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Vollständige Version anzeigen : Internationale Kultur und wie haben wir sie erlebt


Strugalla
10.03.2001, 15:16
In den 60er und vorallem in den 70er und 80er fing so langsam wieder das Reisen in die benachbarten Laender an. Man kann auf unsere Touristenkultur manchmal nicht gerade Stolz sein, aber das ist ein Thema fuer sich. Aber wer koennte sich heute ein Deutschland ohne Pizzarien vostellen. Wir sind uns zwar bewusst, das solche Dinge nicht zu unsere Kultur gehoeren, doch in den 90er scheinen wir sie nicht nur zu akzeptieren, sondern gliedern sie ein. Die Pommesbude wird durch einen Felafel-Imbiss erweitert u.s.w. Auch im Sprachgebrauch schleichen sich immer mehr englische oder generell Fremdwoerter ein. Wo es frueher noch bei der Post 'Auskunftsschalter' hiess, heisst es jetzt 'Servicepoint'.
Und es gibt noch vieles mehr, wo sich das eine oder andere in das Alltagsleben eingeschlichen hat. Ich glaube das gehoert auch in die 90er, vorallem wo man derartige Begebenheiten findet und was man darueber denkt.

Norma Jean Baker
09.11.2001, 18:03
Ja, allerdings! Ich persönlich finde die Anglizismen schon viel zu viel, bei allem ist heute irgendwas Englisches dabei, sei es ein Produkt, ein Werbeslogan etc. Aber es stimmt, es gehört wirklich in die 90er!
Ansonsten finde ich dieses Internationale, die vielen Kulturen etc. positiv. Mittlerweile halten ja viele Nicht-Deutsche den Döner für ein deutsches Gericht... :-)))

Zazie
09.11.2001, 20:31
Genau, oder Gyros Pitta! Mein indonesischer Bekannter liebt das sehr und muss dieses 'deutsche Essen' immer haben, wenn er mal hier ist.
Aber in Frankreich habe ich generell eine stärkere Multikulturalität (gib's das Wort überhaupt?) erlebt, natürlich, was das Essen angeht (Couscous ist schon fast ein französisches Essen; das macht jeder, der mal schnell und nicht so aufwändig kochen will, so wie unsereiner Spaghetti), aber auch in anderer Hinsicht. Jedoch, ganz anders als bei uns, die Sprache wird peinlich genau von Anglizismen freigehalten. Englische Werbung wie bei uns 'Test the West' oder 'The Jeans that built America' und tausend andere mehr (es hat wirklich sehr stark Überhand genommen) ist dort streng verboten. Auch die Computersprache wurde französisiert und es ist bei weitem nicht so viel englisch geblieben wie im Deutschen.
Meine Wohnung wurde in den 90-ern zum Gästehaus, in dem zahlreiche Nationalitäten zu Besuch waren. Ist heute noch so. Außerdem hatte ich es Mitte der 90-er endlich geschafft, meine heiß ersehnten Fernreisen zu machen.
Viele Grüße
Zazie

Malou
09.11.2001, 21:11
@Zazie
Es hat wirklich überhand genommen mit den vielen Anglizismen. Interessant, dass auch die Franzosen ihre Sprache anglizismenfrei halten. Bisher glaubte ich immer, dies tun nur die Isländer. Die haben sogar ein Kommission gebildet, die isländische Wörter kreiert. Das Wort Computer gibt es beispielsweise nicht (kann allerdings nicht sagen, wie das isländische dafür heisst).
Aber fing es nicht schon in den 80ern an, dass beispielsweise deutsche Musik, also mit deutschem Gesang uncool war? Warum? Es steht ja nicht gleichbeteudent mit Oomp-Pa- und Volksmusik. Nena hat's auch auf englisch versucht, mit eher geringem Erfolg.
Für englischsprachige/amerikanischsprachige ist die Musik in ihrer Muttersprache auch nichts uncooles, ganz im Gegentum. Obwohl ich kürzlich von einem Amerikaner hörte, dass NDW in den Staaten ziemlich populär war.
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Wo is'n do des Hirn?
(Beitrag wurde von Malou am 09.11.2001 um 20:17 Uhr bearbeitet.)

