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Vollständige Version anzeigen : Popstars (TV, D, 2001)


Murmel
14.10.2001, 22:41
Popstars dokumentiert ein riesiges Casting in mehreren Städten Deutschlands, bei dem eine dreiköpfige Jury Talente für eine neue Popgruppe sucht. Aus dem letzten Casting enstand die kommerziell sehr erfolgreiche Girl-Group 'No Angels'.
Die Show läuft zweimal die Woche auf rtl2 zur Primetime um 20:15 h und erzielt gute Quoten.
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Genau!

Sankt Robocop
14.10.2001, 22:54
Ja. Und?

Murmel
14.10.2001, 23:23
So weit war ich noch nicht. Ich sehe es gerade zum ersten Mal in voller Länge und bin entsetzt. Drei fürchterlich professionelle Caster schicken Teenies nach Hause, die sich schon im Pophimmel wähnen.
Erschütternd, mit welcher Naivität sich dort Männer und Frauen demütigen lassen. Das kann alles nicht wahr sein. Ich habe vor einem dreiviertel Jahr mal reingezappt und mich totgelacht. Jetzt kann ich nicht mal mehr lachen, sondern bin einfach nur entsetzt.

Sankt Robocop
14.10.2001, 23:28
Ja, das stimmt. Schon der Trailer ist schlimm.

U_Sterblich
15.10.2001, 13:23
Gegen 'Popstars' war Big Brother ein Hort des guten Geschmacks und menschlicher Wärme.
Schlimm sind nicht die naiven Kids, die denken, dass man Popstar sein muss oder tot, sondern diese Jury-Ficker, echte King Kackes, die Gott spielen. Besonders der eine, wie er mit schmerzverzerrtem Gesicht dasitzt, wenn ein hochnervöses Mädel mal patzt. Und schlimm ist natürlich diese ganze fiese Idee, die mich in schwärzesten Kulturpessimismus stürzen lässt.
(Beitrag wurde von U_Sterblich am 15.10.2001 um 11:24 Uhr bearbeitet.)

Murmel
15.10.2001, 13:41
Sterberike, natürlich sind die drei von der Supatopcheckerjury schrecklich, aber die Show wird nur von den Bewerbern getragen. Die drei Kasper könnten ja durch eine anonyme Jury ersetzt werden, aber das würde nichts ändern. Die jungen Girls und Boys würden trotzdem alles tun, um 'mit ohne viel Arbeit' berühmt und reich zu werden.

Pomito
15.10.2001, 13:54
Das tun wir doch alle. Nur nicht im Fernsehen.

Tristram Shandy
15.10.2001, 16:41
Mir können die drei Pfeifen nicht hart genug sein.
Jeder, der sich einbildet, er könne mal so eben auf die Schnelle berühmt werden, hat jede denkbare Demütigung und Erniedrigung verdient.
Amateure werden Amateure bleiben - echte Naturtalente gibt es selten (so blöd sie auch ist - Jeanette Biedermann ist z.B. eins).
Man darf die Stümper auslachen, anschreien, nach hause schicken - alles ist erlaubt. Je kleiner sie gemacht werden, desto gründlicher wird ihnen das 'Das-was-der-kann-kann-ich-auch' ausgetrieben.
Fazit: Mir gefällt's.

