graumauser
30.10.2003, 17:05
Naja, da ich größeren Hunger hatte, bin ich gestern abend auf Verdacht in eine Pizzeria gegangen.
Es war nicht so ein Ladenlokal, wo man dir den Pappkarton in die Hand drückt, und "Fieraachzig" entgegenranzt, sondern ein richtig schöner, gemütlicher Italiener, mit gedeckten Tischen, Kerzlein, halbwegs geschmackvollen Bildern neben dem Juve-Wimpel, und gutem Chianti im Regal.
So richtig was zum Wohlfühlen, zum Seelebaumelnlassen, zum anständig futtern, das habe ich gleich gemerkt. Sowas spürt man. Bella Italia.
Da saß ich also, ganz entspannt, meine Calzone für Siebenfünfzig und einen Salat im Ranzen, und wartete auf mein Tiramisu. Ich süffelte an einem leckeren Roten.
Ein Duo betrat die Lokalität, und nahm am Nachbartisch Platz. ER: definitiv Bänkerlehrling, aufgrund des pastellfarbenen Sakkos wahrscheinlich Sparkasse, etwa 19, 20, Oberlippenflaum, Pickel, groß und schlaksig. SIE: seine Freundin? Seine Schwester? Klein und goldig, so ein Knuffelmädchen halt, wo man auch mal gerne Hand anlegen mag.
ER: Herr Ober, haben sie uns überseeee-hen?
Das machte ihn definitiv zum Arschloch, weil er gerade mal dreißig Sekunden saß.
SIE: Mensch, wart halt mal.
Der Wirt kam heran, mit freundlicher Miene, legte zwei Karten vor das Paar: was wolle trinke die beide Hibschen?
ER: also, meine Freundin (laut betont!) da, die kriegt ne Cola, und ich, ich, ääääääh, also ich nehm ein Bitter Lemon, ein Bitter Lemon, ja.
SIE: Neinnein, ich hätte gern einen Lambrusco, dankeschön, und, zu IHM, sehr leise: sachma, du trinkst doch sonst nur Fanta, weißt du eigentlich, was Bitter Lemon überhaupt is?
ER: hatte auf einmal krapplackrote Ohren, und schwieg tapfer.
Der Wirt brachte meine Nachspeise, und die Getränke an den Nachbartisch. Was möööchte esse die junge Herrschafte?
ER: also, meine Freundin (laut betont!) da, die kriegt einen großen Salat, die Achtundvierzig, und die Pasta mit Dingsda, mit, äääääh, zeigen sie doch nochma die Karte, genau, die Vierunddreißig. Uuuuuuund ich, ich krieg die Achtzehn (das war die hervorragende Calzone, die ich gerade vertilgt hatte!), aaaaaber, ohne die Zwiebeln, und ohne Erbsen, und ohne Knoblauch, und ohne Käse, uuuuuuund, ach ja, ohne den Schinken, weil ich habe schließlich morgen früh gleich ganz einen wichtigen Termin, und da kann ich nicht stinken wie ein Schafhirte, haha.
Der Wirt schaute IHN an, dann seine Freundin, sie schaute hilflos zurück, ihm schwoll der Kamm, man konnte es fühlen, nein, sehen konnte man es, er schaute mich an, und rödelte los: senza! Senza! Senza! Das isse keine Pizza mehr! Das isse eine Brot mit Tomatemark! Willst du niiicht lieber eine Brot mit Ketchup, he?
ER: Neinnein, sie haben mich schon recht verstanden. Machen sie das ruhig so, wie ich es bestellt habe, dafür sind sie ja da.
Der Wirt schob verächtlich ab, und ich wußte, das wird nicht das letzte Kapitel sein. Der junge Mann nippte an seiner Bitter Lemon, und erwartungsgemäß verzog er das Gesicht. Was ist DAS denn?
SIE (schnippisch): was du bestellt hast.
ER lehnte sich nun lässig auf seinem Stuhl zurück, uns inspizierte die Gaststätte. Ganz Mann von Welt. Die Grandezza des Sparkassenlehrlings.
Das arme Mädchen.