Zazie
10.11.2001, 00:41
Klar war NDW in den USA populär... mit englischen Texten! 99 Red Ballons, Der Kommissar (don't turn around ah ah ah... der kommissar's in town ah ah ah...'), Vienna Calling, Rock me Amadeus - alles auf englisch! Bei uns fingen die 80-er dagegen deutsch an, denn das war die Zeit der NDW. In den 90-ern dagegen wurde deutscher Rap populär (pop-pop-populär). Ich sage nur Die Fantastischen Vier oder auch Rödelheim Hartreim Projekt mit Schwester S (alias Sabrina Setlur). Finde ich gar nicht mal schlecht, Rap und Deutsch passen gut zusammen.
Aber es gibt doch immer mal wieder deutsche Musik, die nach wie vor gut ankommt. Es begann mit Westernhagen, Grönemeier, Lindenberg, BAP usw. Die sind teilweise immer noch hip. Dazu kommen heute die Absoluten Beginner, Echt, die Prinzen... vor einer Zeitlang, in den 90-ern halt, gab es Tic Tac Toe und Blümchen.... (Naidoo und Pur erwähne ich gar nicht erst, denn die werden hier ja weitgehend - gelinde ausgedrückt - nicht gemocht; ein Fan von Pur bin ich aber auch nicht).
Was ich allerdings festgestellt habe, es kommt heutzutage fast überhaupt keine deutsche Musik mehr bis zum Ausland durch. In den 80-ern war es halt die NDW und auch die Scorpions (fingen schon in den 70-ern an). Und Nina Hagen natürlich. Klaus Nomi war in Frankreich bekannter als hier. Ja, und in den 90-ern und heute? Hat jemand ein Beispiel?
Viele Grüße
Zazie

peterthomassuschny
10.11.2001, 09:46
Also: das erste 'Ethno-Lokal' in Wien war 1967 'Der Grieche', damals wohnte ich im 6. Bezirk und dort eröffnete dieses Lokal.
Italiener gab es einige, bekannt ist mir nur die 'Grotta Azzura', auf der verlängerten Mariahilferstraße, der Babenbergerstraße, das gilt und galt als sehr teuer.
Die erste Pizza sah ich bei meiner Schwester 1971 in Italien und aß selber 1974 in Oxford eine und ab Herbst 1974 kannte ich die ersten in Wien, damals kamen auch die ersten, noch total grauslichen Tiefkühl-Pizzen auf. Der erste mir bekannte Chinese nennt sich 'Lucky Chinese', ist in Wien am Graben und dürfte sich dort auch Ende der 60er/Anfang der 70er angesiedelt haben, heute gibt es ca. 10 pro Bezirk, also zwischen 230 und 250, wirklich sehr gute aber nur wenige, die meisten sind wegen ihrer billigen Menüs werktags sehr geschätzt, Würstelstände sind doch mehr was für Nachtschwärmer und LKW-Fahrer, da ja die meisten keinen gedeckten Kundenplatz haben, wo der Gast sitzen kann.
Die Anglizimsmen stören mich nicht so, mich stört eher, daß mit Gewalt die deutsche Sprache vereinheitlicht werden soll und da am Meisten das bei Journalisten heute ständig inflationär verwendete sinnlose Füllwörtchen 'denn'.
In Österreich gab es das immer nur in Konditionalsätzen: 'Er mußte ein Jahr wiederholen, denn er war sehr schlecht in Mathematik', aber nie dieses dümmliche 'Es wurde denn auch ein gelungener Abend'. Das ist ein völlig sinnloses Füllwort, streicht es heraus und der Satz macht den völlig gleichen Sinn!
Mich stören nur lächerliche Anglizismen, 'sie fuhren in ihr Weekend-Haus', aber nicht solche wie 'Sport', sollten wir stattdessen 'Leibesertüchtigung' schreiben? Oder 'Schwubber' für den Pullover?
Oder 'Derselb' für den 'Automaten' (was aber was ich weiß altgriechisch ist und nicht englisch). Das klingt nach Blut und Boden.
Beste Grüße
'Mr. Roaring Sixties'

Malou
11.11.2001, 03:26
@Zazie
Vor einiger Zeit hab ich 'Irgendwie, irgendwo, irgendwann' von Nena auf englisch gehört.Klang etwas seltsam. Aber Falco hab ich letztens noch im amerikanischen Radio auf deutsch gehört. Und die Scorpions auch. Hm, das mit dem deutschen Rap hab ich völlig vergessen, sorry. Obwohl der stellenweise gar nicht mal sooo schlecht war.

Strugalla
15.11.2001, 12:47
Kleiner Nachtrag zu Island. Im Gegensatz zu Frankreich ist Island ein mehr oder weniger zweisprachiges Land. Englisch ist in Island genau so geläufig wie Isländisch. Es kommt allerdings hinzu, daß gerade mal 280000 Menschen isländisch sprechen. Die Kommision die isländische Wörter für englische 'konstruiert' ist eher vergleichbar mit jenen, die immer noch Latein auf dem neusten Stand halten. Ich glaube es gibt generell ein leichtes aussterben von vielen Dialekten. Eine Welteinheitssprache wird es wohl so bald nicht geben, aber es wäre denkbar das Dialekte wie Platt bald nur noch ein Mythos sind. Allerdings glaube ich nicht, daß man diese Vernachlässigung auf die multikulturelle Gesellschaft zurückführen kann.

