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Vollständige Version anzeigen : Meilensteine des Films (alle Genre)


Tylor Durdon
09.12.2001, 16:29
Was ich mir in diesem Strang wünsche sind Nennungen und Beschreibungen von Filmen, die Neuheiten einführten. Wer also etwas weiß über einen Film, bitte kurz eine Beschreibung der Neuheit einführen.
Nicht, und das wäre schön, Dinge wie Kultfilm, unbedingt sehenswert.
Vielleicht hat daraufhin der eine oder andere Lust sich einen Film nochmal anzusehen, diesmal mit neuem Wissen ausstaffiert. Das kann einen Film sehr vergnüglich machen.

Beispiele:
Alien 1979 (Ridley Scott).
Erstmalige Darstellung einer Zukunft, die nicht ordedentlich, steril, hell und trocken ist, sondern schlecht beleuchtet, nass, feucht und schmutzig.

Peeping Tom 1960 (Micheall Powell)
Erstmalige Darstellung eines Serienkillers unter dem Aspekt, Verständnis für die Taten aufzubringen. Der Film löste damals einen Skandal aus, und führte praktisch zum Film "aus" für Karl-Heinz Böhm.

Paisley
09.12.2001, 18:43
"Alien" ist nicht der erste Film, in dem uns der Weltraum schmutzig, nass und abgeschabt kommt. Und "Alien" hat das auch nicht begründet. Das "Konzept der gebrauchten Zukunft" begann mit "Star Wars" - da sieht man bei den Robotern Öl runterlaufen, auch bei den Space-Autos platzt da Lack ab, und Beulen gibt es auch hier und dort.

Aber "Alien" verband in völlig neuartiger Weise die Genres Horror und Science-fiction. Gut gemacht, wie beängstigend dieser Film ist - mit dem wohl unheimlichsten fremdartigen Raumschiff der Filmgeschichte beispielweise. Und dem Giger-Design! Der Film setzte vielerlei Maßstäbe neu. Er und seine Sequels sind klasse, und sie hätten noch besser sein können, hätten z. B. beim letzten Teil nicht allzuviele Köche den Brei verdorben.

"Der Exorzist" war meiner Meinung nach auch ein Film, der Grenzen überschritt und in sofern Neues bot. Es läßt sich schwer beschreiben - man muß den Film sehen bzw. kennen. Die bedrohliche Atmosphäre spüren. Richtig Neues kam wohl nicht - aber das alte wurde in nicht vorher gesehener Weise gezeigt, so würde ich es mal beschreiben wollen.

Viele Grüße von
Paisley

Murmel
09.12.2001, 19:29
Wollte nicht auch Fritz Lang mit M - Eine Stadt such einen Mörder den Zuschauer dazu bringen, Verständnis für einen Serienmörder aufzubringen?

Tylor Durdon
10.12.2001, 20:16
Stimmt Murmel, den hatte ich völlig vergessen. Lang hat den Film soviel ich weiß schon im Exil in Hollywood gedreht.
In der gleichen Klasse liegt noch Frenzy von Alfred Hitchcock, der liegt aber fast 40 Jahre nach M.

Windhund
11.12.2001, 10:05
was die alien filme angeht so spiegeln sie auf jedenfall die sorgen der menschen zu der zeit als sie endstanden wieder.

wie biologische Waffen,militärische skrupelose macht, gen-expierimente, usw.
immer was damals aktuell war.

Nicki Tuete
11.12.2001, 10:34
Ich habe bis heute besagten Alien-Film noch nie bis zum Ende gesehen, da ich spätestens zur Halbzeit sanft eingeschlummert bin!
In diesem Sinne habe ich auch noch nie einen Blick auf das sagenumwobenen Monster werfen können, obwohl mir die Zeichnungen des Herrn Giger sehr wohl ein Begriff sind!

Aber lebend, mutierend und verschleimt sitzt dieses Getier nur in meiner Fantasie! Und da soll es bitte auch bleiben.

king kacke
11.12.2001, 11:15
Psycho von Alfred Hitchkock

Anfangs ein Film über eine junge Frau, die Geld unterschlägt, doch ihr Verbrechen bereut. Dann wechselt Hitchkock das Genre und beendet die erste Episode des Films mit dem berühmten Mord in der Dusche und schockt das Publikum.

Tylor Durdon
11.12.2001, 11:58
So schliesst sich der Kreis wieder. Psycho erschien im selben Jahr wie Peeping Tom. Aber in gewissem Sinne war der Film auch ein "aus" für Anthony Perkins, denn er bekam nie mehr wieder eine ernst zu nehmende Rolle, in der er nicht den Psycho miemte.

