Harald Leinweber
19.03.2000, 20:25
Guten Tag!
Der Plattensammlung meines Bruders Gerd verdanke ich die Bekanntschaft mit Lude Lafayettes Wolfsmond. Von dieser Formation erschienen unter jeweils leicht abgewandelten Namen meines Wissens drei LPs, von denen die Erste die Beste ist.
Darauf findet sich der exzellente Titel hier:
³Beinahe ein Hauch von Einsamkeit
Ich stehÎ aufâm Bahnhof am Zeitschriftenstand
und halte den Revolver versteckt in meiner Hand.
Auf die einsame Menge werfe ich einen Blick:
Alle hier scheinen mir
auf der Suche nach dem kleinen Glück.
Auf der Einkaufsstraße brennt die Sonne so heiß,
eine Frau flüstert Dinge, die sowieso jeder schon weiß.
Und jeder weiß, wohin
und jeder weiß, was er mag,
besonders die kleinen Mädchen an so einem heißen Tag.
Zu viele Farben, um nur eine zu sehân
zu viele Worte, um einen Sinn zu verstehân.
Zu viele schlechte Verlierer fahrân mit der Untergrundbahn
zu viele kleine Betrüger sehân mich durch ihr Schaufenster an.
Zu viele Automobile rauben mir den Verstand
Und die Puppen im Fenster sind tot wie der Abfall am Straßenrand.
Zu viele Sterne, um nur einen zu sehân
Zu viele Wege, um nur den rechten zu gehân.
Spricht ein Händler zu mir und hat nur mein Verderben im Sinn
Küsst mich eine Frau und liebt mich so wie ich nicht bin.
Schau ich auf zur Sonne
(Bitter kalte Zeit)
Beinah ein Hauch von Einsamkeit.ã
(Lude Lafayetteâs Wolfsmond, 1976)
(Übrigens gibt es in Rock Session 4 (ISBN 3-499-7358-1; 09.1980; rororo Sachbuch) einen hübschen Aufsatz ³Rock von draußen mit Sprache von drinnenã über ³10 Jahre Texte in deutschã von Olaf Leitner, in dem dieser Text lobend erwähnt wird.)
Ebenfalls aus den 70ern stammt meine Erinnerung an Edo Zanki. Der ist auch irgendwann verschwunden, nachdem er sich eine Weile (2 oder drei Alben?) zwischen Schlager und deutscher Rockmusik bewegt hatte. Der hatte einige hübsche Titel, die ich mir auch heute noch gelegentlich anhöre.
Die späten 70 brachten u. a. die Begegnung mit Tom Robinson, der mir auch, als ich ihn mal bei einem Konzert in Hamburg etwas mehr aus der Nähe sehen konnte, recht gut gefallen hat. Politisch engagierte Rockmusik, eigene Erfahrungen, authentischer Ausdruck, gekonntes Handwerk - alles, was es so braucht.
Wirklich befriedigend finde ich, welche Entwicklung Kraftwerk und ich genommen haben: Ich fand die immer gut, von der ersten Platte an. Damit war ich zu Anfang ein extremer Aussenseiter und für meinen Geschmack bestenfalls belächelt. (Zugegebenermassen ist vieles von dem, was Kraftwerk auf den ersten Platten gemacht haben, heute bestenfalls noch ãinteressantã, aber nicht mehr besonders unterhaltsam. Aber zum Studium der Wurzeln von Techno und Synthi-Pop natürlich immer wieder bestens geeignet.)
Während ich also früher mit Kraftwerk ein Aussenseiter war, treffe ich heute alle möglichen Leute, die Kraftwerk - ³schon immerã - gut finden, womit sie meinen, dass sie die letzten zwei Platten oder so kennen.
Tja, keine Ahnung von der Kampfzeit der Bewegung, die jungen Hüpfer. Wir mussten uns noch durchsetzen, mussten noch Gründe für unsere Beschäftigung mit diesem popkulturellen Zeug finden, die einer Befragung standhielten. Also wissen wir heute etwas über diese Zeug, und nicht nur, ob wir es gut finden oder nicht. Und so weiss ich zum Beispiel zu schätzen, welche (post-)modernen Bands sich stolz oder verschämt dazu bekennen, Kraftwerk zu ihren Vorbildern oder Inspirationsquellen zu zählen. Darunter zum Beispiel die von mir sehr geschätzen Depeche Mode oder OMD, die auch wirklich was damit anzufangen wussten.
Aber wie auch immer: Heute geht es mir schon manchmal so, wenn mir irgend eine Band oder Musik oder so als besonders neu oder aufregend verkauft werden soll, dass ich dann feststelle: SagÎ ich doch schon seit Anno Leipzig-Einundleipzig. What else is new? Das ist wohl einer der Vorzüge einer längeren Lebensdauer.
Vielleicht könnten wir ja dazu einen Strang eröffnen? ³MusikerInnen, die seit den 70er verschwunden sind und in neuer Form reinkarniert wurdenã? Bzw. ³Nichts Neues unter der Sonneã?
