christoph
07.06.1999, 19:13
Jeder erinnert sich an die Zeit, in der für viele Bundesbürger 'das 1.', 'das 2.' und 'das 3.' die einzigen Optionen werk- und feiertäglicher Abendgestaltung waren. Da die BRD (so seinerzeit das gängige Kürzel, fast hat man«s vergessen) aber schon damals in der glücklichen Lage war, von vielen zivilisierten Nachbarstaaten umgeben zu sein, gab es mancherorts doch die Möglichkeit, ein paar andere Gesichter in der Glotze anzutreffen. Besonders schön war es, im Empfangsbereich des DDR-Fernsehens zu leben. Deren beiden Kanäle firmierten in unserer Gegend ganz selbstverständlich als 'das vierte' und 'das fünfte', wobei es beim Empfang des letzteren oft Probleme gab.
Wurde DDR 2 vielleicht von der polnischen Grenze aus ausgestrahlt oder vom Erzgebirge? Man oder zumindest ich weiß es nicht. In jedem Fall waren beide Programme an manchen Abenden ernstzunehmende Alternativen auf der so ärmlich ausgestatteten Senderskala. Und sie schlugen mich mit ihren zielgruppengerechten Programmen so manches Mal in ihren Bann.
Als Kind namentlich: 'Mach«s mit, mach«s nach, mach«s besser' mit einem Billigtrainingsanzug-Träger namens Adi und von Zeit zu Zeit wechselnden kleinen Mädchen als, wie man heutzutage sagen würde, Co-Moderatorinnen. Eine Bekannte, mit der ich vor Jahren in Berlin studierte, gestand mir, für einige Zeit mal eine von diesen gewesen zu sein. Da fühlte ich mich einen Augenblick lang vom Mantel der Geschichte gestreift, und ein Schauder lief mir den Rücken hinunter.
Als pubertierender Jüngling, Abt. Faszination der Waffe: Radar, das Magazin der Nationalen Volksarmee. Offenbar war ich der einzige Zuschauer dieses Magazins. Auf Nachfrage behaupteten bislang alle, und zwar ALLE Bekannte aus der ehem. DDR, die man so kennenlernt, wenn man in Berlin wohnt - ich will sagen, daß es durchaus einige mehr sind als 2 -, von diesem Magazin nie gehört zu haben. Hätte es nie gegeben. Ja, spinn ich? Die Schützenpanzer russischen Fabrikats, die da zum Schutze der Arbeiter und Bauern vor laufender Kamera durch die Märkische Heide donnerten, daß meine jungen Kapitalistenknochen nur so erzitterten - war das ein Traum? Quatsch! Im 1., 2. oder 3. gab es sowas natürlich nicht, da hätte es einen Aufschrei gegeben: Militarismus, Gewaltverherrlichung --- einziger Sendeplatz für solche schönen Sachen, nach denen sich jeder 13jährige sehnt: das Ostfernsehen.
Als pubertierender Jüngling, Abt. Hormonelle Wirrungen: 'Erotisches zur Nacht' und Ost-Produktionen ähnlichen Zuschnitts. Rückblickend möchte man ja gar nicht fassen, wie prüde das Westfernsehen noch, sagen wir mal, 1985 war. Ein sexuelles Pleistozän. Bisweilen geradezu komisch bieder. Dagegen waren das vierte und fünfte Programm immer für nackte Haut gut. Das 'Erotische zur Nacht' französischer Provenienz wurde an ganz besonders guten Abenden von einer Ansagerin angesagt, die wie ein fleischgewordener Testosteronstoß auf einer Chaiselongue hingegossen war, in Netzstrümpfen ----- Gott, war die schön! Wie hieß die? Weiß das jemand? Da gab es auch noch hinreißende Eigenproduktionen, die das Lotterleben am Hofe Augusts des Starken portraitierten. Verschwommen erinnere ich mich an eine Szene, in der August in seinem Boudoir die Blockflöte spielt und eine überaus üppige Brünette dazu ihre ansprechenden Reize in die Kamera schwenkt. Und im Rhythmus dazu die Kulissen wackeln! War das vielleicht irgendwie subversiv gemeint? Egal. Im 1., 2. oder 3. gab es sowas natürlich nicht, da hätte es einen Aufschrei gegeben: Sexismus, Jugendverderbung --- einziger Sendeplatz für solche schönen Sachen, nach denen sich jeder 15jährige sehnt: das Ostfernsehen.
