DrMusic
27.06.2003, 23:37
Es war irgendwann gegen Ende der 80er Jahre. Das ZDF hatte seinerzeit eine nachmittägliche Studiosendung mit Namen „tele-illustrierte“. Das war eine Art Boulevardmagazin, mit aktuellen Beiträgen aus den Ländern und am Ende gab es meistens eine Musikeinlage. Die Sendung wurde immer live und vor Publikum (meist Besuchergruppen, Vereine oder Senioren) ausgestrahlt.
Als musikalische Gäste wirkten Schlagersänger, Chöre oder (eher selten) auch mal ein etwas bekannterer internationaler Künstler mit. Der kleine Showteil wurde in der Regel etwa 1-2 Stunden vor Ausstrahlung für Kameraeinstellungen und Regie in einem kurzen Durchlauf mit Playback geprobt, alles andere war Routine.
Soviel zur Vorgeschichte.
An einem Nachmittag stand auf dem Sendeablauf als musikalischer Gast der Name Rex Gildo. Der Sendetermin rückte unaufhaltsam näher, aber von Herrn Gildo war weit und breit noch nichts zu sehen und Handys gab es damals ja noch nicht.
Der Aufnahmeleiter vergewisserte sich noch mal an der Pforte, ob Herr Gildo nicht vielleicht doch schon da war, vielleicht auf dem Weg ins falschen Studio. Doch Fehlanzeige.
Nervös rauchte der Regisseur (ein Berliner Original) eine Zigarette nach der anderen.
Dann endlich die Nachricht von der Pforte: „Der Wagen mit Herrn Gildo sei soeben auf’s Gelände gefahren und müsste jeden Augenblick vor dem Studio auftauchen“.
Erleichterung. Eine hektische Dame, ganz in schwarz gekleidet, stellte sich kurz als seine Managerin vor und entschuldigte sich für die Verspätung (nuschelte irgendwas von Verspätung des Fliegers und viel Verkehr...). Dann stieg Herr Gildo aus dem Wagen und wurde sofort in die Maske gebracht.
Das Studioteam war stand by, alle Kameras besetzt, Regisseur und Bildmischerin am Platz und der Aufnahmeleiter schaute auf die Uhr und da kam Herr Gildo auch schon neben seiner Managerin durch die Studiotür. Die Proben konnten beginnen. Kamera auf Anfang und Playback ab!
Gildo stand angelehnt an einer der kleinen Zuschauertribünen und blickte starr nach vorne. Das Band lief und er stieg mit kleiner Verzögerung ein. In der Bildregie sahen wir uns verwundert an. Reichlich asynchron, was da zu sehen ist. „Noch mal auf Anfang, bitte!“, kam es über Kommando aus der Regie ins Studio und „Herr Gildo, bitte gehen sie während der erste Strophe von der kleinen Tribüne bis zur Markierung in der Mitte, damit Sie der Spot beim Refrain verfolgen kann“ Da bleiben Sie dann bitte und singen die zweite Strophe“.
„Playback ab!“ Gildo versemmelte schon wieder den Einstieg und machte sich in kleinen Schritten auf den Weg von der kleinen Tribüne in die Studiomitte.
Der Gang sah sehr unsicher aus und zweimal musste er am Handgeländer der Tribüne Halt suchen. Der Rest war mehr ein Wanken, als ein Gehen.
Der Regisseur wurde sauer, verliess den Regieraum und rannte die Treppe hinunter ins Studio. „Das geht so nicht!“ Die Frage, ob er (Gildo) denn Alkohol getrunken habe, erübrigte sich, denn eine deftige Schnapsfahne zog sich bereits durchs Studio. Gildo sagte gar nichts, er hatte mittlerweile teilnahmslos auf einem der Zuschauerstühle Platz genommen.
