Vollständige Version anzeigen : Grauer Schnee
Peter Bean
28.08.2002, 15:20
Schmutz war immer und überall. Und es wurde in den Jahren immer schmutziger. Wenige Kilometer vor Görlitz lag das Braunkohlekraftwerk Hagenwerder, dessen Kühltürme neulich, einem Ballett gleich, synchron und für alle Ewigkeit in die Knie gingen. Dieses Kraftwerk zeichnete und prägte die Stadt zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die nicht sonderlich gute Braunkohle des Berzdorfer Reviers wurde dort nahezu ungefiltert verbrannt. Viele Kinder hatten immer Husten. Mit dreizehn Jahren schleppte ich eine Bronchitis ein knappes Jahr mit mir herum. Erst als wir in den Sommerurlaub nach Wandlitzsee fuhren, verschwand dieser eldendige, anstrengende Hustenreiz.
Der Ruß war allgegenwärtig. Er schwärzte die frisch gewaschenen Hemdkragen am Hals und die noch feuchte Wäsche auf der Leine. Wenn mein Vater seinen „dreielfer“ Wartburg mit westdeutschem Johnson&Johnson Superwax polierte und vom Dach zur Motorhaube wechselte, dann hatte sich bis zur endgültigen Politur in der Dachkante bereits eine deutliche Prise schwarzer Rußkrümel gesammelt. Dieser schwarze, körnige Dreck konnte aber wegen der hervorragenden Wachsqualität (mit Carnauba – dem härtesten Wachs der Welt) nicht haften und so erfüllte die Superpolitur ihren Zweck. Dass sie auch den Lack vor dem ätzend sauren Regen schützte, wussten wir so direkt nicht. Sauren Regen gab es nämlich eigentlich noch gar nicht. Der wurde erst später entdeckt. Allerdings nicht in der DDR. Deswegen hatten wir wahrscheinlich auch nicht so gute Autopolitur.Allerdings hatten wir die Probleme mit dem Ruß. Und wenn ich heute weiss, welch verheerende Wirkung Ruß im menschlichen Körper haben kann, wird mir Angst und Bange. Denn dieses Gift war überall.
Ich spürte das feine Rieseln auf dem Gesicht, wenn ich am Morgen zur Schule ging. Die Körner waren makroskopisch gross, also mit blossem Auge erkennbar. Man konnte die Hand aufhalten und zusehen, wie schwarze Krümel aus der Luft darauf landeten. Das alles landete ja aber nicht nur dort. Man atmete es ein und schluckte es herunter. Es war im Boden und im Wasser der Seen und Flüsse. Und es war auf dem Schnee. Schnee in meiner Kindheit war nie lange weiss. Schnell lagen diese schwarzen Rußpartikel darauf und machten den Schnee grau. Wenn er dann langsam schmolz, und die Rußkörnchen zurückblieben, wurde alles ein schwarzer, matschiger Dreck. Und wo er nicht schwarz wurde, wurde er braun von den alten, undichten Müllfahrzeugen, die die Tonnen von Feuerungsasche aus den ofenbeheizten Haushalten wegkarrten - wenn sie das mal taten.
Das unter Kindern beliebte Eiszapfenlutschen hatte meistens zur Folge, dass die Fracht aus Hagenwerder sich im Mund sammelte und seltsam knirschende Geräusche zwischen den Zähnen verursachte. Was juckte uns das schon. Es waren ja nur schwarze Krümel in einer ohnehin ziemlich grauen Umgebung. Wir waren eben nicht so zimperlich und verweichlicht wie die heutigen Gören. Hoffentlich müssen wir nicht noch eine Rechnung dafür bezahlen.
lunochod
29.08.2002, 10:39
Wolfgang Hilbig kann das aber besser.
Von wegen, Sie kleiner Gernegroß. Erzählen Sie sowas im Fritzchenland. Diese Geschichte wird jetzt gleich blau gemacht.Und das bedeutet mehr als ein Ingeborg Bachmann-Preis.
