliche 'Raumpatrouille' - und mit dem 'Beat Club' kam dann schließlich irgendwann der Familienkrach, aber das ist eine Geschichte für sich...
waldfee42
10.04.2001, 21:19
bei uns (in der ehemaligen ddr) wurde in den 60er die zehnklassen-schule als allgemeiner abschluß eingeführt.
an die 48-stunden-woche kann ich mich auch noch erinnern.
und noch etwas: in den 60er galt noch der sogenannte kuppelparagraph!
ich glaube, zu der zeit wurde man in der brd auch erst mit 21 volljährig, oder?
bei uns in der ddr seit 1949 schon mit 18!
außerdem galt noch ganz streng der ¤ 218.
schwangerschaftsabbruch und pille kamen ja erst am ende des jahrzehnts.
Richtig, liebe Waldfee - ich empfinde es heute noch als persönlichen Affront, dass die Volljährigkeit drei Wochen vor meinem 21. Geburtstag auf 18 runtergesetzt wurde.
peterthomassuschny
11.04.2001, 20:42
Die 40-Stunden-Woche in Österreich ist auf Initiative des Österreichischen Gewerkschaftsbundes 1969 im Parlament unter einer bürgerlichen (= ÖVP-Alleinregierung) unter Bundeskanzler Dr. Josef Klaus (Vorgänger von Kreisky) eingeführt worden, Volljährig wurde unsereins erst ab Mitte der 70er mit 19 und mit 18 ist man/frau seit einiger Zeit wahlberechtigt, aber noch nicht volljährig, das wird vermutlich demnächst eingeführt, über das geänderte Jugendstraf-recht wird gerade heftigst diskutiert.
Beste Grüße
'Mr. Roaring Sixties'
Hihi, Leute, jetzt haben wir das gleiche Problem wie auf der 70er-Seite: Hiram Holiday (und übrigens auch Fury, Meine drei Söhne und diverse andere geniale TV-Serien unserer Kindheit) stammt aus den FÜNFZIGERN! Klar, die Sachen sind in Übersetzung erst später zu uns gekommen, aber es zeigt doch, wie problematisch dieses Dekadendenken eigentlich ist, oder? Bin übrigens auch ein großer Hiram-Holiday-Fan. Er hat zwei Homepages, ene deutsche und eine amerikanische. Man kommt über die Links des exzellenten 'www.fernsehserien.de' hin.
(Beitrag wurde von Spleen am 16.04.2001 um 07:56 Uhr bearbeitet.)
waldfee42
15.04.2001, 21:27
lieber spleen, ich gebe dir vollkommen recht, das dekadendenken ist eigentlich problembehaftet.
es gibt entwicklungslinien, die man nicht an einem jahrzehnt festnageln kann.
vieles, was uns in den 60er faszinierte, begann eigentlich schon in den 50ern.
manches wirkte über die 60er hinaus in die 70er, manches bis heute.
wie gesagt, kenne ich die meisten fernsehserien der brd aus den 60ern nur vom hörensagen oder aus wiederholungen.
was ich kenne, sind schlager bzw. beat und rock.
ich habe 4 jüngere brüder und da wurde dann natürlich nur noch beat und rock gehört.
bei den tanzveranstaltungen war noch der gute alte schlager angesagt. bei uns gab es aber spezielle jungentanzveranstaltungen, dort war etwas anderes angesagt. (allerdings mußte eine Mischung Ost/Westtitel eingehalten werden.
Keine Sorge, Waldfee! Die Serien werden eigentlich ständig wiederholt. Besonders ergiebige Wiederholer sind N3, Kabel und tm3, falls du Kabel hast. Kannst du mir übrigens sagen, wieso Teddys bei Euch 'Bummi' hießen?
peterthomassuschny
16.04.2001, 20:44
Dazu nur einige kurze Gedanken: ohne hier für mein 60er-Buch Werbung machen zu wollen, aber im Gegensatz zu den anderen österreichischen Hobbychronisten habe ich mir die Mühe gemacht, so oft wie möglich darauf hinzuweisen, was meines Wissens bereits aus den 50ern oder späten 40ern stammt (so wie z. B. Spleens Favorit, der Pezibär, der meines Wissens 1999 das 50-Jahr-Jubiläum feiert). Ich möchte jedoch darauf hinweisen, daß ich auch Ankos 'Alles Bonanza' gelesen habe und dieser doch auch darauf hinweist, wenn etwas seines Wissens nach bereits 60er war. Und er ist natürlich auch aus Österreich stammend (d. h. ich meine ausdrücklich die 'Paiperisten').
