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Vollständige Version anzeigen : Ersatzteile und schlechter Sex


graumauser
10.08.2003, 12:01
Da war euer allseits beliebter Ol' graumi mal wieder auf einer Reise, die ihn - berufliches mit privatem Tun verquickend - ins schäbige, übelriechende Frankfurt führte.

Die Kinder dabei, denen hatte ich schließlich das Senckenberg-Museum versprochen, mit den ganzen Dinosauriern drin.

Erster Halt auf dem beschrankten Parkplatz eines Autohauses mit Stern. Mein Fuhrpark muß ab und zu gewartet werden, und ich hatte ein paar ebenso seltene, wie teure Teile bestellt.

Die Halle aus Marmor und Glas, lichtdurchflutet, geräuschgedämpft, klimatisiert, grünbepflanzt - nobelnobel. Einen Kaffee, der Herr? Mögt ihr beiden ein Bonbon? Ich lehne eingedenk meines Blutdrucks ab, dafür stopfen sich die Kinder die Taschen voll. Brav.

Dann werden wir zum Sachbearbeiter geleitet. An vier Schreibtischen, derer sich der alte Hurst nicht hätte schämen brauchen, werden Ersatzteile für den guten Stern auf Deutschlands Straßen verkauft.

Nur einer der Arbeitsplätze - es ist Mittagszeit - wird von einem Mercedesmann bewacht. Knapp zwei Meter groß, dürr, teigige Gesichtsfarbe, Schnäuzer. Magenkrank, denke ich. Und: er steht kurz vor der Detonation, das spüre ich.

Auch wenn ich noch nicht dran bin.

Vor mir schlängelt sich ein schwarzbehaarter Mensch auf den Ledersessel, den mir die Hosteß gerade anbieten wollte. Sie kuckt irritiert. Ich schenke ihr mein Samstagabendlächeln, und trete höflich zurück in die zweite Reihe. Ich kann warten, hauche ich ihr zu. Sie mustert meine Kinder, denkt sich wahrscheinlich: oder auch nicht, und läßt uns allein.

Ja, der Schwarzhaarige ist nun dran. Was darf es denn sein, Ali, faucht der Magenkranke.

Ali zeigt mit den Händen etwa einen halben Meter, fast senkrecht, und radebrecht: Swei vom dem fier hintän, und ein Däggäl fier wo Eel.

Der Magenkranke kriegt einen sehr roten Kopf. Haut mit der flachen Hand, und voller Wucht, auf seine Tastatur.

Siehstdudes, Ali? kreischt er, so, daß alle Köpfe im Ballsaal herumfliegen. Siehst du des?

Er haut mit der flachen Hand oben auf seinen Monitor, so, daß es im Gebälk ächzt.

Des issen Computer, Ali, verstehste? Des issen Computer, un kei Kristallkuchel, Ali, verstehste?

Betretenes Schweigen in den heiligen Hallen. Meine Tochter sieht mich groß an, und flüstert: Papa! Will die Mamma net mit dem schmusen? Ich grinse, flüstere ihr ins Ohr: der hat bestimmt schlecht gefickt, mache dann schnell psst, aber der Magenkranke brüllt schon weiter:

Wo hasten dein Scheißkarrn, Ali? Steht der noch im Balkan, oder wenigstens uffem Gelände hier? Also los, hopphopp, zeichmerma, was los is. Springt auf, und stürzt, vor Ali her, durch die gläserne Pforte auf den riesigen Hof.

Ein inzwischen alarmierter Verkäufer eilt auf mich zu, und bearbeitet meinen Wunsch, sich die Pizzakrümel dezent vom Revers klopfend, mit ausgesuchter Zuvorkommenheit. So, wie ich das gewohnt bin.

Während ich dann an der Kasse bezahle, stürmt der Magenkranke wieder durch die Drehtür herein. Brüllt, mit seinen großen Händen einen senkrechten dreiviertel Meter zeigend: So mächter. Muß mer sich ma vorstelle. Soooo mächter. Un was willer? En Stoooßdämpfer willer! Muß mer sichemal vorstelle!

Meine Tochter flüstert der Kassiererin, während sie weitere Bonbons in ihren Taschen verstaut, verschwörerisch zwinkernd zu: Der Mann hat schlecht gefickt, sacht mein Pappa. Mein Pappa schreit auch manchmal so.

