Zazie
18.04.2002, 20:43
Dieser Strang ist Geschichten über diejenigen gewidmet, die in den 70-ern unsere Feinde waren und dann vielleicht doch noch zu Freunden wurden (oder auch nicht). Und denen, die einst unsere Freunde waren und dann zu - naja, vielleicht nicht gleich Feinden, aber doch "nicht mehr unser Freund" wurden.
Ich war klein. Ich war schmächtig. Ich war dünn. Ich hatte keine Kraft. Ich war zwar im Judoverein, schaffte es sogar bis zum Gelbgurt, aber es war frustrierend, denn meistens lag ich auf der Matte. Mein Vater, ein begnadeter Judoka vor dem Herrn, konnte mir viel erzählen von wegen, nur die Technik würde zählen. Ich glaubte ihm kein Wort, vor allem dann nicht, wenn ich in einem Randori gegen einen Jungen, mochte er auch aus meiner Gewichtsklasse sein, zum 100sten Mal aufs Tatami geknallt war und es schon kaum noch schaffte, überhaupt aufzustehen, weil ich sofort danach wieder lang lag.
Und ich war hundekuchengut. Tat niemandem was zuleide (wie auch, wenn meine Unterlegenheit von Anfang an vorprogrammiert war). Konflikten ging oder besser rannte ich aus dem Weg. Im Abhauen war ich sehr gut; es war stets die Angst, die mich durch die Häuserfluchten unserer Hochhaussiedlung trieb und mich nach Nischen und Ecken als Verstecke suchen ließ. Jedoch, Kinder sind grausam. Gerade weil ich so klein, schmächtig und hundekuchengut war, wurde ich ab und zu das Opfer größerer und kräftigerer Kinder.
Eines dieser Kinder war Gabi und ihr Bruder Stefan. Gabi war ein Jahr älter als ich, lang, schlaksig, aber muskulös und sehnig. Ihren markanten Kopf zierte eine dunkelblonde, dicht gelockte, aber kurz geschnittene Haarpracht, die sie an ein Schaf erinnern ließ, und insgesamt war sie eher ein verhinderter Junge. Stefan war bestimmt einige Jahre jünger als ich, aber schon ein echter little shitbag. Beide wohnten mit ihren Eltern und einem älteren Bruder im Haus gegenüber von uns. Gabi und Stefan waren der Terror des Viertels: Genauso aso, wie ihre Familie war, so waren auch die beiden. Tauchten die beiden auf dem Spielplatz zwischen unseren Häusern auf, leerte dieser sich augenblicklich, so sehr wurde dieses duo infernale von den Kindern gefürchtet.
Mein Zusammentreffen mit Gabi und Stefan ist mir noch in bester Erinnerung. Ich war ungefähr 9 Jahre alt und fuhr mit dem Rad zu meiner Oma. Auf dem Gepäckträger hatte ich ein Köfferchen mit Barbiesachen geladen, in der Absicht, mit meiner Oma Barbie zu spielen, wie wir dies so oft taten. Plötzlich sah ich Gabi und Stefan auf mich zukommen. Ein Ausweichen oder Umkehren war unmöglich. Es kam, wie es kommen musste: Die beiden versperrten mir den Weg und zwangen mich vom Rad runter. Eins-fix-drei hatten sie den Koffer vom Gepäckträger gepflückt und hielten ihn triumphierend in den Händen. Es ist nicht untertrieben, wenn ich sage, ich zitterte vor Angst. Gabi war mindestens doppelt so groß und dieser kleine, hässliche Gnom Stefan war damals schon sehr schlagkräftig - gegen die beiden hatte ich nicht den Hauch einer Chance. Kurzum: Ich flehte um Gnade. Ehrlich war. Ich bat und bettelte, sie mögen mich doch weiterfahren lassen. "Erst wenn du uns sagst, was da drin ist." Ich sagte es ihnen nicht, sondern hörte nicht auf zu betteln und zu flehen. Die Panik hatte mich voll in ihrem Griff und dass ich mir nicht in die Hose gemacht habe, ist noch ein Wunder. Im Geiste sah ich schon, wie diese Teufel den Koffer aufmachen und die ganzen Barbiesachen im Dreck rumfliegen würden.
