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Vollständige Version anzeigen : Kalter Krieg und Tschernobyl


redselig
12.03.2000, 14:00
Geht es nur mir so? Die 80er sind ziemlich überschattet in meiner Erinnerung. Die größte Angst, die man damals lange hatte, wurde von der Vorstellung eines dritten Weltkriegs ausgelöst - bis dann Tschernobyl kam und man Milchpulver hortete und nichts Frisches mehr aß. In meiner Erinnerung sind die 80er als ziemlich apokalyptisches Jahrzehnt gespeichert.

fiep
13.03.2000, 15:19
Als 'apokalyptisch' habe ich die 80er Jahre nicht erlebt. Rückblickend erlebe ich den Kalten Krieg jedoch durchaus als beunruhigende Situation. Damals war ich noch zu klein, um die Dimensionen wahrzunehmen. Und auch das ständige Moralisieren unserer LehrerInnen fand ich eher öde. Heute kommt mir das Gruseln, wenn ich pompöse sowjetische Militärparaden sehe oder das Lied 'Rushn«s' von Sting höre. Der Film 'the day after' hat mir schlaflose Nächte bereitet.
Als eindrucksvollstes Unglück ist bei mir die Challenger-Katastrophe hängengeblieben. Es war sozusagen ein 'greifbares' Unglück, denn zum einen wurde nicht nur das Resultat (wie bei Tschernobyl), sondern auch die Katastrophe selbst gezeigt. Zum anderen war das Thema 'Raumfahrt' für mich sehr lebendig und interessant. Der Griff nach den Sternen - auch von einer normalen Lehrerin. Und dann explodiert alles in einem großen Feuerball. Allerdings erinnere ich mich auch an den sarkastischen Witz, der damals von Amerika zu uns hinüberschwappte. So sollen die letzten Worte der Lehrerin gewesen sein: 'What is this button for?'

Harald Leinweber
14.03.2000, 01:53
Guten Tag!
Ich habe meine politische Sozialisation in den 70ern und infolge dessen die massenhaft empfundene Stimmung in den frühen Achziger Jahren als katastrophal erlebt.
Der Sommer 1983 wurde von vielen Menschen in der Bundesrepublik als der letzte dieser Art empfunden. Mit der Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen stand der 3. Weltkrieg zwar nicht morgen, aber doch übermorgen oder nächste Woche auf der Tagesordnung.
So haben damals viele empfunden.
Natürlich konnte sich diese Stimmung nicht lange so intensiv halten.
Aber das Stichwort 'Tanz auf dem Vulkan' durchzieht die 80er Jahre.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit
Harald Leinweber

Guy
14.03.2000, 13:38
Ouh,
so ist bei mir als eines der eindrücklichsten bilder der schaurig-schöne atompilz in die grauen zellen gebrannt.
hat mir auf meinem stockbett schlaflose nächte bereitet. um ehrlich zu sein, kehrt das trauma immermal wieder. für 'the day after' haben meinen nerven nie gereicht.
guy

Firmian Maierhofer
14.03.2000, 15:15
Ich war bei 'Tschernobyl' 18 Jahre alt. Ich kann mich erinnern, daß weder ich noch andere in meinem Bekanntenkreis die Aufregung wegen verstrahlter Nahrung oder unserem Schulsportplatz ernst nahmen. Wir freuten uns eher, daß die Erdbeeren auf einmal so billig waren und lachten über die typisch deutsche Katastrophenmentalität.
Unser Sportlehrer wies uns nach Tschernobyl darauf hin, daß das Betreten des Sportplatzes verboten sei, stellte uns aber, da wir schon volljährig waren, frei, uns auf eigene Verantwortung darüber hinwegzusetzen. Nicht einer wollte lieber in die Halle (ok, da war vielleicht ein sozialer Druck, aber andererseits waren wir nicht so unselbständig).
Und durch das atomare Gleichgewicht hielten wir den Frieden in Europa für gesichert.
Ich hatte weder Angst vor einem Krieg noch vor einem Atomunfall. Alles in allem war es eine sehr schöne Zeit (und das sage ich nicht nur aus rückblickender Verklärung!).