Die 60er hätte ich persönlich auch nicht 'All you need is love' genannt, mein Buch heißt bewußt deshalb 'Jopa-Eis, Jochen Rindt und Jugendrevolte', um sowohl an einige Marken zu erinnern, die es in meiner Kindheit noch gab, z. B. Jopa-Eis, Jumbo-Getränk, Liesinger Bier usw. bzw. jetzt wieder gibt wie Libella - an Jochen Rindt, den Helden unserer Kindheit (Niki Lauda ist schon der Star der nächsten Generation, der in den späten 60ern bzw. zeitigen 70ern geboren) und natürlich, deshalb Jugendrevolte, weil ich im Gegensatz zu 'Wickie, Slime und Paiper' nicht ein reines, völlig gesellschaftliche Tatsachen oder politische Ereignisse ignorierendes, buntes Gefälligkeitsbüchlein machen wollte, das nebenbei bemerkt nie einen Lektor gesehen haben dürfte. Was jedoch umgekehrt nicht heißen soll, das es nicht eine gute Idee war - aber in 'Alles Bonanza' eigentlich besser verwirklicht.
Beste Grüße
'Mr. Roaring Sixties'
Ich finde, so ganz kann man das nicht vergleichen. Allein vom Umfang hat 'Wickie, Slime und Paiper' einen anderen Anspruch als 'Bonanza'. Auch 'WSP' hat mir tierisch viel Spaß gemacht. Meine Frau kann ein Lied davon singen, wie ich ihr mit tausend zurückkehrenden Erinnerungen aus den 70ern an dem Wochenende auf die Nerven gegangen bin, als ich das Buch gelesen hatte. Die Sechziger können natürlich gar nicht so unpolitisch abgehandelt werden. Jeder wird sich da auch an Politisches erinnern. Ein gutes Beispiel ist sicher ein Witz aus einer Fernsehzeitung von damals: Ein Mann zu einer wild herumlaufenden und johlenden Kinderhorde: 'Spielt Ihr «Räuber und Gendarm«oder «Trapper und Indianer«?' Einer der Kleinen: 'Quatsch! Wir sind Studenten!'
peterthomassuschny
19.04.2001, 00:42
Hallo Spleen!
Genau das geschieht aber in 'Alles Bonanza'. Es werden einige Begriffe wie z. B. die Terroristen vor rd. 25 Jahren (Bader-Meinhof)
diskutiert, zumindest andiskutiert.
'WSP' und dabei bleibe ich, ist ein Gefälligkeitsbuch, ein guter Marketinggag.
In Österreich hat es ca. 70.000 Bücher in weniger als 2 Jahren verkauft, im ORF sind einmal wöchentlich '70er-Stories', ganz im Stil von 'WSP' wo alles den 70ern einverleibt wird, was auch schon früher war, ohne auch nur irgendwie darauf hinzuweisen.