Mir fällt jetzt gerade Fellini's Roma ein. Der Einzug in die Stadt besteht aus einer 20 minütigen Kamerafahrt, ohne einen einzigen Schnitt. Das war, denke ich, auch neu.

Und noch mal 20 Minuten: Riffifi, während der Safe geknackt wird, wird kein einziges Wort gesprochen. Der Film Titel ist meines Wissens nach sogar in den normalen Sprachgebrauch eingegangen.

Prof_Bienlein
11.12.2001, 17:17
[QUOTE]Originally posted by Tylor Durdon
[B]Stimmt Murmel, den hatte ich völlig vergessen. Lang hat den Film soviel ich weiß schon im Exil in Hollywood gedreht.

Irrtum! Der Film "M - eine Stadt sucht einen Mörder" wurde 1930 oder 31 in Berlin gedreht, mit Peter Lorre, Gustav Gründgens und - als kleines Mädchen - Hanna Maron.
Es existieren verschiedene Fassungen, die originale, ungekürzte wurde vor vielleicht zwölf Jahren erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlt.

Schocker
11.12.2001, 20:14
In der Kunst, die Zuschauer zu schockieren, hat Luis Buñuel frühe Maßstäbe gesetzt - die Szene mit dem Schnitt durchs Auge aus "Un chien andalou" (1929) dürfte keine Vorgänger haben. Bemerkenswert auch die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Maler (Salvador Dalí).

Murmel
11.12.2001, 21:00
Originally posted by Prof_Bienlein
Es existieren verschiedene Fassungen, die originale, ungekürzte wurde vor vielleicht zwölf Jahren erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. [/B]

Irrtum! Es existiert keine vollständige Fassung mehr. Ich habe in diesem Jahr die längste, existierende Fassung - zusammengetragen aus der ganzen Welt - sehen können. Große Teile stammen von der Originalkopie und haben eine enorme Qualität.
Der Film war außerdem Langs erster Tonfilm, und er geht sehr spielerisch mit dieser Möglichkeit um. Es gibt eine restaurierte Fassung, in der die Restaurateure teilweise Töne hinzugefügt haben, da sie der Meinung sind, Lang hätte den Ton gewollt - andere meinen, dass Lang bei einigen Bildern extra den Ton weggelassen hat (in einer Szene geht eine Dame die Straße entlang, aber man hört ihre Schritte nicht, glaube ich).
Na, es gibt wichtigere Streitfragen. Ach, und gedreht wurde in Berlin. Ziemlich sicher.

Tylor Durdon
12.12.2001, 12:05
Mein Gedächtniss hat mich da wohl getäuscht. Murmel hat natürlich recht. Mich wundert allerdings, dass gerade die großen Lang-Filme aus der Weimarer Zeit alle das Schicksal der Unvollständigkeit teilen. Haben die Nazis da unter dem Filmmaterial gewütet?
Bücherverbrennungen ist ja bekannt, aber von Filmverbrennungen hab ich noch nie was gehöhrt, auser wenn mal wieder ein Kino abgefackelt ist.
Weiss jemand genaueres?

Tobi Wahn
12.12.2001, 13:11
Sicher haben die Matrix-Macher selber geklaut wo sie nur konnten, allerdings hat der von ihnen kreierte Mix seinerseits zumindest sehr deutlich neue Trends in der modernen Filmindustrie geschaffen.
- Die Zweikämpfe, in denen bei besonders akrobatischen Szenen slow motion mit Soundgeblubber im Hintergrund abgefahren wird.
- Verschiedene Kung-Fu-Figuren, die so noch nicht gezeigt worden waren und danach überall auftauchten (z.B. in 'Drei Engel für Charly)
- Die Sequenz, in denen man Pistolenkugeln verlangsamt sieht und der Hauptdarsteller ihnen ausweicht.

Vielleicht hat ja jemand einen Tipp für mich, woher sich die Wachowskis ihre Ideen geholt haben?

Murmel
12.12.2001, 13:27
Hier ist ein ganz gutes Chatlog mit den beiden.

www.warnervideo.com/matrixevents/wachowski.html

U_Sterblich
12.12.2001, 15:44
Meiner Kenntnis nach die erste Filmkomödie über Filme. Aus den 40er Jahren und schon super-sophis.

Bartholmy
12.12.2001, 16:14
Dark Passage (1947)
Regie: Delmer Daves, mit Bogart/Bacall

Soweit ich mich entsinne, ist das nicht der erste Film, der intensiv auf subjektive Kamera setzt, aber in diesem Film geschieht das sehr überzeugend.

Bogart, ein Gangster, ist aus dem Knast geflohen. Um unterzutauchen, lässte er sich das Gesicht operieren.
Die ersten 30 Minuten ist deshalb - da es ja noch nicht Bogarts Gesicht ist - alles subjektiv aus seiner Sicht gefilmt. Erst als die Operation vorbei ist, sieht man ihn auch von "außen".

Tristan
12.12.2001, 16:30
Der dritte Mann
wg. schiefschepper Kamerafuehrung. Kommt besonders schoen, wenn man aus der hinteren Kinoreihe die sich im Kameraschnitt wiegenden Koepfe der Vorderleute beobachten darf.

Murmel
12.12.2001, 16:45
"Citizen Kane" von Orson Welles (1941)

Mit seinem Filmdebut schuf Welles eine neue Art der Erzählung - ein verstricktes Muster von Rückblenden aus verschiedenen Perspektiven (Anfangs der Rückblick als Wochenschau, später die Erinnerungen von diversen Filmfiguren - Bernstein u.a. - zusammengetragen von einem Reporter). Außerdem schuf er mit einer neuen Kameratechnik Bilder, die über mehr Tiefenschärfe verfügten und schuf so ganz neue Perspektiven.

peregrin tuk
12.12.2001, 16:49
Bladerunner, brauche ich wohl nicht zu beschreiben.
Kinder des Olymp, Stummfilm über eine Theatertruppe in Frankreich
Apokalypse Now
Spiel mir das Lied vom Tod
und selbverständlich "M"

Bartholmy
12.12.2001, 16:51
Ginge das auch etwas genauer, Hr. Tuk? Wieso? Weshalb? Warum? und so weiter. Wir sind hier ja nicht bei namedroppers hinterm Sofa.

U_Sterblich
12.12.2001, 17:37
Wer hat eigentlich das italo-amerikanische Mafia-Genre begründet?

Tristan
12.12.2001, 17:47
Paolo Sergio?

U_Sterblich
12.12.2001, 17:54
Womit?

Tristan
12.12.2001, 18:00
Entschuldigen Sie. Ein dummer Witz. Paolo schreibt sich mit au.

Mario Puzo schrieb irgendwann Mitte der 60er das Drehbuch zu dem Paten, das dann 1971 von Coppola verfilmt wurde.
Aeltere Mafiafilme haben keinen rein italo-amerikanischen Hintergrund.

Behaupt ich mal so.

Tristan
12.12.2001, 18:04
Das steht was

http://www.schmaidt.de/movies/pate.htm

ingwer
12.12.2001, 18:09
verzeihung, dass ich nörgel. aber das steht doch nun wirklich alles in jedem filmlexikon drin. angelesenes zu memorieren ist doch nun wirklich noch viel unatraktiver als jede liste.
wobei ich listen ja eigentlich gut finde.

U_Sterblich
12.12.2001, 18:16
Selber unatraktiver.

Tristan
12.12.2001, 18:19
Alle Frauen sind Noergler, ausser Ihre Mutter und meine Mutter.
Aber bei Ihrer Mutter bin ich mir nicht ganz sicher.

Es gibt letztlich keinen großen Unterschied zwischen der Liquidierung von Gangstern wie Joey Gallo und Noerglern wie Ihnen. Passen Sie bloss auf, dass man Ihnen hier nicht die Fuesse in Zement eingiesst und sie in den Potomac wirft.

Gruessen Sie mir Ihre Frau Mama.

Prof_Bienlein
12.12.2001, 23:58
"...die Szene mit dem Schnitt durchs Auge aus "Un chien andalou" (1929) dürfte keine Vorgänger haben."

Stimmt, Schocker. Oder die mit dem Vater, der wegen einer Nichtigkeit seinen Sohn erschießt. Oder, oder , oder...

Hat eigentlich jemand eine Ahnung, wie man die grauenvolle Szene mit dem zerschnittenen Auge technisch gemacht hat?

PeterLu
13.12.2001, 00:58
Meines Halbwissens nach handelte es sich bei dem in der Nahaufnahme verwendeten Auge um das tote Auge eines eh schon toten Tieres; Kalb, Schaf? weiß ich nicht mehr.

Sankt Robocop
13.12.2001, 01:00
so wurde es gemacht:
auge - schnitt kuhauge - schniiiit - schnitt

ansonsten, filme ... eeh ... sag ich jetzt nicht, eigenlob stinkt nach zitronenbabykotze

Tylor Durdon
13.12.2001, 12:24
Zum Dritten Mann gibt es noch eine nette Geschichte zu erzählen:
Während der Dreharbeiten war Wien ja noch besetzt, und die Allierten waren von Schauspielern in Uniform keineswegs begeistert. Das Verwenden von Orginal-Uniformen wurde daher kurzerhand untersagt.
Carol Reed stand damit natürlich vor einem gewaltigen Problem. Er löste dieses Problem auf elegante Weise, in dem er Uniformen in lustigen Farben verwendete: Blasrosa, hellgrün, hellblau usw.
In S/W sieht man das ja nicht.