DonDahlmann
15.10.2001, 17:26
Habe das gestern Nachmittag zum ersten Mal gesehen. War nicht sonderlich überrascht. Ich habe mal eine gnaze Zeit lang für Plattenfirma wie Edel oder Sony Promotion/Marketing gemacht. Unter anderem auch ein paar Bravo Supershows besucht. Was da abgeht, bzw. was da vor den Hotels abgeht ist unglaublich. RTL 2 macht das ganz geschickt. 'Schau, Du kannst auch dazu gehören, wenn Du Glück hast.' Was mich mehr erstaunt, ist die Tatsache das es tatsächlich tausende von Teenagern gibt, die offenbar den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben, als vor einem Spiegel auf und ab zu hüpfen oder aus der Bravo Songtexte auswendig zu lernen.
Ich finde den Wunsch nach Anerkennung prinzipiell legitim. Nicht das wir alle nicht auch so einen Narzismus mit uns rumschleppen würden.
Das schlimme daran, ist die Ausbeuterei. Ich habe da neulich mit einem Produktmanager drüber gesprochen, der mir folgendes berichtet. Die 'No Angels' bekommen statt der üblichen 12 bis 14% Provision vom Handelsabgabepreis einer CD nur 5%, die sich zu viert teilen müssen. Bei Auslandsverkäufen sind es nochmal 50% weniger. Die haben im letzten Jahr pro Nase etwas mehr als 50.000 Mark verdient, während sich Produzenten, Label etc. eine goldene Nase verdient haben. Desweiteren haben sie einen vorgeschrieben Tagesablauf, weniger Urlaub als ein Angestellter und das Lable spircht jeweils immer nur eine Option auf eine neue LP aus. Wenn die nicht paßt, haben sie kein Label, keine Einnahmen und stehen auf der Strasse. Popstars dokumentiert ganz hervorragend, wie die Branche funktioniert.

Tristram Shandy
15.10.2001, 21:05
Mit der Option auf nur eine weitere LP ist der Künstler aber immer noch gut bedient. Dann wird danach nämlich neu verhandelt. Schlimm ist die Option auf unzählige LPs - da wähnt der Künstler sich schon eine große Nummer, wird aber noch mehr abgezockt. Und 12-14%, Don, sind komplett utopisch. Das kriegt keiner, der NUR singt. Dazu muss man schon auch das Lied geschrieben, komponiert oder produziert haben. Reine Künstler: 4-7% vom Großhandelsverkaufspreis (ca. 7 DM pro Maxi-CD).
Davon werden aber noch Kosten für Video-Dreh, Flüge, Hotels etc. abgerechnet. Da bleibt nicht viel übrig. Hähähä. Und das weiß so ein Alöex oder Zlatko natürlich nicht, wen man ihm sagt: Wir fliegen heute zum Shooting auf die Malediven. Da denkt der noch, prima, die sind aber spendabel. Dabei bezahlt der das alles aus eigener Tasche.
Also: Ich habe null Mitleid...

eisenvater
22.10.2001, 22:29
das ist eine prima sache fuer junge leute.
schon die monkeys sind zur damaligen zeit auf gleiche Art und Weise entstanden..
musik dient dazu, Stimmungen zu erzeugen...

christoph
23.10.2001, 00:57
Ich muß auch sagen: Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Ich will jetzt garnicht damit anfangen, daß auch mein Rock«n«Roll - Dream am Establishment gescheitert ist - aber die Wahrheit ist, daß zum Berühmtwerden meistens eine ganze Menge an Ablehnung, Nervosität und Niederlagenserien gehört, die auch erfolgreiche 'Stars' irgendwie hinter sich gebracht haben. Idealerweise, weil sie an ihr Ding geglaubt haben und dafür arbeiten wollten und, wenn unbedingt nötig, auch einiges auf die Nase einzustecken bereit waren.
Und da kann man das auch von denen erwarten, die nichts in die Waagschale zu werfen haben außer ihrem Vertrauen auf den Zufall oder ein gütiges Geschick.
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mischkin
24.10.2001, 03:28
Ich kann nur für jeden begabten oder weniger-begabten hoffen, daß ihm durch verschlafen oder textvergessen die tortur dieses ekelhaften, voyeuristischen selektionsvorganges erspart bleibt.
Bei allen peinlichkeiten die da u.a. (auch wirklich guten stimmen) geboten wurden, diese drei talent-trüffelschweine von gottes gnaden waren doch wirklich der gipfel der geschmacklosigkeit.
Und, mit allem respekt, tristram, ich finde deinen ersten beitrag arrogant, und sehe eine unappetitliche parallele zu eurem augenblicklichen forumsdilemma.
Aufnahmekriterium: vorsingen vor drei papp-nasen!

