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Vollständige Version anzeigen : der deutsche film ist so anders


roger
09.10.2001, 16:31
ich bin nicht gerade ein kino-fetischist. auch kein experte in sachen dieser ausdrucksform (das wort kunst vermeide ich vorsichtshalber). aber seit anfang der 90er jahre hat meine meinung von deutschen filmen einen knaks: wenn ich gefragt würde, was deutschen film ausmacht, sagte ich, diese filme spielen im umfeld von erfolgreichen werbeagenturen oder aufstrebenden anwaltskanzleien und es muß mindestens katja riemann (schreibt sie sich so?) mitspielen.
*würg*
seit ich durch eine handvoll dieser streifchen gezogen war, bin ich hoffnungslos entgeistert.
das was ein hilferuf!

Schwarzes Schaaf
09.10.2001, 17:15
Das schlimme am Deutschen Film ist, dass es alle x Jahre einen Erfolgsfilm gibt (meistens auf seine Weise sogar recht gut), der dann einen Rattenschwanz von Imitaten nach sich zieht, so dass es erst mal NUR Filme in dem Genre gibt. Beispiele:
-'Der Bewegte Mann' -> lauter Komoedien (fast alle konnte man getrost vergessen).
-'Lola rennt'-> 'Berlin' Filme (die Hauptstadt wird zum Darsteller, meistens dreht sich alles um einen Koffer Geld oder Koks oder sonst irgendwas brisantes, alles sehr rasant und schicksalsschwer)

ingwer
09.10.2001, 17:35
dass katja riemann in deutschen filmen mitspielen muss und dass dies zum kotzen sei, ist ja schon wieder - wie heißt das gleich - ein gemeinplatz.
zum deutschen film habe ich eine theorie, aber ich weiß nicht, ob ich sie hinschreiben darf, da herr clausen, besserwisserei verboten hat.

Murmel
09.10.2001, 18:06
Nein, nur Besserwissermist wie in den 60ern. Theorien sind immer sehr willkommen.

Schwarzes Schaaf
09.10.2001, 18:11
spitzt gespannt die (Schaafs-)Ohren

roger
09.10.2001, 18:26
tja, das ist mein problem. ich weiß es eben nicht besser. dachte eigentlich, es meldet sich auch mal einer, der diese filme toll findet. aber vielleicht ist es wie mit den platten von modern talking: keiner will«s gewesen sein.

ingwer
09.10.2001, 18:28
ja, dann! sehr gerne.
früher war der deutsche film ja der sogenannte autorenfilm, bis man entdeckte, dass den eigentlich niemand sehen wollte und schon gar nicht im kino.
dann kamen die großen debatten. was hatte man falsch gemacht? es fehlte die spezialisierung! zum beispiel gab es keine drehbuchautoren mehr - einer machte alles und das nur halb (bis auf die großen ausnahmen natürlich: wenders, herzog etc.)
der deutsche film, so wie wir ihn seit den 90igern kennen, entstand aus einer art rückbesinnung auf die alten grundsätze des filmschaffens, so dass der film nicht in erster linie ein kunstwerk mehr sein sollte, sondern ein produkt an dem sich viele spezialisten beteiligten.
die amerikanische drehbuchschule hielt einzug in deutsche filmhochschulen und es entstanden filme mit plotpoints, handlung und genre.
was ja auch nicht schlecht ist, doch jetzt denken alle, sie hätten den stein des weisen gefunden: handwerk, straffe produktionspläne, strikte aufgabenteilung.
auch die filmförderung funktioniert mittlerweile anders. heute werden nur noch bücher gefördert, an denen schon eine produktionsfirma interessiert ist.
aber jetzt kürze ich schnell ab:
im grunde ist der deutsche film heute eine gegenbewegung zum autorenfilm. irgendwann wird allerdings erkannt werden, dass der bessere weg in der mitte liegt, hoffentlich.
gutes beispiel übrigens: die unberührbare.
habe ich letztens im fernsehen gesehen und bin fast tot umgefallen, so gut hat mir der film gefallen. ein regisseur, der seine schauspieler spielen läßt und auf seine bilder vertraut. würde im mainstream auch funktionieren.
ich hab mich beeilt beim schreiben!

Murmel
09.10.2001, 18:47
Das Hauptproblem bleibt aber, dass es nur Filme gibt, die sich an Trends ranklatschen. Demnächst wird es weitere 'ulkige' Western geben, andere werden sich am Zucker-Genre versuchen. Und es wird grauenhaft sein. Versprochen.

ingwer
09.10.2001, 18:50
ja, da bin ich mir auch ziemlich sicher.
denn die sogenannten entscheider haben keinen mut und denke nur noch in marketingkategorien.

