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Vollständige Version anzeigen : The man who wasn´t there


christoph
29.11.2001, 15:30
Komisch, daß hier noch niemand was zu dem letzten Werk der Coen-Brothers gesagt hat. Oder hab ich das überlesen? Findet sich bei Alles Bonanza denn nicht die Coen-Zielgruppe par excellence? Was mich angeht, heißt die Antwort jedenfalls "ja".

Den jeweils neuen Film der Coens muß man nun in der Regel doch gesehen haben. Und dieser macht keine Ausnahme. Kurze Synopsis des Plots: Ein schweigsamer Friseur löst mit dem ersten Sündenfall seines Kleinstadtlebens eine Kettenreaktion von Mord & Totschlag aus, an deren Ende nichts mehr so ist, wie es war. Das Ganze in Schwarzweiß und von mir OoU begutachtet, also ohne Untertitel. Das schien zunächst keine gute Entscheidung gewesen zu sein, denn die erste Viertelstunde hat viel Off-Text, intoniert in einem garstigen Southern Brawl. Später gehts aber.

Der Film ist vor allem anfangs sehr lakonisch, sehr langsam. Natürlich sind alle Figuren ausgesprochen skurril, wie man das von den Coens gewohnt ist, aber diese Skurrilität braucht Zeit, um nach und nach den ganzen Film zu erfüllen. Und spätestens dann zieht einen der Streifen richtig in seinen Bann. Seltsame Einstellungen und Bilder, absurde Träume, schräge Konstellationen, ein mysteriöser Gefühlsreigen - und darin dieser Funke schwärzester Bosheit, der in jedem Biedermann glimmt und jederzeit die kleine, heile Welt in Flammen setzen kann.

Anschauen. Meinung dann hier zum besten geben.

Murmel
29.11.2001, 15:45
Hmm, dann muss ich wohl reingehen, obwohl ich von "Oh, brother..." nicht so begeistert war. Ihr Meisterwerk ist bislang Fargo. Oder kommt "The man..." da ran?

christoph
29.11.2001, 15:59
Mußte wohl, Murmel.

Tut mir leid, zu hören, daß O Brother nicht so dein Fall war - ich für meinen Teil spiele an Regentagen den "Man Of Constant Sorrow" immer noch rauf und runter auf meiner Stereoanlage. Aber gerade, wenn dir beim "Brother" die Lautstärke zu hoch war und an Fargo im Gegensatz dazu die Lakonik gefallen hat, ist der "Man" genau das Richtige für dich. Trust me on this one. Dieser Film ist zumindest der Meinungsbildung wert.

Schwarzes Schaaf
29.11.2001, 20:21
Also, mir gefiel TMWWT, allein schon wegen der grossartigen homage an das film noir Genre. Sattes Schwarz, schimmernde Grautoene, das Spiel von Licht und Schatten... grossartig. Die Darsteller gefielen mir allesamt sehr gut, bis auf James Gandolfini... irgendwie schaffte er es nicht, mich Tony Soprano vergessen zu lassen, aber vielleicht liegt das ja an mir.
Der plot entwickelt sich in der Tat sehr langsam, was ihr aber keinen Abbruch tut, im Gegenteil- was an Dynamik fehlt wird durch Atmosphaere mehr als wett gemacht.
Alles in allem sehr gut, obwohl ich im direkten Vergleich wohl doch Fargo den Zuschlag geben wuerde.

Dreizehn Koestlichkeiten
30.11.2001, 14:16
Ich gebe TMWWT den Zuschlag, dem besten Film, den ich seit sehr langer Zeit gesehen habe. Das liegt zum größten Teil an dem festgefrorenen, tieftraurigen Gesichtern von Billy Bob Thornton und Frances McDormand (die mir schon in "Fargo" sehr gut gefallen hat). Außerdem handelt es sich um einen der wenigen Fälle, in denen man eine Synchronisation als wirklich geglückt bezeichnen kann.

Man sollte diesen Film nicht an Abenden sehen, an denen danach noch Dancefloorbattles oder Komasaufen auf der Agenda stehen. Es empfiehlt sich eher, im Anschluß mit hängenden Schultern nach Hause zu trotten, sich einen Tee aufzubrühen und vielleicht ins Forum zu gehen, um dort Murmels Novemberstrang zu lesen.

christoph
30.11.2001, 18:09
Gibt es hier gar keine Fairness mehr? Wenn, dann trotte man nach Hause und setze sich mit einem Gläschen Absinth vor CHRISTOPHs Novemberschwermut-Geschichte. Die wurde nämlich in authentischem Man Who Wasn´t There-Gemüt gepostet.

rron calli
30.11.2001, 18:41
Und ich dachte immer, Schwermut wäre ein naher Anverwandter der Bescheidenheit.