Es gibt Situationen, in denen sind Nichtväter und Opelfahrer eindeutig im Vorteil.


g.

Zazie
11.08.2003, 12:19
Graumi, alter Rosstäuscher, du hier im ehemaligen Keller? Gib's zu, so ganz authentisch ist die Geschichte nicht. Du hast deiner Tochter doch nicht wirklich was von "schlecht gefickt" ins Ohr geflüstert, oder?

graumauser
11.08.2003, 23:08
Dochdoch. Alles wahr.

Und wo sind eigentlich die anderen Kasper alle hin? Das mit dem Pappenschisma habe ich ja mitgekriegt, war auch zu erwarten, aber was für und wieviele Subforen oder Splitterchats sind denn nun entstanden?

Und wo sind meine Freunde Walter, Cohn und Wahn hindeportiert worden?

Mach mich mal schlau, Zaz, altes Wonneweib.


g.

Zazie
11.08.2003, 23:57
"Wonneweib", wow! So hat mich noch nie jemand geschumpfen.

Tja Graumi, die Herren wirst du hier kaum finden. Walter ist hier ab und zu als Auge von der Teekanone zugange und kabbelt sich leidenschaftlich mit PTS. Herr Cohn schreibt nicht mehr bzw. darf auch nicht mehr und Herrn Wahn verschlägt es selten und falls doch nur zum Gucken hierher.

Schau, das mit den Subforen ist schnell erklärt: Hier der ehemalige Keller, dort die Pappen. Insofern war deine Geschichte hier nicht ganz topic, weil hier ja eigentlich welche reinsollen, die den jeweiligen Zeitgeist widerspiegeln. Nun, jetzt weißt du's und kannst ja dann nächstes Mal einen Schwank aus deiner Jugend hier loswerden.

graumauser
12.08.2003, 02:10
Ach, das ist ja alles fast ein bißchen traurig, das.

Der Cohn darf nicht mehr schreiben? Dieser Itzig, der keiner Fliege was zuleide tun kann? Nee, das glaube ich nicht.

Ja, die Teekanone kam mir bekannt vor.

Hm.

Das heißt also unterm Strich, die möchtegernelitären Worthülsenfaschisten schlagen sich jetzt im "Höflichen Pappen"-Forum gegenseitig tot, und hier ist tote Hose. Stimmt das so? Und warum nur?

Eigentlich wollte ich gar nicht mit dir chatten, aber schön isses doch. Ist alles so weit weg, so lange her. Fühl dich lieb geknuddelt.


g.

Zazie
12.08.2003, 13:18
Oh, danke! Nun denn, wenn wir hier schon chatten, dann richtig.

Ja Graumi, so ungefähr isses. Unter Langeweile leiden wir hier dennoch nicht, wohl ist dieses Subforum aber nicht jedermanns Sache. Daher ja auch die Trennung, so braucht kein Pappe sich je wieder darüber aufzuregen, wenn etwa Spleens Name ständig ganz oben in den neuesten Beiträgen steht. Wer jetzt hierher kommt, weiß, auf was er sich einlässt.

Was machen die Trakehner? Wie viele neue Fohlen hast du dieses Jahr?

graumauser
12.08.2003, 18:40
Ach, Zaz, die Hitze brennt mir das wenige Hirn dürr, es ist alles so neu, so anders, so komisch, als wenn man lange Zeit im Ausland war, und kommt in sein altes Jugendzimmer zurück, und da hängt noch Robert Plant neben Barrry Sheene an der Wand.

Ich bin eigentlich gar nicht mehr der graue Mauser von früher, viel zuviel ist passiert, ich war nur ein bißchen neugierig, eigentlich, etwas schadenfroh auch, und jetzt bin ich ein klein bißchen verliebt, das vibriert so in der Luft, und kitzelt im Bauch, ach Zazie, du hast mich auf dem falschen Fuß erwischt.


Über Fohlen mag ich später erzählen, vielleicht, nein, ganz bestimmt, und ich würde jetzt gerne die Witwe in deinem Nabel perlen sehen.


g.

graumauser
12.08.2003, 19:03
Ja, und weil ich kein Spielverderber sein will, hier also noch ein Schwank aus den Siebzigern.



Die Jugend sucht sich manchmal seltsame Idole.

Ich bewunderte beispielsweise meine Fahrlehrer, allesamt.