Obadiah
24.10.2001, 12:37
Ich muss Tristran in Schutz nehmen. Wer sich freiwillig exponiert, sich die Brust aufreißt und sagt: Seht her, ich kann nichts! Der hat tatsächlich jede Demütigung verdient. Wer die Mechanismen dieser Sendung nicht durchschaut, der ist so dumm, dass er erniedrigt gehört. Hier im Forum ist das mit Sicheheit was anderes - es will ja hier keiner berühmt werden (außer Schmidtchen vielleicht...)

ingwer
26.12.2001, 23:53
ist nicht wirklich wichtig, aber der vollständigkeit halber der offene brief von noah, die in der jury saß und ausgestiegen ist
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Liebe Freunde, Opfer und Kolleginnen,

Sicher habt Ihr Verständnis dafür, daß ich in letzter Zeit ein bisschen extrem ausgelastet war, u.a. durch die bezaubernde Produktion "Popstars", in der ich als Jurymitglied fungieren durfte. Besonders Aufmerksamen unter Euch ist nun aufgefallen, daß ich mitten in der Ausstrahlung der Staffel plötzlich nicht mehr auftauche. Deswegen habt Ihr mir zahlreiche mails
geschrieben. Gleichzeitig habe ich die Erfahrung gemacht, daß viele, die mich durch meine Radioshows/Musik/TV-Auftritte bereits kannten,
Unverständnis darüber geäußert haben, daß ich bei RTL2-Popstars
"mitspiele". Ich glaube, Ihr habt es verdient, daß Ihr als erste erfahrt, was wirklich passiert ist, und aus erster (meiner) Hand eine Ansage zu bekommen bevor die Boulevardpresse -wie bereits angedroht- ihre eigene zwangsläufig nicht
ganz so blendend informierte Version der Noah Sow Popstars Soap in 3 Akten verbreitet.

Ich fang ganz vorne an:


1. Akt: WARUM.

Die Produktionsfirma (für nicht-Branchenangehörige: das ist NICHT der
Sender sondern eine freie Firma, die das Zeug "produziert" und dann an den
Sender verkloppt; das ist so ähnlich wie der Unterschied zwischen Produzent
und
Plattenfirma) fragte mich, ob ich als Produzentin, Sängerin und
Medieninsiderin Lust hätte, die Jury mitzumachen. Da ich persönlich leider
immer wieder
im Laufe meines Lebens mit nervigen Vorurteilen konfrontiert werde und
darüber beleidigt, traurig und sauer bin, habe ich mal die ganzen
Primärgedanken, die mir bei so einem Angebot spontan kamen (a la abgekartet,
abzocke,
plastik, billig, peinlich, uncool...) beiseite gelassen und mich dazu
gezwungen, nun nicht gleich bei mir dumme Vorurteile über andere und
ihre Arbeit zuzulassen. Obwohl es eigentlich überflüssig war, habe ich halt
darauf hingewiesen, daß es mit mir keinen Fake gibt, und nach langem hin
und her (man fragte mich im Vorfeld interessante Dinge; u.a., ob ich -
wohlgemerkt wegen meines Stachelhalsbandes - zufällig "eine Autonome"
sei) hat man sich wohl dazu durchgerungen, daß die Credibility, die mit mir
erreichbar sein mag, das Risiko wert sei.

Die Castings (also 3 Tage in jeder Stadt, erst Massenauflauf mit ca.
10-Sekunden-Vorsingen pro Nase, dann "Recall" mit eingehender
Streßprüfung der Besten) waren noch okay. Es war zwar für alle Beteiligten
hart aber
ich bin es durch meinen Beruf schon gewöhnt, über 20 Stunden zu arbeiten.
Die "Kandidaten", die sowas nicht möchten, können ja jederzeit gehen. Bis
auf einige
wenige äußerst seltsame Vorkommnisse fand ich die meiste Zeit noch spannend;
sowas ist ein großes Experiment, bei dem wohl jeder von Euch mal
mitgemacht hätte, schon allein um mal hinter die Kulissen zu kucken. Die
gröbsten Bevormundungen der Jury waren hier noch relativ glimpflich
abzuschmettern. Ich schrieb wann immer ich konnte "Popstars Tagebuch"
und mußte mich selbst wundern, wie der Putz langsam abbröckelte.