Kusie
30.11.2001, 19:32
Danke für die Empfehlung, Christoph. Werde ich mir auf jeden Fall antun.

Ich mag die Coen´s sehr, lediglich "Hudsucker" hat mich doch etwas enttäuscht. Meine beiden Lieblingsfilme der Coen´s sind allerdings "Raising Arizona" und "The Big Lebowsky". Fargo hat mich ebenfalls etwas enttäuscht - zumindest war die deutsche Syncro obermies. "O Brother ..." war sehr gut, hätte ich aber lieber im Kino als aufm TV gesehen.

Mögen die beiden noch lange Filme machen!

Murmel
02.12.2001, 17:26
Ja, nach Woody Allesn's Hommage an die 40er jetzt ein großartiger Film von den Coens. Der Film schafft übrigens etwas, das nur selten geschieht: das gesamte Publikum blieb bis zum Ende des Abspanns sitzen. Keiner sprach ein Wort. Das erlebt man nur selten.

Jetzt warte ich auf eine 007-Hommage der Coenbrüder...

christoph
02.12.2001, 20:26
Mensch, Murmel, super - du warst also tatsächlich drin? Auf meine Empfehlung? Und er hat dir gefallen? Ach... schön, daß hier tatsächlich noch etwas auszurichten ist! -- Ich glaub, wir fassen das Thema mal etwas weiter und trauen uns generell an die Coens ran. Ich weiß nämlich nicht, ob ich alle Filme gesehen hab von denen. Hier eine Filmographie:

1. Blood Simple
2. Raising Arizona
3. Miller´s Crossing
4. Barton Fink
5. The Hudsucker Proxy
6. Fargo
7. The Big Lebowski
8. O Brother Where Art Thou
9. The Man who wasn´t there


Von diesen habe ich nur die ersten beiden Filme nicht gesehen. Alle folgenden mochte ich - manche sehr, manche mittel, aber über jeden muß man zugeben, daß er etwas hat. John Turturro, Steve Buscemi und natürlich Frances McDormand verdanken ihnen ihre Existenz.

Meine Informationen besagen, daß der nächste Coen-Film "To The White Sea" heißen wird. Wär vielleicht mal was für einen Berliner AB-Ausflug, wenns soweit ist.

Lenin
03.12.2001, 00:27
Goodwill, zwei Noch-nicht-(also-bald)-Pappen und ich gehen in die 23:00 Uhr-Vorstellung in der Kulturbrauerei/Berlin-Prenzlauer Berg. Kommt jemand mit? Treffpunkt Kasse, Zeit 23:00
Im Anschluss fliegen wir ans Weiße Meer und beobachten die Dreharbeiten zum neuen Film.

Lenin
03.12.2001, 06:52
Der Film war absolut sehenswert, wir waren dann noch bis 4:30 im Schwarz-Sauer. Keine weitere Pappe gesichtet.

Blood Simple habe ich gesehen und er enthält eigentlich schon die Quintessenz oder Vorwegnahme aller guten Coen-Film-Ingridienzen:
1. die Entführung/Erpressung,
2. Der Schweigsame,
3. der schwitzende Detektiv,
4. die amerikanische Landschaft,
5. der Schwätzer und
6. ein Plott, wo der unschuldig schuldige Mensch sich weiter verstrickt und am Ende wegen einer dummen Sache den Rest kriegt.

Goodwill
03.12.2001, 18:17
Tut mir leid: Ich protestiere.

Und zwar gegen die Verherrlichung der Langsamkeit, die hier betrieben wird. Der Film hat seine Vorzüge, gewiss. Aber in Sachen Eloquenz, Pfiff, Tempo und Dynamik hat er auch gewaltige Defizite. Ich behaupte mal positiv, der Film spiegelt in seinem Temperament das Seelenleben eines nordnorwegischen Fischers, und überträgt es genialisch auf den Friseursalon einer nordamerikanischen Kleinstadt.

Das kommt vor allem daher, dass die Hauptfigur ein knallharter Phlegmatiker ist. Rauchen kann er. Und wie! Obwohl das total uncorrect ist. Eigentlich beginnt jede Szene damit, dass eine Zigarette hervorgefischt wird. Und irgendwann später endet sie in Schwaden. Einige Kinogänger gestern konnten der suggestiven Kraft dieser Grundhandlung nicht widerstehen und rauchten hemmungslos mit.

Was ich dem Film wirklich vorwerfe, ist, dass er weitgehend unkomisch ist. Es sei denn, man findet das fast versteinerte Faltengebirge, in das Mr. B.B.Thornton sein Gesicht verwandelt hat, irgendwie komisch.