Als pubertierender Jüngling, Abt. Auf die Barrikaden, nieder mit den Herrschenden: Der Schwarze Kanal. Auch hier muß ich oft der einzige Zuschauer gesesen sein. Zumindest ist es möglich, daß die Quote im Westen höher war als im Osten. Karl-Eduard von Schnitzler, vulgo 'Sudelede', war meine erste politische Haßfigur, noch vor Otto Graf Lambsdorff und lange vor Edmund Stoiber. Er hat mich ironischerweise gelehrt, daß es bei uns doch nicht so schlecht sein kann, wenn sich ein solcher Widerling dagegen echauffiert. Ich verdanke ihm, das muß man schon so sehen, einen Gutteil meines 'Verfassungspatriotismus'. Allerdings stand der unter schwerem Beschuß vom 'ZDF-Magazin', auf unserem Schulhof zur Kontrastierung meist 'Der braune Kanal' tituliert. Das war jedenfalls Polemik, die einen als 17jährigen mitriß.
Aber der Höhepunkt, der alle Welten, Zeiten und Systeme umgreift und vereint und in ein mildtätiges Licht taucht, wird ad aeternitatem bleiben:
DIE OLSENBANDE.
Da will ich gar keine Anekdoten von erzählen, das sollen andere tun. Die Olsenbande ist ein unsterbliches Stück Ostfernsehen und wird nie wieder so hell erstrahlen wie damals, eingefaßt zwischen Aktueller Kamera und Berichten aus der Oberliga. Keine Folge habe ich nicht midestens 3x gesehen. Was haben wir gewiehert. 'Das dumme Schwein', 'Direktor Bang-Johansen', 'Yvonne'... 'Ich habe einen Plan. Wir brauchen 2m Bindfaden, 3 Kaugummis, eine Rohrzange, ein Fahrrad, eine Kiste Tuborg Pilsner und einen Spielzeugpanzer'. Nein, nein, halt, stop, keine Anekdoten jetzt.
Resume nur: Ostfernsehen, Du hast mich geprägt und wolltest es doch gar nicht. Wahrscheinlich genau deshalb.
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(Beitrag wurde von christoph am 08.06.99 um 15:43 Uhr bearbeitet.)
Wurde DDR 2 vielleicht von der polnischen Grenze aus ausgestrahlt oder vom Erzgebirge? Man oder zumindest ich weiß es nicht. In jedem Fall waren beide Programme an manchen Abenden ernstzunehmende Alternativen auf der so ärmlich ausgestatteten Senderskala. Und sie schlugen mich mit ihren zielgruppengerechten Programmen so manches Mal in ihren Bann.
Als Kind namentlich: 'Mach«s mit, mach«s nach, mach«s besser' mit einem Billigtrainingsanzug-Träger namens Adi und von Zeit zu Zeit wechselnden kleinen Mädchen als, wie man heutzutage sagen würde, Co-Moderatorinnen. Eine Bekannte, mit der ich vor Jahren in Berlin studierte, gestand mir, für einige Zeit mal eine von diesen gewesen zu sein. Da fühlte ich mich einen Augenblick lang vom Mantel der Geschichte gestreift, und ein Schauder lief mir den Rücken hinunter.
Als pubertierender Jüngling, Abt. Faszination der Waffe: Radar, das Magazin der Nationalen Volksarmee. Offenbar war ich der einzige Zuschauer dieses Magazins. Auf Nachfrage behaupteten bislang alle, und zwar ALLE Bekannte aus der ehem. DDR, die man so kennenlernt, wenn man in Berlin wohnt - ich will sagen, daß es durchaus einige mehr sind als 2 -, von diesem Magazin nie gehört zu haben. Hätte es nie gegeben. Ja, spinn ich? Die Schützenpanzer russischen Fabrikats, die da zum Schutze der Arbeiter und Bauern vor laufender Kamera durch die Märkische Heide donnerten, daß meine jungen Kapitalistenknochen nur so erzitterten - war das ein Traum? Quatsch! Im 1., 2. oder 3. gab es sowas natürlich nicht, da hätte es einen Aufschrei gegeben: Militarismus, Gewaltverherrlichung --- einziger Sendeplatz für solche schönen Sachen, nach denen sich jeder 13jährige sehnt: das Ostfernsehen.
