graumauser
08.09.2003, 15:10
Hallo, Zaz. Da habe ich den zweiten Teil.
Es nahte die Volljährigkeit, und damit die Möglichkeit, das Fahren von richtigen, echten, großen Zweirädern zu legalisieren. Vermittels des Führerscheins Klasse Eins, den man aber meistens mit dem "Dreier" kombinierte.
Obwohl, Autofahrer wollten wir ja eigentlich nicht werden, allesamt, war doch eindeutig Barry Sheene unser leuchtendes Vorbild - Sheene, der verrückte Engländer, mit Donald Duck vorne auf dem Helm, der, wenn er nicht gewann, seine Fünfhunderter spektakulär in den Dreck warf. Sieg oder Tod, das verstanden wir, und als ich Barry einige Jahre später mal persönlich traf, hatte er kaum noch einen heilen Knochen im Körper. Die zehn Kilo Übergewicht, die er grinsend verkündete, resultierten aus Schrauben, Nägeln, Platten und Schienen.....
Nachdem die alteingesessene, örtliche Fahrschule, ihres Seniorchefs ja beraubt, mittlerweile zurecht im Ruf stand, Gastarbeiter und Hausfrauen nur zur Prüfung zuzulassen, wenn sie mindestens siebzig Fahrstunden absolviert und bezahlt hatten, kam uns der Neue sehr gelegen.
Der Neue: ein Fahrlehrer von Gottweißwoher, ein bißchen Björn Borg mit seinem blonden Langhaar, geschieden, und seine Tochter ging plötzlich auf unsere Schule. Auch blond, groß, elfenhaft und wunderschön, so schüchtern wie unnahbar - aber wir ahnten, so ganz tief drinnen, im Jungmannenkörper, daß unter der metallischen Oberfläche ein Vulkan kochen mochte. Mancher Bischof hätte für sie seine Kirche abgefackelt.
Eine neue Fahrschule also, ganz in der Nähe des Gymnasiums. Und der Fahrlehrer mit dem Tennislook hatte nicht nur eine Wahnsinnstochter, er war auch Motorradfahrer.
Unfaßbar: wo in der alten Fahrschule eine Zündapp und eine uralte CB 200 ihren rostigen Dienst versehen mußten, standen bei dem Neuen eine blitzende CB 400 Four, und, für die Erfahreneren, eine Z 900 mit weißlackierter Vier-in-Eins-Auspuffanlage. Autofahrenlernen mußte man nicht in einem kackbraunen Golf, wie bei der Konkurrenz, sondern in einer BMW-Limousine mit ordentlich Kabumm unter der Haube.
Wir trafen uns immer öfter bei der neuen Fahrschule, brachten die Mopeds mit, fachsimpelten, die ersten Absolventen wußten nur Gutes zu berichten. Wir durften ein paar Runden auf den Feuerstühlen drehen, der Chef - ich nenne ihn mal Roger, aber bitte deutsch aussprechen, also mit "g", statt "dsch" - gab Tips und Hinweise, dann sperrte er uns in seinem Hof ein und holte das Binding aus dem Keller.
Wir waren damals irgendwie die Elite, wir hatten sogutwie Abitur, wir standen mit einem Bein im Studium - das ließen wir immer mal ein bißchen raushängen, und Roger, das ahne ich heute, schmückte sich ganz gerne mit uns. Außerdem kriegte er auf diese Weise einen Haufen williger, achtzehnjähriger Schülerinnen unter seine Fittiche. Das war uns aber egal, es war ihm gegönnt, denn er prahlte ja nie damit - nein, er lud uns Jungs, die wir mittlerweile zur Prüfung angemeldet waren, zu sonntäglichen Motorradtouren ein, es wurden ihm wirklich immer die neuesten Modelle der großen Firmen zur Probe vor die Tür gestellt, und wir düsten auf Siebenhundertfünfzigern und Tausendern durch den Odenwald.
Es war der Himmel. Es paßte alles. Das Leben war Urlaub.
Als Gegenleistung erwartete Roger von uns, daß wir seinen theoretischen Unterricht aktiv mitgestalteten. Das hieß zum Beispiel: er fragte eine dauergewellte Mittdreißigerin, die sich offensichtlich in die falsche Fahrschule verirrt hatte, was denn "Bremsen" sei.
Na? Hm?
Während zarte Röte die Wangen der Dame erglühen ließ, schnippten wir mit den Finger, ich weißes, ich weißes - na, dann sag's doch:
"Negative Beschleunigung!"
So richtig, wie nichtssagend diese Antwort war, so geeignet war sie doch auch, der konsternierten Dame begreiflich zu machen, daß sie nicht im richtigen Etablissement verkehrte.
Und erwähnt werden muß natürlich noch mein Elmar, der es schaffte, in seiner allerersten Autofahrstunde beim Anfahren den BMW zweimal um die Hochachse zwirbeln zu lassen, den Ellenbogen lässig aus dem Fenster hängend, die Reifen des blauen Bayern quietschend und rauchend.....ich schwöre, Elmar war nie schwarz gefahren, nie, dazu war er zu feige, er war einfach ein Fan von "den Straßen von San Francisco", und den Rest erledigten die bayerischen Pferde......also, auf die Frage von Roger, was DAS denn war, bitteschön kuckte Elmar verdutzt, und sagte: "Na, des war en Powerslide....."
Auf meiner Rechnung fanden sich später eine Motorrad- und vierzehn Autostunden, das waren damals so um die neunhundert Mark, und jede Mark für diese Ausbildung war es wert, doppelt und dreifach wahrscheinlich.
g.
