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Vollständige Version anzeigen : Antiautoritäre Erziehung


redselig
15.03.2000, 16:52
Bekennt sich eigentlich noch jemand dazu, antiautoritär erzogen worden zu sein? Und spürt Ihr die Folgen noch?

Milliways
15.03.2000, 21:06
Ich glaube, damals hat man die Erziehung, die ich genossen habe, antiautoritär genannt. Als WG und Kindergartenkind bin ich auf den Schultern der jeweiligen Bezugsperson (damals hiess das 'Kinderdienst') auf den 1.Mai Demos ganz vorne mitmarschiert und habe laut 'Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh!' skandiert. Wer das war habe ich allerdings erst Jahre später raus bekommen. Den Kinderladen, den meine Mutter damals mit begründet habe, gibt es sogar heute noch (in Hamburg). Manchmal schleiche ich mich da vorbei und denke, dass das damals eine verdammt aufregende Zeit, auch schon für mich als 4- bis 6-jährigen gewesen ist. Gut, ich habe die Fingerkuppe meines linken Zeigefingers eingebusst und davon, dass meine kleine Schwester vom Regal geschubst wurde, merkt man meiner Meinung nach immer noch was. Die Erziehung war eine sehr politische, was insofern später zu Problemen geführt hat, dass ich schon in der Orientierungsstufe des Gymnasiums lieber über Themen geredet habe, die eigentlich erst für die Oberstufe vorgesehen waren.
Es gibt Erinnerungen, auf die ich ehrlich gesagt, ein wenig stolz bin. Das Camp in Gorleben - Republik Freies Wendland - ich war da! Nach Brockdorf durfte ich noch nicht, das fand ich gemein. Wie man ein Maibowle ansetzt habe ich auch schon als siebenjähriger gewusst (inzwischen wieder vergessen http://www.alles-bonanza.de/ubb/frown.gif )
An der Wand im Flur hingen drei Bilder: Marx, Engels und Lenin. Die hiessen auch immernoch Marx, Engels und Lenin, als sie umgehängt wurden und die Reihenfolge in Wirklichkeit eine ganz andere war. Unsere Katzen hiessen Rosa (Luxenburg) und Karl (Liebknecht).
Wenn über die Revolution im grossen und im kleinen diskutiert wurde, dann schliefen meine Schwester und ich zusammengakauert auf dem Sofa, wärend sich die grossen die Köpfe heiss redeten.
Ich glaube, dass mir diese Erziehung nicht geschadet hat (wär ja auch noch schöner!) - im Gegenteil. Ich weiss aber nicht, ob das tatsächlich an der antiautoritären Erziehung liegt, oder daran, dass meine Oma alles getan hat, um diesen Einflüssen entgegen zu wirken. Das Gutenacht-Gebet habe ich von ihr gelernt, wenn das meine Mutter wüsste...