bAbC
15.10.2001, 23:56
Es muß 1980 oder sogar schon 1981 gewesen sein, als ich mit meiner Freundin meine zweite Interrail-Tour durch Spanien, Portugal und Frankreich unternahm. Ich war also 19 oder 20, und sie ein oder zwei Jahre jünger, doch das tut nichts zur Sache. Zur Sache tut, daß wir bei unserer letzten Etappe in Paris landeten und uns mehr schlecht als recht von Sacre Cþur zu Notre Dame zum Eifelturm durchfragten. Ich sprach kein Wort Französisch (aber meine Aussprache war perfekt) und meine Freundin war zu schüchtern, ihr Französisch anzuwenden. So lernte ich die kurzen Sätze, die wir benötigten von ihr auswendig, ging dann auf die Franzosen zu, hörte mir völlig nicht verstehend ihre Antworten an und ließ sie dann ins Deutsche zurückübersetzen. Pardonneh moa, u ä lö plass dö la konkohr? Sehr verwirrend gut konnte ich auch: Jönnö parl pah fronsseh!
Nachdem wir uns die Füße wundgelaufen und den Mund rundgestaunt hatten, suchten wir die Jugendherberge auf, die irgendwo im Norden von Paris lag. In Jugendherbergen war ich nur auf meinen beiden Interrailtouren und ich kann guten Gewissen sagen: Jugendherbergen sind nur etwas für ausgesprochen kommunikative und improvisationsfreudige Menschen. Ich mag sie nicht, keine einzige von denen, die ich kennengelernt habe, weder in Spanien, noch in Frankreich, noch in Portugal. Bei meinem letzten Aufenthalt in einer Jugendherberge kam es jedoch zu einem folgenschweren Zwischenfall, der mit ausschlaggebend sein kann für meine Abneigung. Es war besagte Herberge in Paris, die eine Art Garten hatte, in der sich die Lagerfeuerromantikjugend vor Zapfenstreich traf und sich, es sträuben sich mir die Nackenhaare, nach Jugendherbergsmanier ³austauschteã. Meine Freundin und ich, wir tauschten mit, wobei mein Auge auf einen hübschen Jüngling mit dunklen Locken und braunen Augen, und, wenn ich mich recht entsinne, römisch-antiken Gesichtszügen, fiel. Wir plauderten auf englisch über dies und das, Weltschmerz und Liebe, Patriotismus und revolutionäres Möchtegern-Gedankengut, und eigentlich wollte ich nur eines: Sex. Den ich bis dato noch nicht gehabt hatte, und mir zu der Zeit als erstrebenswertestes Gut auf dieser Erde ausmalte. Wie es sich traf, wollte T. das Gleiche und so verzogen wir uns zum Zeitpunkt des allgemeinen Aufbruchs in seinen ollen Kastenwagen. Denn T. nächtigte natürlich nicht in einem schnöden Etagenbett, non non, sondern im eigenen Auto, mit Matratze und Schlafsack im hinteren Teil. Sehr bequem war das. Ich will euch, die ihr auf die Filmkritik wartet, nicht über Gebühr langweilen. Es sei gesagt, daß es mit Kuscheln und ein wenig Petting begann und mir schlecht wurde, als er mir, einer wohlbehüteten Jungfrau, als nächstes einen Blow Job vorschlug. Das wars dann mit Romantik für diesen Abend.
Ich verließ jedoch mitnichten wutschnaubend den Wagen, um mich in den Schlafsaal zu trollen, sondern verbrachte die Nacht in diesem Wagen, und weiß heute nicht mehr zu sagen, warum. Unser Verhältnis war abgekühlt, aber nicht beendet. Am nächsten Tag wollten meine Freundin und ich eigentlich abreisen, aber ich bettelte sie solange an, bis sie mir einen zusätzlichen Tag allein mit T. in der Stadt genehmigte und wir uns für den Abend verabredeten. Ich weiß bis heute nicht, wie sie den Tag verbracht hat. Ich aber wurde von T. an der Hand genommen und wir bummelten durch ein paar Straßen, meist schweigsam, aber händchenhaltend: was wollte ich mehr? An der Hand eines bildhübschen, mich um zwei Köpfe überragenden selbstbewußten Franzosen, der mir die Stadt zeigte, kam ich mir trotz des vorabendlichen Fiaskos vor wie im siebten Teenagerhimmel. Irgendwann wurde ihm seine Pflicht wohl lästig oder langweilig und er schleppte mich in ein Kino. Es gab einen Film im englischen Original mit französischen Untertiteln: ³Phantom of the Paradiseã von Brian de Palma, USA 1974, Darsteller: Gerrit Graham (ein Standard-Schauspieler der frühen de Palma«s), William Finley, Jessica Harper, Paul Williams. Musik: Paul Williams. Und dann passierte es: ich vergaß den Jungen neben mir völlig und war ganz und gar vom Film gefesselt. Wohlgemerkt, bis auf seine unsensiblen Annäherungsversuche ein Traummann, ich auf der Schwelle zur Weibwerdung (hoho!), verliebt wie ein Maiglöckchen, und dann schafft es ein Film, mich von all dem abzulösen und in seine eigene Welt zu ziehen. Auf einmal gab es nur noch die grellen Farben, die wunderschönen Songs, die faszinierenden Split-Screens, die schockierende Traurigkeit und die hysterische Überdrehtheit auf der Wohnzimmerleinwand eines 50sitzigen Programmkinos. So einen Film hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, als würde man jemandem, der nichts außer der Schlichtheit von Charly-Chaplin-Filmen kennt, auf einmal ³Pulp Fictionã vorsetzen. Ich sog jede Minute, jede Einstellung, jede Note in mich auf und bis heute kann ich sagen, daß mich kein Film mehr berührt hat als dieser. Sicherlich gibt es viele andere Filme, die ich liebe und immer wieder gern sehe, aber keiner hat sich zu meinem persönlichen Schatzkästlein machen können.
