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Vollständige Version anzeigen : Millenium


Hilde
08.06.2001, 23:49
Das war doch eigentlich deeer aufdringlichste Begriff der ausgehenden 90er, erst zögerlich aufgetaucht, dann immer penetranter und brechreizerregender.
Tausend Sendungen, Prognosen , ein schauerlicher und bedrohlicher Countdown, je näher der Jahrtausendwechsel rückte (jetzt bittebitte keine Diskussion um den mathematisch und kalendarisch korrekten Wechsel - die hatte ich lange genug daheim zu ertragen).
Am schlimmsten die Werbung: in jedem Spot wurde der Begriff verbraten, es gab nichts was es nicht gab, wo mindestens 2000 oder Millenium draufstand.
Und dann war schlagartig Schluß damit.

fabchief
09.06.2001, 10:46
Ihh, Millenium!
Ich fand das furchtbar! Überall Millenium, Millenium, Mielleniuum, die komplette Welt wurde dazu angehalten gefälligst durchzudrehen. Gottlob hatte die Welt keinen besonderen Bock darauf. Mit war das ebenfalls zu blöd mich von irgendeinem Event abzocken zu lassen, ich habe lieber den Spieß umgedreht und ein paar Monate vorher (zum Höhepunkt der Hysterie) meine Arbeitsleistung höchstbietend verkauft. Gottlob sind ziemlich viele Eventisierer und Schnellabstauber gründlich auf die Nase gefallen, ich gönne denen das von Herzen. Und wenn ich nicht gearbeitet hätte, hätte ich mich eskimomäßig mit ein paar Kumpels ans Lagerfeuer gesetzt (macht im Winter echt Spaß) und Privatparty gehabt
fabchief

Elpenor
09.06.2001, 21:04
Der Jahrtausendwechsel, vortreffliche Idee, Hilde, scheint schon tief in der Vergangenheit zu liegen..
Um den ganzen Trubel in Berlin zu entfliehen, hatten wir beschlossen nach Norwegen zu fahren, um dort in einer Hütte zwischen Tannen und Meer geruhsam den Jahreswechsel zu begehen.
In Norwegen gelangen wir am späten Abend an und mußten erst einmal wegen fehlerhaften Karten sowie Unfähigkeit die richtigen zu lesen stundenlang nach unserer Hütte suchen. Dabei fuhren wir von einer Hütte zur anderen, wobei eines der zwei Auto fast ohne Benzin war, da die Tankstellen zu dieser späten Stunde geschlossen hatten. Überhaupt schien die Gegend, in welcher wir uns befanden, gänzlich verwaist zu sein; keine Autos fuhren vorbei, einzelne Häuser waren ohne Licht, in kleineren Dörfern herrschte eisige Stille.
Nach einigen Mühen gelangten wir dann doch zur Hütte, welche fast zu komfortabel ausgestattet, unsere Heimat für die nächsten Tage bildete.
Am Sylvestertag selbst stellte sich heraus, dass der Organisator unsere Reise, diesen Ort nicht auf Grund seiner Vorliebe für nördliche Länder ausgesucht hatte, sondern in der felsenfesten Annahme, dass pünktlich zum Neujahrsbeginn sämtliche Atomkraftwerke explodieren würden, nach seinen akribischen Berechnungen unsere Aufenthaltsort aber am weitesten Weg von allen sei. Er nervte dann den ganzen Nachmittag damit, dass wir noch unbedingt zu der 20km entfernten Tankstelle fahren müßten, um unser Autos aufzutanken. Dies sei notwendig, damit man im Zweifelsfalle ³schnell weg könneã, wohin wir dann fahren sollten, war ihm jedoch nicht klar. Diese von ihm verbreite Panikstimmung war erst lustig, kippte dann jedoch ins Gespenstische um, als wir feststellen, dass der eingestellte Radiosender fortwährend das selbe Lied spielte. Ein ruhiges, düsteres, melancholisches Lied, welches nach meiner Erinnerung mit einem tiefen Pfeifen begann, zwischen durch zu stocken schien und schließlich durch einige Gitarrenakkorde sanft verhallte. Danach begann es von neuem, wieder und wieder, nur gelegentlich durch eine norwegische Radiostimme unterbrochen, bei der inmitten norwegischer Sprachbrocken das Wort Motorpsycho ertönte.
Am späten Abend wurde gefeiert, bei mir begann jedoch das Gefühl der Schwermut, welches sich immer mehr verdichtete, um schließlich in einem Fluchtgedanken zu münden. Kurz gedacht, schon befand ich mich auf dem Weg Richtung Leuchtturm. Den ganzen Tag über hatte es geregnet, jetzt hatte der Regenguß seinen Höhepunkt erreicht. Durch einen schlammigen Weg gehend, über Felsen kletternd, gelangte ich mit einer Flasche Wodkaorange versehen zum Leuchtturm und setzte mich unter einem kleinen Dach auf die Erde. Der Regen prasselte wütend, das Meer wogte unterhalb und durch graue Luftmassen hindurch war der Horizont in der Ferne mehr zu erahnen als sichtbar.