Prof_Bienlein
14.12.2001, 16:19
:-))))

Wirklich eine lustige Geschichte!

Bartholmy
20.12.2001, 15:35
Dieser Tage sah ich im Fernsehen "Hard Rain" (1998) mit Morgan Freeman und Christian Slater, ein spannender, recht guter Film.
Was daran aber vielleicht neu ist und was mir sehr gut gefiel war, dass der ganze Film im Dunkeln spielt, im Regen und im Wasser. Zwar gibt es auch z.B. in Waterworld viel Wasser, aber da ist es dann Meerwasser, und dass im Meer viel Wasser ist, nimmt man gerne hin.
Überflutung, Nacht, Dauerregen ... einen komplett nassen Hochwasserfilm - hat das schon einmal jemand gemacht?

graumauser
20.12.2001, 18:45
Dieser Strang lockt echte Cineasten nicht hinterm Ofen hervor. Vier mal blättern, und kaum was Gescheit's: Alien: genau! Der andalusische Hund: langweiliges Handwerk! Der dritte Mann: ein Klassiker. Aber warum? M: dito. Citizen: dito. Exorzist: der Film gewinnt, mit den Jahren, ich habe ihn unlängst im Fernsehen angeschaut und war wirklich beeindruckt (von den zeitbezogenen Zutaten mal abgesehen).

Was hier fehlt, weil zeitlos: Kubrick. 2001. SO war das Leben im All vor 35 Jahren, und wer könnte es heute besser zeigen? Rightyright, Bruder, Sir! Gewalt als Selbstzweck exzessiv und nachvollziehbar: A Clockwork! Dann: Eraserhead. Wer war doch gleich der Bunuel? Verstörend, betörend. Dirty Harry: alles mit Superteleobjektiv gefilmt, dadurch wird die Stadt breiig, verwaschen. Nur der Hauptdarsteller ist scharf. Der Held vor dem Citybrei: genial.

Sowas gehört in diesen Stapel, also: strengt euch ein bißchen mehr an, Freunde.

g.

Prof_Bienlein
20.12.2001, 19:52
Jawohl, zu Befehl! (Manchmal frage ich mich, WER hier denn nun der Professor ist...)

graumauser
20.12.2001, 20:03
Ach, Professorchen, sie sind so zerstreut.....mir ist die Haddock'sche Art genehmer, weil meinem Naturell entsprechend, aber das gehört vielleicht jetzt in einen anderen Strang. Was mir gerade noch einfällt: "Fisch Wanda", "Is was, Doc". Großes Kino. Weil: absolut schwerelose Komödien, erstmals in bunt.

g.

Bartholmy
20.12.2001, 23:42
Zu Kubrick würde noch passen, dass er - ein eher unauffälliges Detail - in meinem Lieblingskubrick, Barry Lyndon, Interieurs des 18. Jhs nur mit Kerzenlicht und ohne Kunstbeleuchtung filmte, wozu er sich neue, besonders empfindliche Objektive extra anfertigen lassen musste.
Die Atmosphäre im Film gibt ihm recht: Das musste sein, unbedingt.

@graumauser: Stimmt schon. In diesem Strang geht es aber nicht unbedingt um die besten Filme aller Zeiten, sondern um Filme die auf ihre Art, irgendwie, eine Neuerung brachten.

Herr Cohn
22.12.2001, 20:54
So eine Neuerung ist doch The Cell mit Jennifer Lopez, welche diesmal mit Mainstream gar nichts am Hute hat. Bevor ich den Film gesehen hatte, dachte ich, ohje, die als Psychologin, das kann nicht wahr sein, zuerst müsste "The Cell" gewesen sein und dann erst die Übertragung. Aber nichts da! Sie spielt sehr überzeugend jemanden, die völlig in ihrer Welt lebt, ist auch gar nicht im Vordergrund, obwohl man sie dauernd sieht. Das ist eine Kunst, wie sie das macht!

Und der Film selber: Groß-ar-tig. Vor ein paar Jahren kamen ja oft Filme über Archetypisches, Jacob's Ladder, Flatliners, später dann Schweigen der Lämmer. The Cell ist eine Synthese dieser Genres. Aber die Innenwelt des Serienmörders wird jetzt wirklich, man geht mit der Hauptdarstellerin darin herum, Grenzen gibt es keine. Eine monströse seelische Welt voller furchtbarer Sachen und so stimmig, die lebt, das hab ich so noch nie gesehen. Die Art, wie das gezeigt wird, ist nicht angelesen, ich sehe Jennifer Lopez als Isis-Madonna und als Rachegöttin, bebe mit und komm gar nicht darauf zu denken, aha, wie Jung es schon gesagt hat (obwohl ich genau weiß, was er wo darüber gesagt hat).