Ich kenne fast alle Coen-Filme (bis auf »Brother, where...«) und weiß, wozu die beiden fähig sind. In diesem Film sind sie eher unfähig. Es gibt keine einprägsamen Kamerafahrten, kaum durchgeknallte Figuren, die Auflösung ist schnell durchsichtig, bemerkenswerte Dialoge nur in kleinen Dosen, null bizarre Effekte, wenig wahrnehmbare Musik etc. Kurz: Alles, was die anderen Filme zum vergnüglichen Trip in einen kafkaesken Film-Microkosmos machte, fehlt hier. Besonders unaufgeregt ist der Schnitt, der die Handlung en detail verschleppt und en gros nicht kitzliger macht.

Loben möchte ich vor allem das Casting. Die meisten Gesichter (bis hin zu den zwei stummen Polizisten am Schluss) könnten von Fellini am Zeichenblock entworfen sein.

Murmel
03.12.2001, 19:18
Der Film ist eine Hommage an den Film Noir der 1950er, Ed Crane, ein Mann, der vor allem schweigt, erzählt diese Geschichte. Natürlich wirkt sich das auf das Tempo in Schnitt und Erzählung aus. Er erzählt, wie er durch eine fixe Idee zum Mörder eines Mörders wurde, für dessen Mord er ermordet wird. Ganz verstehen kann er das auch nicht, aber er akzeptiert es und lässt sich dilletantisch seine Beine rasieren.
Komisch finde ich viele Charaktere und Szenen, sie sind jedoch wieder eine Spur subtiler als in den vorherigen Werken der Coenbrüder. Die Ironie liegt noch verborgener, streicht ganz zart durch den ganzen Film.

Vielleicht hast Du einfach zu genau hingesehen und alles ist vor Dir verschwunden.

Juri
03.12.2001, 21:21
Murmel, mir war bisher verborgen gewesen, welch Poet in dir schlummert(e)!
verzückt ab

Lenin
03.12.2001, 23:29
Eben, Goodwill! Du musst nicht auf die Fakten achten, sondern auf die Bedeutung der Fakten. Und diese Fakten haben keine Bedeutung. Denk doch nur an diesen deutschen Wissenschaftler, Fritz oder Werner oder wie auch immer er heißt! Sogar Einstein hat ihm recht gegeben. Es kommt auf das Ganze an.

p.s. Es wurde die ganze Zeit geraucht, aber keiner hat je die Asche abgestreift. Was hat das zu bedeuten? Vielleicht nichts.

KalmükenFranze
05.12.2001, 18:55
mir gehts bei den coen brüdern so ähnlich wie mit woody allen. erst die begeisterung, vor allem für blood simple (gleich die erste szene ist umwerfend), fink, fargo, lebowsky. dann die verwunderung, wie sie es schaffen, laufend auf so hohem niveau zu produzieren. und plötzlich läßt die wirkung aus unerfindlichen gründen nach. vor allem bei hudsucker proxy und o brother gings mir so. es ist alles da, was vorher auch da war, die genial schrulligen typen, die stilsichere manieriertheit, die absurd überzeugende logik der story, und trotzdem verlass ich das kino nicht mehr mit diesem leichten glücksgefühl wie noch bei fink oder fargo. genauso bei the man who wasn't there. der anfang verheißungsvoll, es dauert keine 30 sekunden und man ist gefangen in dieser völlig anderen coen welt, aber irgendwann wird es dann einfach träge. die altbekannten figuren tauchen in neuen kleidern auf, sind auch genauso köstlich anzusehen wie immer (der star-anwalt!), aber das gesamtbild aus diesen wunderbar geschliffenen puzzle-teilen ist einfach nicht mehr so aufregend wie es mal war. weiß nicht, vielleicht ist es nur ein übersättigungseffekt und ich würde ihn in den himmel loben wenn ich die anderen coens nicht schon alle gesehen hätte.

Juri
14.01.2002, 00:57
Jetzt hab ich ihn, Rostocks einzigem Programmkino sei Dank, endlich gesehen und verstehe auch die Anspielungen auf die Unschärferelation. Ha, Murmel ist gar kein Poet!

Stellenweise mußte ich laut lachen, manchmal allein über die Gesichter - aber alles,was ich lobend sagen wöllte, wurde schon eruiert.

Daher jetzt meine Frage an die Filmexperten des Forums: Was sollte die Untertasse kurz vor Schluß? Meine Begleitung vermutete einen tieferen philosophischen Sinn, ich eine dramaturgische Taktik ähnlich der des comic relief bei Shakespeare - oder eben einfach, daß man Motive noch einmal auftauchen lassen wollte, so wie in einem Gemälde, in dem keine Farbe nur einmal vorkommt (wäre aber in punkto Ufo schon das 3. Erscheinen).

Bitte nur ernstgemeinte Zuschriften!