(Beitrag wurde von Firmian Maierhofer am 14.03.2000 um 15:30 Uhr bearbeitet.)

f r a n k
14.03.2000, 17:31
oh, Firmian Maierhofer,
1000 Dank dafür
Mir (Jahrg. 1967) geht es ebenso. Ich hatte jahrelang den Eindruck, ich sei der einzige, mit einer völlig unpolitischen Sozialisation.
Ich habe keine Menschenketten gegen Pershing gebildet und mich auf die Straßen gelegt angesichts der Bedrohung des Kalten Krieges. Von Ostermärschen hatte ich keine Ahnung, geschweige denn jemals teilgenomemn zu haben.
Da ich in einer der westlichsten Ecken der BRD aufgewachsen bin, waren Schulausflüge in die DDR zu weit und Ostfernsehen gab's auch nicht und Pershings wurden auch nicht gerade um die Ecke stationiert (so meine damalige Wahrnehmung). Das schien mir alles Lichtjahre entfernt zu sein.

Wolf J
14.03.2000, 17:36
Der Kalte Krieg konnte nicht nur Gefühle der Angst, der Besorgnis und der Zweifel erzeugen, sondern auch Neugier und Interesse.
Das hängt aber damit zusammen, dass ich nicht ganz 'objektiv' in der 80ern aufgewachsen bin, sondern sehr die Einstellung einer der beiden Seiten des Kalten Krieges mitbekommen habe. Mein Aufwachsen und Leben war sehr amerikanisiert. Wohnhaft in der Nähe einer Stadt, die von 12.000 Deutschen und ebenso vielen, also auch 12.000 Amerikanern bevölkert wurde (auch wenn die sich in eigenen Viertel und abgegrenzten Bereichen ihr Heim in Deutschland schufen), kam man nicht drumherum, von der US-amerikanischen Mentalität, des Lebensstandards und des ganz normalen Alltagslebens einiges aufzuschnappen. In unserer Kindheit waren uniformierte Soldaten kein seltener Anblick (auch deshalb weil die Amis immer so rum liefen), Dutzende von Jets die im Tiefflug über die Dörfer jagten waren von Anfang an Gewohnheit.
Ich selbst wohnte lange in einem Mehrfamilienhaus, wo das Verhältnis Deutsche zu Amerikanern ungefähr 1:1 war. Man wuchs als Kind mit den Kindern der amerikan. Soldaten auf. Von ihnen bekam man so einiges mit. Soldaten, Waffen, etc. flössten keine Angst, sondern waren unheimlich interessant. Stolz schlenderten wir über den Hof wenn uns ein jungen G.I. mal seine Kugelschutzweste überzog und dann noch den Helm aufsetzte.
Erst mit zunehmenden Alter, Wissen und Bildung machte man sich Gedanken über das 'Warum?'. Nicht warum die Soldaten da waren, sondern der ganze spezielle Hintergrund. Angst vor einem Krieg gab es eigentlich nie, selbst wenn die Gefahren z.B. auch der Atomwaffen irgendwann von uns erkannt wurden. Schuld an dieser Unbesorgtheit war wohl die sehr selbstsichere Einstellung der US-Amerikaner, ihr Selbstvertrauen in das eigenen Land, seine Verbündete, und ihr eigenes Potential. Immerhin war man die Nummer 1 auf der Welt. Und eben durch dieses Zusammenleben und speziell das Aufwachsen mit ihnen brachte meine Generation dazu, ihr Denken und ihre Mentalität aufzugreifen und fortzuführen.
Ob das nun richtig war oder nicht soll mal dahingestellt sein.... ich denke aber, es bescherte uns (meine Generation in meiner Region) ein unbeschwerteres Aufwachsen als z.B. in den 60ern, wo man doch sehr darauf bedacht war, sich aus Angst vor Atomkriegen seinen eigenen Bunker oder Keller zu bauen.
Der Kalte Krieg war aber aus diesen Gründen kein Schreckgespenst. Das große 'Was wäre wenn....'-Denken etc. kam erst, als die ganze Sache mit dem Kalten Krieg schon Geschichte war. Und das man erst hinterher erkennt, was alles hätte passieren können, ist nicht nur ein Merkmal des Kalten Krieges; im Grunde genommen geschieht dies immer wieder.
'Erst hinterher sind wir schlauer, und auch heilfroh, dass es nicht so kam, wie es hätte kommen können.'
Wolf J