Gibt's auf Video!

ClaudiaSophia
02.01.2002, 03:02
Eben, Herr Cohn ,danke fuers Erinnern... fuer mich persoenlich war jacob's ladder der gruseligste Film, den ich je gesehen habe, und zwar gleich von den ersten Minuten an. Knallte mir irgendwie direkt ins Unterbewusstsein. Gerade die Szenen, wo man sich nicht sicher ist, wo genau die Grenze zwischen Wirklichkeit und Wahn befindet, und ob es sie ueberhaupt gibt.
Ich waere am liebsten aus dem Kino gefluechtet, ging aber nicht, weil ich begleitet war. (Was haette ich schon erklaeren koennen?) So hielt ich mich am Sessel fest und konzentrierte mich aufs Weiteratmen.
Hier bei uns (brasilien) wird dieser Film nun oefters im Fernsehn gezeigt, und es kostete mich einige Anlaeufe, bis ich mich traute, ihn nochmals bis zu ende zu schauen.
Die Sache mit der "unklaren Realitaet" ist in Angel Heart auch aehnlich dargestellt. Erloest wurde ich erst Jahre spaeter, mit "Matrix", wo mir nun alles klar wurde - und zwar, als der kleine Junge den Loeffel verbiegt. Naemlich, dass wir selber die sogenannte Wirklichkeit transzendieren. Oder?

(Emtschuldigt evtl. Rechtschreibepannen. 28 Jahre Auslandaufenthalt tun das Ihrige...)

Tylor Durdon
07.01.2002, 16:49
Manch ein Film wurde hier schon als zeitlos gemeldet. Zeitlos zu filmen, ich denke das geht gar nicht. Es gibt Filme, die sehr lange aktuell wirken, aber auch das geht vorbei.
Besonders schwierig sind Science Fiction. Die veralten am schnellsten, da die Darstellung von Zukunft immer abhängig ist von der aktuellen Mode. Das geht auch Kubriks 2001 so. Er wirkt wie ein Film aus den 70ern. Besonders lustig heute: Das Telefonat mit der Erde, und dem anschließenden Bell-Phone Company. Etwa zehn Jahre nach dem Film wurde sie zerschlagen.
Auch inzwischen sehr lustig: Das Atari Symbol in Bladerunner.
Als nächstes fällt die Darstellung von Action. Das Sterben durch Gewalt wird eben je nach Jahrzehnt anders dargestellt. Wenn beides im Film nicht vorkommt, verlänert dies zwar seine Aktualitätsdauer, aber irgendwann erwischt es die Dialoge, da die Sprache sich von vor fünfzig Jahren deutlich von der heutigen unterscheidet.
Kann der eine oder andere vielleicht einen Film nennen, der nachezu zeitlos ist?

peregrin tuk
07.01.2002, 17:03
Sicher haben Sie Recht, sehr verehrter Senator, Filme sind immer in ihrer Zeit verhaftet. Es gibt jedoch Filme die eine über den Tag hinausgehende Gültigkeit haben. Diese Filme kann man auch noch in zwanzig Jahren ansehen ohne laut zu lachen. Sie sind also doch Zeitlos .

rron calli
07.01.2002, 17:08
Diese Filme kann man auch noch in zwanzig Jahren ansehen ohne laut zu lachen.
Für unsere kleinen Knobelfüchse: Wenn man beim Ansehen alter Komödien lauthals lachen muss, sind sie dann zeitlos, oder eher nicht?

Angelika Maisch
07.01.2002, 18:20
Das ist eine Gewissensfrage, rron.
Da muß man in sich und das Motiv der Lachung erforschen.

___________________________________________

Ich fand rrons alten Avatar zeitloser

Tobi Wahn
14.01.2002, 14:08
]Was ich mir in diesem Strang wünsche sind Nennungen und Beschreibungen von Filmen, die Neuheiten einführten.

Ich habe den Herrn der Ringe gesehen und da fiel mir wieder so ein 'Meilenstein' ins Auge, der seitdem immer wieder kopiert wird.
Und zwar geht es darum, den Weg, den eine Waffe nimmt, aus der Perspektive der Waffe zu zeigen.
Erstmals war mir das in der 'Robin Hood' Verfilmung mit Kevin Costner aufgefallen, da wurde das mehrfach benutzt (Mit einem Pfeil und einer fliegenden Axt, wenn ich mich nicht irre)

Die Pfeil-Perspektive gab es genau so auch im Herrn der Ringe.