Während ich mein Tiramisu (ein Gedicht! Ganz frisch zubereitet!) vom Löffel lutschte, brachte der Wirt das Essen an den Nachbartisch. Stoischer Gesichtsausdruck. Gute Appetit! Ich flirtete mit der kleinen Knuddligen, so mit den ganz kurzen, lachenden Blicken, ihr wißt schon. Sie war dankbar.
ER: was ist DAS denn? Er zog den Teigfladen, der ein bißchen Tomate beinhaltete, und ein paar Gewürze möglicherweise, weit auseinander. Das ist doch keine Pizza?
SIE: Das ist das, was du bestellt hast. Wenn du KEINE AHNUNG HAST, DANN GEH HALT ZU MCDONALDS, WIE SONST AUCH! (Das Lokal wurde aufmerksam.) Dann, zischend: hörmal, es reicht jetzt, ich geh gleich.
ER: schnibbelte, tapfer kauend, an seinem Teiglappen herum. Knallrote Wangen. Knallroten Kopf, eigentlich.
Ich hatte zwischenzeitlich schon bezahlt, aber blieb noch ein wenig sitzen, den letzten Schluck des Roten in die Länge ziehend. Ich wußte, da kam noch was.
Es kam die Rechnung für das Paar, und, wie zu erwarten, gab der junge Mann die Parole aus: ich zahle alles zusammen, Herr Ober! Er studierte den Zettel, wurde erst noch roter, und dann laut: wollen sie mich betrügen, Herr Ober? Ich hatte die Pizza Gonzales bestellt (sagte er wirklich), und die kostet genau, und exakt Sieben Euro Fünfzig, und nicht Zehn Euro, Mann, soll ich die Polizei rufen?
Seiner Freundin fiel das Gesicht in die Bluse, sie sah mich hilfesuchend an, ich zuckte mit den Schultern. Sie tat mir leid.
Der Wirt zog die Speisekarte aus der Tasche seiner Schürze, die er, da bin ich sicher, nur zu diesem, einen Zweck dort hineingestopft hatte, legte sie, gaaaaaanz laaaaaaangsaaaaaam vor den kleinen Bänker, zeigte mit einem Finger auf eine Stelle und sagte: Si, Calzone Siebenfinfzig. Er zeigte, und ein seliges Lächeln machte sich auf seinem neapolitanischen Antlitz breit, auf eine andere Stelle der Karte: da! Änderunge des Pizzabelags finfzig Cent pro Zutat, senza Swiebel, senza Gnoblauch, senza Schinke, senza Erbse, senza Formaggio, macht zehn Euro, der junge Herr.
Ich schwebte innerlich auf einer rosa Wolke.
Der Bengel kramte in seiner Geldbörse, der Kopf mittlerweile von der Farbe eines Stopschildes, äääääh, kann ich mit EC-Card bezahlen, Herr Ober?
Nein, isse nischt möööglisch, duuut mir leid. So grinst nur ein Italiener, schön.
ER, mit nun tiefkupferfarbener Gesichtshaut, zu IHR: du, sachma, kannst du mir mal zwei Euro leihen?
SIE stand auf, mit völlig verächtlichem Gesichtsausdruck, dieser kleine Knuddel, dieses sympathische Wonneweib, drückte dem Wirt einen Zehn-Euro-Schein in die Hand, sagte: stimmt so, der kriegt das sowieso nicht geregelt, und, zu IHM: und wenn du mir jetzt nachrennst, du Armleuchter, sag ichs deiner Mutter, lachte den Wirt nochmal an, lachte mich nochmal an, und rauschte, ihren Anorak wie eine Fahne hinter sich herziehend, aus der Tür.
Ab.
Fort.
Das junge Sparschwein saß wie erschlagen da. Der Wirt stellte ihm, erkennbar frohgelaunt, eine mindestens doppelte Grappa hin: da! Auf Koste des Hauses! Mit gute Gäste mache wir das immer!
Ich schaute den Wirt an. Der Wirt schaute mich an. Wir beide wußten, daß der kleine Pisser in seinem Leben noch an keinem Schnaps gerochen hatte. Ich grinste. Er grinste.
ER weinte, und kippte den Schnaps hinein.
Ich verließ das Lokal, einen hustenden, röchelnden Sparkassenlehrling, und einen fröhlichen Wirt im Rücken.