Dabei ist die Geschichte simpel: Winslow, ein armer, aber genialer Komponist, spielt dem super-reichen Musikproduzenten Swan Auszüge aus seiner Rockoper ³Faustã vor. Swan ist an dem Werk durchaus interessiert, er will damit seinen neuen Musikpalast, das ³Paradiseã eröffnen. Swan hat ein Ohr für Musik, aber noch mehr Gespür für Geld und so beschließt er, Winslow (armer Irrer: William Finley) die Komposition zu stehlen. Nach wochenlangem Warten auf die versprochene Rückmeldung schmuggelt sich Winslow in ein Casting, bei dem Snow (arrogant, geheimnisvoll, faszinierend: Paul Williams) eine Sängerin sucht, die Auszüge aus der Rockoper singen soll. Winslow verliebt sich in Phoenix (Püppchengesicht Jessica Harper), ein Mädchen mit Stimme, aber leider auch mit zuviel Moral, die es nicht erträgt, daß Gruppensex mit Swans Angestellten zu den üblichen Prozeduren des Castings zählt. Sie wird rausgeschmissen, ebenso wie Winslow, den man in Frauenkleidern erwischt, in denen er sich bis zu Swan vorschleichen will. Geschmierte Polizisten schieben ihm zu allem Überfluß auch noch Drogen unter und so landet der arme, dusselige Kerl im Gefängnis, wo man ihm en passant alle Zähne zieht und ein Metallgebiß verpaßt. Doch als Winslow im Radio am Fließband des Gefängnisses hört, daß bald Swan«s ³Paradiseã mit seiner (Swans) Eigenkomposition ³Faustã eröffnet werden soll, entkommt er amoklaufend (und im Zeitraffer gefilmt, wir wissen schließlich, was wichtig ist und was nicht) aus dem Gefängnis und setzt seine Raserei so lange fort, bis er in Swans Plattenpresse gelangt ist, um dort die Originale zu vernichten. Dummerweise hat die Pechsträhne unseres unseligen Komponisten damit kein Ende, denn er gerät mit seinem Kopf zwischen die zischenden, heißen Druckköpfe der Plattenpresse. Wir nehmen die Hände von den Augen und sehen Winslow wimmernd und kreischend zum Fluß kriechen, in den er dann mit einem Platscher hineinfällt.
Szenenwechsel: Das Paradise von innen. Wunderbarer Einsatz von Split-Screen. Auf der linken Seite des Bildschirms machen sich die Juicy Fruits an eine Bühnenprobe mit einem rosafarbenen Cadillac. Die Juicy Fruits, beach-boys-like aber bitterböse, sind Swans Band Nummer 1. Auf der rechten Seite aus der Perspektive einer Handkamera schleicht jemand durch die Gänge, bis er in der Maske gelandet ist, sich dort einen schwarz-silbernen Cape und eine vogelähnliche Maske ausgesucht hat. Auf der linken Seite versucht einer der Juicy Fruits den Manager (dick, schmierig, brutal: George Memmoli) davon zu überzeugen, daß sein Horoskop für heute Sterben angesagt hat, aber der Manager ist erbarmungslos und schubst ihn zu den anderen auf die Bühne. Auf der rechten Seite eine schwarze behandschuhte Hand, die eine Bombe in den Kofferraum des Cadillac legt. Auf der linken Seite: der Cadillac wird nach vorne auf die Bühne geschoben. Auf der rechten Seite: der Cadillac erscheint auf der Bühne. Symbiose des Split-Screen. BOOM! Desaster!
Swan hat sehr wohl mitbekommen, daß ein Phantom an dem Anschlag schuld ist. Das gesamte Paradise ist von Kameras überwacht. Swan lauert dem Phantom auf, als es sich an ihn heranschleichen will, und stellt Winslow erneut als völligen Trottel dahin. Winslow, der ewige Looser.. Er läßt sich auf einen mit Blut unterschriebenen Pakt ein (schönes Detail: Swan benutzt einen Stempel mit seinem Namenszug, den er über seinen angeritzten Daumen führt), der ihn verpflichtet, ³Faustã umzuschreiben, damit ihn Phoenix singen kann. Aber Swan denkt nicht daran, Phoenix zu engagieren. Er sperrt Winslow in ein kleines Studio ein und während der verliebte, verkrüppelte Trottel Tag und Nacht an seiner Kantate schreibt, wird er bei lebendigem Leib eingemauert.
Swan ist nun auf der Suche nach einem neuen, geeigneten Showtalent für die kommende Eröffnung. In einer wunderschönen Szene sieht man ihn an einem runden Tisch in einem dunklen Raum sitzen. Rings um ihn leuchten Spotlights mit immer anderen Künstlern auf, die versuchen, ³Faustã zu interpretieren. ³Nein, nein.. warum muß ich so leiden?ã Ausgerechnet Beef (herrlich tuntig-trashig: Gerrit Graham), das absolute Gegenstück zu unserem Winslow findet dann seinen Gefallen. Beef ist eine Mischung aus Marilyn Manson, Angus Young und George Michael, bi bis ins Mark und singt so kreischig, daß es schon wieder schön ist. