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Vollständige Version anzeigen : Verschenktexte und der Tod des Märchenprinzen


Mimi
04.06.1999, 11:37
Gerade ist mir erst aufgefallen, daß noch nicht über Bücher gesprochen wurde.
Woran liegt's?
Mir sind da die sog. 'Verschenktexte' von Kristiane Allert-Wybranietz (oder ein ähnlich unaussprechlicher Name...; überhaupt: die Doppelnamen, wurden die nicht auch in den 80ern verbrochen?!?!) und 'Der Tod des Märchenprinzen' lebhaft in Erinnerung.
Beides gab meine Schwester, 10 Jahre älter als ich, mir als Lektüre mit auf den Weg.
Der 'Tod des Märchenprinzen' hat mich (ich war 16) ziemlich schockiert. Viiiel zu politisch und frauenbewegt, schrecklich nervig, über Liebe diskutiert man doch nicht!!! ---Zitat Ende
Oder gehört das eher in die 70er?
Die Verschenktexte... Immer der erhobene Zeigefinger, emotional und bitterernst.
Besonders spassorientiert fand ich das nicht.
Kommen noch die Gedichte hinzu von Jörn Pfennig (ein frauenbewegter Mann?!?!)

Diana
04.06.1999, 12:18
Oh ja, der Tod des Märchenprinzen. Den habe ich auch so mit 16 gelesen. Ich weiss noch, wie mich besonders die Stelle fasziniert hat, als sie einen Blutfleck auf dem Laken und der Matratze nach der ersten Liebesnacht entfernte. Am Ende des Romans habe ich mich dann aber verzweifelt gefragt, was denn nun dieser Typ falsch gemacht hatte -- insbesondere aus feministischer Sicht -- über die Tatsache hinaus, dass die beiden nicht zusammenpassten.

Migu
04.06.1999, 20:32
Oh ja, der Märchenprinz..., immer wieder nett bei liebesleid zu lesen, wenn auch stilistisch schwerst bedenklich. In den Frauenkreisen, in denen ich mich damals tummelte waren aber 'die Töchter Egalias' viel angesagter. Mein persönlicher Femi -Favorit war jedoch 'Die Scham ist vorbei'. Es ist ja immer ganz interessant, die Bücher mit einigem Abstand noch mal zu lesen. Bei 'Die erdabgewandte Seite der Geschichte' habe ich es mittlerweile aufgegeben, verstehen zu wollen, weshalb mein Deutschlehrer (68er) meinte, eines Tages würden wir froh sein, dieses Buch gelesen zu haben. Hat es wer gelesen und ist froh darüber?
Dann war da noch 'Deutschland umsonst' und 'Irre' an die ich mich gut erinnere. Und die rororo-Reihe 'Neue Frau', 'Le und die Knotenmänner', 'Wie vergewaltige ich einen Mann?' und ähnliches, machte im Bücherschrank mächtig was her.

Ruediger K
15.06.1999, 16:54
Nun denn, nun ist es endlich soweit, dass auch ich mal einen Beitrag poste! Jubel. Das aber nur so nebenbei, da ich eigentlich feststellen will, dass auch Männer den 'Tod des Märchenprinzen' gelesen haben. Ich nämlich ('Ach was' wäre zunächst eine angemessene Reaktion).
Warum ich darauf antworte was meine Vorredenerinnen gesagt haben ist, weil ich dieses Buch restlos bescheuert fand und das nicht, weil ich ein chauvinistischer Superpascha bin.
1.) ist es mir schon damals aufgefallen, das diese Frau Svende keinen Roman schrieb, sondern nur ein Tagebuch, dass sie heute gerade mal unter der Internetseite 'Rache.de' loswerden konnte, aber nirgends sonst. Dafür ist ihr Schreibstil einfach zu übel.
2.) ist eben Svende Merian sowas von blöd vor unglücklicher Liebe, dass sie sich über ihren Wahn nur noch ins Unrecht setzt. (Grafitti-Aktionen, Anspucken, etc.) Man muss kein Frauenhasser sein, um in ihr das eigentliche Problem zu sehen.
3.) Empfehle ich zur interessanten Lektüre das Buch von Arne Priewitz (oder so ähnlich):'Ich war der Märchenprinz', damals im Heyne Verlag erschienen, welches dem 'Tod des Märchenprinzen' einen sehr interessanten und angebrachten Gegenpunkt entgegensetzt.
Warum also jetzt dieser Beitrag? Ich meine nur, dass es wirklich schönere Inhalte gibt, um über die 80er zu schwelgen.
Da die Eröffnerin des Forums anmahnte von Büchern zu reden, fallen mir natürlich die Romane von H.Hesse ein, die man nun mal einfach als Teen gelesen habe musste. Oder William Golding und sein 'Herr der Fliegen'.
Ich denke aber auch an Texte aus Liedern, die einen so wunderbar schwelgen lassen konnten, kirchentagsbewegt und -erprobt wie man war. Die wunderschönen Klangteppiche von Marrillion als sie noch mit Fish spielten, fallen mir da ein, deren Lieder man zwar schlecht mit der Gitarre begleiten konnte, die aber Texte hatten, die den ganzen Weltschmerz eines Oberstufenteens in ein paar Zeilen ausdrücken konnten.
Aber vielleicht schreibe ich dazu mal einen eigenen Beitrag...
Bis demnähx (ach, BAP!!! - wo wir gerade von den 80er Jahren reden),
Rüdiger


(Beitrag wurde von Ruediger K am 15.06.99 um 15:12 Uhr bearbeitet.)

Migu
15.06.1999, 23:51
Danke, für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag oder was?In Musik wird doch a. a. O. dieser Debatte geschwelgt...
Nochmal zum Märchenprinzen: Ich halte es auch für ein schlechtes Buch, aber wenn das junge weibliche Wesen erstmals nachhaltig mit den schwer nachvollziehbaren Facetten der Männerwelt konfrontiert ist hat es doch seine Funktion; manchmal möchte frau doch gerne ihre Vorurteile bestätigt sehen, bevor sie wieder zur Tagesordnung übergeht.
Das Gegenbuch ist ja auch sehr aufschlußreich, weil es (s. o.) wiederum Vorurteile bestätigt(Was mich daran am meisten abstieß war übrigens die Bezeichnung 'total geile Schlotze' für die märchenprinzliche Quarkspeise).
Nicht zu vergessen, daß Frau Merian Jahrgang 55 und ich denke mal dei Erstleserinnen waren ihre Altersgenossinen, vielleicht kann die Generation danach (bin selber Jahrgang 65), die schon mehr von den Früchten der Frauenbewegung profitiert hat, den Einfluß diese Buches nicht ganz so würdigen.

Ruediger K
16.06.1999, 11:26
Hallo erstmal,
nun gut, über die Wert eines Buches zu spekulieren, das so etwas wie eine Vorreiterrolle haben soll, ist sicherlich ein Kriterium, das man kurz und knapp mit Totschlagargument bezeichnen kann. Bleibt einem wenig anderes als zu sagen: 'Ja, wenn das so ist...', wobei ich den Punkt den meine Vorrednerin einbrachte durchaus nachvollziehen kann.
Mir persönlich hat dieser Märchenprinzkram gleich meine ganze Einstellung zur sog. Frauenliteratur vergählt. Da konnten auch die weitaus besseren Bücher einer Marilyn French nichts mehr ausrichten. Davon mal abgesehen, denke ich, das es ein denkbar schlechter Start war, die Frauenbewegung den Alice Schwarzers und eben Svende Merians zu überlassen. Ist aber jetzt sicherlich endgültig ein anderes Thema.
Mir fiel gestern während meiner Fahrt im Zug übrigens ein, das es natürlich Bücher gab, die mich auch in Bezug auf diese ganze Heterokiste nachhaltiger beeindruckt haben. Wer kennt z.B. die wunderbare 'rororo panther' - Buchreihe. Mit diesen unglaublichen Geschichtensammlungen die unter dem Namen 'Unbeschreiblich weiblich', oder 'Unbändig männlich' firmierten?
Oder die Bücher von Tom Robbins - man, was hab`ich gelacht!
Jetzt zum Schluss: Was die 'Verschenktexte' sind habe ich auch nach mehrmaligen erfragen in meinem Bekanntenkreis immernoch nicht erfahren.
Bess demnähx,
Rüdiger
(Beitrag wurde von Ruediger K am 16.06.99 um 09:28 Uhr bearbeitet.)