Juve!
g.
Es war nicht so ein Ladenlokal, wo man dir den Pappkarton in die Hand drückt, und "Fieraachzig" entgegenranzt, sondern ein richtig schöner, gemütlicher Italiener, mit gedeckten Tischen, Kerzlein, halbwegs geschmackvollen Bildern neben dem Juve-Wimpel, und gutem Chianti im Regal.
So richtig was zum Wohlfühlen, zum Seelebaumelnlassen, zum anständig futtern, das habe ich gleich gemerkt. Sowas spürt man. Bella Italia.
Da saß ich also, ganz entspannt, meine Calzone für Siebenfünfzig und einen Salat im Ranzen, und wartete auf mein Tiramisu. Ich süffelte an einem leckeren Roten.
Ein Duo betrat die Lokalität, und nahm am Nachbartisch Platz. ER: definitiv Bänkerlehrling, aufgrund des pastellfarbenen Sakkos wahrscheinlich Sparkasse, etwa 19, 20, Oberlippenflaum, Pickel, groß und schlaksig. SIE: seine Freundin? Seine Schwester? Klein und goldig, so ein Knuffelmädchen halt, wo man auch mal gerne Hand anlegen mag.
ER: Herr Ober, haben sie uns überseeee-hen?
Das machte ihn definitiv zum Arschloch, weil er gerade mal dreißig Sekunden saß.
SIE: Mensch, wart halt mal.
Der Wirt kam heran, mit freundlicher Miene, legte zwei Karten vor das Paar: was wolle trinke die beide Hibschen?
ER: also, meine Freundin (laut betont!) da, die kriegt ne Cola, und ich, ich, ääääääh, also ich nehm ein Bitter Lemon, ein Bitter Lemon, ja.
SIE: Neinnein, ich hätte gern einen Lambrusco, dankeschön, und, zu IHM, sehr leise: sachma, du trinkst doch sonst nur Fanta, weißt du eigentlich, was Bitter Lemon überhaupt is?
ER: hatte auf einmal krapplackrote Ohren, und schwieg tapfer.
Der Wirt brachte meine Nachspeise, und die Getränke an den Nachbartisch. Was möööchte esse die junge Herrschafte?
ER: also, meine Freundin (laut betont!) da, die kriegt einen großen Salat, die Achtundvierzig, und die Pasta mit Dingsda, mit, äääääh, zeigen sie doch nochma die Karte, genau, die Vierunddreißig. Uuuuuuund ich, ich krieg die Achtzehn (das war die hervorragende Calzone, die ich gerade vertilgt hatte!), aaaaaber, ohne die Zwiebeln, und ohne Erbsen, und ohne Knoblauch, und ohne Käse, uuuuuuund, ach ja, ohne den Schinken, weil ich habe schließlich morgen früh gleich ganz einen wichtigen Termin, und da kann ich nicht stinken wie ein Schafhirte, haha.
Der Wirt schaute IHN an, dann seine Freundin, sie schaute hilflos zurück, ihm schwoll der Kamm, man konnte es fühlen, nein, sehen konnte man es, er schaute mich an, und rödelte los: senza! Senza! Senza! Das isse keine Pizza mehr! Das isse eine Brot mit Tomatemark! Willst du niiicht lieber eine Brot mit Ketchup, he?
ER: Neinnein, sie haben mich schon recht verstanden. Machen sie das ruhig so, wie ich es bestellt habe, dafür sind sie ja da.
Der Wirt schob verächtlich ab, und ich wußte, das wird nicht das letzte Kapitel sein. Der junge Mann nippte an seiner Bitter Lemon, und erwartungsgemäß verzog er das Gesicht. Was ist DAS denn?
SIE (schnippisch): was du bestellt hast.
ER lehnte sich nun lässig auf seinem Stuhl zurück, uns inspizierte die Gaststätte. Ganz Mann von Welt. Die Grandezza des Sparkassenlehrlings.
Das arme Mädchen.