Als pubertierender Jüngling, Abt. Hormonelle Wirrungen: 'Erotisches zur Nacht' und Ost-Produktionen ähnlichen Zuschnitts. Rückblickend möchte man ja gar nicht fassen, wie prüde das Westfernsehen noch, sagen wir mal, 1985 war. Ein sexuelles Pleistozän. Bisweilen geradezu komisch bieder. Dagegen waren das vierte und fünfte Programm immer für nackte Haut gut. Das 'Erotische zur Nacht' französischer Provenienz wurde an ganz besonders guten Abenden von einer Ansagerin angesagt, die wie ein fleischgewordener Testosteronstoß auf einer Chaiselongue hingegossen war, in Netzstrümpfen ----- Gott, war die schön! Wie hieß die? Weiß das jemand? Da gab es auch noch hinreißende Eigenproduktionen, die das Lotterleben am Hofe Augusts des Starken portraitierten. Verschwommen erinnere ich mich an eine Szene, in der August in seinem Boudoir die Blockflöte spielt und eine überaus üppige Brünette dazu ihre ansprechenden Reize in die Kamera schwenkt. Und im Rhythmus dazu die Kulissen wackeln! War das vielleicht irgendwie subversiv gemeint? Egal. Im 1., 2. oder 3. gab es sowas natürlich nicht, da hätte es einen Aufschrei gegeben: Sexismus, Jugendverderbung --- einziger Sendeplatz für solche schönen Sachen, nach denen sich jeder 15jährige sehnt: das Ostfernsehen.
Als pubertierender Jüngling, Abt. Auf die Barrikaden, nieder mit den Herrschenden: Der Schwarze Kanal. Auch hier muß ich oft der einzige Zuschauer gesesen sein. Zumindest ist es möglich, daß die Quote im Westen höher war als im Osten. Karl-Eduard von Schnitzler, vulgo 'Sudelede', war meine erste politische Haßfigur, noch vor Otto Graf Lambsdorff und lange vor Edmund Stoiber. Er hat mich ironischerweise gelehrt, daß es bei uns doch nicht so schlecht sein kann, wenn sich ein solcher Widerling dagegen echauffiert. Ich verdanke ihm, das muß man schon so sehen, einen Gutteil meines 'Verfassungspatriotismus'. Allerdings stand der unter schwerem Beschuß vom 'ZDF-Magazin', auf unserem Schulhof zur Kontrastierung meist 'Der braune Kanal' tituliert. Das war jedenfalls Polemik, die einen als 17jährigen mitriß.
Aber der Höhepunkt, der alle Welten, Zeiten und Systeme umgreift und vereint und in ein mildtätiges Licht taucht, wird ad aeternitatem bleiben:
DIE OLSENBANDE.
Da will ich gar keine Anekdoten von erzählen, das sollen andere tun. Die Olsenbande ist ein unsterbliches Stück Ostfernsehen und wird nie wieder so hell erstrahlen wie damals, eingefaßt zwischen Aktueller Kamera und Berichten aus der Oberliga. Keine Folge habe ich nicht midestens 3x gesehen. Was haben wir gewiehert. 'Das dumme Schwein', 'Direktor Bang-Johansen', 'Yvonne'... 'Ich habe einen Plan. Wir brauchen 2m Bindfaden, 3 Kaugummis, eine Rohrzange, ein Fahrrad, eine Kiste Tuborg Pilsner und einen Spielzeugpanzer'. Nein, nein, halt, stop, keine Anekdoten jetzt.
Resume nur: Ostfernsehen, Du hast mich geprägt und wolltest es doch gar nicht. Wahrscheinlich genau deshalb.
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(Beitrag wurde von christoph am 08.06.99 um 15:43 Uhr bearbeitet.)