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dernil
20.02.2004, 17:02
The Future of Print

So, das war leicht. Das Internet ist ja doch eine gute Sache. Auf www.visitenkarten.nez muss man in dem Formular nur seine persönlichen Daten eingeben, dann ein Layout auswählen, die gewünschte Stückzahl und seine Kreditkartennummer eingeben. Dann wählt man noch ein Printshop in der Nähe aus, fertig. Per E-Mail gibt es einen kurzen Code zurück, den man bei der Abholung angeben muss. Rucki zucki geht das und so billig. Printing on Demand heißt das. Mir war so danach. Von den letzten Karten habe ich sicher 10 Stück verteilt. Es hätten mehr werden können, aber ich habe meinen Handy-Betreiber gewechselt. UMTS ist jetzt angesagt. Nun brauche ich nur noch meine Visitenkarten im Printshop abholen. Ich muss sowieso in die Stadt, das liegt auf meinem Weg. Meine Creditcard darf ich nicht vergessen. Ohne Kreditkarte kriege ich sie nicht. Da könnte ja jeder kommen und meine Kärtchen entführen.

Also, raus aus dem Haus. Draußen brüllt die Hitze. Mein Gott, die Klimakatastrophe ist eine Last. Schnell hinein in mein neues Auto, dessen Konfiguration ich auch im Internet zusammengestellt habe - Highline cool, TDI, ABS, ASR, ESP, EBV, EDS, GPS, Design Leder und Wurzelholz, eh klar, und Radio "gamma".

(Aus dem Prospekt für Radio "gamma": Mit der serienmäßigen Radioanlage "gamma" erhalten Sie beste HiFi-Technik für ungetrübtes Musikvergnügen. Die Radioanlage "gamma" bietet insgesamt 30 Speicherplätze für FM-, MW- oder Verkehrsfunk-Sender, das komfortable Radio-Daten-System (RDS) und ein Autoreverse-Cassettenlaufwerk mit mikroprozessorgesteuerten Cassettenlaufwerk sowie ein Traffic Information Memory (TIM). Optimalen Raumklang garantieren 4 x 20 Watt Leistung und insgesamt acht Lautsprecher: je zwei Hochtöner und zwei Mittel-/Tieftöner vorn sowie hinten. Für einen perfekten Diebstahlschutz sorgt das abnehmbare Bedienteil.)

Start, die Climatronic schnurrt, gleich wird es angenehm kühl sein. Radio "gamma" lasse ich Manu Chao spielen, "King of the Bongo", bißchen globalisierungskritisch. In 15 Minuten bin ich in der Stadt. Na ja, am Außenring staut es sich wieder einmal, sind bloß 300 Meter, die ich ihn befahren will, da hilft mir auch kein Navigationssystem, da muss ich durch. Nun gut, es sind 35 Minuten geworden, aber zum Finden des Printshops hat sich das Navigationssystem bewährt. Man bräuchte auch ein System um freie Parkplätze zu entdecken, in nächster Nähe war nichts zu finden. Hätte es doch so, wie meine Frau immer, probieren sollen, dass ich mir den Parkplatz beim Universum bestelle. Bei ihr funktioniert das immer: "Liebes Universum, halte für mich einen Parkplatz direkt vor dem Geschäft bereit". Es geht auch ohne Universum, zwei Einbahnstraßen weiter wartet meine Lücke zwischen den Autos. (Limousinen sind über Land super, beim Einparken in einer engen Nebenfahrbahn haben sie Nachteile.) Mit dem Mobile per SMS die Kurzparkbuchung getätigt, eine halbe Stunde reicht. Auf zum Shop. Hätte nicht gedacht, dass ich doch so entfernt parke, waren mindestens 3 Minuten zu Fuß - bei der Hitze. Aber was soll`s, ich muss ja nicht schwer tragen, die paar Visitenkarten.

Rein ins Shop. Draußen war es heiß mit Luft, drinnen ist es heiß ohne Luft. Das kommt von den großen Auslagescheiben, dass sich der kleine Raum so aufheizt. Werde halt die ganze Angelegenheit kurz halten. Kein Mensch zu sehen. Sieht aus wie im wunderbaren Waschsalon, Blechkästen mit winzigen Monitorfenstern, die an der Wand aufgereiht stehen, Plakate darüber mit Bedienungsanleitungen. Erster Kasten ist für Briefpapier, zweiter für Kuverts, dritter für mich - meine neuen Visitenkarten. Ich schau auf die Wand, um zu sehen was auf dem Bedienungsplakat steht. Das Plakat ist viersprachig gehalten, wie die Formularhilfen in den Spitalsambulanzen: deutsch, kroatisch, serbisch (kyrillisch) und türkisch. Keine Grafik nur Text.

Ich beginne mit Punkt 1: Der kleine Monitor sei berührungssensitiv, wird dort behauptet. Ist er auch, wenn man ihn berührt, gibt er viel Staub ab - und ein leises Grunzen. Der Bildschirm erhellt sich. Bernsteinfarbig, wie in den 80ern. Erkennen kann man nicht viel, da die Sonne durch die Auslage sehr blendet.