„Wir müssen schnell Ersatz holen, Herr Gildo tritt heute nicht auf, verkündete der Regisseur.“
Da eilte eine erboste Managerin herbei und schimpfte fragend, warum Herr Gildo auf einmal nicht mehr auftreten solle? Da schaltete sich der Aufnahmeleiter ein und sagte, Herr Gildo sei „sichtlich angetrunken und könne sich ja kaum noch auf den Beinen halten, geschweige denn 10 Meter geradeaus gehen“.
Die Managerin wurde nun wild und schrie lauthals, dass es eine Unverschämtheit sei, so etwas zu behaupten und dass Herr Gildo nichts getrunken habe und er nur deshalb so unsicher gehen würde, da er ein Nervenleiden habe und gerade heute wieder Schmerzen verspüre. Sie wiederholte es insgesamt dreimal. Ein Nervenleiden sei das, der arme Herr Gildo hätte sich so bemüht, aber manchmal ginge es einfach nicht besser.
Der Regisseur hat sich allerdings auf keine Diskussionen eingelassen und den Auftritt definitiv abgesagt. Mittlerweile stand das ganze Team im Studio und die Schnapsfahne war mehr als deutlich wahrzunehmen. Herr Gildo schlummerte inzwischen auf der Tribüne vor sich hin und war kaum mehr ansprechbar.
Die Redaktion rief daraufhin (glaub ich) ein Folklore-Duo aus einem Mainzer Vorort an, welches anstelle des Trunkenboldes auftreten solle. Es gab nämlich immer 2 oder 3 „Ersatzkünstler“ und da ja die Musikbeiträge immer per Playback eingespielt wurden, klappte es mit dem Ersatz auch sehr schnell. Die Künstler (meist Chöre oder lokale Künstler) kannten das Studio und waren schnell abrufbereit.
Eine kurze Regiebesprechung mit Kamera und Licht, Stellprobe mit dem Duo – alles fertig für die Live Sendung.
Die Zuschauer haben von dem ganzen Theater nichts mitbekommen, sie warteten zu diesem Zeitpunkt noch vor den Toren des Studios.
Seit diesem Tag hiess Rex Gildo bei uns nur noch „der Mann mit dem Nervenleiden“ und ich erwische mich immer noch dabei, wenn ich mal alte Showauftritte mit ihm im TV sehe, dass ich auf seinen Gang starre und ob ich wohl das Nervenleiden entdecke...
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Als musikalische Gäste wirkten Schlagersänger, Chöre oder (eher selten) auch mal ein etwas bekannterer internationaler Künstler mit. Der kleine Showteil wurde in der Regel etwa 1-2 Stunden vor Ausstrahlung für Kameraeinstellungen und Regie in einem kurzen Durchlauf mit Playback geprobt, alles andere war Routine.
Soviel zur Vorgeschichte.
An einem Nachmittag stand auf dem Sendeablauf als musikalischer Gast der Name Rex Gildo. Der Sendetermin rückte unaufhaltsam näher, aber von Herrn Gildo war weit und breit noch nichts zu sehen und Handys gab es damals ja noch nicht.
Der Aufnahmeleiter vergewisserte sich noch mal an der Pforte, ob Herr Gildo nicht vielleicht doch schon da war, vielleicht auf dem Weg ins falschen Studio. Doch Fehlanzeige.
Nervös rauchte der Regisseur (ein Berliner Original) eine Zigarette nach der anderen.
Dann endlich die Nachricht von der Pforte: „Der Wagen mit Herrn Gildo sei soeben auf’s Gelände gefahren und müsste jeden Augenblick vor dem Studio auftauchen“.
Erleichterung. Eine hektische Dame, ganz in schwarz gekleidet, stellte sich kurz als seine Managerin vor und entschuldigte sich für die Verspätung (nuschelte irgendwas von Verspätung des Fliegers und viel Verkehr...). Dann stieg Herr Gildo aus dem Wagen und wurde sofort in die Maske gebracht.
Das Studioteam war stand by, alle Kameras besetzt, Regisseur und Bildmischerin am Platz und der Aufnahmeleiter schaute auf die Uhr und da kam Herr Gildo auch schon neben seiner Managerin durch die Studiotür. Die Proben konnten beginnen. Kamera auf Anfang und Playback ab!