Zazie
15.11.2001, 18:40
Ich glaube auch nicht, dass sprachliche Besonderheiten aussterben. Weder in Deutschland (wo es ja ganz schön viele Dialekte gibt) noch anderswo, denn sie sind etwas, das die Identität von Menschen ausmacht. Und die möchte sich keiner einfachnehmen lassen, Anglizismen hin oder her. Vielleicht ist Frankreich deshalb so darauf bedacht, die Sprache frei von Anglizismen zu halten, denn dort gibt es weitaus weniger Dialekte: Norden, Süden, Paris und damit hat es sich (solche Eigenheiten wie Bretonisch, Picardisch, Baskisch, Okzitanisch, Elsässisch usw. sind ja keine Dialekte, sondern sowas wie eigenständige Sprachen, ähnlich wie unser Plattdeutsch).
ich denke mal, dass die Sprache vielleicht international geprägt ist. Vornehmlich vom Englischen natürlich; bislang ist mir noch nicht aufgefallen, dass das Deutsche türkische Elemente dazubekommen hätte. Aber grundlegend ändern wird sie sich sicher nicht.
Und das mit der Welteinheitssprache - bloß nicht! Sprache ist auch Kultur und Geschichte, die sollte sich jedes Land tunlichst erhalten. Naja, und mein Beruf würde überflüssig werden,d as fände ich auch nicht gut.
Viele Grüße
Zazie

Malou
15.11.2001, 20:10
Welteinheitssprache, dass erinnert mich an Esperanto. Ein ehemaliger Kollege von mir hat sich da sehr mit beschäftigt. Er sagte, dass dies eine Sprache sei, die aus vielen anderen Sprachen, hmm, kann man sagen, erfunden (?) wurde. Leider hab ich mich damit nicht so auseinander gesetzt. Kennt jemand von Euch Esperanto?
Das Kulturen verloren gehen, weil sie mehr und mehr durch den Zuzug von anderen Menschen mit anderen Kulturen verdrängt werden, glaube ich auch nicht. Dafür gibt es, zumindest in Deutschland, und anderswo sicher auch, genügend Menschen, die am Status quo festhalten wollen. Mentalitäten lassen sich auch nicht so schnell verdrängen und davon sind Kulturen auch abhängig, glaub ich.

peterthomassuschny
16.11.2001, 20:06
@Malou
Ja - ich war letzten Urlaub in Esperantonien! Nein, ist nur ein blöder Mad-Heft-Schmäh.
Wurde glaube ich von einem Altösterreicher in der Monarchie noch entwickelt, ist aber von allen Kunstsprachen die einzige, die sich durchgesetzt hat, es soll auch einmal 'Volapük' (für 'World Speak') gegeben haben (mehr auf Englisch aufgebaut, Esperanto ist mehr romanisch), hat sich aber nicht durchgesetzt.
Beste Grüße
'Mr. Roaring Sixties'

Zazie
17.11.2001, 11:05
Malou, so sehe ich das auch. Bestenfalls - hier denke ich sehr idealistisch - findet ein Austausch von Kulturen statt, indem jeder vom anderen wissen will, wie das so bei ihm ist. Und natürlich kann und sollte jeder vom anderen lernen. Leider, das ist nur Wunschdenken von mir, auch wenn ich es selber praktiziere. Schon alleine deshalb wird es keinen kulturellen Eintopf geben.
Und Esperanto, diese Retortensprache, finde ich ganz schrecklich! Ich kann einfach nicht verstehen, dass es Leute gibt, die das auch noch lernen. Schon alleine der Klang! Ich als Fremdsprachenfan genieße es, wenn eine Sprache sich schön anhört, auch wenn ich sie nicht verstehe (Ungarisch z. B. ist so ein Fall). Esperanto dagegen hat keine Seele. Außerdem könnte man sich allenfalls in Europa damit unterhalten, weil sie, wie PTS richtig bemerkte, überwiegend romanisch geprägt ist. Auf der Welt gibt es Tausende verschiedener Sprachen - alleine in Afrika hat jeder Stamm seine eigene! Wie soll man die jemals unter einen Hut bringen? Bei der europäischen Einheitswährung sehe ich ja Vorteile. So muss ich Mathe-Analphabet nicht mehr ewig rumrechnen (ja PTS, ich gebe es zu, ich habe es die paar Male, die ich in Österreich war, niemals richtig geschafft, Schillinge in DM umzurechnen). Aber eine Einheitssprache? Also ich denke, dagegen würden sich alle Länder Europas vehement wehren, denn das wäre wirklich eine Aufgabe der Kultur. Zur Not kommt man ja doch mit englisch überall einigermaßen durch. Sogar die Franzosen haben sich da jetzt ein bisschen geöffnet, denn die haben einen Touristen, der es bei ihnen auf englisch versuchte, immer ziemlich arrogant behandelt. Ist heute mancherorts in Frankreich noch so. Was ihre Sprache angeht, da verstehen sie überhaupt keinen Spaß. Und doch - ich kam 1999 nach 8 Jahren mal wieder am Gare du Nord in Paris an. Ich dachte, ich hätte mich im Bahnhof getäuscht. Zunächst mal war es nicht mehr dieses finstere, runtergekommene Loch von einst, sondern alles war schön renoviert worden. Und dann stand alles in 3 Sprachen angeschrieben!
Viele Grüße
Zazie