Jedoch, nach einer halben Ewigkeit hatten Gabi und Stefan genug davon, mich zu quälen und sich an meiner Panik zu weiden. Vielleicht wurden sie einfach auch zu Hause zum Essen erwartet. Sie gaben mir meinen Koffer zurück und ließen mich passieren. Mit wild klopfendem Herzen trat ich in die Pedale, um so schnell wie möglich bei meiner Oma anzukommen.
Mittlerweile waren einige Monate vergangen, der Sommer war vorbei, die Sommerferien auch. Es war Zeit fürs 4. Schuljahr. Wie ich bereits wusste, sollte ich mich zu Schulanfang in einer fast neu zusammengestellten Klasse wiederfinden, da ein Großteil meiner Mitschüler auf eine andere, neu gebaute Grundschule gewechselt hatte, die ihnen einen kürzeren Schulweg ermöglichte. Der andere Teil der alten Klasse, jene, die in meiner Nachbarschaft wohnten, gingen weiterhin mit mir auf die alte Schule.
Am ersten Schultag also kam ich in die Klasse, traf dort einige alte Freunde sowie meine ab heute neuen Klassenkameraden. Ich ließ meinen Blick über sie schweifen, und da sah ich - Gabi. Oh nein, ausgerechnet Gabi! Bitte nicht! Mir rutschte das Herz in die Hose und ich wechselte einen gequälten Blick mit meiner Freundin - auch sie fürchtete Gabi; hatte sie bereits das Pech, im selben Haus mit ihr wohnen zu müssen (mit dem damit verbundenen Terror im Hausflur), so musste sie zudem fortan jeden Tag in der Klasse ihren Anblick und vielleicht noch Schlimmeres ertragen. Schlechte Zeiten brachen für uns an... so dachte ich und ich fürchtete mich. Ich fürchtete mich sehr.
Jedoch, es kam anders. Überraschenderweise kamen Gabi und ich uns bald näher. Vergessen war der Fahrradüberfall einige Monate zuvor. Gabi konnte sich nicht mehr daran erinnern, dass ausgerechnet ich ihr Opfer gewesen war und entschuldigte sich im Nachhinein bei mir. Wir machten Unsinn im Unterricht, spielten kleine Geschichtchen mit unseren Pritt-Klebestiften, Füllerpatronenkugeln und Papierzeug und zogen auch schon mal nach der Schule zusammen rum. Gabi war nicht halb so dumm und primitiv, wie sie sich zuvor gegeben hatte. Mein Steckenpferd war damals schon die Rechtschreibung und ich schaute Gabi stets beim Schreiben über die Schulter und wies sie darauf hin, wenn sie einen Fehler machte. Ich half ihr bei den Hausaufgaben. Meine Freudinnen und ich waren zu ihrem Geburtstag eingeladen. Vorbei war die Zeit, als Gabi und Stefan das Viertel terrorisierten. Gabi war eine von uns geworden, war sozusagen zur guten Seite übergewechselt. Ja, sie war es nun, die uns gegen feindliche Angriffe verteidigte.
Zwei Jahre später zog Gabi mit ihrer Familie aus Berlin fort. Wir waren traurig. Und auch meine Freundin, Gabis Nachbarin, zog ein Jahr nach ihr in eine andere Stadt. Nach der Grundschulzeit war nichts mehr, wie es einmal wahr.
Einige Jahre später klingelte es an der Tür: Es war Gabi, die zu Besuch in Berlin war und mich besuchte. Sie hatte mich nicht vergessen. Wir blieben danach noch eine Zeit in Briefkontakt, dann hörte ich nichts mehr von ihr. Sie wird sicher ihren Weg gegangen sein, und ich denke, sie ist einen guten Weg gegangen.