rron calli
09.10.2001, 18:54
Til Schweiger ist absolut grossartig in seiner Rolle als Beau Brandenburg in Stallones 'Driven'.
Ach Autorenfilm, nicht ...
kalauernd ab

roger
09.10.2001, 19:53
erfolg wird von der produktion in dollar gemessen, nicht in bewegungsspielraum für schauspieler. wie kommt es, daß gute (subjektiv) regisseure nach la gehen und auch schweiger gute filme dort macht.
kinobesucher sind in erster linie konsumenten. die masse jedenfalls. kino ist fastfood. kurzlebig, gewinnorientiert, modisch, laut.
manchmal habe ich den eindruck, film in deutschland ist ein anderes wort für 'in schönheit sterben'.

ich fühl mich heut so mürrisch an

ingwer
09.10.2001, 19:54
ich habe neben den strukturellen problemen noch vergessen zu erwähnen, dass wohl auch eine gnadenlose phantasie- und talentlosigkeit herrscht:
angeblich handeln 90% aller in den letzten jahren eingereichten drehbuchentwürfe von architekten, die in einer zehnzimmerwohnung am savignyplatz wohnen. durch zufall geraten diese in konflikt mit der russenmafia, bewähren sich aber als grandiose helden.
für die nebenhandlung sorgt derdiedas love interest.

Murmel
09.10.2001, 19:58
Nein, es geht bei guten Filmen nicht um Dollar, aber bei dem Großteil der Filme sollte es darum gehen, um gute Filme mit ihrem Erfolg zu finanzieren.

ingwer
09.10.2001, 20:22
eine letzte bemerkung für heute:
amerikanische filme sind unter anderem deshalb erfolgreich, weil die storys 'bigger than life' sind.
deutsche filme sind in der regel aber einfach nur 'anders than life'.

roger
09.10.2001, 20:25
umverteilung, murmel? etiketten wie etwa 'sponsored by a really successfull movie?'
das meine ich mit 'in schönheit sterben'. mit erste-klasse-beerdigung. geldverbrennen.
@ingwer: da lag ich gar nicht so falsch. nur hat sich das thema etwas verschoben.

Schwarzes Schaaf
09.10.2001, 20:35
Grosses Budget und box office muss nicht schlechter Film bedeuten, genausowenig wie kleines Budget/'independent' automatisch Kunstwerke erzeugt.
ingwer hat es ganz gut auf den Punkt gebracht mit 'bigger' vs 'anders'. Es scheint manchmal, als ob Deutsche Filmemacher schon gerne a la Hollywood inszenieren wuerden, sich dann aber nicht ganz trauen und doch irgendwie ihr gesammeltes Filmhochschulenwissen und kuenstlerischen Anspruch reinwursteln wollen. Was rauskommt ist dann weder Fisch noch Fleisch. Beispiel meiner Meinung nach dafuer: 'Der Krieger und die Kaiserin'.

ingwer
09.10.2001, 20:39
tykwer war aber nie auf einer filmhochschule. und der kann nicht anders als teilsweise schwerstmaniriert.
manchmal ist das sogar sehr schön.
jetzt ist aber feierabend!
(Beitrag wurde von ingwer am 09.10.2001 um 18:40 Uhr bearbeitet.)

Schwarzes Schaaf
09.10.2001, 20:52
Hupsa, im aggressiven Halbwissen ertappt. Vielleicht war's auch nur der permanent bruellende (auf der vergeblichen Suche nach dem Ausdruck) Benno Fürmann, was mich an diesem Film so irritierte.

Murmel
09.10.2001, 22:42
Nein, Schaaf, wenig Geld steht nicht für bessere Werke, aber genauso großes Budget nicht für gute Filme. Schau Dir 'Otto - den Katastrophenfilm' an...
Trotzdem gibt es auch tolle Filme, die für ein kleines Publikum gemacht werden, kommerziell jedoch wenig bis keinen Gewinn bringen. Solche Filme werden von erfolgreichen Produktionen unterstützt, ob sie es wollen oder nicht. Zudem habe ich das pompöse, geldvergeudende Hollywoodspektakel im 08/15 Schema nach Syd Field ziemlich satt.

roger
10.10.2001, 01:03
otto ist sicherlich vergleichbar mit leinwandimporten wie roy black, frank sinatra oder elvis. schlimm alles.
die korrekte aussprache des wortes 'brot' qualifiziert nicht zum bäcker.

Yvonne Caldenberg
10.10.2001, 01:42
Erklärungen, naja, dann mach ich mal die Materialistin:
Das Problem mit dem deutschen Film ist vielleicht, dass die deutsche Filmindustrie einerseits so einen deutschen Kulturknacks weghat (während Franzosen, Engländer, italiener immer noch stolz auf sich sein konnten), andererseits aber - weil das s.o. langsam in den Hintergrund tritt - v.a. eine ungesunde Mittelgröße hat, soll heißen ein bisschen aber zu wenig Risikokapital.
Wodurch dann einerseits die marginalen Länder vorbeiziehen - die ganzen Däne, Finnen, Isen, Mazedonier und Burkina Fasosen: Da wird wenig gemacht, Low Budget - dafür ist aber, mangels Masse viel respect und einige Narrenfreiheit da (Filmindustrie - was ist das?)
Und andererseits sind da die Amis (u., glaube ich, auch Inder, Chinesen), die einfach viel raushauen, viel Mist auch, klar, aber der Markt ist groß und geduldig, wodurch es dann ooch wieder Platz gibt, in der Besucherritze, wo nach peil und error das ein oder andere primste Produkt dann doch durchrutschen kann.
Aber nur mal soviel, versuchsweise.

roger
10.10.2001, 14:56
nationaler film: man schaue nach indien! 99% qualitatives gruselkabinett. dann lieber importe.