PeterLu
10.06.2001, 11:05
Wäre ich da an diesem Ort gewesen, hätte ich wohl angenommen, dass der Rest der Welt untergegangen ist. Schön beschrieben! Wahrscheinlich hat fast jeder insgeheim so ein bisschen damit gerechnet, dass Punkt 12 Uhr alle Lichter ausgehen und die Erde bebt. Wir haben mit den üblichen Verdächtigen in unserer üblichen Stammkneipe gesessen. Es war ein Abend wie jeder andere. Einzige Auffälligkeiten: Der ansonsten knauserige Wirt gab um 12 eine Runde Sekt aus und ein unbekannter Gast erschien mit einer Pappnase.Um 12 gingen alle mal vor die Tür, vor den Nachbarhäusern wurden Knallkörper im Wert von mehreren tausend Mark gezündet, und weil in dieser Nacht kein Windhauch durch die enge Straße ging, war die Luft um halb eins draußen schlechter als drinnen. Und alle waren ein bisschen enttäuscht, dass alle Lichter noch brannten.
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Kontaktscheu, trinkfest und dezent

Joern
10.06.2001, 20:20
Die letzten Minuten des Jahres 1999 erlebte ich in einer ganz melancholischen Stimmung. Nach dem Motto 'Das waren die neunziger Jahre' zogen nocheinmal die Bilder der letzten zehn Jahre vor meinen Augen entlang. Und dann war es plötzlich Mitternacht, aber das Licht blieb an, der Fernseher lief weiter... Also gingen wir raus und feierten ein stinknormales Silvester. Der ganze Tag vorher war schon nicht sehr ungewöhnlich. Der Himmel war von Wolken bedeckt, es nieselte ein wenig und die Temperatur lag bei 3 Grad über null. Auch der 1. 1. 2000 war nicht sehr aufregend: Weil wir nachts noch bis 6 Uhr wach geblieben waren, schliefen wir bis zwei Uhr mittags. Draußen war es noch trüber als am letzten Tag des alten Jahrtausends.
Kurzum: Eigentlich hatte sich bis auf das Datum nichts geändert.

makai
10.06.2001, 20:34
tja, so ist das halt: wenn die welt stirbt, dann nicht mit einem schrei, sondern mit einem flüstern.

peterthomassuschny
19.09.2001, 00:13
Also 2000 stand schon auf vielen Dingen drauf, die lange vor den 90ern waren: z. B. Euro 2000 stand auf unserem alten WC-Deckel und die Wohnung ist aus 1973. In den 60ern gab es auch die Zigarettenmarke 'Blend 2000'. Nur mein Triumph 2000 (Bj. 73, Modelljahr 1969, of course right hand driven) hieß wegen der 2 Liter Hubraum so, aber der wurde schon vor bald 9 Jahren verschrottet.
Aber Millenium ist wirklich neu und war recht aufdringlich, z. B. die Radio Wien Jahrtausendhit-Wahl, dabei waren da nur Lieder maximal ab 1955 oder jünger zur Auswahl, weder die Minnesänger, noch der liebe Augustin. Gewonnen hat übrigens 'We are the champions' (Queen) vor 'What a wonderful world' (Louis Armstrong), also ist der Geschmack der Wiener und der Umlandgemeinden Gott sei Dank nicht so schlimm, wie die Musik, die uns so oft präsentiert wird.
Neu ist ein Bürobauwerk im 20. Bezirk, der Milleniumstower. Nachdem wir einen Botendienstkunden dort im 30. Stock haben, komme ich bei Schönwetter öfters zu einem tollen Wienpanorama und das gratis, der gegenüberliegende Donauturm (aus 1964) kostet S 45,-- Eintritt und der Lift ist auch nicht schneller.
Beste Grüße
'Mr. Roaring Sixties'
www.r60.net