Prinzessin Jasmin
14.03.2000, 20:54
Also fuer mich die Katastrphe mit dem groessten 'impact' war die Challenger. Auch jetzt noch kann ich sagen das 73.44 Sec nach dem start sich die Challenger in 'einen riesigen zur Erde stuerzenden Flammenball aufloeste. Auch spaeter (irgendwann in den 90ern in einem grossen Mehrmonatigen Schulprojekt habe ich mich mit der Challengerkatastrophe befasst und beim verfassen meines Dossiers bin ich in Traenen ausgebrochen. 'What did this teacher with two little children anyway up there? But I still admire her bravery and questioned myself if I would be that brave.'
PJ
(Beitrag wurde von Prinzessin Jasmin am 14.03.2000 um 19:56 Uhr bearbeitet.)

Wolf J
14.03.2000, 23:19
Die Challenger-Katastrophe war wohl einer der größten Schock-Momente in den 80er Jahren. Zyniker könnten behaupten, dass dort 'nur' 7 Menschen gestorben sind, ein Bruchteil zu den Millionen anderen Toten in den Achtzigern.
Doch wenn genau solche Unfälle geschehen, trauert ein ganzer Erdball. Denn in genau solche Leute wie die Astronauten transferieren viele ihre Wünsche, Hoffnungen und Träume. Sie stehen nicht nur für eine Gruppe von Menschen, nicht nur für eine Nation, sondern für die gesamte Bevölkerung. Selbst damals (in einem Höhepunkt des Kalten Krieges) als Neill Armstrong den Mond betrat, war es egal welche Nationalität er hatte, denn JFK hatte Unrecht, nicht eine ganze Nation würde zum Mond fliegen, sondern die gesamte Menschheit.
Und genau aus diesem Grund war für viele die Challenger-Katastrophe ein schreckliches Erlebnis. Ich selbst hatte schon sehr früh das Interesse für die Raumfahrt, doch das war nicht Grund allein warum ich das Spektakel miterleben musste. Zu dieser Zeit zerrte die Übertragung eines Shuttle-Startes viele vor den Fernseh-Schirm, und die letzten wurden hinterm Ofen hergelockt, weil ja schließlich ein einfacher Bürger in Form einer Lehrerin dabei war. Ich erinnere mich noch gut daran, die Live-Übertragung des Startes gesehen zu haben. Es gibt nicht viel schönere Anblicke als den Start eines Shuttles. Einer Gruppe von Menschen die sich gen Himmel erhebt um 'zwischen den Sternen zu wandeln'. Und als unerwartet diese Explosion den Bildschirm füllte, wurde es ein Alptraum. Minutenlang saß ich ungläubig vorm TV, nicht in der Lage das Geschehene zu glauben. Selbst die Nachrichtensprecher fanden keine Worte, klammerten sich wie alle Zuschauer an jeden Funken Hoffnung (die Fallschirme der Booster hatte man noch für ein gutes Zeichen erhofft). Doch als immer mehr Zeit verging, umso schlimmer wurde die Gewissheit, welche Katastrophe sich ereignete.
Man trauerte, weinte, verzweifelte. Um das Leben dieser 7 Menschen. Denn mit Ihnen war auch ein Teil der Träume von uns allen gestorben. Ohne Vorwarnung.
Doch nicht nur Challenger in den 80ern, auch andere Schicksalsschläge sollten uns ein wenig nachdenklich werden lassen. (mit Wehmut las ich später über die genauen Ereignisse in den 60ern bei der Katastrophe von Apollo 1).
Trotz dieses Schicksalsschlages hat der Mensch richtig gehandelt. Wir haben nicht aufgehört zu träumen. Wir haben nicht aufgehört, das Unbekannte zu erforschen. Wir greifen, in mehreren Sinnen, immer noch nach den Sternen. Immer mit den Gedanken an solch tapfere Menschen, die für ihre Träume ihr Leben lassen mussten.

