Vollständige Version anzeigen : geist der zeit
sarahkampl
29.04.1999, 18:11
Da ich kein Kind der 80er Jahre bin kann ich mich auch nicht mit diversen Anektoten und Reliquien hervortun, nur möchte ich die Frage in den Raum stellen ob es wirklich Sinn macht
von 'einem' Zeitgeist zu sprechen. Was soll man genau darunter verstehen? Meint man damit den Mainstream, den dominanten Diskurs innerhalb einer Gesellschaft oder vielmehr subversive Gegegenbewegungen? Hängt der sogenannte Zeitgesit nicht immer auch mit Macht und Einfluß, v.a. im Bereich der Massenkultur und der Kulturindustrie zusammen? Bestehen nicht viele verschiedene Zeitgeister in einer Gesellschaft und wäre es nicht falsch nur den jeweils dominanten zu betrachten?
Auch wenn denjenigen, die diesen vielleicht etwas unkonventionellen Beitrag lesen, diese Fragen ohnehin schon als beantwortet ansehen, möchte ich doch deutlichere Antworten auf diese Flut an Fragen einfordern. Danke.
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Liebe Sarah Kampl,
aber sicher gibt es einen Zeitgeist! Der definiert sich nicht nur durch den in dieser Zeit herrschenden Mainstream, sondern auch über die typische Gegenbewegung dieser Zeit. Und dies prägt jede Generation sehr tief. Ich hatte in den 80ern viele alt-68er-Lehrer. Das ist diese betroffene, aufmerksame, alle Katastrophen vorhersehende Generation. Sie haben den Umbruch 68 gelebt. Meine Generation hat einen solchen Umbruch nie erlebt (Das gilt natürlich nicht für die Ostdeutschen). Und ich glaube, dass man uns dieses Vertrauen anmerkt. Ich persönlich finde es allerdings sehr schade, dass sich die Zeitgeist-Diskussion fast ausschliesslich auf Prokukte beschränkt. Auch wenn diese Kindheitserinnerungen sehr nett sind.
Viele Grüße,
Diana
Liebe Sarah,
stimmt - man merkt, daß Du kein Kind der 80er bist: Dein Jargon (wirklich furchtbar 'unkonventionell'!) klingt so wie der meiner ergrauten 68er-Studienräte, die in der Oberstufe von herrschaftsfreien Lebensformen gefaselt haben, zu Hause aber ihre Kinder - die gerne Anne-Sophie, Sarah, Laura und Jan hießen - mit Klavierunterricht, Ballett und Zwangsliteratur tyrannisiert haben. Soviel zum Thema Scheinheiligkeit der selbsternannten Gutmenschen.
Und vielleicht kannst Du uns mal erklären, was Trip-top und Schleimi mit Machtinteressen zu tun haben soll. Wohl zuviel - und dann auch noch falsch - Papas Taschenbuchausgabe des 'Kapital' gelesen?
Mir gefällt dieses Forum sehr gut, weil amüsante Anekdoten (mit d geschrieben, Sarah, mit d!) aus dem Alltagsleben der 80er ausgetauscht - weil es SPASS macht - Spaß!
Aber dieses Wort ist ja bekanntlich ein Fremdwort für unsere deutschen Bildungsbürger-Missionare.
Gruss, G.
stimmt.
es macht einfach spaß.
gut, gunnar.
Halt! Stop!
Obwohl ich in dieser Diskussion eher Diana als Sarah zustimmen möchte, scheint es mir doch erstaunlich, daß sich 'unsere' Generation fast ausschließlich über Produkte, Bands und Fernsehserien definiert. Die Erinnerung daran ist zwar lustig, kann doch aber nicht alles gewesen sein, oder?
Um einen kleinen, bescheidenen Anfang zu mehr zu machen: Als ich kürzlich mein in den 70'ern angelegtes Briefmarkenalbum durchsah, fiel mir auf, daß ich die DDR in der Abteilung Ausland zwischen Dänemark und Dominikanische Republik eingeordnet hatte. Als dann die Vereinigung kam, war mir das in etwa so egal, als hätten sich North und South Dakota wiedervereinigt. Ist das (für einen Westdeutschen) normal?
Harald Leinweber
08.05.1999, 23:10
Guten Tag!
Ich finde es intressant, den 'Zeitgeist' - wie immer er definiert sein mag - auch unabhängig von Produkten und Fiktionen zu behandeln.
In dem Zusammenhang eine Frage oder eine Überlegung:
Sind die 80er das Jahrzehnt der Verständigung?