(wird fortgesetzt - ich hab noch ein paar mehr Geschichten in der Art auf Lager)
Ihr dürft übrigens auch zu dem Thema schreiben, wenn eure Geschichte vor den 70-ern stattgefunden hat... so wie einst im Single-Strang
Ich war klein. Ich war schmächtig. Ich war dünn. Ich hatte keine Kraft. Ich war zwar im Judoverein, schaffte es sogar bis zum Gelbgurt, aber es war frustrierend, denn meistens lag ich auf der Matte. Mein Vater, ein begnadeter Judoka vor dem Herrn, konnte mir viel erzählen von wegen, nur die Technik würde zählen. Ich glaubte ihm kein Wort, vor allem dann nicht, wenn ich in einem Randori gegen einen Jungen, mochte er auch aus meiner Gewichtsklasse sein, zum 100sten Mal aufs Tatami geknallt war und es schon kaum noch schaffte, überhaupt aufzustehen, weil ich sofort danach wieder lang lag.
Und ich war hundekuchengut. Tat niemandem was zuleide (wie auch, wenn meine Unterlegenheit von Anfang an vorprogrammiert war). Konflikten ging oder besser rannte ich aus dem Weg. Im Abhauen war ich sehr gut; es war stets die Angst, die mich durch die Häuserfluchten unserer Hochhaussiedlung trieb und mich nach Nischen und Ecken als Verstecke suchen ließ. Jedoch, Kinder sind grausam. Gerade weil ich so klein, schmächtig und hundekuchengut war, wurde ich ab und zu das Opfer größerer und kräftigerer Kinder.
Eines dieser Kinder war Gabi und ihr Bruder Stefan. Gabi war ein Jahr älter als ich, lang, schlaksig, aber muskulös und sehnig. Ihren markanten Kopf zierte eine dunkelblonde, dicht gelockte, aber kurz geschnittene Haarpracht, die sie an ein Schaf erinnern ließ, und insgesamt war sie eher ein verhinderter Junge. Stefan war bestimmt einige Jahre jünger als ich, aber schon ein echter little shitbag. Beide wohnten mit ihren Eltern und einem älteren Bruder im Haus gegenüber von uns. Gabi und Stefan waren der Terror des Viertels: Genauso aso, wie ihre Familie war, so waren auch die beiden. Tauchten die beiden auf dem Spielplatz zwischen unseren Häusern auf, leerte dieser sich augenblicklich, so sehr wurde dieses duo infernale von den Kindern gefürchtet.
Mein Zusammentreffen mit Gabi und Stefan ist mir noch in bester Erinnerung. Ich war ungefähr 9 Jahre alt und fuhr mit dem Rad zu meiner Oma. Auf dem Gepäckträger hatte ich ein Köfferchen mit Barbiesachen geladen, in der Absicht, mit meiner Oma Barbie zu spielen, wie wir dies so oft taten. Plötzlich sah ich Gabi und Stefan auf mich zukommen. Ein Ausweichen oder Umkehren war unmöglich. Es kam, wie es kommen musste: Die beiden versperrten mir den Weg und zwangen mich vom Rad runter. Eins-fix-drei hatten sie den Koffer vom Gepäckträger gepflückt und hielten ihn triumphierend in den Händen. Es ist nicht untertrieben, wenn ich sage, ich zitterte vor Angst. Gabi war mindestens doppelt so groß und dieser kleine, hässliche Gnom Stefan war damals schon sehr schlagkräftig - gegen die beiden hatte ich nicht den Hauch einer Chance. Kurzum: Ich flehte um Gnade. Ehrlich war. Ich bat und bettelte, sie mögen mich doch weiterfahren lassen. "Erst wenn du uns sagst, was da drin ist." Ich sagte es ihnen nicht, sondern hörte nicht auf zu betteln und zu flehen. Die Panik hatte mich voll in ihrem Griff und dass ich mir nicht in die Hose gemacht habe, ist noch ein Wunder. Im Geiste sah ich schon, wie diese Teufel den Koffer aufmachen und die ganzen Barbiesachen im Dreck rumfliegen würden.