2. Akt: WIE.

Ab dem "Flughafen" bekam ich ein Problem. Kurze Erklärung vorab: Die
übrigbleibenden jeweils ca. 10 besten "Kandidaten" aus jeder Stadt
wurden an den Düsseldorfer Flughafen gebeten um dort nochmal einen Tag lang
beim
Tanzen und Singen zu zeigen was sie draufhaben. Cirka die Hälfte von
ihnen darf direkt im Anschluß mit in den Workshop nach Ibiza fliegen, die
anderen bleiben hier. Mit gepackten Koffern antanzen und sich von ihren
mitgebrachten Angehörigen verabschieden dürfen vorher alle. Bei dieser
Sendung hatte ich zwar nicht ganz zum erstenmal aber doch zum erstenmal
mehr als nur vage das Gefühl, daß die Emotionen der "Kandidaten" nicht nur
so
wie sie auftauchen gefilmt werden sondern extra "gezüchtet" wurden. Daß man
also nicht nur beispielsweise die Kamera drauf hält wenn jemand heult,
sondern daß mit Absicht eine Situation geschaffen wird, in der man erwartet
daß
jemand heult. Und genau das ist für mich der entscheidende
"no-no-Unterschied": ersteres ist für mich okay; da muß man durch wenn
man Fernsehen machen will; letzteres ist völlig daneben, überflüssig und
charakterlos.

Im Workshop selbst wurde es noch bunter: keine Produktion kann mir
erzählen, daß es einen guten Grund dafür gibt, die Jury zu ignorieren, zu
verspotten, zu Marionetten machen zu wollen und die "Kandidaten" nicht einem
harten
Training zu unterziehen und ihre Aktionen/Reaktionen zu filmen sondern
mit Absicht Situationen zu schaffen, die begünstigen, daß sie sich schlecht
fühlen
oder sogar körperlich darunter leiden. Wenn es hieß "wir wollen Emotionen"
steckte dahinter meiner Auffassung nach immer die Übersetzung "scheiße,
die heulen irgendwie nicht", und nach meinem Gefühl passte den Machern nur
nicht, daß die Kandidaten dieses Jahr keine nervenzerrüttete
Flennsusen-Ansammlung waren sondern erwachsene Profis, die
einfach keinen Grund hatten, wegen jedem Scheiß zu heulen.

Genau das bringt aber bekanntlich Quote. Daß die Produktionsfirma dabei
so weit gehen würde, hat mich schockiert. Ich persönlich hatte absolute
Hochachtung vor den Workshop-Kandidaten und kann nur sagen, daß bis auf
minimalste Ausnahmen alle irre begabt, professionell, talentiert und
sympathisch waren, und es tat mir sehr leid, mit ansehen zu müssen, wie
sie wie Blödmannsgehilfen behandelt werden. Wenn es an die Lebensträume von
Leuten geht, die diese sogar schon in greifbare Nähe gerückt bekommen,
würde sich wohl jeder tagsüber ein paar Stunden von einem seltsamen Typen
anschreien lassen und aus Angst vor öffentlichem "Versagen" noch einige
andere danebene Quälereien über sich ergehen lassen.

Den Druck unter dem man sich in einer derartigen Situation immer mit
unmittelbar vorgehaltenem Köder befindet, können wir alle uns kaum
vorstellen. Ich hatte nach sehr kurzer Zeit das Gefühl, daß die
Produktion völlig ignorierte, daß es hier um MENSCHEN geht, die erstens
versuchen
ihren Traum zu erreichen, zweitens darauf auch ein Recht haben, drittens
deswegen noch lange nicht wie der letzte Assi behandelt werden dürfen (dem
Assi am Set gings zehnmal besser als den Leuten, die sich täglich bis zu
über 20 Stunden gratis für TV Aufnahmen
zur Verfügung stellten; ersterer bekam nämlich genug zu trinken, regelmäßig
Abendessen und wurde nicht vor laufender Kamera geweckt) und viertens
nicht nach Farbe und Größe zu sortieren sind.