Gildo stand angelehnt an einer der kleinen Zuschauertribünen und blickte starr nach vorne. Das Band lief und er stieg mit kleiner Verzögerung ein. In der Bildregie sahen wir uns verwundert an. Reichlich asynchron, was da zu sehen ist. „Noch mal auf Anfang, bitte!“, kam es über Kommando aus der Regie ins Studio und „Herr Gildo, bitte gehen sie während der erste Strophe von der kleinen Tribüne bis zur Markierung in der Mitte, damit Sie der Spot beim Refrain verfolgen kann“ Da bleiben Sie dann bitte und singen die zweite Strophe“.
„Playback ab!“ Gildo versemmelte schon wieder den Einstieg und machte sich in kleinen Schritten auf den Weg von der kleinen Tribüne in die Studiomitte.
Der Gang sah sehr unsicher aus und zweimal musste er am Handgeländer der Tribüne Halt suchen. Der Rest war mehr ein Wanken, als ein Gehen.
Der Regisseur wurde sauer, verliess den Regieraum und rannte die Treppe hinunter ins Studio. „Das geht so nicht!“ Die Frage, ob er (Gildo) denn Alkohol getrunken habe, erübrigte sich, denn eine deftige Schnapsfahne zog sich bereits durchs Studio. Gildo sagte gar nichts, er hatte mittlerweile teilnahmslos auf einem der Zuschauerstühle Platz genommen.
„Wir müssen schnell Ersatz holen, Herr Gildo tritt heute nicht auf, verkündete der Regisseur.“
Da eilte eine erboste Managerin herbei und schimpfte fragend, warum Herr Gildo auf einmal nicht mehr auftreten solle? Da schaltete sich der Aufnahmeleiter ein und sagte, Herr Gildo sei „sichtlich angetrunken und könne sich ja kaum noch auf den Beinen halten, geschweige denn 10 Meter geradeaus gehen“.
Die Managerin wurde nun wild und schrie lauthals, dass es eine Unverschämtheit sei, so etwas zu behaupten und dass Herr Gildo nichts getrunken habe und er nur deshalb so unsicher gehen würde, da er ein Nervenleiden habe und gerade heute wieder Schmerzen verspüre. Sie wiederholte es insgesamt dreimal. Ein Nervenleiden sei das, der arme Herr Gildo hätte sich so bemüht, aber manchmal ginge es einfach nicht besser.
Der Regisseur hat sich allerdings auf keine Diskussionen eingelassen und den Auftritt definitiv abgesagt. Mittlerweile stand das ganze Team im Studio und die Schnapsfahne war mehr als deutlich wahrzunehmen. Herr Gildo schlummerte inzwischen auf der Tribüne vor sich hin und war kaum mehr ansprechbar.
Die Redaktion rief daraufhin (glaub ich) ein Folklore-Duo aus einem Mainzer Vorort an, welches anstelle des Trunkenboldes auftreten solle. Es gab nämlich immer 2 oder 3 „Ersatzkünstler“ und da ja die Musikbeiträge immer per Playback eingespielt wurden, klappte es mit dem Ersatz auch sehr schnell. Die Künstler (meist Chöre oder lokale Künstler) kannten das Studio und waren schnell abrufbereit.
Eine kurze Regiebesprechung mit Kamera und Licht, Stellprobe mit dem Duo – alles fertig für die Live Sendung.
Die Zuschauer haben von dem ganzen Theater nichts mitbekommen, sie warteten zu diesem Zeitpunkt noch vor den Toren des Studios.
Seit diesem Tag hiess Rex Gildo bei uns nur noch „der Mann mit dem Nervenleiden“ und ich erwische mich immer noch dabei, wenn ich mal alte Showauftritte mit ihm im TV sehe, dass ich auf seinen Gang starre und ob ich wohl das Nervenleiden entdecke...
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