Es nahte die Volljährigkeit, und damit die Möglichkeit, das Fahren von richtigen, echten, großen Zweirädern zu legalisieren. Vermittels des Führerscheins Klasse Eins, den man aber meistens mit dem "Dreier" kombinierte.
Obwohl, Autofahrer wollten wir ja eigentlich nicht werden, allesamt, war doch eindeutig Barry Sheene unser leuchtendes Vorbild - Sheene, der verrückte Engländer, mit Donald Duck vorne auf dem Helm, der, wenn er nicht gewann, seine Fünfhunderter spektakulär in den Dreck warf. Sieg oder Tod, das verstanden wir, und als ich Barry einige Jahre später mal persönlich traf, hatte er kaum noch einen heilen Knochen im Körper. Die zehn Kilo Übergewicht, die er grinsend verkündete, resultierten aus Schrauben, Nägeln, Platten und Schienen.....
Nachdem die alteingesessene, örtliche Fahrschule, ihres Seniorchefs ja beraubt, mittlerweile zurecht im Ruf stand, Gastarbeiter und Hausfrauen nur zur Prüfung zuzulassen, wenn sie mindestens siebzig Fahrstunden absolviert und bezahlt hatten, kam uns der Neue sehr gelegen.
Der Neue: ein Fahrlehrer von Gottweißwoher, ein bißchen Björn Borg mit seinem blonden Langhaar, geschieden, und seine Tochter ging plötzlich auf unsere Schule. Auch blond, groß, elfenhaft und wunderschön, so schüchtern wie unnahbar - aber wir ahnten, so ganz tief drinnen, im Jungmannenkörper, daß unter der metallischen Oberfläche ein Vulkan kochen mochte. Mancher Bischof hätte für sie seine Kirche abgefackelt.
Eine neue Fahrschule also, ganz in der Nähe des Gymnasiums. Und der Fahrlehrer mit dem Tennislook hatte nicht nur eine Wahnsinnstochter, er war auch Motorradfahrer.
Unfaßbar: wo in der alten Fahrschule eine Zündapp und eine uralte CB 200 ihren rostigen Dienst versehen mußten, standen bei dem Neuen eine blitzende CB 400 Four, und, für die Erfahreneren, eine Z 900 mit weißlackierter Vier-in-Eins-Auspuffanlage. Autofahrenlernen mußte man nicht in einem kackbraunen Golf, wie bei der Konkurrenz, sondern in einer BMW-Limousine mit ordentlich Kabumm unter der Haube.
Wir trafen uns immer öfter bei der neuen Fahrschule, brachten die Mopeds mit, fachsimpelten, die ersten Absolventen wußten nur Gutes zu berichten. Wir durften ein paar Runden auf den Feuerstühlen drehen, der Chef - ich nenne ihn mal Roger, aber bitte deutsch aussprechen, also mit "g", statt "dsch" - gab Tips und Hinweise, dann sperrte er uns in seinem Hof ein und holte das Binding aus dem Keller.
Wir waren damals irgendwie die Elite, wir hatten sogutwie Abitur, wir standen mit einem Bein im Studium - das ließen wir immer mal ein bißchen raushängen, und Roger, das ahne ich heute, schmückte sich ganz gerne mit uns. Außerdem kriegte er auf diese Weise einen Haufen williger, achtzehnjähriger Schülerinnen unter seine Fittiche. Das war uns aber egal, es war ihm gegönnt, denn er prahlte ja nie damit - nein, er lud uns Jungs, die wir mittlerweile zur Prüfung angemeldet waren, zu sonntäglichen Motorradtouren ein, es wurden ihm wirklich immer die neuesten Modelle der großen Firmen zur Probe vor die Tür gestellt, und wir düsten auf Siebenhundertfünfzigern und Tausendern durch den Odenwald.
Es war der Himmel. Es paßte alles. Das Leben war Urlaub.
Als Gegenleistung erwartete Roger von uns, daß wir seinen theoretischen Unterricht aktiv mitgestalteten. Das hieß zum Beispiel: er fragte eine dauergewellte Mittdreißigerin, die sich offensichtlich in die falsche Fahrschule verirrt hatte, was denn "Bremsen" sei.
Na? Hm?
Während zarte Röte die Wangen der Dame erglühen ließ, schnippten wir mit den Finger, ich weißes, ich weißes - na, dann sag's doch:
"Negative Beschleunigung!"
So richtig, wie nichtssagend diese Antwort war, so geeignet war sie doch auch, der konsternierten Dame begreiflich zu machen, daß sie nicht im richtigen Etablissement verkehrte.
Und erwähnt werden muß natürlich noch mein Elmar, der es schaffte, in seiner allerersten Autofahrstunde beim Anfahren den BMW zweimal um die Hochachse zwirbeln zu lassen, den Ellenbogen lässig aus dem Fenster hängend, die Reifen des blauen Bayern quietschend und rauchend.....ich schwöre, Elmar war nie schwarz gefahren, nie, dazu war er zu feige, er war einfach ein Fan von "den Straßen von San Francisco", und den Rest erledigten die bayerischen Pferde......also, auf die Frage von Roger, was DAS denn war, bitteschön kuckte Elmar verdutzt, und sagte: "Na, des war en Powerslide....."
Auf meiner Rechnung fanden sich später eine Motorrad- und vierzehn Autostunden, das waren damals so um die neunhundert Mark, und jede Mark für diese Ausbildung war es wert, doppelt und dreifach wahrscheinlich.
g.