Vollständige Version anzeigen : Nicht nur Freude - Baader-Meinhof und RAF
oma_lacht
16.03.2000, 14:53
Vor Monaten gabe es hier noch einen Strang ³60er Jahreã, der wurde geschlossen - wohl wg.mangelnder Resonanz? Hier in der 70er-Abteilung ist es ja auch offensichtlich so, daß die meisten der Beitragschreiber sich auf Kindheitserinnerungen berufen, da spiegelt sich sicher die Altersstruktur im Netz.
Ein eher trauriger Aspekt aus den 70ern: Das Wesen und Unwesen der RAF.
Initial wirkte wohl Baader mit der Kaufhausbrandstiftung. Ulrike Meinhof - sozusagen als Vertreter der Intelligenzija - solidarisierte sich mit Baader und seiner Art des Kampfes gegen das Establishment und die ³falscheã Politik.
Die dann erfolgende Eskalation erschütterte nicht nur die Republik, sondern verunsicherte in unvorstellbarem Maße die Bevölkerung, die einfachen Leute, die mit intellektuellen Erklärungen nichts anfangen konnten. ³Rübe abã und ³an die Wand stellenã waren damals die am häufigsten gehörten Forderungen der Kleinen Leute. Ich kann das vielleicht ein wenig beurteilen, denn erstens gehörte ich damals noch zu dieser sogenannten ³Unter- und Mittelschichtã und zweitens war ich gegen die Forderungen, die Terroristen an die Wand zu stellen, nicht immun.
Als dann Siegfried Buback 1977 ermordert wurde und ein Göttinger Student seine ³klammheimliche Freudeã postulierte, waren auch überwiegend die Politiker und die Intelllektuellen geschockt; die ³dumpfeã Volksseele konnte das jedoch sicher gut nachempfinden.
Ich geriet in Erklärungsnotstand, weil mein Sohn, damals 11 und schon ein eifriger Nachrichtenleser und -gucker, mich nach der Bedeutung des Wortes ³klammheimlichã fragte.
redselig
16.03.2000, 14:58
Tja, oma lacht, wirklich nur eine Kindheitserinnerung hierzu: Man war daran gewöhnt, dass überall diese Fahndungsplakate mit den Terroristen hingen, und wenn wir etwas Aufregendes spielen wollten, schauten wir uns erst diese Bildersammlungen an und versuchten dann die Terroristen unter den Passanten auf der Straße auszumachen.
redselig
16.03.2000, 15:00
Als ich dann meine Reinhard-Mey-Phase hatte, musste man mir erstmal erklären, was es mit Baader und seiner Weltrevolution auf sich hatte.
Firmian Maierhofer
16.03.2000, 15:31
Ich erinnere mich noch sehr gut an die Schleyer- und Landshut-Entführung und den anschließenden Selbstmord der Terroristen in Stammheim. Wir Zehnjährigen feierten den Selbstmord als Sieg der 'Guten' und verstanden gar nicht, wieso deswegen der baden-württembergische Justizminister zurücktrat...
Milliways
16.03.2000, 15:54
Es muss ungefäht 1974 gewesen sein, als bei uns im Kindergarten plötzlich lauter wild aussehende Männer mit Maschinengewehren über die Zäune stiegen und über den Spielplatz schlichen. Ein Hubschrauber kreiste über dem Viertel. Wir durften das Gebäude nicht mehr verlassen und unsere Eltern mussten uns, zwei Stunden später als normal, alle persönlich abholen. Viel später habe ich erfahren, dass in einem der damals unmittelbar an den Spielplatz grenzenden Haus einer von der 'Baader-Meinhof-Bande' gesucht, aber ich glaube nicht gefunden, wurde.
Laila West
16.03.2000, 16:04
Meine Geschwister und ich waren noch recht jung damals. Aber die 'Baader-Meinhof-Bande' fanden wir insgeheim toll. Wir hatten nämlich auch eine Bande. In jedem Fall waren wir beeindruckt und verwirrt zur gleichen Zeit, weil wir nicht so recht wussten was los war und es wohl in Bezug auf unser Alter nicht verstehen konnten. Stattdessen haben wir 'Terroristen-Spiele' erfunden. Z. B. wurde ein Matchbox-Auto mit einem langen Faden an einen Wecker mit Drehmechanismus gebunden und dann auf eine Mauer gestellt. Der Wecker wurde aufgezogen und auf den Boden gestellt. Wenn er dann anfing zu schellen, drehte sich der Faden auf, das Auto rollte langsam bis an das Ende der Mauer, fiel dann hinunter, wir johlten, unsere Zeitbombe hatte funktioniert. Das ist wohl auch eine Art mit seiner Verwirrung fertig zu werden.
(Beitrag wurde von Laila West am 16.03.2000 um 15:06 Uhr bearbeitet.)
walter behrendt
20.03.2000, 23:40
Werte Oma,
ich habe da was nicht verstanden. Was konnte die dumpfe Volksseele nachvollziehen? Die klammheimliche Freude? Darueber, dass der Generalstaatsanwalt ins Jenseits befoedert wurde? Das wuerde mich wundern.
WB
oma_lacht
20.03.2000, 23:45
Walter, Du hast vollkommen recht. Der Satz ³... Volksseele ... nachvollziehenã gehört natürlich zu den Forderungen nach ³Rübe abã.
Sehr dummer Fehler.
Das kommt davon, wenn man Texte immer noch hin- und herschiebt und dann an der falschen Stelle ³losläßtã.
Natürlich hatten wir als Jugendliche Sympathie für die RAF, brachen sie doch aus den Zwängen aus, was wir uns nicht trauten. Nach langem Abstand muß ich aber nun feststellen, daß leider die RAF mit ihren Aktionen viel mehr den 'Herrschenden' genützt hat: Verschärfung von Gesetzen und der Weg in den Überwachungsstaat waren die Folge. Ich ertappe mich manchmal dabei, in den Gesichtern der Gesetzesmacher der letzten 20 Jahre klammheimliche Freude bei den schlimmen mörderischen Attentaten ausgemacht zu haben...
Alles in allem bleibt die Feststellung, daß trotz allem die Demokratie sich behauptet hat. Der Deutsche Herbst jedenfalls hat mich sehr geprägt in meinen Wahrnehmungen für Recht und Unrecht, weil das eigentlich immer nur sehr verschleyert über die Medien kam. Heinrich Böll mit seiner Katharina Blum hat mich jedenfalls sehr intensiv über die Funktion des RAF-Terrorismus in der BRD nachdenken lassen.
Firmian Maierhofer
22.03.2000, 11:33
Also, ich hatte als 1977 Zehnjähriger schon keinerlei Verständnis dafür, aus welch hehren Motiven auch immer Menschen umzubringen. Weder Arbeitgeberpräsidenten noch zufällig im Flugzeug sitzende Touris und Geschäftsleute (ok, die wurden nicht ermordet, wären aber vermutlich ohne Eingreifen der GSG-9 ermordet worden.)
23 Jahre später hat sich an meiner Auffassung diesbezüglich nichts geändert.
(Beitrag wurde von Firmian Maierhofer am 22.03.2000 um 11:53 Uhr bearbeitet.)
walter behrendt
22.03.2000, 12:14
Nun sind da vorher waehrend der 70er Jahre noch einige andere Sachen passiert: Georg von Rauch, Tommy Weisbecker, Holger Meins u.a.
Ich hatte mit der RAF nichts am Hut, aber ich weiss noch, dass es eine Menge Leute gab, die die BRD in einer Traditionslinie mit dem 3. Reich sahen.
Uebrigens war der Deutsche Herbst mit seinem freiwilligen Presse-Schweigen der konkrete Anlass fuer die Gruendung der TAZ. Und heute...? Aber ich will jetzt hier nicht auch wieder ueber den Balkan anfangen, dafuer gibts ein eigenes Forum.
WB
Also ich kann mich ebenfalls daran erinnern, dass ich die RAF in den 70ern als große, wenn auch nicht persönliche Bedrohung wahrgenommen habe. Bei uns hing das mehrfach genannte Fahndungsplakat im Klo und nie wieder habe ich mir Gesichter so gut eingeprägt wie diese.
Ich werde auch nie vergessen, wie für die Nachricht von Schleyers Ermordung ein Fernsehfilm unterbrochen wurde (habe so etwas danach nie mehr erlebt). Ich war mit meiner Schwester allein zuhause und regelrecht geschockt über diese Nachricht. Als meine Eltern spätabends heimkamen, bin ich ihnen entgegen gelaufen mit den Worten 'Jetzt haben diese Schweine ihn doch umgebracht!' Entsprach sonst nicht meinem Vokabular als Neunjährige!
Das ist schon interessant, wie sehr das Elternhaus die kindliche Perspektive prägt.
Meine Eltern, linksgerichtete Intellektuelle, sympathisierten sogar recht offen mit der RAF. Oder sagen wir mal so, es gehörte in ihren Kreisen zum guten Ton konspirative Andeutungen darüber zu machen, dass man doch um einiges mehr wusste, als die Nachrichten allgemein verrieten.
