Firmian Maierhofer
21.03.2000, 14:15
Nun, Bundeswehr ist aber kein typisches 80er-Phänomen - auch wenn's auch bei mir die 80er waren, die ich teilweise dort verbrachte.
Die 'Status-quo'-Neuauflage des Liedes 'you're in the army now' war übrigens im Herbst 1986 - als ich dazukam, dudelte das mehrmals täglich im Radio.
Nach der Grundausbildung war die größte Schwierigkeit, die Arbeit, für die man unter normalen Umständen vielleicht 'ne Stunde bräuchte, auf acht Stunden gleichmäßig zu verteilen.
Interessant war für mich auch die Reservistenzeit: Zweimal erhielt ich eine 'Einladung' zu einer Übung (das erste Mal nur eine Vorankündigung, das zweite Mal einen richtigen Beischeid per Einschreiben), und beide Male wurde die Übung wegen 'geänderter politischer Lage' und starker Verkleinerung der Bundeswehr abgeblasen.
Zum 01.01.2000 wurde ich endlich formal aus der Reserve entlassen und schmücke mich jetzt mit dem stolzen Titel 'Gefreiter a.D.' (statt Gefreiter d.Res.) (tja, zum Obergefreiten habe ich's nie gebracht )
Firmian Maierhofer
21.03.2000, 14:18
Übrigens war der Winter 1986/87, den ich im Staatsdienst (teilweise im Freien) verbrachte, wirklich und nicht nur in meiner Erinnerung der strengste des Jahrzehnts, wie ich neulich las. März 1987, Lager Bergen-Hohne, bei 20 Grad minus die Nacht im Freien verbringen, das war aber echt saukalt......
christoph
22.03.2000, 01:50
Ich weiß gar nicht, ob das hierherpaßt. Andererseits - wohin sonst?
Der zweite Januar 1989 fand mich auf dem Bahnhof von Hannover, mich und hunderte anderer 18, 19 und 20-jähriger. Auf dem Weg in die Kasernen, denn wir waren einberufen ('Hein, Du bist berufen!' - 'Hä??'). Ein kalter Tag, der Hannoveraner Bahnhof auch nicht gerade heimelig, und die Delinquenten erkannte man an ihrem extrem unsicheren Gesichtsausdruck und den prallgefüllten Sporttaschen.
Alle 20 Meter stand ein oliv Uniformierter - ein sogenannter 'Feldwebel' oder 'Stabsunteroffizier' oder auch 'Stuffz', wie wir nur wenige Wochen später nur zu genau wissen würden. Um diese Uniformierten sammelte sich alles in Gruppen wie kleine Schafherden. Man bemühte sich nicht einmal, besonders cool zu tun (eine ziemliche Leistung für Jungens in dem Alter); bestenfalls kursierten gallige und ziemlich makabre Scherze.
Das war der Auftakt zu 15 Monaten zwischen gestern und heute. Gestern: Das war zum Beispiel das einwöchige Biwak bei Kaisersesch in der Eifel. Es schüttete jede Nacht wie aus Kübeln, der Boden war schlammig, schlammiger, am schlammigsten. Die Zeltbahnen der Zweimann- 'Dackelhütten' waren klatschnaß. Ebenso die Klamotten. Man konnte sich aussuchen, ob man morgens das Ganzkörper- Gummizeug anlegte und dann am Abend nicht vom Regen, sondern vom eigenen Schweiß tropfnaß war - oder doch die Feuchte des Himmels vorzog. 'Rahmenhandlung' dieses Biwaks: Die Präliminarien zum 3. Weltkrieg. Infiltration durch Ostagenten und russische 'Spetsnats'- Einheiten. Deswegen: Höchste Wachsamkeit. Einerseits wußten wir, daß das alles Quatsch sein mußte. Andererseits waren wir hundertprozentig abgeschnitten von der Welt da draußen - man hätte uns alles erzählen können. Und so stolperten wir jede Nacht fluchend als Wachtposten durch den stockfinsteren, triefenden Wald, robbten durch den Schlamm und machten die Erfahrung, daß sich die Mischung aus Waffenöl und Dreck so tief in die Handflächen eingräbt, daß man Wochen braucht, um sie wieder herauszuwaschen.
Ach ja, und die erste Nacht in der Kaserne, als der UvD um 05.15 Uhr damit weckte, aus seinem Ghettoblaster 'In the Army Now' von Status Quo mit 100 Dezibel durch den Korridor zu blasen.
Gestern, das waren auch die folgenden Monate an der innerdeutschen Grenze im Dienste der sog. 'Elektronischen Kampfführung', von den Russen auch 'Militärspionage' genannt. Abhören und Anpeilen des russischen und ostdeutschen Militärfunks, rund um die Uhr, Schichtdienst. Monate und Monate in oliv, der 'Spieß' grüßte mit 'Morgen, Landser!', 380 Mark Maximalsold, Stiefelputzen, Kaffeekonsum bis zum Geschwür, Laaangeweile abgelöst von Höllendruck, endlich der zweite Streifen zum Obergefreiten.
Die Nacht des Tiananmen- Massakers. Da dachten wir nochmal: Wenn die immer noch so drauf sind, die Sch...- Kommunisten, dann nehm ich im Zweifelsfall doch noch die Knarre, anstelle wegzulaufen. Denn ansonsten war das steter Inhalt der Scherze untereinander: Wie wir die Beine unter den Arm nehmen würden, wenn der Russe tatsächlich käme. Der eine würde fragen: 'Nach Moskau? Generell gerne, aber für nächste Woche hab ich meinen Mallorca- Urlaub geplant', der andere vielleicht: 'Krieg? Hm. Kann ich meine Freundin mitnehmen?', wieder ein anderer: 'Angriff? Da drüben haben die doch gar keine Batterien für meinen Walkman'.
Wohlstandskinder, die wir waren!
Die Nacht vom 9. November 1989 werde ich allerdings nie vergessen. Von der Nachtschicht gekommen, todmüde, und alle Straßen voller Trabants und Wartburgs an diesem bitterkalten, nebligen Novembertag. Schweigend und mit großen Augen hunderte von Menschen auf der Straße meines Heimatdorfs, ungläubig, unsicher, und in den Eingängen ihrer Geschäfte die Ladenbesitzer, stumm, fassungslos auch sie... Ich mittendrin, mit rotem Barett, Parka, Handschuhen, wie betäubt von Müdigkeit und Gefühlsbewegung gleichzeitig. Die Menschen von 'drüben', die mich ansahen und einen Bundeswehrsoldaten erblickten, die Menschen von hüben, die mich als den Jungen aus ihrem Dorf kannten...
Heute bin ich überall und immer der einzige, der beim Bund war. Alle anderen haben verweigert oder waren untauglich, sogar (vor allem!) die größten Sportskanonen. Hmmmm... aber ich weiß: Einiges davon, wie es war, am Ende der Achtziger und am sog. 'Ende der Nachkriegszeit' Soldat zu sein, werde ich nie vergessen.
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