Punkt 2 am Plakat weißt mich an, meine persönlichen Daten über die Bildschirmtastatur einzugeben. Komisch, die Eingabemaske verlangt von mir die gleichen Angaben, die ich zu Hause schon im Internet bei www.visitenkarten.nez eingetippt habe. Was soll`s. Ich gebe halt alles noch mal ein und hole mir dabei schmutzige Fingerkuppen.

Punkt 3 teilt mir mit, dass ich etwas Geduld haben soll. Ein Rechenprozess wird bewältig. Das kann ich auch auf dem Monitor sehen. Ein blinkendes "loading" über einem sich langsam verändernden Statusbalken zeigt mir Prozentwerte an: 5%, lange nichts, 10%, lange nichts, usw. - die schnellsten Computer sind das nicht, sie sehen dafür aber sehr robust aus. Endlich ein Bild meiner Visitenkarte, sieht interessant aus. Kann man nehmen.

Punkt 4: Ich soll meine Kreditkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz stecken. Das mache ich auch. Am Monitor erscheint eine Auswahlliste für die Stückzahl. 50, 100, 200, 500 Stück. Ich nehme 50 Stück. Als Preis werden mir 12,00 Euro angegeben. Günstig, was? Mit der Entertaste bestätige ich meinen Wunsch, und schwups wird meine Kreditkarte eingezogen.

Punkt 5: Don`t panic. Wieder wird etwas Geduld verlangt. Da steht, meine Visitenkarten werden ausgegeben. Am Monitor bewegt sich der Statusbalken ganz langsam. Bald werden meine Karten heraus kommen. Ah, da tut sich was. Sirrend kommt aus dem Schlitz, der meine Kreditkarte aufgenommen hat, eine einzelne Karte hervor. Die geben die Karten einzeln aus? Da muss ich aufpassen, dass mir keine auf den Boden fällt. Offene Hand unter den Schlitz und - warten. Srrr, alle 10 Sekunden sieht eine Visitenkarte das Licht der Welt, die ich zufrieden in meine Hemdtasche stecke. Bin ich froh, dass ich nicht 500 Stück bestellt habe. Die 48. Karte bleibt stecken.

Sie steckt fest! Nur ein 5 mm weißer Streifen sieht hervor. Mit den Fingernägel versuche ich Geburtshilfe zu geben. Der Erfolg, ich kann nur kleine Papierschnitzel abreißen. Das Sirren wird zu einem Brummen. Ich probiere mit meinem Autoschlüssel nachzuhelfen. Das Brummen wird lauter, das Blech um den Ausgabeschlitz wird heiß. Als ob es hier drinnen nicht heiß genug wäre. Jetzt kokelt die 48ste vor sich hin. Beginnt zu qualmen. Was mach ich bloß? Meine Kreditkarte! Ich will sie wieder haben! Kein Mensch da, der mir helfen könnte. Ich trete in die Maschine. Das Brummen hört auf, der Rauch verzieht sich. Ich bin in Schweiß gebadet. Wenigstes die Höllenmaschine scheint zur Ruhe gekommen sein. Dann wird meine Kreditkarte auch nicht verkohlt sein.

Nochmals stecke ich meinen Autoschlüssel in den Schlitz und versuche die steckengebliebene Visitenkarte herauszufischen. Es fällt auch etwas verkohltes Papier heraus. Auch Öliges, vermischt mit feinen Metallspänen, klebt am Schlüssel. Nur nicht aufgeben. Es scheint, meine Manipulation ist von Erfolg gekrönt. Die Papierstücke, die herausfallen, werden immer größer. Bald habe ich die 48ste zur Hälfte rausgebracht. Da, der Schlüssel hat sich verhackt. Energisch gebe ich Gegendruck. Der Schlüssel löst sich gleich. Schnell heraus - die Spitze fehlt. Gnade!

Mir ist so heiß, ich dampfe, das Wasser rinnt mir in die Augen, meine Hände sind nass. Was tun? Mein Blick fällt auf das Plakat. Dort wird mit roten Lettern darauf hingewiesen, dass Unbefugte auf keinen Fall bei einer Betriebsstörung eigenmächtig Reparaturversuche unternehmen sollten. Als Hilfe ist eine 0-900er-Nummer angegeben. War blöd von mir, ich hätte sofort anrufen sollen.

Jetzt bin ich vernünftig, ich rufe dort an - wird schon kein Haus kosten. Schnell wähle ich mit meinem Mobile die Nummer, schnell kommt auch eine Verbindung zustande. "Hello, your are connected to the international automatic general help desk - Hallo, Sie sind mit dem internationalen automatischen General-Helpdesk verbunden", eine weibliche Automatenstimme mit vollkommen falschen, unnatürlichen Betonungen will mir etwas vorschlagen. "Choose one for english - wählen Sie zwei für deutsch". Schnell die 2 gedrückt. Die Stimme: "Wählen Sie 1 für allgemeine Informationen über die internationale automatische General-Helpdesk Inc., wählen sie 2 für Gebühreninformationen, wählen Sie 3 für Informationen über unsere Betriebszeiten, wählen Sie 4 um zum vorigen Menü zu gelangen, wählen Sie 5 um im Auswahlmenü weiter zu gelangen."