peterthomassuschny
18.11.2001, 01:36
@Zazie
Für solche Mathegenies wie Dich und mich haben wir Österreicher jetzt den Euro geschaffen ...
Nein, aber für die Gestaltung der Scheine ist tatsächlich ein Oesterreichischer Nationalbankgrafiker verantwortlich, der hat den Wettbewerb gewonnen.
Übrigens ist die Schreibweise OeNB sogar gesetzlich verankert, weil ÖNB könnte die Nationalbibliothek oder der Naturschutzbund sein und da muß es Unterscheidungen geben, OeNB darf sich jedenfalls nur die Nationalbank abkürzen.
Beste Grüße
'Mr. Roaring Sixties'

Malou
18.11.2001, 01:36
Letztes Jahr haben wir Kreta besucht. Sogar dort ist alles für Touristen wichtige in drei Sprachen- englisch, französisch und deutsch. Und das in so ziemlich jedem Ort, selbst dem Kleinsten. Von der griechischen Kultur ist dabei wenig verloren gegangen. Ich glaube sonst würde man sich als, ich sag mal Resteuropäer auch relativ schwer tun, selbst die, die Altgriechisch gelernt haben. Kreter sind von ihrer Mentalität im Rest Griechenlands etwa so angesehen, wie die Bayern (nicht Bös gemeint) im Rest Deutschlands, ein wenig eigenwillig und bedacht, ihre Kultur zu schützen.

peterthomassuschny
19.11.2001, 01:12
Bitte mich jetzt nicht als Rassisten zu sehen oder weil Griechenland ewig (vielleicht sogar bis heute, müßte ich einmal nachschauen) Israel nicht anerkannt hat, aber etwas ätzend gefragt: die alten vor über 2.000 Jahren sicher, aber habe die heutigen Griechen eigentlich wirklich eine Kultur? ...
In Athen war ich vor 21 Jahren, da fiel mir neben der Akropolis nur irgendso ein mittelalterlich oder frühneuzeitliches Kloster auf und ich habe von einer Freundin meiner Mutter damals gehört, die war 1933 einmal in Athen, das war ja noch bis damals eine Kleinstadt, die heutige griechische Großstadt Athen ist ja eine Schöpfung der letzten 70 Jahre.
Beste Grüße
'Mr. Roaring Sixties'

Spleen
19.11.2001, 01:12
Athen ist aus den 70ern? Nichts wie HIN!

Strugalla
19.11.2001, 01:12
Also Athen gibt es ja schon länger und ist nicht gerade ein Produkt der das 70 Jahre alt ist. Allerdings ist es wahr, daß der Stadt die Geschichte recht übel mitgespielt hat vorallem in den letzten Jahrzehnten touristisch neuentdeckt worden ist. Ich denke die Türkei ist in einer ähnlichen Situation. Vor Jahren noch ist die Türkei urlaubstechnisch eher als Geheimtip gehandelt worden und heute eine Oase für Touristen aus Europa. Von allen die selbst einmal dagewesen sind, habe ich gehört, daß in den westlich geprägten Gegenden ein touristisches Paradies herrscht.
Vielleicht ist diese Reiselust verantwortlich, daß in letzter Zeit die Vorurteile gegen Türken ein wenig nachgelassen haben. Falls dies zutrifft kann man sich wirklich dem allgemeinen Slogan der Reiseveranstalter anschliessen, die sagen:
'Mach mal wieder Urlaub'.

peterthomassuschny
19.11.2001, 01:12
@Spleen
Der LETZTEN 70 Jahre, also von ca. 1931 an, wenn das bei Dir 70er ist, gerne, fahre hin.
Die Türkei hat mir besser gefallen, weil Istanbul doch ein tolles Flair hat, auch Göreme und Pamukkale habe ich damals besucht und Ankara (fast schon zu modern, kaum alte Teile) und Izmir.
Beste Grüße
'Mr. Roaring Sixties'
der aber bedauert, noch nie in der Studentenstadt Patras gewesen zu sein, die soll einiges mehr an Flair haben als Athen.