Zugegeben, ich habs sogar versucht, mitzuspielen und mir einzureden, ich
würde das alles zu eng sehen und das wäre schon okay so und ich sei
unprofessionell wenn ich nicht dabei mitwirke, Leute unter extremen
Druck zu setzen blablabla ... und so kam es auch zustande, daß ich schon nur
noch
frustriert und zynisch dabei zusehen
konnte, als die einzigen beiden Kandidaten, die nachweislich keine Silbe
singen konnten, durchgeschleift wurden, weil man bei ihnen ordentlich
was zu kucken hat, dafür aber begabte VokalistInnen (die im übrigen nicht
minder sexy waren sondern vielleicht bloß ein bißchen weniger
kindergartenkompatibel) ausscheiden mußten.

Tag für Tag habe ich mich einfach mehr geschämt, zu diesem Team mit dem
unmöglichen Menschenbild und entgleisten Umgangston zu gehören. Meine
Einwände, das Arbeitspensum sei nicht hart sondern überzogen, der
Umgangston
sei künftig bitte zumindest politisch korrekt zu halten und das
künstliche
noch-mehr-Unter-Druck-Setzen bei "Verkündungen" sei in dieser ohnehin
schon
endlos stressigen Situation der KandidatInnen nicht mehr nötig sondern
eher
daneben, wurden abwechselnd ignoriert oder mit hysterischen Ansagen wie
"wir
haben jetzt keine Zeit uns über sowas zu unterhalten" quittiert.


3. Akt: AUSBRUCH aus FORT KOTZ

Nach einigen Details, die ich von dem Vertreter der Plattenfirma des
zukünftigen "Acts" erfahren durfte, weil ihm nicht mal zu peinlich ist,
laut
auszusprechen was andernorts als unmoralisch oder sittenwirdig gilt, und
den
Vorkommnissen der vorhergegangenen Tage, war meine Bereitschaft, weiter
die
Schnauze zu halten schon auf Null. Gleichzeitig erreichte die
Sinnlosigkeit
meines Jurydaseins ihren Höhepunkt als ich mich weigern wollte, unter
lauter
talentierten Leuten diejenigen auszusuchen, die der Geschäftsführer
persönlich am anziehendsten
fand. Meine Meinung wurde bestenfalls noch gehört aber keinesfalls mehr
berücksichtigt. In den letzten Tagen hatte man das Konzept der
"Einzelgespräche" (zur on-camera-Verkündung, wer weitermachen darf, und
wer
rausfliegt um danach zwar kein Popstar zu werden, sich aber trotzdem im
Bikini auf Ibiza weiter filmen zu lassen) mehrmals geändert um "die
größtmöglichen Emotionen" hinzukriegen, und nachdem -bis auf die
Zusammenbrüche tagsüber unter Wassermangel beim Tanztraining- immer noch
niemand so richtig heulen wollte, und
es mit der Auswahl der "Kandidaten" gleichzeitig eng wurde, standen die
Macher so unter Druck, daß noch mal ganz neue und extrafiese Saiten
aufgezogen wurden.

Ich saß am Jurytisch und mir wurde ein Zettel hingelegt, auf dem stand,
wen
ich als Jurymitglied nicht mehr gut finde und wen die Jury dabei haben
möchte. Verfasst hat den Zettel nicht die Jury. Dazu gabs noch einen
zynischen Spruch zur Erklärung. Mir wurde schlecht. ich schämte mich.
Ich
war außerstande, noch was zu sagen
weil ich wußte: wenn ich jetzt anfange, habe ich 5 Beleidigungsklagen am
Hals und tue den Typen den großen Gefallen, vor laufender Kamera
quotenträchtig durchzudrehen/zu beschimpfen/zu heulen. Ich saß da,
versuchte, zu checken, was hier eigentlich abgeht, daß tatsächlich von
mir
verlangt wurde, freudig dafür einzustehen und zu verkünden, was ich
nicht
im
geringsten mitentschieden hatte, und habe (was mir -leider- generell
sehr
selten passiert) geschockt die Sprache verloren.