Jedoch, nach einer halben Ewigkeit hatten Gabi und Stefan genug davon, mich zu quälen und sich an meiner Panik zu weiden. Vielleicht wurden sie einfach auch zu Hause zum Essen erwartet. Sie gaben mir meinen Koffer zurück und ließen mich passieren. Mit wild klopfendem Herzen trat ich in die Pedale, um so schnell wie möglich bei meiner Oma anzukommen.
Mittlerweile waren einige Monate vergangen, der Sommer war vorbei, die Sommerferien auch. Es war Zeit fürs 4. Schuljahr. Wie ich bereits wusste, sollte ich mich zu Schulanfang in einer fast neu zusammengestellten Klasse wiederfinden, da ein Großteil meiner Mitschüler auf eine andere, neu gebaute Grundschule gewechselt hatte, die ihnen einen kürzeren Schulweg ermöglichte. Der andere Teil der alten Klasse, jene, die in meiner Nachbarschaft wohnten, gingen weiterhin mit mir auf die alte Schule.
Am ersten Schultag also kam ich in die Klasse, traf dort einige alte Freunde sowie meine ab heute neuen Klassenkameraden. Ich ließ meinen Blick über sie schweifen, und da sah ich - Gabi. Oh nein, ausgerechnet Gabi! Bitte nicht! Mir rutschte das Herz in die Hose und ich wechselte einen gequälten Blick mit meiner Freundin - auch sie fürchtete Gabi; hatte sie bereits das Pech, im selben Haus mit ihr wohnen zu müssen (mit dem damit verbundenen Terror im Hausflur), so musste sie zudem fortan jeden Tag in der Klasse ihren Anblick und vielleicht noch Schlimmeres ertragen. Schlechte Zeiten brachen für uns an... so dachte ich und ich fürchtete mich. Ich fürchtete mich sehr.
Jedoch, es kam anders. Überraschenderweise kamen Gabi und ich uns bald näher. Vergessen war der Fahrradüberfall einige Monate zuvor. Gabi konnte sich nicht mehr daran erinnern, dass ausgerechnet ich ihr Opfer gewesen war und entschuldigte sich im Nachhinein bei mir. Wir machten Unsinn im Unterricht, spielten kleine Geschichtchen mit unseren Pritt-Klebestiften, Füllerpatronenkugeln und Papierzeug und zogen auch schon mal nach der Schule zusammen rum. Gabi war nicht halb so dumm und primitiv, wie sie sich zuvor gegeben hatte. Mein Steckenpferd war damals schon die Rechtschreibung und ich schaute Gabi stets beim Schreiben über die Schulter und wies sie darauf hin, wenn sie einen Fehler machte. Ich half ihr bei den Hausaufgaben. Meine Freudinnen und ich waren zu ihrem Geburtstag eingeladen. Vorbei war die Zeit, als Gabi und Stefan das Viertel terrorisierten. Gabi war eine von uns geworden, war sozusagen zur guten Seite übergewechselt. Ja, sie war es nun, die uns gegen feindliche Angriffe verteidigte.
Zwei Jahre später zog Gabi mit ihrer Familie aus Berlin fort. Wir waren traurig. Und auch meine Freundin, Gabis Nachbarin, zog ein Jahr nach ihr in eine andere Stadt. Nach der Grundschulzeit war nichts mehr, wie es einmal wahr.
Einige Jahre später klingelte es an der Tür: Es war Gabi, die zu Besuch in Berlin war und mich besuchte. Sie hatte mich nicht vergessen. Wir blieben danach noch eine Zeit in Briefkontakt, dann hörte ich nichts mehr von ihr. Sie wird sicher ihren Weg gegangen sein, und ich denke, sie ist einen guten Weg gegangen.
(wird fortgesetzt - ich hab noch ein paar mehr Geschichten in der Art auf Lager)
Ihr dürft übrigens auch zu dem Thema schreiben, wenn eure Geschichte vor den 70-ern stattgefunden hat... so wie einst im Single-Strang