Wolf J

Harald Leinweber
17.03.2000, 04:59
Guten Tag!
Angesichts des Umstands, dass die Geschichte der Menschen prinzipiell unendlich ist, die Erde aber endlich, scheint mir die Ausbreitung der Menschen in den Weltraum unausweichlich.
So unausweichlich wie die Ausbreitung über diesen Planeten.
Sobald ein Raum zugänglich (gemacht) wird, wird er auch erkundet und ggf. erobert bzw. besiedelt.
So machen wir das.
Allerdings ist das ein langer, ein sehr langer Prozess. Der kann es durchaus mal vertragen, dass wir eine Zeitlang wenig oder auch gar kein Geld in Raumfahrt (bemannte, zu anderen Himmelskörpern) investieren.
(Mit starken Teleskopen hinaus blicken bis zum Rand des Universums ist ja auch nicht ohne.) Bei diesem Prozess geht es nicht um ein paar Jahre oder auch Jahrzehnte.
Aber wir werden da raus gehen.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit
Harald Leinweber

Sonja
19.03.2000, 15:08
Ich begann etwa Anfang der achtziger Jahre (im Grundschulalter), mich mit der DDR auseinanderzusetzen. Das geschah, weil wir regelmäßig die Verwandtschaft besuchten, ich mich sehr gut mit meiner gleichaltrigen Cousine verstand. Ich erinnere mich daran, daß ich sie gefragt habe, warum sie nie zu uns kommen. Sie sagte, daß sie das nicht dürfen, weil sie in diesem Land wohnen. Meine Frage darauf war, warum sie denn dahin gezogen seien. Worauf sie sagte, das wisse sie auch nicht, sie wohnen schon immer da. Ich habe das lange Zeit nicht verstanden. Die Großtante durfte uns besuchen. Ich habe meinen Eltern Löcher in den Bauch gefragt, und sie haben auch versucht, mir das zu erklären. An der Grenze mußten wir immer ewig warten und wurden lange kontrolliert. Meine Mutter ist mit dem umgetauschten Geld immer Noten kaufen gegangen, die waren dort auch billiger.
Ich habe die DDR damals aber irgendwie als etwas Normales erlebt. Als die Wende kam (ich war 14) habe ich mich mit meinen Eltern gefreut (die vor Freude geweint haben). Im Sommer 89 waren wir im Urlaub, und haben jeden Tag im Deutschlandfunk verfolgt, wie viele Leute wieder wohin geflohen waren. Das war ganz toll.
Mit der Wende hat meine Angst vor dem Kalten Krieg nachgelassen. Ich hatte das Buch 'Die letzten Kinder von Schewenborn' von Gudrun Pausewang mehrmals gelesen. Ich fand es einfach schrecklich. Ich habe mir oft vorgestellt, daß so etwas passiert, konnte nachts nicht schlafen. Habe manchmal bei Tieffliegern über der Stadt gedacht, sie schmeißen gleich Bomben ab. Ich denke, diese Angst war die größte meiner Kindheit. Gerade weil ich das auch nur teilweise begreifen konnte. Meine Eltern waren in der Friedensbewegung aktiv, und ich kann mich an mehrere Demonstrationen erinnern, an viele Lieder, die ich damals gelernt habe. Die Veranstaltungen waren immer schön, voll Hoffnung, aber sie hatten ja auch immer mit dieser Angst zu tun.
Challenger fand ich auch furchtbar. Es hat für mich bedeutet, daß der Mensch eben nicht alles beherrschen kann.
Schlimmer war aber Tschernobyl. Mein Verständnis für Radioaktivität reichte mit elf noch nicht weit, aber ich fand es unverantwortlich, daß so gefährliche Dinge zugelassen werden. Ich hatte besonders Angst davor, weil man das Gefährliche ja nicht sehen kann. Glücklicherweise waren meine Eltern nicht besonders hysterisch, aber als wir keine Pilze mehr sammeln gingen, bekam ich schon ein Gefühl für das Ausmaß der Katastrophe.
Rückblickend meine ich, daß die achtziger Jahre für mich wirklich viel mit dem Kalten Krieg zu tun hatten. Und daß das besonders schlimm für mich war, weil ich es als Kind nicht verstanden habe.