Paisley
29.01.2002, 21:40
Ich habe eine Freundin, die aus Frankreich stammt, und sie erzählte mir, daß die Franzosen sehr darauf bedacht wären, daß Touristen u. ä. mit ihnen in ihrer Muttersprache sprechen. Meine eigene Erfahrung in mehreren Frankreichaufenthalten zeigte mir, daß augenscheinlich auch jüngere Franzosen kaum Englisch zu sprechen scheinen (ich selbst spreche leider kaum Französisch, will aber nun endlich beginnen, es (wieder) zu erlernen). Manchmal ist man ohne grundlegende Französischkenntnisse dort recht aufgeschmissen. Meine Freundin erzählt, daß ihre Landsleute sich manchmal regelrecht weigern würden, etwas anderes als Französisch zu sprechen.
Im französischen Rundfunk gibt es ja diese Auflage, daß 40 % der gespielten Titel französische Lieder sein müssen, in französischer Sprache. Heinz Rudolf Kunze hat sich mal dafür stark gemacht, diese Regelung auch in Deutschland einzuführen, las ich kürzlich.

Zazie
29.01.2002, 22:08
Ja Paisley, so ist das und so war das: Englisch ist in der Schule bestenfalls Nebenfach mit wenig Stunden, wird nicht besonders unterrichtet und gefördert werden einzig und allein Mathe, Physik und dieser ganze naturwissenschaftliche Kram!

Ich liebe Frankreich und die Franzosen, aber so sehr ich sie liebe, so sehr kritisiere ich sie auch. Nicht zu Unrecht werden sie von vielen Nichtfranzosen als arrogant beschimpft, weil sie sich vehement weigern, was anderes als französisch mit Touristen zu sprechen. Nur, wo kämen wir denn da hin, wenn wir vor einem Urlaub erst mal einen VHS-Kurs in Französisch absolvieren müssten? Stellt euch mal vor, in Deutschland wäre das so...? Aber es stimmt, selbst junge Leute sprechen zumeist kein englisch, es sei denn, sie interessieren sich dafür oder studieren Informatik (da ist Englisch Pflicht). Einfach deshalb, weil sie während der ganzen Schulzeit suggeriert bekommen, wie unwichtig Englisch doch ist. Aber wie gesagt, da hat sich inzwischen auch schon was geändert. Vor einigen Jahren hat man in Paris am Gare du Nord selbst an der Information mit englisch oder einer anderen Fremdsprache auf Granit gebissen. Inzwischen habe ich schon mehrere junge Franzosen freiwillig englisch sprechen hören, und die sprachen sogar gut.

Das mit den 40% französische Musik gilt, laut Aussage meines Mitbewohners, auch für Québec. Aber französische Musik ist ja auch größtenteils gut! Ich hoffe, dass das in Deutschland nie Schule macht, denn die meiste deutsche Musik ist scheiße, und wer sie trotzdem hören will, der soll gefälligst Radio Klarabella (hier in München; heißt eigentlich Radio Arabella) oder Bayern 1 einschalten.

Was die Fremdsprachen-Verweigerung angeht, da nimmt sich die französische Schweiz wohl auch nicht viel. Hat mir meine Freundin erzählt, die einmal in Montreux war. Sie ist Stewardess und hatte auch mal französische Schweizer an Bord. Nachdem die Passagiere was getrunken hatten, hielt sie, wie üblich, das Tablett hin, damit sie die Gläser dort abstellten. "The cup, please", forderte sie die Schweizer auf und hielt ihnen dabei das Tablett unter die Nase. Die Schweizer: Hä? "The cup, please!" Die Schweizer verstanden immer noch nicht. Meine Freundin spricht kein französisch. Aber auf gut Glück versuchte sie es mit "la tasse, s'il vous plaît." Aaaah, ach so! Ja, da verstanden die Schweizer plötzlich. Typischer Fall von nicht verstehen WOLLEN!

Also ich bin nach wie vor gegen eine Einheitssprache. Aber ich bin FÜR besseren, intensiveren Fremdsprachenunterricht schon in frühen Kinderjahren. In Frankreich und überall.