Während ich mein Tiramisu (ein Gedicht! Ganz frisch zubereitet!) vom Löffel lutschte, brachte der Wirt das Essen an den Nachbartisch. Stoischer Gesichtsausdruck. Gute Appetit! Ich flirtete mit der kleinen Knuddligen, so mit den ganz kurzen, lachenden Blicken, ihr wißt schon. Sie war dankbar.
ER: was ist DAS denn? Er zog den Teigfladen, der ein bißchen Tomate beinhaltete, und ein paar Gewürze möglicherweise, weit auseinander. Das ist doch keine Pizza?
SIE: Das ist das, was du bestellt hast. Wenn du KEINE AHNUNG HAST, DANN GEH HALT ZU MCDONALDS, WIE SONST AUCH! (Das Lokal wurde aufmerksam.) Dann, zischend: hörmal, es reicht jetzt, ich geh gleich.
ER: schnibbelte, tapfer kauend, an seinem Teiglappen herum. Knallrote Wangen. Knallroten Kopf, eigentlich.
Ich hatte zwischenzeitlich schon bezahlt, aber blieb noch ein wenig sitzen, den letzten Schluck des Roten in die Länge ziehend. Ich wußte, da kam noch was.
Es kam die Rechnung für das Paar, und, wie zu erwarten, gab der junge Mann die Parole aus: ich zahle alles zusammen, Herr Ober! Er studierte den Zettel, wurde erst noch roter, und dann laut: wollen sie mich betrügen, Herr Ober? Ich hatte die Pizza Gonzales bestellt (sagte er wirklich), und die kostet genau, und exakt Sieben Euro Fünfzig, und nicht Zehn Euro, Mann, soll ich die Polizei rufen?
Seiner Freundin fiel das Gesicht in die Bluse, sie sah mich hilfesuchend an, ich zuckte mit den Schultern. Sie tat mir leid.
Der Wirt zog die Speisekarte aus der Tasche seiner Schürze, die er, da bin ich sicher, nur zu diesem, einen Zweck dort hineingestopft hatte, legte sie, gaaaaaanz laaaaaaangsaaaaaam vor den kleinen Bänker, zeigte mit einem Finger auf eine Stelle und sagte: Si, Calzone Siebenfinfzig. Er zeigte, und ein seliges Lächeln machte sich auf seinem neapolitanischen Antlitz breit, auf eine andere Stelle der Karte: da! Änderunge des Pizzabelags finfzig Cent pro Zutat, senza Swiebel, senza Gnoblauch, senza Schinke, senza Erbse, senza Formaggio, macht zehn Euro, der junge Herr.
Ich schwebte innerlich auf einer rosa Wolke.
Der Bengel kramte in seiner Geldbörse, der Kopf mittlerweile von der Farbe eines Stopschildes, äääääh, kann ich mit EC-Card bezahlen, Herr Ober?
Nein, isse nischt möööglisch, duuut mir leid. So grinst nur ein Italiener, schön.
ER, mit nun tiefkupferfarbener Gesichtshaut, zu IHR: du, sachma, kannst du mir mal zwei Euro leihen?
SIE stand auf, mit völlig verächtlichem Gesichtsausdruck, dieser kleine Knuddel, dieses sympathische Wonneweib, drückte dem Wirt einen Zehn-Euro-Schein in die Hand, sagte: stimmt so, der kriegt das sowieso nicht geregelt, und, zu IHM: und wenn du mir jetzt nachrennst, du Armleuchter, sag ichs deiner Mutter, lachte den Wirt nochmal an, lachte mich nochmal an, und rauschte, ihren Anorak wie eine Fahne hinter sich herziehend, aus der Tür.
Ab.
Fort.
Das junge Sparschwein saß wie erschlagen da. Der Wirt stellte ihm, erkennbar frohgelaunt, eine mindestens doppelte Grappa hin: da! Auf Koste des Hauses! Mit gute Gäste mache wir das immer!
Ich schaute den Wirt an. Der Wirt schaute mich an. Wir beide wußten, daß der kleine Pisser in seinem Leben noch an keinem Schnaps gerochen hatte. Ich grinste. Er grinste.
ER weinte, und kippte den Schnaps hinein.
Ich verließ das Lokal, einen hustenden, röchelnden Sparkassenlehrling, und einen fröhlichen Wirt im Rücken.
Juve!
g.