Ich selber habe überhaupt keine Unterstützung, sieht man von einem Artikel im KURIER vom 6. Feber (Februar) 2001 ab, der war aber mitten in den Semesterferien und hat der KURIER (es war nämlich nur in der Wienausgabe) nicht diese Flächendeckung wie der ORF). Und ein öffentlich-rechtlicher Sender, der in einer Dokumentation zum 55. Jahrestag solche Schwachsinnigkeiten verbreitet 'über die 60er in Österreich gibt es nicht viel zu sagen, sie gelten allgemein als miefiges Jahrzehnt' hat eine geistige Revolution notwendig: da kontrolliert doch niemand, daß im Hauptabendprogramm ein offenbar frustrierter Alt-68er seine Blödheiten über mein Geburtsjahrzehnt verbreitet - der soll im Musikantenstadel auftreten, aber bitte keine Dokumentationen machen!! Auch vor dem Kreisky haben wir nach 1945 25 gute Jahre in der 2. Republik gehabt, für die sich Österreich nicht genieren braucht - gut im Sinne, daß alle wieder zum Essen und einen Beruf hatten. Die falsch oder unvollständig bewältigte Vergangenheit wurde sowieso erst ab dem Bundespräsidentenwahlkampf 1986 (Stichwort: Kurt Waldheim) und im Gedenkjahr 1988 (50 Jahre Nazieinmarsch) wieder diskutiert - da haben 13 Jahre Kreisky gar nichts geändert - im Gegenteil: aus Machtgier - divide et imperae - teile und herrsche - hat er versucht, das bürgerliche Lager zu spalten und die doch sehr zweifelhafte rechtspopulistische FPÖ salonfähig zu machen (siehe auch Affäre Simon Wiesenthal contra Friederich Peter, FPÖ-Obmann zwischen ca. Mitte der 60er bis 1978, der in einer SS-Elitetruppe diente und kein Kriegsverbrecher sein wollte). Und wenn ich dann noch 'Faserschmeichler, Fönfrisuren und die Ölkrise' lese, stelle ich fest: da wird das Wörtchen 'Faserschmeichler' wortwörtlich für ein rosarotes Büchlein verwendet, wo der Eindruck entstehen könnte, das Buch soll zum 30. Jahrestag der Machtübernahme der Sozialdemokratischen Partei Österreichs geschrieben worden sein. Das ist halt nicht meine Sicht der 70er.
Beste Grüße
'Mr. Roaring Sixties'
Hallo, Peter Thomas! Des woar mir jetzt a bissal zu österreichisch, da komm ich nicht ganz mit, aber so eine Sendung mit 70er-Stories hätte ich auch gerne. Sollen wir eine Petition machen, ihr Freunde im Teletubbyland dort draußen???
peterthomassuschny
19.04.2001, 20:32
Hallo Spleen!
1. Das österreichische dient nur zum Erklären, daß die 70er nicht so golden waren und umgekehrt die 60er nicht miefig, ganz einfach deshalb, weil die böse Zeit in Mitteleuropa 1945, spätestens jedoch 1948
(nach dem Ende der diversen Vertreibungen als Antwort auf das Naziregime und dessen Pogromme) vorbei war. Warum das bei uns nicht verstanden wird, weiß ich nicht.
Wie die Situation spezifisch in Deutschland war, kann ich nur ungefähr erahnen, bei uns wurde kein Benno Ohnesorg erschossen und kein Rudi Dutschke angeschossen, bei uns sind lediglich einige Aktivisten vom sogenannten 'Unischiß' im Juni 1968 (eine Gruppe rund um die Aktionisten Otto Mühl, der dann in den 70ern die erste österreichische Kommune betrieb, und Günther Bruhs) zu Haftstrafen verurteilt worden.
Dies weniger, weil sie im Neuen Institutsgebäude der Wiener Uni auf einen Tisch die große Notdurft verrichteten, sondern weil sich Bruhs auch nackt und onanierend erfrechte, die Bundeshymne zu singen, eine Aktion, der vermutlich nirgendwo auf der Welt straffrei geblieben wäre; er hat sich durch Flucht nach Deutschland bis 1979 jedoch der Haftstrafe entzogen.
2. Eine Petition können wir gerne starten - ich möchte aber endlich auch 60er-Stories und einmal den Mut, das auch gesagt wird, was alles schon in den 60ern war.
Beste Grüße
'Mr. Roaring Sixties'
Nightrider
23.04.2001, 03:34
Bei all dem was ich hier gelesen habe kamen viele Erinnerungen wieder zum vorschein, auch
längst vergessene.Doch da wäre noch etwas.
Das wichtigste Ereignis in den 60gern, über das man wohl bis ans Ende der blauen Kugel
reden wird,denke ich war der Flug zum Mond
peterthomassuschny
23.04.2001, 08:24
Bravo, sehr gut. Ich habe auch neulich an irgendeinem Strang den 40. Jahrestag des 1. bemannten Raumflugs durch Jurij Gargarin gewürdigt, leider kein Echo. Vielleicht eröffne einmal einen Strang und ich schreibe gerne was dazu.
'Mr. Roaring Sixties'
P. S. Kennst Du noch Ziggy Stardust?
Den Ziggy hatten wir schon. Kennst du 'Alvin and the Chipmunks'?
peterthomassuschny
29.04.2001, 10:12
Hallo Spleen!