Spleen
30.01.2002, 20:56
Den gleichen witzigen Effekt wie Zazie in der Schweiz kann man auch in Brüssel haben, nur besteht da die Kunst darin, möglichst vorher zu erahnen, ob es sich um ein flämisches oder ein frankophones Geschäft handelt. (Bei Buchhandlungen geht das noch, aber wie macht man das z.B. bei Spoelwarengeschäften? ) Versucht mal, in einem frankophonen McDonalds auf Niederländisch zu bestellen! Echt der Clou! Mit dem Fremdsprachenunterricht hast du aber völlig Recht, Zazie!

Paisley
02.02.2002, 12:11
Das finde ich auch. Ich kann das kaum glauben, daß die Franzosen die englische Sprache so ignorant behandeln - Englisch ist die Weltsprache! Meine französische Freundin kann die Haltung ihrer Landsleute im übrigen auch nicht nachvollziehen.

Und ich bin auch dafür, daß sich diese 40:60-Regelung im deutschen Rundfunk niemals durchsetzt. Vielleicht hat Kunze das ja vorgeschlagen, damit seine Songs öfter gespielt werden!? Aber stellt euch mal vor, dann müßte man noch mehr PUR hören, das wird unerträglich! Und Zazie hat schon recht, das meiste ist schlecht, daher bin ich wirklich ganz strikt dagegen.

Spleen
02.02.2002, 21:04
Völlig deiner Meinung, Paisley. Warum sollte etwas nur wegen der Sprache bevorzugt werden? Das wäre ungefähr so, als müsse man soundsoviel Fix und Foxi drucken, nur weil Asterix eine hohe Auflage hat. :D

Zazie
02.02.2002, 22:18
Ürrrrk, stellt euch das mal vor, wenn es hier so eine Regelung geben würde; ja, wir würden mit Pur vollgemüllt werden, aber auch mit drittklassigen deutschen weißen Gangsta Rappern, alten Herren wie eben diesem Kunze und Westernhagen, die schon längst weg sind vom Fenster, massenweise deutschem Schlager, den wir jetzt nicht hören müssen, weil wir die entsprechenden Sender meiden können, und die Zlatkos und Christians würden immer mehr! IIIIIIH!!!!!

Die Franzosen und ihre Englisch-Ablehnung - ich habe darüber vor einigen Jahren mit einem französischen Freund sehr heiß diskutiert, dem ich dann schließlich die Freundschaft gekündigt habe, weil ich mit seiner Ignoranz, seinem Klischeedenken und seiner Schwarzweißmalerei nicht mehr zurecht kam, schon alleine deshalb, weil ich viele Freunde aus Ländern und Kulturen habe, über die er sich ständig abfällig äußerte. Aber das ist 'ne andere Geschichte; er lehnte Englisch auch kategorisch ab, denn 1. ist da diese Übermacht USA, von der sich Frankreich bitteschön nicht überrollen lassen will und 2. besteht auch zwischen Frankreich und England noch eine alte Feindschaft, weil England doch damals im Krieg und so weiter... ist das nicht vollkommen schwachsinnig? Aber so denken viele Leute dort heute noch. Die sind halt ein Produkt ihrer Erziehung, dieser Kumpel auch. Er arbeitet in Südfrankreich am Postamt und reagiert immer sehr ungehalten, wenn die Touristen ihn auf englisch ansprechen. Er möchte doch wenigstens gefragt werden "do you speak english". Nicht, dass ihn das nicht weniger aufregen würde, kann er doch kein englisch (dafür verzichtete er auch auf zahlreiche Reise- und Kontaktmöglichkeiten... in Island und Schweden spricht man halt nur sehr selten französisch). Einen Franzosen fragen, ob er englisch spricht... fast schon eine Beleidigung! Ich hörte aber von einigen so zwischen 17 und 20, dass sich das für ihre Generation schon wieder geändert hätte und sie hätten eine bessere Einstellung zu Englisch.

Englisch ist auch in Italien so ein Thema. Da wird dieses Fach an den Schulen nämlich absolut beschissen unterrichtet: Es gibt nur Grammatik und Übersetzungen, sonst nichts. Die lernen überhaupt nicht, in der Sprache zu denken und frei zu sprechen! Selbst Animal Farm wird dort nicht im Hinblick auf den Inhalt gelesen und besprochen, nein, es wird übersetzt und grammatikalisch analysiert! Multimedia? Audiovisuelle Methoden? Che cos'è? Im Gegensatz zu den Franzosen würden die Italiener sehr gerne richtig englisch lernen und sie sind auch immer bemüht, einem verlaufenen Touristen so gut wie möglich Auskunft zu geben. Ich kannte viele Italiener, die Englisch-Privatunterricht genommen haben, weil die Schule ihnen da einfach nichts geboten hat. Nur so haben sie es einigermaßen geschafft, die Sprache überhaupt zu sprechen. Ich hatte mal einen Italiener zu Besuch, der hatte viele Jahre Englischunterricht, konnte ganz gut schreiben, aber nicht sprechen und schon gar nichts verstehen! Er hat dann auch Privatunterricht genommen. Es gibt Organisationen in Italien, oft kirchlich oder auch freikirchlich organisiert, die das anbieten (dieser Italiener ging in einen von Mormonen organisierten Englischkurs!). Ich selber habe in Mailand mal einer 16-Jährigen Englisch-Nachhilfe gegeben. Der habe ich in 3 Stunden die gesamte englische Grammatik auf Italienisch erklärt, denn die fehlte ihr total. Sie hatte wohl so eine englische Assistentin als Lehrerin, die die Grammatik auf englisch erklärte, und das verstand sie natürlich überhaupt nicht. Wie auch!