Mit fünfzehn machte ich den Vierer, für's Kleinkraftrad, so hieß das damals noch. Dazu war nur theoretischer Unterricht erforderlich, die Praxis konnte man sich schließlich selber beibringen - ich fuhr da schon ein Jahr lang schwarz auf meiner Honda Dax, und hin und wieder die XT 500 eines älteren Kumpels.

Die Theoriestunden fanden zweimal wöchentlich im Souterrain einer Apotheke statt, einem kargen Raum, etwa 40 Quadratmeter groß, und eingerichtet wie eine Grundschulklasse: ein Pult, davor dann einige Reihen Holztische mit Holzstühlen. Eine riesige Magnettafel an der Stirnwand. Völlig vergilbte Gardinen komplettierten die Einrichtung - sie verdeckten den Blick auf einige automobiltechnische Schnittmodelle, die auf der Fensterbank ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Da es sich dabei um Fahrzeuge mit untenliegenden Nockenwellen handelte, fand ich sie ohnehin wenig interessant.

Diese theoretischen Zusammenkünfte liefen nun dergestalt ab, daß die eingesammelten Fragebögen der vorherigen Kongregation öffentlich ausgewertet wurden. Für mich ein Quell ewigwährender Heiterkeit. Denn es waren ja nicht nur die zwei, drei Mopedfahrer anwesend: zu dieser Zeit, Mitte der Siebziger, setzte in Deutschland ein Motorisierungsboom ein, der alle möglichen sozialen Gruppen in die Fahrschulen spülte. Gastarbeiter aus Griechenland und Italien, graue Herren kurz vor oder nach der Pensionierung, und, als schlimmste Plage, die deutsche Hausfrau.

So unterschiedlich die Herkunft der Fahrschüler, so unterschiedlich auch das Motiv, einen Führerschein besitzen zu wollen. Träumte Costas davon, mit seinem Ford oder Opel im Triumphzug in sein hellenisches Dörfchen einzurollen, so wollten die älteren Herrschaften zumeist die Landstriche noch einmal sehen, die sie seinerzeit im Wehrmachtspanzer durchrollt hatten. Dafür hatte ich Verständnis. Costas, Georgio und Heinz hatten ein Ziel vor Augen. Einen Traum. So, wie ich.

Mein Traum hieß damals: Double Overhead Camshaft und doppelte, gelochte Scheibenbremse.

Für eine andere Bevölkerungsgruppe hieß es hingegen: Zentralheizung, fließend Wasser, Waschmaschine, Schnellkochtopf, Telefon, das hab ich alles, jetzt wird Auto gefahren. Mit anderen Worten: die übliche Hausfrau fand plötzlich Zeit, Fahrschulen zu bevölkern. Die Fahrschule war der erste, echte Emanzipationstreffpunkt des zwanzigsten Jahrhunderts. Vorläufer des Töpferkurses, der Ikebanagruppe, der Selbserfahrungswerkstatt, der Schwangerschaftsgymnastik.

Und dies zur Verzweiflung der Fahrlehrer und zur Erheiterung des sonstigen, zahlenden Publikums.

Die damals üblichen Fragebögen wurden im Unterricht, wie schon gesagt, etwa eine halbe Stunde vor Schluß ausgeteilt. Auf das "Los" des Fahrlehrers fingen wir dann an, die Kreuzchen zu machen, und beim unerbittlichen Kommando "Haaaaalt" mußten dann auch die Damen ihre schriftstellerischen Aktivitäten sofort einstellen. Die Bögen wurden vorne abgegeben, sagen wir mal: Montags, und am Donnerstag war dann die Stunde der Wahrheit.

Mein erster Fahrlehrer war auch gleichzeitig der Besitzer der damals einzigen Fahrschule im Ort, ein gedrungener Watz, so um die sechzig, noch volles, schwarzes Haar, und immer - wirklich, immer - eine qualmende Zigarre im Mundwinkel.

Er nahm also den obersten Bogen, hielt ihn gegen das Neonlicht, und sprach, ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen, durch die blaugraue Wolke:

"Giorgio, du aal Rübesau, isch waaß ja, deß des mit der Vorfahrt für disch so e Sach is, abber in Dschörmänie werd des dorsch Schilder bestimmt, un net vom Don, also gucke mer uns jetz all mitenanner die Schilder nochemal oo".