Ich (4-6) fand das richtig spannend.
Ich (32) find das jetzt richtig peinlich.
Ich will ja nicht behaupten, dass in unserm trauten Heim gejubelt wurde, als Schleyer, gar nicht weit von unserer Wohnung entfernt, entführt wurde. Aber der Ausdruck 'Schwein' wurde bei uns auf ihn angewendet.
Polemik, also, auf beiden Seiten.
Es wurde eben überhaupt sehr viel polemisiert in dieser politisch ach so aktiven Zeit.
Und @WB, so gut und wichtig das auch war mit der Gründung der TAZ, über eben diese linke Polemik kommt sie auch heute oft genug nicht hinaus.
Entführen, erpressen und morden, um politisches Bewusstsein zu schaffen, wie unangemessen war das?
Was mich allerdings noch mehr ankotzt (und in meine damit niemanden in diesem Forum, weil es erfreulicherweiser keinen davon hier gibt) ist diese wehleidige Nostalgie, die beim Thema RAF die Altvorderen ehemaligen Barrikandenkämpfer befällt.
Leitmotiv: Die heute (35-45) sind ja soooo apolitisch!
Jüngstes Beispiel war dieses Jahr auf der Berlinale zu sehen: Volker Schlöndorff und sein Film 'Die Stille nach dem Schuss'. Eigentlich eine sehr interessante Story (Sein und Werden der RAF in Verbindung mit der Stasi), aber wenn sie im Tenor 'von der heiteren Anarchie zum Terrorismus' erzählt wird, geht bei mir ein Alarmlicht an.
Gruß
edda
Als Erstklässler wurden wir 1977 vor 'verdächtigen Langhaarigen mit Plastiktüten' gewarnt, wahrscheinlich weil Roman Herzog im Ort wohnte, damals bereits Repräsentant des ('Schweine'-)Staates. Er hauste hinter halbgeschlossenen Jalousien in einem festungsartigen Haus mit Kameraüberwachung, um das die Polizei ständig Streife fuhr. Seine arme Frau mußte wohl den halben Tag da drin zubringen; das hat wohl ihre heute medienbekannte dragonerhafte Art noch befördert. Während meine Mutter Briefmarken kaufte, prägte ich mir die Namen und Gesichter auf dem berüchtigten Aushang ein ('Vorsicht Schußwaffen'). Das taten wohl recht viele Grundschüler in dieser Zeit: 'Terroristen' wurde schließlich bei den schon in den spaten Achtzigern aufkommenden memorierenden Aufzählrunden ein beliebtes Thema.
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pinkas
(Beitrag wurde von pinkas am 05.05.2000 um 20:45 Uhr bearbeitet.)
(Beitrag wurde von pinkas am 05.05.2000 um 20:46 Uhr bearbeitet.)
Peter Wuttke
18.04.2000, 22:41
Sehr geehrte Damen und Herren,
mir scheint es kein Zufall zu sein, daß man versucht, den Gegner zu entmenschlichen, wenn man es darauf anlegt, ihn umzubringen. Aus Menschen, wie Schleyer oder Herzog, werden begrifflich 'Schweine' gemacht. Zumindest aber werden sie in die Nähe dieser Tiere gerückt ('Repräsentant des Schweine-Staates').
Man kann nur hoffen, daß solche Gedanken und Taten endgültig Geschichte sind. Sicher bin ich mir da aber nicht.
Mit freundlichen Grüßen
Peter Wuttke
Lieber Herr Wuttke,
der 'Repräsentant des (Schweine-)Staates' war mit Sicherheit zu verkürzt formuliert. Es ging mir absolut nicht darum, die Belastung für Leute, die damals wirklich in Gefahr waren, kumpelig zu verharmlosen. Als Grundschüler habe ich von dieser Haltung auch noch garnichts mitgekriegt. Generell stand ich damals ohnehin kompromißlos hinter Helmut Schmidt, der mir sehr imponierte. Gruß
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pinkas
Infotalk
26.04.2000, 02:43
In dem vorausgehenden Strang wird die RAF angesprochen ........ wir haben auch heute eine Situation mit der politischen Linken, die keinen Anlaß zur Beruhigung bietet ...aber halt - hier ist ja keine politische Abteilung ;-)
(Von mir aus kann auch ein Strang aus den 50er Jahren aufgemacht werden - war eine schöne Zeit, und die Welt war noch in Ordnung - die Menschen hatten in Deutschland noch Ziele und echte Probleme - aber die haben wir heute, zu Anfang des zweiten Jahrtausends auch, glaube ich)
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