Mein Mitbewohner, bekanntlich aus Québec, hat's auch nicht mit englisch. Er erzählt oft, wie überaus schlecht sein Englischunterricht war. "The rose is red", sagte die Lehrerin vor, und die Klasse musste es wiederholen. Aber noch während seiner Schulzeit hatte sich da was getan. Dort ist es wohl so, dass man nicht ein ganzes Schuljahr wiederholt, wenn man schlecht ist, sondern nur einzelne Kurse. Ihn hatte es in Englisch erwischt und er meinte, der Kurs, in den er danach kam, hatte bereits freies Schreiben und Sprechen gelernt, ganz anders als noch in seinem Jahrgang. Wie gesagt, in Québec gibt es auch diese Musikregelung fürs Radio. Je nach Stadt sprechen die Leute mehr oder weniger englisch. In Montreal z. B. sprechen es fast alle; die Orte, die weiter vom englischsprachigen Teil Kanadas weg sind, sprechen nur wenig englisch. Dem wird dort halt auch keine Wichtigkeit beigemessen! Insofern nehmen sich Québec-Kanadier und Franzosen nicht viel. Im übrigen, wenn die Franzosen Fernreisen unternehmen, dann grundsätzlich nur in Länder, wo französisch gesprochen wird. Es stimmt, ich habe auf meinen Fernreisen (in nicht-französischsprachige Länder) nur vereinzelt mal einen Franzosen angetroffen. Diejenigen, die am meisten mit Rucksack fernreisen, sind tatsächlich die Deutschen, die Schweizer und die Holländer.

Paisley
03.02.2002, 06:58
Ich las auch, daß die Franzosen auch sehr gern Urlaub im eigenen Land machen.

Spleen
03.02.2002, 09:13
Also, ich hatte auch den Eindruck, dass das mit der Zwesprachigkeit in Kanada noch am besten klappt. In Montreal sind Verkäufer und Kellner zwar immer ein bisschen bedröppelt, wenn man auf Englisch anfängt, schalten dann aber anstandslos auf sehr ordentliches Englisch um. Da verstehe ich das quebekanische FRanzösisch schlechter. Wie sagte eine Kellnerin in Quebec zu mir? "Weng senke-eng" ($ 20,51). Ungelogen! Haben die irgendwann die Nasale abgeschafft?

Aberwitzig ist´s auch in Südtirol: man ist in Italien, aber weit und breit nur deutsche Druckerzeugnisse!

Zazie
11.02.2002, 12:53
Ja, die Franzosen urlauben gerne im eigenen Land, weil es dort ja auch sehr schöne Orte gibt. Warum sollen sie sich woanders an den Strand packen, wo sie selber so schöne haben? Ganz gerne machen sie aber auch Städtereisen und sowas. Da darf's dann auch schon mal Deutschland sein. Franzosen haben ein zwiespältiges Gefühl zu Deutschland. Einerseits finden sie es inetressant und kommen auch mit den Deutschen gut klar. Andererseits finden sie das Essen fürchterlich (wie soll es auch anders sein :-)). Bei ihnen zelebriert man die Kultur der kleinen Portiönchen und isst in mehreren Gängen; hier wird alles in einer riesigen Portion auf den Teller geklatscht und den Salat gibt's auch gleich dazu. Und diesen Autokult, der hier herrscht, den vestehen sie auch nicht und das kann ich absolut nachvollziehen, mir geht's genauso.
Die Italiener hingegen bewundern Deutschland ein bisschen wegen der relativ stabilen politischen und wirtschaftlichen Lage, das haben die in Italien nicht. "Wie bitte, Arbeitslose in Deutschland? Was, fast 4 Millionen? Das glaub ich nicht!!!" Italiener urlauben auch ganz gerne im eigenen Land, aber wenn sie es sich leisten können, reisen sie auch sehr gerne weiter weg. Italiener sind Überlebenskünstler, die kommen überall durch, auch wenn sie nur wenig Fremdsprachen sprechen (obwohl, Französisch fällt ihnen recht leicht).