Währenddessen wurden schon die ersten Opfer zum "Verhör" reingeführt,
also
zur möglichst zähflüssigen und wischiwaschi-gehaltenen Verkündung ob sie
heute Abend rausfliegen oder nicht, damit sie schön erst am Schluß der
Ansage heulen. Während die paralysierten Kandidaten auf dem
"Entscheidungsstuhl" mir in die Augen kuckten kam ich mir richtig
beschissen
vor, denn ich sollte ihnen sagen, was im Drehbuch vorgesehen war, womit
ich
aber nichts zu tun haben wollte.

Die Leute taten mir leid und ich wollte sagen "hau bloß ab, du kannst
sowieso nicht beeinflussen ob du genommen wirst oder nicht, es tut mir
leid,
das hat kein Mensch nötig" etc. aber es kam überhaupt kein Ton mehr
raus.
Die Produktion fragte förmlich an, ob ich dann bescheid sagen würde,
wenn
ich wieder so weit sei, weiterzumachen. Ich stand auf und sagte ich
brauche
ne Pause. Ging in den Keller der Disco, in der der Dreh war, dekorierte
ein
bißchen um, räumte wieder auf und nahm mein Mikro ab.

Gleichzeitig haute ein Stockwerk höher ein begabter Vocalist einen
Aschenbecher an seinem Kopf kaputt nachdem ein Jurymitglied ihm sagte,
er
"könne nicht rappen". Wenig später erfuhr ich von einer Kandidatin, daß
auf
ihre Anfrage hin, wo ich denn bei der Verkündung geblieben sei, "der
Typ,
der die Fäden zieht und Zigarre geraucht hat", gesagt habe, "Noah ist
jetzt
nicht mehr in der Jury dabei".


EPILOG:

Danach ging es mir besser. Ich sammelte die Gratulationen derjenigen
Produktionsmitarbeiter, die meinen Ausstieg gerechtfertigt und cool
fanden,
telefonierte, machte einen Tag frei, an dem sich keiner der an der
Produktion Verantwortlichen bei mir meldete, nahm danach den nächsten
Flieger zurück in die Zivilisation und konnte mir endlich wieder selbst
ins
Gesicht sehen.

Für meine abgehobenen
ich-bin-die-Jury-und-damit-Barbara-Salesch-Sprüche,
für vorschnelle Verurteilungen von einzelnen Kandidaten und fürs zu
lange
Mitspielen bei einem unnötig gemeinen Spiel, das für die Hauptpersonen
keines ist, sondern bitterer Ernst, schäme ich mich noch heute.

Deswegen habe ich den Kandidatinnen und Kandidaten auch einen Brief mit
Entschuldigungen und Musikbusiness-Tipps geschrieben; ich hoffe, die
nehmen
meine Entschuldigungen an. Auch die Produktion bekam -nur damit keine
Mißverständnisse aufkommen- einen ausführlichen Erklärungsbrief von mir.
Heute könnte ich kaum mehr sagen, welche der "Kandidaten" ich
weiterkommen
lassen möchte, denn wen ich gut finde, dem möchte ich langjährige
Zusammenarbeit mit solchen Auftraggebern - selbst im Traumberuf- ehrlich
gesagt gar nicht wünschen.

Manchmal frage ich mich jetzt, ob ich naiv bin/war und mir von
vorneherein
hätte denken sollen, daß das genau so abläuft (ich glaube ja) oder ob es
nicht vielleicht gut ist, daß ich es ausprobieren wollte (ich glaube:
auch
ja), weil ich es zwar geahnt habe, jetzt aber wenigstens genau WEISS wie
es
da zugeht - und das schließlich der entscheidende Unterschied ist, den
ich
auch immer von anderen zu machen verlange, bevor sie über mich
herziehen.

Ihr wißt jetzt jedenfalls genauestens bescheid;

take care!