Werrnerr
29.08.2002, 23:32
Eine wirklich blaue Geschichte von Herrn Bean!
Im Herbst 1983 war ich in Weimar. Und zwar logierten wir im Jugendgästehaus "Maxim Gorki". Das ist heute eine Jugendherberge und heißt immer noch so. Wenn wir uns morgens duschten, hängten wir die Handtücher aus dem Fenster zum Trocknen. Danach machten wir unsere kulturellen Ausflüge und Führungen. Wenn wir am späten Nachmittag zurück kamen und die Handtücher wieder reinholten, waren die nicht nur nicht trocken, sondern auch dunkler gefärbt. Vor allem aber rochen sie abscheulich. Nach verbranntem feuchten Holz oder feuchten Blättern. So rochen aber nicht nur die Handtücher, so roch ganz Weimar.
Man kann jetzt natürlich fragen, warum wir denn die Handtücher aus dem Fenster hängten. Antwort: wir waren nur zwei Nächte dort. Und ehe wir die Zusammenhänge gecheckt hatten, waren wir schon auf dem Weg nach Leipzig.
Wer ist übrigens Wolfgang Hilbig?
@Werrner: es kann sein, daß wir in der gleichen Herberge waren, ich aber im November 88. Das war doch in der Vor-DDR-Zeit die Besitzervilla der Henkell-Sektkellerei (oder sollte ich mich täuschen?)
Auf dieser Studienfahrt (Eisenach, Weimar, Sächs.Schweiz) erlebten wir den grauen Schnee und die graue Luft live. Der typische DDR-Mief: Braunkohlequalm, Zweitakterabgase und in Gebäuden dieses legendäre Reinigungsmittel. Keinem der Beteiligten ist dieser Geruch entfallen (die DDRler, die wir darauf ansprachen, wußten überhaupt nicht, was wir so intensiv rochen, sie hatten sich daran gewöhnt).
Weimar im Spätnovember, der Kohlenmöhm knirschte buchstäblich zwischen den Zähnen.
Der Siff in der Luft und auf den Straßen hatte zur Folge, daß unser Bus so verschmiert war, daß wir nach 3 Tagen nicht mehr aus den Fenstern sehen konnten.
Bei meinen eigenen DDR-Reisen zur Winterszeit war die Dreck-Intensität an den Fahrzeugen ein guter Indikator, zu erkennen, wie lange der jeweilige DDR-Besuch andauerte, ein beliebtes Gedankenspielchen bei der Grenz-Warterei. Leicht angebräunte Westwagen (der Siff war eher bräunlich) fuhren nur die Transitstrecke. Waren die Scheiben schon blind oder abgeputzt, handelte es sich um einen "richtigen" DDR-Reisenden - dann grinste man sich in der Grenzschlange in einer anderen Art an.
Deutlich entsinne ich mich, daß ich bei Ankunft im Osten jedesmal unwillkürlich die Luft angehalten habe. Sei es am Bahnhof Friedrichstraße, am Leipziger Hauptbahnhof (Herbstmesse 88) oder an der Autobahnabfahrt Eisenach West (für DDRler unerreichbar, denn sie gehörte schon zum Sperrbezirk), jedesmal hielt ich die Luft an - irgendwann merkte ich, daß man weiteratmen mußte, denn der Gestank war überall.
Werrnerr
30.08.2002, 10:17
@Elwood
Ja, es ist wahrscheinlich, dass es dieselbe Herberge war. In Weimar gab/gibt es drei Herbergen, wovon eine wirklich so aussieht wie eine herrschaftliche Villa. Und das ist "Maxim Gorki". Wenn ich in meiner Unordnung das DJH-Verzeichnis finde, werde ich das mal prüfen.
Peter Bean
30.08.2002, 10:54
Vielen Dank für die lobende Kritik - aber Elwood, ob die Geruchsbelastung von Berlin West nach Ost am Grenzübergang Friedrichstrasse so abrupt zunahm, dass man kaum noch atmen konnte, wage ich zu bezweifeln. Die besagten Reinigungsmittel kann man heute übrigens noch ab und zu in ostdeutschen Jugendherbergen wahrnehmen.