Ein weiteres Kopier-Beispiel ist eine Szene aus 'Pearl Harbor', wo man den Flug einer Fliegerbombe aus der Bombenperspektive gezeigt bekommt.

War nun der Robin Hood-Film der erste, der diese Idee umsetzte oder waren andere, die ich nicht kenne, früher?

Schwarzes Schaaf
14.01.2002, 14:52
re: Product Placement in Blade Runner:
Ich finde genau das Gegenteil der Fall, der Film ist durch seine wegweisende Ausstattung und Inszenierung zeitlos, Atari hin oder her. Auf alle folgenden sci-fi Filme und besonders auch anime hatte BR einen immensen Einfluss. Das einzige das den Film etwas in dern 80ern datiert sind die in den Strassen wandelnden new wave Punks...
Dazu im Vergleich z.B. "Star Wars": Die Frisuren allein sind doch die Lachnummer schlechthin, und der disco beat von Jabba's band... "Die Wilden 70er" lassen gruessen.
re: Waffenperspektive
Naja, Meilenstein... interessantes Gimmick vielleicht, aber im grossen und ganzen hatte es doch nur sehr geringfuegigen Einfluss auf Film als Kunstform. Wenn wir schon bei SFX sind wuerde ich eher Jurassic Park anfuehren. Ich mag den Film nicht mal besonders, aber was CGI in Verbindung mit echten Personen/Umgebungen angeht war es schon ein riesiger Schritt vorwaerts.

Murmel
14.01.2002, 15:02
Dann nehmen wir "Toys" auch noch als ersten, vollständig computeranimierten Film mit in die Liste.

DonDahlmann
14.01.2002, 15:32
Hmmmm....wenn man Licht und Kameraführung nimmt, fehlt in der Aufzählung auch Leni Riefenstahl. "Das blaue Licht" und besonders eben leider auch "Triumph des Willens" sind Filme, die wirkliche Meilensteine in beiden Bereichen gesetzt haben. Ich hatte mal die Gelegenheit beide Filme zu sehen und danach wurde mir bewußt, wie viele Regisseure nach "Triumph..." von ihr abgekupfert haben.

graumauser
14.01.2002, 15:45
Gestern kamen im Fernsehen "Independance Day" und "Air Force One". Beides schleimig-patriotische Hurra-Filme.

Leni Riefenstahl mag persönlich angreifbar sein. Aber ihre Filme sind Kunst, und gegenüber dem Hollywood-Nationalismus sogar: ganz große Kunst.

g.

slowtiger
14.01.2002, 17:13
Originally posted by Tobi Wahn
War nun der Robin Hood-Film der erste, der diese Idee umsetzte oder waren andere, die ich nicht kenne, früher?

Abel Gance war der erste. Er hat in seinem monumentalten "Napoleon" (1925) Kameras die Perspektive von Kanonenkugeln einnehmen lassen, dh er baute die Kameras in Bälle ein und warf sie übers Schlachtfeld.

slowtiger
14.01.2002, 17:18
Originally posted by Murmel Clausen
Dann nehmen wir "Toys" auch noch als ersten, vollständig computeranimierten Film mit in die Liste.

Hmnjaaa ... nein. Das gälte nur, wenn Meilensteile des Films explizit und ausschließlich abendfüllende Hollywoodware meinte. Komplett im Rechner erzeugte Filme gibts aber, seit es Rechner gibt. Die ersten davon fristen ein armseliges Dasein in Retrospektiven auf Experimentalfilmfestivals.

DonDahlmann
14.01.2002, 18:42
Nein Graumauser, das sehe ich nicht so.

In der Kunst geht es auch um Inhalt und Aussage eines Werkes. Beides ist in den Riefenstahl Filmen hahnebüchen, um es mal vorsichtig auszudrücken. Technisch mag sie einzigartig gewesen sein, eine grosse Regisseurin, aber inhaltlich sind fast alle Filme von ihr sehr einseitig. Ob das ihre Dokus aus den 20er und 30er sind, oder auch die Filme, in denen sie als Schauspielerin mitgewirkt hat.

Unter Kunst verstehe ich dann doch was anderes.

graumauser
14.01.2002, 19:42
Ich weiß nicht, woran es liegt, lieber Don, es ist mir selber schon fast zu blöd. Ich habe in diesem Forum von Anfang an Probleme mit meiner Ausdrucksweise gehabt, in dem Sinne, daß ich meine Gedanken nicht klar, schlüssig, und unumstößlich auf den Bildschirm bringe.