Noah

Klaus Caesar
02.01.2002, 02:20
Beeindruckendes Dokument, ingwer! Hast Du das alles abgetippt? Dann bin ich noch viel beeindruckter.

Daß es Menschen gibt, die bei solchen Sendungen mitmachen wollen und dafür Demütigungen in Kauf nehmen, ist mir zur Not noch begreiflich. Völlig unverständlich finde ich, daß das Konzept aufgeht, d.h. daß Popstars aus der Retorte gemacht werden können, ganz unverbrämt. Was sind das für Menschen, die sich solche CDs auch noch kaufen? Und warum sind es dermaßen viele? Es ist die Rezipientenseite, die mich baff macht. Ich leide unter Rezipientenseitenbaffheit.

ingwer
02.01.2002, 02:35
abgetippt - na das wär ja doch ein bisschen vüll verlangt, herr klaus cäsar, da verzichte ich auf die beeindruckung und bleibe bei der wahrheit: die mail erreichte mich schon vor längerer zeit über einige umwege, absender war die redaktion der zeitschrift "mädchen". ja, so wars.

rezipientenseitenbaffheit. ja, da schließe ich mich an.

Murmel
02.01.2002, 12:27
Danke, ingwer. Armes Noah, hat das aber fein geschrieben. Diese böse, böse Welt. Mag gar nicht wissen, was Noah daran verdient hat.

Schwarzes Schaaf
02.01.2002, 17:51
Im Kaestchen neben Rezipientenseitenbaffheit mache ich auch mein Kreuz. Ich persoenlich kenne niemanden, der einen Tontraeger eines ehemaligen Big Brother o.ae. Teilnehmers sein eigen nennt, aber offensichtlich gibt es diese Sorte Mensch, und zwar millionenweise.
@ Murmel: Dem zynischen Tonfall entnehme ich, dass sie Noah selber als Teil des Problems sehen. Letztendlich hat er aber doch konsequent gehandelt (mal angenommen sein Bericht entspricht der komplett der Wahrheit), finden sie nicht.

Murmel
02.01.2002, 18:23
Wenn ich mich in einen Haufen Scheiße setze, stehe ich nicht auf, wenn ich merke, dass er tasächlich stinkt und rechtfertige mich scheinheilig. Das ist doppelt verlogen.

Schwarzes Schaaf
02.01.2002, 18:41
Klar war das alles zu erwarten, aber er raeumt ja auch ein Manchmal frage ich mich jetzt, ob ich naiv bin/war und mir von
vorneherein hätte denken sollen, daß das genau so abläuft (ich glaube ja) oder ob es nicht vielleicht gut ist, daß ich es ausprobieren wollte (ich glaube: auch ja), weil ich es zwar geahnt habe, jetzt aber wenigstens genau WEISS wie es da zugeht - und das schließlich der entscheidende Unterschied ist, den ich auch immer von anderen zu machen verlange, bevor sie über mich herziehen.

Murmel
03.01.2002, 10:19
Welch Supatopcheckaäußerung...

Schwarzes Schaaf
03.01.2002, 20:04
Man kann sich doch ueber etwas Gedanken machen und halt 'ne Meinung haben, oder?

rron calli
05.01.2002, 19:42
Der Vollständigkeit halber sollte man erwähnen, dass Noah kein "Er", sondern eine total korrekte Supatopchecker-Sie ist. Ich wittere Brustneid.
http://www.einslive.de/img/team/sow4_k.jpg

Murmel
05.01.2002, 19:55
Ja, sie hat was supatopcheckabunnymäßiges.

Die Wucht
05.01.2002, 20:01
N. hatte in der Jury mehr Brustumfang als auf dem Foto.

jajaschongut, sollnichmehrvorkomm, her mit dem schwanitz

Tristan
05.01.2002, 20:50
Naja. Es Noah hat supaprofimaessisch zum richtische weil kritische Zeitpunkt reagiert. Die daerf beschtimmt deswesche widder zurueck zu SWR3 und de Poschte von de Tuecking Ihr Stefanie uebernemme.