Die unglaublichste Belastung der Umwelt und des Körpers habe ich im frühen Winter 1985 erfahren. Wir mussten bei der NVA unsere Ausbildung zum Unteroffizier auf Zeit in Bad Düben unterbrechen und wurden wegen der dramatischen Temperaturen und Schneefälle in den Arbeitseinsatz in die Braunkohle geschickt. Wie ich die Braunkohlefabrik in Espenhain bei Leipzig erlebte, ist eine eigene Geschichte - dagegen ist das alles, mit Verlaub, Kinderkacke ...
Freundlichst, Bean.
lunochod
30.08.2002, 11:28
Unteroffizier? Aha.
Streithaehnchen
30.08.2002, 11:55
Sie sprechen in Rätseln, lunochod.
Jetzt sagen Sie doch mal, was sie wollen, oder schweigen Sie.
rron calli
30.08.2002, 12:03
Sie ist ein Cleverle, Streithähnchen. Ein keckes Ding, das auch mal provoziert, weil, hey, "wir sind eben so". Sie ist die fleischgewordene du-darfst-Werbung, frech, jung und irre drauf.
Eine Frau wie ich.
Nein, Moment, das war unglücklich formuliert. Ich muss nochmal drüber nachdenken. Meld mich gleich wieder.
Ach, eins noch: Das ist eine ganz tolle Geschichte, Herr Bean.
Streithaehnchen
30.08.2002, 13:35
Ja, wenn das so ist, dann habe ich dem natürlich nichts entgegenzusetzen. Ihr kessen Dinger, Ihr!
Aber die Geschichte hat mir auch gefallen, Pter Bean.
Wie ist dieser Satz zu verstehen?
- - -
Wir mussten bei der NVA unsere Ausbildung zum Unteroffizier auf Zeit in Bad Düben unterbrechen und wurden wegen der dramatischen Temperaturen und Schneefälle in den Arbeitseinsatz in die Braunkohle geschickt.
- - -
Bedauern Sie die Unterbrechung der wichtigen Ausbildung?
Wollen Sie sich reinwaschen, indem die eigentliche Botschaft nur eingestreut ist: "Wir mussten bei der NVA."?
DerCaptain
30.08.2002, 15:09
Äh, wieso sollte sich Herr Bean reinwaschen wollen?
Streithaehnchen
30.08.2002, 15:22
Gute Güte, lasse.n, jetzt seien Sie doch nicht so vedammt selbstgerecht!
Wenn ich's recht weiß, war es mit Wehrdienstverweigerung in der DDR nicht so weit her.
Peter Bean
30.08.2002, 15:32
Warum sollte er nicht fragen? Lasse.n wir ihn doch!
Bedauern? Im Kontext der Situation damals war die Kaserne in Bad Düben mitsamt dem Drill allemal besser als dieser lebensgefährliche Job in der Kohle bei minus 15 Grad, einem verdreckten, von der Nachtschicht angewärmten Matratzenlager und dem absuluten Mangel an Alkohol und Urlaub. Das Ganze ging 7 Wochen, wenn ich mich richtig erinnere.
Für alle weitergehenden Fragen zu meinem Wehrdienst:
Einhundertundsechs Meter Flur (http://www.alles-bonanza.net/forum/showthread.php?threadid=15154)
Freundlichst, Bean.
Mr. Bean,
die "Einhundertundsechs Meter Flur" haben mir sehr gefallen. Ähnliche Geschichten, jedoch bei weitem nicht so schön erzählt, hörte man ja ziemlich oft. Während des obligatorischen Militär-Einschubs in das Studium kam das gehäuft, mit dem Ziel die Lachhaftigkeit dieser neuerlichen Maßnahme zu unterstreichen und sich gegenseitig zu trösten.
Froh bin ich auch darüber, dass Sie sich nicht von vornherein durch meine Fragen angegriffen fühlten, denn sie waren nicht so gemeint.