Mimi
16.06.1999, 14:11
Um da allen Mißverständnissen vorzubeugen: Ich fand den toten Märchenprinzen auch fürchterlich und habe mich nur durchgequält, weil ich dachte, das muß frau gelesen haben.
Ich habe es jetzt aktuell noch mal versucht und war genau so genervt.
Das 'Gegenbuch' kenne ich nicht, habe aber davon gehört.
Kommt auf meine to-do-Liste.
Es gehört aber in die 80er, ich habe nachgesehen, es ist wohl 84 erschienen.
Tatsächlich sind die Marylin French-Bücher da lesenswerter, aber die kamen zumindest für mich erst später.
Ja, und die Texte von BAP sollten wir ruhig mal erwähnen, zumindest am Rande.
Zusatz für Rüdiger: Ich schau mal, ob ich die Verschenktexte noch irgendwo herumliegen habe und gebe dann eine Kostprobe.
(Beitrag wurde von Mimi am 16.06.99 um 12:13 Uhr bearbeitet.)

christoph droesser
23.06.1999, 22:55
Apropos Verschenktexte: Da fiel mir doch in diesen Tagen das wunderschöne Parodie-Bändchen 'Tetsche's Grüße - trotz alledem. Texte, die man sich schenken kann. Von Kristiane Ballert-Pyrowitz' wieder in die Hände.
Eine kleine Kostprobe:
Gedanken zur Scheue
Scheue Liebe
ist wie
Pulverkaffee,
der mit Selter
und Seife
angerührt wird ...
stark,
prickelnd
und rein.
Aber dennoch
unberührt.

Frau Antje
29.06.1999, 13:16
In die Reihe der Verschenktexte gehören sicher auch die Märchenbücher für Erwachsene aus dem Lucy Körner Verlag. Alle auf Umweltpapier gedruckt und mit so vielsagenden Titeln wie 'Wieviele Farben hat die Sehnsucht'. Bücher, in denen der Kirchentagsbewegte Heranwachsende schmökern konnte, um mit einem tiefen Seufzen zu erkennen, daß die Welt so viel schöner sein könnte... Beim letzten Besuch in der Buchhandlung habe ich festgestellt, daß es diese Bücher noch immer gibt. Sie stehen noch immer unter der Rubrik 'Bücher zum Verschenken' und haben einen enormen Zuwachs erfahren! Ist das jetzt ein Revival oder bin ich die einzige, die diese Texte inzwischen ziemlich eintönig findet?
P.S.: Inspiriert von Frau Allert-Wybraniez (o.ä.) habe ich auch angefangen zu dichten. Zum Glück kennt keiner meine ich-hau-Dir-meine-Weltsicht-um-die-Ohren-
Lyrik...

sydow
04.07.1999, 13:15
Jawoll Christoffer - wo gibt`s dieses herzerfrischende büchlein nochmal zu bestellen? Ich erinnere mich an die drei stunden lachbauchschmerzen bei einer direkten gegenüberstellung beide 'werke':
Die mit dem doppelnamen:
Manche Menschen legen ihre Gefühle in die Tiefkühltruhe.
Ob sie glauben diese damit haltbarer zu machen?
Und die Parodie:
Manche Menschen legen ihre Stühle in die Tiefkühltruhe.
Ob sie glauben diese damit haltbarer zu machen?
(Zitiert aus der Erinnerung)
sydow

christoph droesser
07.07.1999, 00:40
Lieber Sydow,
das Buch scheint nicht mehr lieferbar zu sein - jedenfalls find' ich es bei amazon.de nicht. Es hat die ISBN 3-88520-150-X und ist 1984 bei Elefanten Press erschienen.
Eine Kostprobe noch:

Psychosomatisch erkrankt II
oder
Lebensangst im Oberstübchen
(Für Tarzan)
Ein Mann
springt munter
zwischen Palmen umher.
Das ist seine Welt,
sie ist ihm
vertraut ...
Tatütata - Tatütata

(Im Original ging's um ein Reh...)
Christoph