Mag daran liegen, daß ich als newsgroup-chatter großgeworden bin, und da waren die Beiträge doch eher Ping-Pong-artig, schnell hingehuscht, eher gesprochenes Wort, als Schriftbeitrag.

Sei es drum; beim Nachlesen meines Beitrages mußte ich Ihnen natürlich Recht geben, mit Ihrer Replik. Ich möchte es newsgroup-mäßig noch mal so formulieren: ID4 und AF1 sind patriotische Schundfilme. Leni Riefenstahl hat mit den beiden, von Ihnen genannten Filmen gleichfalls patriotischen Schund gemacht. Wenn dem mündigen Zuschauer die schönen Bilder aus Hollywood
zur Prime-Time serviert werden können, dann sollten die Riefenstahl-Filme genauso behandelt werden. Diese Art der Zensur schafft Mythen, und das ist schlecht.

Betreffs des Gehalts der Filme sind wir eh einer Meinung.

Liebe Grüße -

g.

Herr Cohn
14.01.2002, 20:03
Ja, Graumauser, irgendeine diffuse Gemeinsamkeit scheint es da zu geben. Ja? Aber die Unterschiede sind halt doch größer. "Independence Day" hat sogar ironische Töne, Klischées, die sich selber bewusst sind, und das Präsi-Fliegeras, wenn es blitzt, braucht Keiner ernst zu nehmen. Der Film hat ja auch sein pures Gegenbild abbekommen, "Mars Attacks", da wälzt man sich vor Lachen auf dem Boden und alle hehren Töne aus "Ind. Day" werden endgültig zurechtgerückt. "Air Force 1", der Präsi als integerer Actionheld, naja, das ist so archetypisch amerikanisch, vielleicht fehlt Europäern da der letzte Zugang.

Aber die Riefenstahl? Von Ironie keine Spur. Von ungeschlachten Gefühlen auch nicht. Bis ins Kleinste durchgeplant, gemessen, stilvoll und vollst in der Gegenwart, auch kein mikroskopisches Stückchen sah sie darüber hinaus. Ich glaube, sie war von sich selber und ihrem Talent und ihrer völlig außergewöhnlichen Stärke als Frau und ihrer zeitbedingten Umgebung besessen. Ihre Filme atmen das. Auch "Das blaue Licht", das ist zwar noch Zwanziger Jahre, aber diese Besessenheit von sich selber ist da schon drin. Man stelle sich vor, sie wäre auf Fritz Lang gestoßen oder es hätte sie aus Zufall um '33 nach den USA verschlagen. Die Frau wäre vollst im dortigen Zeitgeist aufgegangen. Was hätte sie da auf die Beine gestellt! Nichts müsste man ihr heute übelnehmen.

graumauser
14.01.2002, 20:17
D'accord, Herr Cohn. Aber warum läßt man das den Zuschauer nicht selber entscheiden?

Ich habe mal "Jud Süß" gesehen, in Frankfurt, nach einem Haufen Brimborium, bis ich durfte. Und? Dick aufgetragen, eine Persiflage eigentlich. Nichts, was mich zum Nazi werden ließe. Eher im Gegenteil.

Bei "Mars Attacks" bin ich entschieden NICHT Ihrer Meinung, ich halte den für einen der überflüssigsten Filme aller Zeiten. "Critters" als Low-Budgie ist hundertmal intelligenter und witziger.

Liebe Grüße -

g.

Klede
14.01.2002, 20:19
Bei "Independence Day" und "Air Force One" fuehrten Deutsche Regie: Roland Emmerich und Wolfgang Petersen.

Ich bearbeite mal dieses Posting und schreibe was Peinliches, weil's eh keine Sau lesen wird, ausser die Penner im Chat, denen ich das gleich zeigen werde. Aeh, mal ueberlegen. Ok, ich schrieb den Satz da oben nackt, mit einem um meinen Penis gebundenen Schlips. Das ist nicht wirklich peinlich, mir faellt nichts ein, herrjeh. Auch egal, der Strang war eh scheisse.

DonDahlmann
14.01.2002, 21:39
Hmmm, da muss ich doch zumindest ein wenig widersprechen. Der Vergleich zwischen ID/Airforce One und Leni Riefenstahl tut doch arg weh, zumal man die ideologische Systematik dahinter nicht verglichen sollte.
Es geht schon ein besonderer Zauber von Reifenstahl Filmen aus, und ich kann verstehen, warum man diese Bilder einem - sagen wir mal - cineastischen oder historisch nicht geschulten Publikum - auch nicht zeigt.
Filme wie ID haben ihren Reiz ja auch gerade darin, das sie eine Geschichte erzählen, die völlig absurd ist. Das kann man von den Filmen der Riefenstahl nun wirklich nicht behaupten. Mein Einwurf zielte darauf hin, das viele (ausländsische) Regisseure nach dem Krieg Elemente der Riefenstahlschen Ästhetik übernommen haben. Erfolgreiche Deutsche Filme, die das gemacht haben, hat es meines Wissens nicht gegeben.