Kusie
10.10.2001, 15:45
IMHO gibbet sowieso nur 2 SEHR GUTE deutsche Kinofilme nach WWII:
1. Das Boot
2. Stonk!
Kusie
(Beitrag wurde von Kusie am 10.10.2001 um 15:12 Uhr bearbeitet.)

roger
10.10.2001, 15:57
hmm .... stimmt.

Murmel
10.10.2001, 16:30
Na, komm. Fritz Lang's Filme, vor allem 'M - Eine Stadt sucht einen Mörder', sind fantastisch.
Aus den letzten Jahren fällt mir 'Paul is dead' von Hendrik Handloegten ein. Ist auch sehr gut.
Gibt es noch mehr?

Elpenor
10.10.2001, 17:02
Alte gute deutsche Filme gibt es en masse: Berlin Alexanderplatz mit Heinrich George, Der blaue Engel, besonders gut Das Kabinett des Doktor Caligari*, Strohmeierfilme sowieso.
Auch nach dem Krieg, besonders Werner Herzogs Aguirre des Zorns. Aber seid 1990 fällt mir wenig ein als übergeordnetes Adjektiv paßt vielleicht hausbacken. Leider ist auch der demnächst anlaufende Film 'Birthday' nicht gut, obwohl er teilweise schöne Szenen hat.
* Da ich mir bei der richtigen Schreibweise von Caligari nicht mehr sicher war, habe ich unter <A HREF='http://www.us.imdb.com' TARGET=_blank>http://www.us.imdb.com</A> nachgesucht und fand einen Film Namens: Das Kabinett des Doktor Larifari von 1930.
(Beitrag wurde von Elpenor am 10.10.2001 um 15:02 Uhr bearbeitet.)

Murmel
10.10.2001, 17:14
Aber über die aktuellen deutschen Filme kann man sehr gut herziehen!

U_Sterblich
10.10.2001, 17:23
Na Tomas Katz, aber den guckt ja keiner von euch Kennern. Augen verdreh

U_Sterblich
10.10.2001, 17:33
Und überhaupt: ich fand auch Sonnenallee gut.

ingwer
10.10.2001, 17:43
nur über meine leiche war einer der lustigeren filme der komödienwelle.
kurz und schmerzlos hat mir sehr gut gefallen, ist aber nun auch schon wieder ein weilchen her.

Bartholmy
10.10.2001, 17:48
Bespielsweise nicht schlechte neue deutsche Filme der letzten 10/15 Jahre:
- Nicht nichts ohne dich
und
- Brennende Betten
(beide von Pia Frankenberg)
Von Martin Walz gefielen mir 'Liebe Lügen' und 'Die Bademeister'. Im Doku-Genre 'Die Blume der Hausfrau'. Um nur mal ein paar vielleicht nicht ganz so bekannte Titel zu nennen.
Ganz so übel sieht es gar nicht aus, finde ich. Und auch die ein oder andere größere Produktion gefällt mir hin und wieder, z.B. 'Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit' war ok.

Kusie
10.10.2001, 17:52
Ich gebe zu, 'Wir können auch anders', 'Kleine Haie' und 'Das Leben ist eine Baustelle' sind sehr unterhaltsame Filme.
Kusie

Bartholmy
10.10.2001, 18:03
Ja, die auch.
Also alles doch nicht so übel?

roger
10.10.2001, 20:26
deutsche emigranten in den 30er und 40er jahren waren der jungbrunnen für den amerikanischen film. hier blieb wüste. erosion.

PeterLu
11.10.2001, 10:51
Es gibt hierzulande gute Geschichten, gute Autoren, gute Regisseure, gute Schauspieler, aber so gut wie keine großen Bilder für die große Leinwand. Funktioniert alles bestens auch im Fernsehen.

Bartholmy
12.10.2001, 01:14
Jetzt im Moment fängt gerade 'Oi Warning' im Fernsehn (ARD) an. Auch sehr gut.
Stopp: Jetzt sehe ich - Programmänderung. Es gibt eine Doku über Zarah Leander. Hm. Das will sicher auch etwas bedeuten. Interessant.

roger
12.10.2001, 10:37
ein teil meiner augen verfolgte gestern den deutsche tv-film 'jagd nach dem bernsteinzimmer'. sowas hochnotpeinliches habe ich ja noch nie gesehen. so ungefähr stelle ich mir indiana jones-filme in einer frühen alpha-phase vor.