Murmel
14.01.2002, 01:14
Die ganze UFO-Geschichte wird damit zuende gebracht. Er wird erlöst. Mal so ganz unpoetisch ausgedrückt.

Juri
14.01.2002, 02:07
So GANZ befriedigt mich diese Antwort nicht, aber ich glaube, ich kann jetzt trotzdem schlafen. Gute Nacht, John Boy!

Juri
14.01.2002, 15:57
Wie bereits bemerkt: das ist eine unbefriedigende Antwort, denn von der UFO-Geschichte mußte er ja nicht erlöst werden.

Hat er also seine Schuld im Traum auf größere, dem kleinen (modernen!) Menschen uneinsichtige Zusammenhänge geschoben?

Hat er gar nicht geträumt?

Sollte der Zuschauer, der natürlich hofft, der ich-erzählende Protagonist, mit dem man sich wohl oder übel identifiziert, könnte noch entkommen, vorgeführt werden? (Sorry für diesen Schachtelsatz!)

Oder ist er nur einfach kuckuck geworden?

Klede
14.01.2002, 17:38
Ich meine ja, dass der letzte Auftritt des UFOs ein Abschied ist. Ed Cranes Traeume von einem anderen Leben verabschieden sich fuer immer, mitgenommen wird er nicht. Ist ja auch kein Zufall, dass die Roswell-UFO Geschichte im gleichen Time Magazine steht wie der Dry Cleaning Artikel.

Daher auch die Radkappe, die sich in das Ufo verwandelt und davonfliegt: wieder eine vertane Chance, der Eintoenigkeit zu entfliehen, ein anderes Leben zu beginnen. Der Traum, aus Birdy eine Konzertpianistin zu machen ist so wahrscheinlich wie die Roswell Geschichte.

Die Alternative ist Big Daves Frau, die wirklich an UFOs glaubt und offensichtlich ihren Verstand verloren hat.

Hm, vielleicht so.

Juri
14.01.2002, 18:00
wenn ich jetzt sage, daß mich diese Antwort befriedigt, werd ich bestimmt ausgelacht

Danke, Klede!

Juri
25.01.2002, 18:34
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, nochmal ein paar Fragen:

Ed sitzt in der Gefängniszelle und beendet seine Aufzeichnungen - die erzählte Vergangenheit ist beendet, die Erzählung kommt in der Gegenwart an. Und Ed stellt auf einmal einen Vergleich an, wie er sich nach diesen Aufzeichnungen fühlt. "Das ist, als würde man..."? Leider ist mir entfallen, was genau er sagt! Irgendwas mit "sinnlos"?

Die darauffolgende (Traum-?)Sequenz: Eds Tür ist plötzlich offen, er geht durch viele Gänge und Türen, gelangt ins Freie - doch welch Ironie, es ist der Gefängnisinnenhof! Spiegelt es das Gefühl nach Beendigung seiner Aufzeichnungen wider?
Dort wird er geblendet - man vermutet zunächst, es sei der Suchscheinwerfer - ein Moment der Klarheit? Ist die Klarheit zu groß, um klarzusehen? Sieht er so klar, daß die Unschärferelation relevant wird, also wieder mal gar nichts klar ist? Er, der Prototyp des modernen Menschen, den Aliens, die ihn anleuchten, seelenverwandt, ihnen, den Überlegenen, ebenbürtig? Oder war er genausowenig am Ziel, bei der Erkenntnis, angelangt (the man who wasn't there), wie die Aliens jemals auf der Erde angekommen sind?
Und ebenso gern, wie man an die Existenz von Aliens glaubt, glaubt man auch an Wahr- und Klarheit.
Oh Gott, ich glaub, ich hab zu genau hingeschaut, alles verschwimmt!
Augen reibend ab

Juri
28.01.2002, 10:16
Hm. Alle haben sich einfach damit abgefunden. Das kann ich nicht gutheißen.

christoph
28.01.2002, 12:21
Ich glaube, die Juri tut etwas für Frauen ganz und gar Untypisches: Sie denkt zuviel. Die Coens dagegen sind beide männlichen Geschlechts, und dem ist es immanent, gelegentlich aus heiterem Himel Unsinn zu machen - der sich weder mit einer schwierigen Kindheit noch mit einer psychologischen Disposition erklären läßt.

Juri
28.01.2002, 15:45
Dann haben wohl Männer und Frauen doch mehr gemeinsam, als der Volksmund behauptet. Und wo bleiben die Forumisten?

Neinnein, Christoph, ich glaube nicht an Unsinn aus heiterem Himmel in diesem Film. Es mag als Unsinn erscheinen, versucht man ihn an der Außenwelt zu messen, doch innerhalb seines selbstreferentiellen Systems suche ich Kohärenz. Dennoch danke für eine Antwort. Es lebe der Diskurs!