Leider nein. Müßtest Du einmal auf ein Usertreffen mitnehmen, dann könnte ich sie ja hören.
Beste Grüße
'Mr. Roaring Sixties'
waldfee42
29.04.2001, 16:56
mir fällt bei den 60ern noch der obligate nierentisch, war das trendigste möbelstück, aber total unpraktisch.
leider hatten meine eltern keinen, bei uns im wohnzimmer stand ein uralter, stabiler eichentisch. dieser diente als ess- und spieltisch. Er war außerdem noch zum ausziehen.
dieser tisch bildete den mittelpunkt des familienlebens, dort wurde gegessen, schularbeiten gemacht, abens spiele gemacht usw.
man brauchte sich auch nicht in acht zu nehmen, falls mal ein glas umkippte.
und man konnte so richtig mit der faust draufhauen, wenn man verlor.
so ein nierentisch war dagegen ein sensibles pflänzchen.
@ Tou-Tou: Das mit 'Alvin and the Chipmunks' war mehr ein Witz. Die sind in USA seit den 50ern sowas wie bei uns 'Vader Abraham und die Schlümpfe': Ein Sänger, der mit 'Backenhörnchen' singt. Holy Fred Sonnenschein!
@waldfee: Der Nierentisch ist zwar eindeutig ein Gewächs der 50er, aber er hat schon bis in die Sixties überlebt. Dazu gehören unbedingt auch baumförmige Blumenständer mit kleinen Abstelltellern an langen Armen in unterschiedlichen Höhen. In den 60ern standen übrigens alle Möbelstücke - vom Couchtisch über das Esszimmerbüffet bis zur Fernsehtruhe, auf dünnen, leicht nach außen gespreizten Beinen.
peterthomassuschny
05.05.2001, 11:02
Richtig, Nierentisch ist 50er und den Tisch mit den Zubehöroberteilen für Pflanzen restauriert gerade ein Freund für mich, den habe ich vor ein paar Jahren gefunden, nur ist das sehr aufwendig, weil der selber 3 Kinder hat und ständig unterwegs ist.
Ein gutes Baumaterial aus den 60ern und bis heute erhältlich ist Apton, ein Stecksystem aus schwarzen Stangen und Querverbindungen, diente lange im Messebau, habe ich auch in meinem 60er-Jahre-Buch gewürdigt und vertreibt die Firma Dexion, die gibts sicher auch in Deutschland, die haben diese tollen, stabilen Schraubregale mit dem Lochprofil (war nämlich einmal in dieser Branche tätig als Sachbearbeiter), heute meist viel zu teuer, deshalb haben auch wir im Keller das italienische Steckregal: Metalisystem.
Beste Grüße
'Mr. Roaring Sixties'
waldfee42
05.05.2001, 17:57
@peterlu
@pts
ihr müßt bedenken, daß bei uns alles etwas später kam! schließlich waren wir ja damals hinter dem eisernen vorhang.
das ist mir auch aufgefallen, als ich letztens bilder sortiert habe, in den 60ern stand alles auf solchen dünnen, leicht gespreizten beinen.
übrigens trug ich anfang der 60er mal schuhe mit stilettoabsatz, ebenfalls sehr dünn und hoch.
und unmassen von haarlack habe ich damals verbraucht, bei der hochtoupierten frisur.
-> PeterLu
Mir ging es ganz ähnlich - ich wurde mit 21 volljährig, meine eindreiviertel Jahre jüngere Schwester ganz kurz danach, weil die Grenze auf 18 runtergesetzt wurde. Wir gingen dann gemeinsam zur Jungbürgerfeier in der Stadthalle.
peterthomassuschny
11.05.2001, 19:03
@Waldfee
Die Schuhe waren ein Wahnsinn. Die hießen bei uns Bleistiftabsatz-Schuhe wegen des spitzen Stöckels, hatten unten geistreicher Weise eine Schraube und machten Löcher in den Fußboden. Gehören in die Rubrik 'Was mir an den 60ern weniger gefällt'.
Trotzdem sahen sie sicher gut aus, aber bitte geklebt, ohne Schraube!
'Mr. Roaring Sixties'
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