Hat sich in den 80er Jahren nach Jahrzehnten der Konfrontation und des Aufeinanderdraufschlagens die Idee (zunächst auch tatsächlich nur die Idee!), dass es bei Streitfragen besser ist, sich über den Tisch zu ziehen als auf den Kopf (oder andere ähnlich wichtige bzw. empfindliche Teile der Anatomie) zu hauen, sehr viel weiter verbreitet als vorher?
Gibt es Indizien, die dafür oder dagegen sprechen? (Kann es angesichts der überaus vagen Frage solche Indizien überhaupt geben?)
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit
Harald Leinweber
frollein
09.05.1999, 13:48
Gut gebrüllt Gunnar....obwohl du dir die rechtschreib-belehrung auch sparen hättest können....ups....wirre grammatik... *grinst*
Vielleicht haben die alt-68er akademiker doch ein wenig auf dich abgefärbt? ;-)
Und zu Jan.....ja ich glaube das war für westdeutsche in unserem alter normal.....Frankreich England und Holland waren mir viel viel näher als die DDR.....die war ein so exotisches land für mich wie die Sowjetunion. Die wiedervereinigung war mir egal....als es dann passierte wollte ich es einfach nicht glauben. Die achtziger waren neben zauberwürfel auch noch Tschernobyl, Pershing2abkommen und punkrock für mich...die Grünen...die hausbesetzer-bewegung....also Sara...Zeitgeist ist ein zusammenspiel von vielem....nicht nur mainstream, aber auch nicht nur 'subversive' gegenbewegungen.
Harald Leinweber
16.05.1999, 18:14
Guten Tag!
Jan7000 schreibt: 'scheint es mir doch erstaunlich, daß sich 'unsere' Generation fast ausschließlich über Produkte, Bands und Fernsehserien definiert'.
Ist es vielleicht so, dass die Bedeutung von Fiktion (Fernsehserien, Werbung, Computerspiele, Kino, Literatur etc. - Geschichten) in der Gesellschaft seit langem immer mehr zunimmt?
Dass die Menschen immer weniger mit materieller Produktion und immer mehr mit Geschichten zu tun haben?
Und dass sich das darin spiegelt, dass die Menschen Geschichten auch immer wichtiger finden als 'Reales'?
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit
Harald Leinweber
christoph
20.05.1999, 17:39
...und genau so war es selbstverständlich schon immer. Die Reflektion von 'gesamtgesellschaftlich unbedeutenden' Kleinigkeiten wie Serien und Musike ist überhaupt die einzige Art und Weise, wie sich der einzelne Mensch an seine Vergangenheit erinnern sollte. Selbst, wenn diese Erinnerungen irgendwann richtig verklärte Mythen sind. Von diesen Mythen leben die Menschen, seitdem es Sprache gibt, und ich glaube nicht, daß - historisch gesehen - diese Sehnsucht nach Erinnerung ab- oder zunimmt - sie bleibt immer gleich, weil sie in jedem Menschen ist. Jeder einzelne hat seine persönliche Vergangenheit, und die soll er preisen oder verfluchen.
Alles andere kann er irgendwann mal in den Geschichtsbüchern seiner Enkel nachlesen.
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Hannibal
20.05.1999, 20:23
Heisst das, jeder soll lieber in seiner Kindheit als heute leben wollen?
Ich hatte eigentlich vor, morgen nicht unbedingt dasselbe zu tun wie vor fuenf Jahren (oder vor fuenfzehn oder jemand vor fuenfzig). Oder sagen wir mal: ich hatte nicht vor, morgen nichts anderes zu tun, als mich an frueher zu erinnern und 'mich selbst zu entdecken'.
Ja, die Gemeinschaft, die gemeinschaftliche Erinnerung bringt Freude. Aber die gemeinschaftliche Erinnerung an die schönen Tage GESTERN ist auch nicht uebel. Ich find«s jedenfalls motivierender.
Tom Becker
21.05.1999, 15:39
Aber Hallo, wir sind doch in einem 80er Forum, da wird doch die Erinnerung an die Kindheit in all denen geweckt, die damals Kind waren. Wenn dieses Forum gestern heißen würde, na ja, dann wäre ich nicht da. Ich denke, daß wir durch Fernsehen, Musik und andere Kosumgüter am ehesten den Zugang zu diesem Thema finden, denn bei allen politischen Fragen, die die Zeit damals aufwarf, diese Produkte waren doch das Verbindende für unsere Generation. Oder soll ich jetzt von meiner Zeit im Volleyball-Verein erzählne, lößt das bei Euch vielleicht Erinnerung aus? Wenn, dann doch sehr begrenzt, oder? Aber unpolitisch waren wir schon immer, wer mir was anderes erzählt, wird die Ausnahme sein. Ich selber habe damals in der SV (gibt«s sowas noch) mitgearbeitet, eine Schülerzeitung gemacht. Aber das waren doch nur noch Abgesänge auf die politischen Veränderungen, die uns in die Wiege gelegt wurden. In unserer Kindheit haben wir doch nicht die Grünen gegründet, die gab«s doch schon. Welche Veränderung hat denn unsere Generation bis jetzt erreicht? Haben wir den Krieg Salonfähig gemacht, haben wir die gelbe Tonne erfunden? Sind wir politisch?