Nur dieses "Wir mussten bei der NVA" sprang mir in´s Auge. Als vollständigen Aussagesatz traue ich den zum Beispiel Ihrem Freitag aus Bad Düben zu. Blöd genug war er ja.
lunochod
30.08.2002, 19:58
Der Geruch in diesem Keller ist auch nicht gerade besser geworden: zu dem von Ruß und Autopoliturwachs ist inzwischen noch der Gestank von schweißigen Knobelbechern dazugekommen.
Ihre Geschichte habe ich nicht getadelt, Herr Bean. Vielleicht nervt mich nur der letzte, larmoyante Satz. Was wollen Sie dafür, Mitleid? Ich weiß es nicht.
@Streithähnchen: lunochod ist vom Mond (oder Mars?)
versucht, sich an die Briefmarkensammlung zu Kinderzeiten zu entsinnen. Da war mal was mit einer Sondermarke
@Peter Bean: Nicht so, daß man nicht atmen konnte, aber man spürte den Unterschied, allein der Trabi-Abgase wegen.
Wo wir gerade bei dem Thema West-Berlin sind: wie wurde in der NVA-Ausbildung auf die Gefühle und Vorstellungen der DDRler eingegangen, wenn sie Westler auf den Transitstrecken fahren sahen (auf der alten F 5 quer durch über die Dörfer), wenn die Flieger im Anflug auf Tegel über über Ost-Berlin deutlich zu sehen waren? Ich meine die realen Erfahrungen, nicht die Bilder aus dem bösen Westfernsehen.
Wehr- und Zivildiensterfahrungen kann man auch im entsprechenden Strang im 80er Forum (Seite 3) nachlesen, allerdings sind nur Erfahrungen von Westlern verewigt.
@an alle: die ernstgemeinte Frage, wann für Euch klar war, daß die DDR untergehen wird.
Bei mir war es, als Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft stand.
Nach der Maueröffnung verwunderte mich der Wunsch Vieler, "Das Beste aus beiden Staaten" ins gemeinsame Deutschland einzubringen. Als Westler mit einiger DDR-Erfahrung grübelte ich, was sich denn im Westen in Richtung Osten verändern sollte - und warum. Mir fiel nichts ein. Okay, der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz, auch war eine Sorte Erdbeerjoguhrt leckerer als die meisten Westprodukte. Aber dann verließen sie ihn.
Erschreckenderweise gibt es noch heute Leute, die meinen, daß die soziale Sicherheit im Osten besser war, völlig verkennend, daß all diese Wirtschaftsdaten auf einem gigantischen Lügengebilde basierten, mit dem sich die DDR selbst betrog (und den Rest der Welt auch,von wegen zehntgrößte Wirtschaftsmacht und so). Ich lese gerade interessante Bücher zu dem Thema durch. Einigen Verantwortlichen "ganz oben" war schon Ende der 70er Jahre klar, daß die DDR spätestens Mitte/Ende der 80er ökonomisch zusammenbrechen wird, was dann letztlich auch geschah. Es war aber verboten, dies publik zu machen.
Peter Bean
30.08.2002, 21:19
@lunochod: der satz mit der kinderkacke larmoyand? vielleicht haben sie recht - war aber nicht so gemeint. gemeint war allein das ausmaß an dreck - dagegen war der graue schnee kinderkacke.
@elwwod: mir war es klar, als ich am 7. oktober 1989 auf der stargader strasse in berlin stand und sah, wie hilflos und aggressiv die büttel und bepos (bereitschaftspolizisten = wehrpflichtige) sich dort benahmen. ich nahm das alles wie in einem film wahr. am nächsten tag wusste ich vielleicht nicht, dass die ddr verschwinden, aber dass sie nie mehr die alte sein würde. eine großartige zeit.
seltsam, wie meine kindheitserinnerung an den körnigen dreck manches gemüt erregt...
was passiert erst, wenn ich über die wirklich gemeinen dinge schreibe, z.b. die geschichte "studienjahr und butterkrise".
freundlichst, bean.
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