Ich bin neugierig, was mich das kosten wird und drücke die 2. Wieder: "Choose one for english - wählen Sie zwei für deutsch". Nochmal 2. Die internationale automatische General-Helpdesk Inc. verrechnet 85 Cent pro Minute erfahre ich sodann. Die Automatenstimme bedankt sich für meinen Anruf - und schweigt. Pause, lange Pause, es kommt nichts mehr. Keine Weiterleitung, kein Angebot einer Ziffer zur Auswahl. Ich muss wohl auflegen und neu wählen. Mir ist so heiß, das Handy glitscht regelrecht in meiner Hand. Ein paar Sekunden später bin ich wieder dort wo ich war. Diesmal wähle ich die 5, um im Auswahlmenü weiter zu kommen.

"Choose one for english - wählen Sie zwei für deutsch". Ich wähle 2. Die Stimme weiter: "Handelt es sich um ein kleines Problem, dann wählen Sie die 1, handelt es sich um ein mittleres Problem, dann wählen Sie die 2, handelt es sich um ein großes Problem, dann wählen Sie die 3." Was die unter einem kleinem Problem verstehen, interessiert mich jetzt. Ich probiere die 1. Wieder einmal: "Choose one for english - wählen Sie zwei für deutsch". Ich wähle 2. Die Stimme spricht: "Die Druckqualität entspricht dem Standard ISO-365-890-423-yh. Bitte hören sie unseren Disclaimer. Wählen Sie die 1." Pause, lange Pause. OK, ich drücke den Einser. Hier kann ich folgendes hören: "Due to international rights and specific US-law of IVC4-consortion we acclaim ..." Ich lege auf, das muss ich mir um mein Geld nicht anhören.

Also ein kleines Problem ist bei denen ein Mangel in der Druckqualität. Dann wird mein Problem wohl ein Großes sein. Ich wähle mich wieder vor an die Stelle, um mit 3 ein großes Problem auszuwählen. Wieder einmal: "Choose one for english - wählen Sie zwei für deutsch". Ich wähle 2. Es folgt nur ein Peep, Peep, die andere Stelle hat aufgelegt. Also mein Problem muss ein Mittlers sein. Schnell wieder hingewählt und 2 getippt. Wieder einmal: "Choose one for english - wählen Sie zwei für deutsch". Ich wähle 2. Die Stimme bietet mir an: "Sie haben ein ein mittlers Problem. Wählen Sie die 1, wenn Sie in den Angaben Ihrer Daten etwas Ändern wollen. Wählen Sie die 2, wenn Ihre Kreditkarte eingezogen wurde. Wählen Sie die 3, wenn Sie glauben, eine Funktionsstörung an der Druckmaschine wäre aufgetreten." Mir ist jetzt wirklich sehr heiß. Das Hemd klebt an meinem Oberkörper. Um die neuen Visitenkarten nicht aufzuweichen, lege ich sie oben auf den Blechkasten.

Meine Kreditkarte wurde eingezogen, das kann man wohl so sagen. Ich wähle mich zu dieser Auswahl, nur um zu erfahren, dass ich mich an mein Bankinstitut zu wenden hätte. Diesmal nehme ich die Auswahl mit der Option: "... , wenn Sie glauben, eine Funktionsstörung an der Druckmaschine wäre aufgetreten.". Die Automatenstimme klang ganz unbeteiligt: "Wählen Sie die 1, um unsere Tarife zu erfahren, wenn Sie unserer Soforthilfe in Anspruch nehmen wolle. Wählen Sie die 2, um unsere Tarife zu erfahren, wenn Ihnen mit einer Hilfe in den nächsten 24 Stunden gedient ist. Wählen Sie die 3, um unsere Tarife zu erfahren, wenn Ihnen mit einer Hilfe in den nächsten 5 Arbeitstagen gedient ist." Was soll ich machen, ich nehme die 1. Dort wird mir mitgeteilt, dass die Anfahrt des Servicedienstes per Kilometer 4,50 Euro kostet, mindestens aber 25 Euro, dass per Stunde Reparaturzeit 120 Euro verrechnet werden und dass 1 Stunde Arbeitszeit das Minimum wäre, das verrechnet würde. Mit Ziffer 1 könnte ich das Angebot annehmen, mit Ziffer 2 bleiben lasse. Ich entscheide mich für 1. Als Bestätigung erhalte ich ein SMS mit heutigem Datum und der aktuellen Uhrzeit und dem Inhalt, dass die Soforthilfe Nr. 6484 zum Printshop Nr. 01432 unterwegs wäre. Keine Angabe wann meine Hilfe eintreffen würde. Bin schon neugierig, was bei denen sofort bedeutet. ...

Spleen
22.02.2004, 20:13
Is dat lang!