Gabrielle
22.05.1999, 20:01
Noch ein Wort zum Thema: haben wir nur Produkte, Musik und Fernsehen im Kopf, wenn wir an die 80«er denken und wo bleibt die Politik.
Sicher gab es auch in den 80«ern eine politische Bewegung und sicher ist nicht jeder dumpf auf der Suche nach dem neuesten Trend durch die Gegend gelaufen. Doch was ist es, das unser Herz plötzlich und unerwartet höher schlagen läßt? Ein alter Artikel über das Sterben der Wälder? Mich traf es wie der Blitz, als ich über einen Flohmarkt geschlendert bin und da doch glatt eine von diesen rosafarbenen Plastikkorbtaschen stehen gesehen habe! Erinnert Ihr Euch noch Mädels? Die Dinger, die man im Flachpack kaufen und dann selber anhand dieser reizenden Noppen zusammenbasteln konnte. Der Megahit und was war ich nicht stolz dazu einen blauen, mit bunten Sternen übersähten Plastikumhängebeutel zu besitzen. Das ist Kult und das läßt mir die Tränen in die Augen steigen!!!!
Es lebe die wahre Popkultur!
Ich habe mit Interesse die Diskussion gelesen, und ich denke, dass die achtziger Jahre für die Menschen, die alles, was es an politischen Auseinandersetzungen UND Kultur (auch Jugendkultur) gab, direkt miterlebt haben, vor allem eine Zeit der Verwirrung waren. Ich war 1989 21 Jahre alt, habe also meine Pubertät komplett in den Achtzigern erlebt, und ich kann rückblickend überhaupt kein Konzept sehen, das für mich heute noch irgendeine Bedeutung hätte. Kein einziges Ziel, für das wir empört auf die Straßen gegangen sind, wäre heute überhaupt noch formulierbar. Oder: wenn früher die Popper gehasst wurden, in welcher Gruppe sind sie aufgegangen? Heute sind wir doch alle irgendwie gleichgeschaltet, es gibt doch kaum noch Unterschiede, außer zwischen gesellschaftlich anerkannten Guten und Bösen, und wir sind doch alle Gute und bewegen uns auch nur unter Guten. In den Achtzigern gab es dagegen auch Zwischentöne, und richtig unpolitisch konnte auch niemand sein. Und wenn sich heute (gähn) jeder zweite die Augenbrauen und die Zunge piercen lässt, wen kümmert's? Aber ich kann mich an lebhafte Diskussionen erinnern, wenn irgendwer mit einem 'Stoppt Strauß' oder auch 'Atomkraft-Na klar!'-Button in der Schule auftauchte.
Aber die Diskussionen sind der Besinnung auf die eigenen Probleme (und das ist auch wichtig) und vielleicht auch der Resignation gewichen.
Ich glaube, dass die Kinder der Achtziger ihre Antennen höher ausfahren und ihre Sensoren sensibler einstellen können als die Kinder der Neunziger, und das macht doch Mut!
Harald Leinweber
28.05.1999, 18:50
Guten Tag!
Die 80er-Politik ... Januar 1980 war ich eineR von 180 Delegierten aus Alternativen und Bunten Listen und Wahlbündnissen, denen die Grünen eine Beteiligung an ihrer Gründungsversammlung nicht erlauben wollten - unter anderem, weil zu viele Kommunisten in den Bunten und Alternativen Listen waren.
Damals wurde Henning Venske (ein Delegierter der Hamburger Bunten Liste) erlaubt, ein paar Worte für 'die da draußen' zu sprechen, und er sprach zu der Grünen Gründungsversammlung: 'Glaubt doch nicht, es liefe alles besser, wenn Ihr Euch nur das linke Bein abhackt. Ihr wisst doch noch gar nicht, wie die Krücken aussehen, mit denen Ihr der Bunten und Alternativen Bewegung davonhumpelt!'
Es hat die GründerInnen nicht überzeugt, und so blieb es mir erspart, am Grünen Versuch beteiligt zu sein. Auch was wert!
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit
Harald Leinweber
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