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Vollständige Version anzeigen : Kunst und Architektur


goom
21.02.2000, 21:01
Beim Durchforsten Eurer Beiträge kommen mir (Jg.1967) natürlich auch mir all« die ZDF-Erinnerungen und Popmusikperlen hoch, die von unerfüllbaren Träumen kündeten ('Jeans on' von Davis Dundas berührte mich 1976 zutiefst).
Aus der tieferen Versenkung aber melden sich auch andere Prägungen, denen ich damals überhaupt keine Bedeutung beimessen konnte, heute aber umso mehr:
- Große retrospektive Ausstellungen (Caspar David Friedrich in Hamburg 1974, Tendenzen der Moderne in Berlin 1977) und eher abwegige Live-Konzerte (Klaus Schulze 1976, Ougenweide 1977).
- Hochhaussiedlungen, die damals für mich und meine Freunde die großartigsten Orte der Welt waren, zum Spielen (auch zum Kämpfen) und Wohnen. Wie viel negativer doch heute die Bewertung dieser letzten Ausläufer der Beton-Moderne ausfällt.
Auch ich bin inzwischen ein 'Renovierter Altbau Spiesser' geworden, dessen Jeans schwarz gefärbt sind.

Konstantin Opel
22.02.2000, 19:02
Meine Eltern kauften sich 1970 eine Eigentumswohnung im 11. OG eines Hochhauses, damals zum Gegenwert eines kleinen Reihenhauses und mit großem Stolz darauf, eine moderne und zukunftssichere Wohnform gewählt zu haben. Im Verhältnis zur heutigen Klein-Klein-Neubau-Architektur waren solche Wohnungen immerhin hell und meist vernünftig geschnitten, in der Regel auch mit großzügigen Kinderzimmern um 20qm. Es gab für Kids auch keine Probleme, schnell Anschluß zu finden, aber schon gegen Ende der 70er Jahre ein enormes soziales Gefälle. Niemals war dagegen zu spüren, was Architektur-Theoretiker damals warnend als Anonymität umschrieben; im Gegenteil: Die Strukturen im Hochhaus waren und sind der traditionellen Dorfgemeinschaft nicht unähnlich.Deshalb trifft meine Hochhaus-Kindheit auch kein Blick zurück im Zorn, ganz im Gegenteil: Wir hatten den spannendsten Abenteuer-Spielplatz weit und breit. Interessant finde ich heute den krassen Kontrast aus sachlicher Außen- und bewußt gemütlicher Innen-Architektur, den meine Eltern und viele ihrer Nachbarn der siebziger Jahre pflegten: Die Hochhaus-Wohnungen wurden konsequent im Landhaus-Stil eingerichtet, bei uns zu Hause mit spanisch inspirierten Möbeln und einer bäuerlich angehauchten Sitzgruppe, zu der auch ein nachträglich in den Raum installierter Fachwerk-Fake-Balken gehörte. Dazu erdfarbene Teppichböden und Wandanstriche und Einbauküchen aus dunklem Holz. Ich glaube, das verrät einiges über die Siebziger und ihr Zeitgefühl.
Die Wohnung meiner Eltern ist bis heute fast unverändert.

Firmian Maierhofer
24.02.2000, 01:07
Ich finde, es gibt -pauschaliert- drei Zonen im Hochhaus:
- außen sachlich;
- im Eingang/Lift sieht's oft aus wie im Ghetto;
- in den Wohnungen deutsche Gemütlichkeit (röhrender Hirsch über'm Sofa ;-)).
Ich spreche natürlich von Mietwohnungen, in die - als für die Mittelschicht Hochhauswohnungen 'out' waren - zunehmend Sozialfälle einzogen.
Da Deine Eltern eine Eigentumswohnung haben, wird das soziale Problem dort sicher nicht so evident sein.
Wobei für mich persönlich 'Anonymität' nichts Negatives ist. Mir (wohne in vierstöckigem Haus im 'bürgerlichen' 18. Wiener Gemeindebezirk) ist zB wirklich wurscht, wie die anderen Leute im Haus heißen, und erst recht, ob sie ein außereheliches Verhältnis haben und welches Auto sie fahren. Und ich tue mir schwer mit so Blockwarttypen, die glauben, alles aus meinem Privatleben wissen zu müssen. So auf einem richtigen Dorf, das würde ich sicher nicht aushalten.

Bluejack
08.04.2000, 23:00
Unsere Stadt am linken Niederrhein feierte 1972 ihr 600jähriges Bestehen. Abgesehen davon, dass mir in unvergesslucher Erinnerung bleiben wird, wie der rote Doppeldeckerbus mit Cindy und Bert darin just vor unserem Haus Station machte - dies zum Thema Kunst in den siebzigern - leistete sich unsere Stadt ein neues Veranstaltungszentrum, das Seidenweberhaus. Wenn ich mich recht erinnere, basierte das Logo der 600-Jahr-Veranstaltungen auf einem Sechseck. Diese geometrische Figur war auch die Grundlage für das Seidenweberhaus: aneinandergefügte Sechsecke. Als Kinder genossen wir das Spielen in den Treppenhäusern und auf den verschachtelten Terrassen. Dabei glänzt der Bau bis heute im schönsten Sichtbetonstil der Siebziger.
Als neulich Hans Dieter Hüsch dort auftrat, ergriff mich leise Wehmut. Nicht nur Hüsch hatte Patina angesetzt, sondern auch der - wie man am Niederrhein sagt - 'flammneue' Bau der Kinder- und Jugendzeit.

Seufz, meint BJ