Spleen, oh ja, kanadisches Französisch ist sehr eigenwillig. Als mich mein Mitbewohner das erste Mal anrief, verstand ich NICHTS! Gar nichts! Und das, wo ich sonst alles Französische verstehe. Nun ja, er ist nochmal ein Fall für sich, denn er macht beim Sprechen nie den Mund auf. Was mich immer wieder zum Lästern veranlasst :-) Seit 2 Jahren ist er jetzt hier und inzwischen verstehe ich sein Französisch auch, meistens jedenfalls. Ab und zu kabbeln wir uns wegen irgend welcher Begriffe, die er sagt und die im französischen Französisch was vollkommen anderes heißen. Wer sagt denn schon "Espadrillos" (also Stoffschuhe) zu Turnschuhen oder Weste zu einem T-Shirt! Außerdem HÖREN Kanadier nur fern, sie gucken nicht hin :-) Wie du dir vorstellen kannst, es geht lustig zu bei uns.
Das mit der Zweisprachigkeit trifft vielleicht auf Montreal zu, allenfalls noch in Ottawa. Aber versuch mal, in Québec-Stadt was auf englisch zu bestellen. Damit bist du genauso verratzt wie in Frankreich.
Naja, vielleicht komme ich ja bald mal in das Vergnügen einer Québec-Reise.

Castafiore
11.02.2002, 14:09
Da bin ich wieder, meine liebe Zazie! Ich war einige Zeit leider nicht erreichbar, irgendsoein Operettenoberst hat mich während einer - wirklich gloriosen - Tournee in so einer südamerikanischen Bananenrepublik einkerkern lassen. Mich! Ha! Ha - welch Glück, mich zu sehn, so schööön...!!!

Aber das mit Kanada, das kenn' ich. Ich kann außer von Gounods Libretto sowieso nicht viel Französisch, aber das, was man da in Québec zu hören bekommt, ist in der Tat grotesk! Allerdings habe ich festgestellt, daß man als Tourist doch recht einfach auch mit Englisch durchkommt, auch wenn sich die Kanadier erst etwas zieren. Nur die Landsleute haben mit Englisch ganz schlechte Karten. Phänomenal finde ich auch, daß selbst die STOP-Schilder im Straßenverkehr auf Französisch sind: "Arret" steht da drauf. Außerdem glaubt man ja gar nicht, wie viele Kanadier deutschstämmig sind oder schon 'mal in Deutschland gelebt haben (Heidelberg), die verstehen einen dann sowieso. Aber klasse war das da schon. Außer, daß neben meinen Verehrern auch die Moskitos (Riesendinger) in beängstigender Art und Weise auf meinen Alabaster-Teint geflogen sind...

Zazie
11.02.2002, 14:45
Haaa welch Glück, die Sängerin ist zurück!

Nicht vergessen, ins 70-er Forum bzw. 70-er Café zu gucken, denn da wird gerade ein Treffen geplant... in Berlin, da bist du doch auch!

Spleen
11.02.2002, 19:10
Stimmt, in Québec musste ich mein Schulfranzösisch auskramen, was die Quebecois aber nicht daran hindert, einen wunderbaren US-Comicladen zu unterhalten, in dem ich zum Ärgernis von Mrs Spleen ca. eine Stunde in alten Superman-Heften gewühlt habe, und ich meine alt: frühe 60er, zu Preisen, für die man bei uns Sachen aus den frühen 90ern bekommt!

Es gibt übrigens eine hübsche kanadische Superheldensatire auf die zweisprachige Aberwitzigkeit: "Angloman". Sein Schild ist vorschriftsmäßig zweisprachig.
Das mit deinem Mitbewohner, von dem wir ja schon manchmal gehört hben, klingt für mich immer, als würdest du mit Gaston Lagaffe zusammen wohnen! (Sag´s ihm aber lieber nicht!)

Quebec lohnt sich durchaus!!!

Zazie
11.02.2002, 20:30
Och, Gaston trifft's nicht unbedingt. Eher Felix und Oscar, das verrückte Paar.

Spleen
12.02.2002, 20:46
Auch gut! Hihi! :) Welcher ist der Ordnungsfanatiker?

Zazie
17.02.2002, 13:48
Gottseidank keiner von uns, wir sind beide kleine Messies :-) Wenn das Chaos mal Überhand nimmt oder sich Besuch ansagt, dann wird aber brav alles in Ordnung gebracht.

Spleen
24.02.2002, 08:51
Klingt wie die englischen WGs, die ich in den 80ern erlebt habe. :)