Interessante Frage, was aus der Leni geworden wäre, wäre sie in die USA immigriert. Da sie unter den Bewohnern der deutschen Kolonie schon vorher nicht besonders beliebt war, vielleicht nicht viel. Auf der anderen Seite, war die sie höchstdekorierte deutsche Regisseurin nach 1938. Gut aussehen tat sie auch. Vielleicht hätte sie sich lieber von Samuel Goldwyn anstatt von Goebbels flachlegen sollen.

graumauser
14.01.2002, 23:05
des Pudels Kern.

Lieber Don, wenn wir mal so durch die Programmzeitschriften kucken (Kino wie Fernsehen), dann werden wir uns darauf verständigen, daß wir mit einer unglaublichen Menge Müll bombardiert werden, der das Thema dieses Stranges nicht berührt.

Es ist aber elitär, und ich meine: nachgerade kontraproduktiv, aus dem Elfenbeinturm heraus zu entscheiden, was der dumme Zuschauer sehen darf, und will.

Natürlich wird er mit Hollywoodepen, wie den genannten, bei Laune gehalten, wenn es - wie derzeit - gegen Terrorfürsten geht. In schlechten Zeiten sind Komödien willkommen. Vorabendserien a gogo, und Ally McBeal rules. Das ist ja auch in Ordnung. Niemand würde mich, wenn mir Riefenstahl egal wäre, zwingen können, ihre Filme anzusehen.

Aber die Möglichkeit, lieber Don, die möchte ich haben, in einem freien Land. Die BILD-Zeitung bringt derzeit jeden Tag ein paar nette Führer-Bilder, mit einschlägigem Gruße und Swastika. Historisch verbrämt, aber immerhin. DAS ist dem Konsumenten zuzumuten, aber die Leni nicht?

Gute Filme sind manchmal ideologisch oder politisch motiviert, der Umkehrschluß gilt eher selten.

Sie bescheinigen den Riefenstahl-Werken einen Zauber, und haben damit Recht. Wer weiß, was sie uns aus den USA serviert hätte - halbnackte, schwarze GI's, die ästhetisch für den Krieg gegen Hitler üben dürfen, vielleicht. Es ist spekulativ, und deshalb sollte man sie an dem messen, was sie gemacht hat. Und, lieber Don, ich bleibe dabei: ganz große Kunst. Auch wenn ich die Ideologie hinter den Filmen nicht teile, nicht mal klammheimlich.

Liebe Grüße -

g.

(Über ihren Goldwyn - Goebbels habe ich herzhaft gelacht. Es ist wahr.)

Herr Cohn
14.01.2002, 23:36
Fotos wirken kaum, hypnotisch gemachte Filme dagegen sehr wohl. Aber trotzdem! Prinzipiell bin ich ebenfalls gegen solche Entscheidungen wie "sowas zeigen wir nicht". Jedoch ist das eine schwierige Sache. Deutschland ist an der Nazizeit viel zu dicht dran, es leben noch viele Überlebende mit ihrem maßlosen Leid und auch die nächste Generation hat noch genug abbekommen. Würde irgendein drittes Programm jetzt Riefenstahls Filme von nach '33 aufführen, würden alle denkbaren wirren Kommentare losgehen, von massenhaft Leuten, die man nicht hören will oder, wenn doch, die sich vom Augenblick wegreißen lassen. Riefenstahls frühere Filme laufen ab und zu, und das reicht auch, finde ich.

"Triumph des Willens" kann sich meines Wissens Jeder z.B. im Hamburger Filmhaus ausleihen. "Jud Süß" (von Veit Harlan, dem ich dafür nachträglich den Krebs wünsche) ist eine abstoßende und in jeder Hinsicht deprimierende Augenrollorgie. Ich kenne Keinen, der im TV nicht nach zehn Minuten wegzappen würde. Wer sollte sich da so einen Schlock schon ansehen. Im Kino bleibt man dann doch sitzen und danach hat man einen faden schalen Geschmack nach Schleim am Gaumen.

graumauser
14.01.2002, 23:44
Genauso! ist's mir bei "Jud Süß" gegangen. Einmal ankucken, weg ist der Mythos. Na, wenigstens da sind wir gleicher Meinung. Grüße!

g.