Es folgten flugs die Nullfehlerbögen der Mopedfahrer und der Graumelierten: "Uff eusch kammer ja stolz sei, macht mer kei Schand in de Brüfung, des fällt alles uff misch zurick.....", und dann, ja dann:

"Ach, des Frollein Christel. Isch wollt ja eischentlisch die Woch noch en Termin mit Ihne ausmache, fier die erst Fahrstund, awwer des lasse mer ma liewer, achtunsibbzisch Fehlerpunkte von hunnertfuffzisch mööschlische, net schlecht...., naa, net schlescht......", und weiter, zur jungen Mutter:

"Horschemal, Mädsche, isch waaß ja net, wieviel Männer du schon geküßt hast, awwer wenn du bei deiner Brüfung net dorschfalle willst, do könnt des vielleischt net ganz lange, den Briefer nor zu küsse....bei deene Böösche.....Menschmensch......"

Das Finale. Opfer war immer eine pausbäckige Mittvierzigerin, die die Fragen auf den Bögen zwar ebenso auswendig gelernt hatte, wie die entsprechenden Antworten, aber wenn es ernst wurde, also Montags oder Donnerstags, geriet sie in Panik, und machte die Antwortkreuzlein so, wie gelernt - nur jeweils bei völlig anderen Fragen.

"Monika, Monika. Ach mei Määdsche.

Isch muß eisch jetzemol was erzähle, von de letzt Fahrstund mit de Monika.

Also, mir fahrn in Lange uff die Audobahn, des musse ja aachemol mache, nach dreiunsibbzisch Fahrstund, un da schaltse in de Dritte.....isch waaß garnet, ob die vorher schonnemal im Dritte wor......un dann habbisch gesacht, Määdsche, jetzt fahrn mer achtzisch, jetzt mußtemal in de Vierte schalte.....un da kuckte se misch an, un frääscht, wo issen der......unn isch saach, ei, noch e bissi runner mittem Knüppel.......hähä.......un da schafft die des doch daadsäschlisch, bei achtzisch Sache den Rickwärtsgang neizuhaache......des dud en SCHLAACH, un mir fahrn uff eimol mit achtzisch Sache rickwärts......uff de Audobahn......."

Lähmendes Entsetzen im Auditorium.

"So, unn des nääschstemool erzähl isch eisch, wie mer so e Situation dann widder bereinischt, scheene Obend, macht's gut."

Monika hatte dann immer einen roten Kopf.

Und ich vergötterte ihn, diesen, meinen ersten Fahrlehrer, der ein Jahr später zu Tode kam. Sein Schwiegersohn, der die lukrative Fahrschule dann freilich auch übernahm, fand ihn eines Morgens, den Schädel eingeschlagen, wahrscheinlich eventuell möglicherweise vom herabfallenden Garagentor?, wie die Polizei ermittelte.



Weitermachen?


g.

Zazie
12.08.2003, 19:07
Neugierig? Schadenfroh? Sogar verliebt? Huchagott!

Aber glaub mir, die Trennung der beiden Foren ist schon richtig und wichtig gewesen. Und über Fohlen und Prickelndes in Bauchnabeln kannst du dann ja wieder berichten, wenn's dir besser geht. Morgen soll's ja endlich Abkühlung geben.

geht nach draußen, Regentanz machen

Zazie
12.08.2003, 19:09
Huppsa, Crossposting. Jetzt muss ich erst mal lesen.

graumauser
12.08.2003, 19:19
Ach Zaz, neinnein, der Nabel der Welt gehörte DIR vor ein paar Minuten, für ein paar Minuten, einfach so, und nur so, ich fühlte mich halt so, und eine Melodie von Ideal geisterte durch meinen kochenden Schädel.


g.

Zazie
12.08.2003, 22:44
"Du schaust mich an ich fall in Hypnose du spielst mit dem Feuerzeug"? Ach nee, ich glaube wohl eher "Der Horizont rückt näher und was keiner weiß, jeder will das Eine, doch dafür ist's zu heiß..."

Spleen
17.08.2003, 20:00
Ist das der Teil vom Siebziger-Teeniepartystrang, wo die Polonäse ins Nebenzimmer eiert und mit viel Schadenfreude ein "privates" Gespräch stört? Tätäääääää! Tschuuuldigung!

"Hier fliegen gleich die Löcher aus´m Käse..."