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit
Harald Leinweber
Der Plattensammlung meines Bruders Gerd verdanke ich die Bekanntschaft mit Lude Lafayettes Wolfsmond. Von dieser Formation erschienen unter jeweils leicht abgewandelten Namen meines Wissens drei LPs, von denen die Erste die Beste ist.
Darauf findet sich der exzellente Titel hier:
³Beinahe ein Hauch von Einsamkeit
Ich stehÎ aufâm Bahnhof am Zeitschriftenstand
und halte den Revolver versteckt in meiner Hand.
Auf die einsame Menge werfe ich einen Blick:
Alle hier scheinen mir
auf der Suche nach dem kleinen Glück.
Auf der Einkaufsstraße brennt die Sonne so heiß,
eine Frau flüstert Dinge, die sowieso jeder schon weiß.
Und jeder weiß, wohin
und jeder weiß, was er mag,
besonders die kleinen Mädchen an so einem heißen Tag.
Zu viele Farben, um nur eine zu sehân
zu viele Worte, um einen Sinn zu verstehân.
Zu viele schlechte Verlierer fahrân mit der Untergrundbahn
zu viele kleine Betrüger sehân mich durch ihr Schaufenster an.
Zu viele Automobile rauben mir den Verstand
Und die Puppen im Fenster sind tot wie der Abfall am Straßenrand.
Zu viele Sterne, um nur einen zu sehân
Zu viele Wege, um nur den rechten zu gehân.
Spricht ein Händler zu mir und hat nur mein Verderben im Sinn
Küsst mich eine Frau und liebt mich so wie ich nicht bin.
Schau ich auf zur Sonne
(Bitter kalte Zeit)
Beinah ein Hauch von Einsamkeit.ã
(Lude Lafayetteâs Wolfsmond, 1976)
(Übrigens gibt es in Rock Session 4 (ISBN 3-499-7358-1; 09.1980; rororo Sachbuch) einen hübschen Aufsatz ³Rock von draußen mit Sprache von drinnenã über ³10 Jahre Texte in deutschã von Olaf Leitner, in dem dieser Text lobend erwähnt wird.)
Ebenfalls aus den 70ern stammt meine Erinnerung an Edo Zanki. Der ist auch irgendwann verschwunden, nachdem er sich eine Weile (2 oder drei Alben?) zwischen Schlager und deutscher Rockmusik bewegt hatte. Der hatte einige hübsche Titel, die ich mir auch heute noch gelegentlich anhöre.
Die späten 70 brachten u. a. die Begegnung mit Tom Robinson, der mir auch, als ich ihn mal bei einem Konzert in Hamburg etwas mehr aus der Nähe sehen konnte, recht gut gefallen hat. Politisch engagierte Rockmusik, eigene Erfahrungen, authentischer Ausdruck, gekonntes Handwerk - alles, was es so braucht.
Wirklich befriedigend finde ich, welche Entwicklung Kraftwerk und ich genommen haben: Ich fand die immer gut, von der ersten Platte an. Damit war ich zu Anfang ein extremer Aussenseiter und für meinen Geschmack bestenfalls belächelt. (Zugegebenermassen ist vieles von dem, was Kraftwerk auf den ersten Platten gemacht haben, heute bestenfalls noch ãinteressantã, aber nicht mehr besonders unterhaltsam. Aber zum Studium der Wurzeln von Techno und Synthi-Pop natürlich immer wieder bestens geeignet.)
Während ich also früher mit Kraftwerk ein Aussenseiter war, treffe ich heute alle möglichen Leute, die Kraftwerk - ³schon immerã - gut finden, womit sie meinen, dass sie die letzten zwei Platten oder so kennen.
Tja, keine Ahnung von der Kampfzeit der Bewegung, die jungen Hüpfer. Wir mussten uns noch durchsetzen, mussten noch Gründe für unsere Beschäftigung mit diesem popkulturellen Zeug finden, die einer Befragung standhielten. Also wissen wir heute etwas über diese Zeug, und nicht nur, ob wir es gut finden oder nicht. Und so weiss ich zum Beispiel zu schätzen, welche (post-)modernen Bands sich stolz oder verschämt dazu bekennen, Kraftwerk zu ihren Vorbildern oder Inspirationsquellen zu zählen. Darunter zum Beispiel die von mir sehr geschätzen Depeche Mode oder OMD, die auch wirklich was damit anzufangen wussten.
Aber wie auch immer: Heute geht es mir schon manchmal so, wenn mir irgend eine Band oder Musik oder so als besonders neu oder aufregend verkauft werden soll, dass ich dann feststelle: SagÎ ich doch schon seit Anno Leipzig-Einundleipzig. What else is new? Das ist wohl einer der Vorzüge einer längeren Lebensdauer.
Vielleicht könnten wir ja dazu einen Strang eröffnen? ³MusikerInnen, die seit den 70er verschwunden sind und in neuer Form reinkarniert wurdenã? Bzw. ³Nichts Neues unter der Sonneã?
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit
Harald Leinweber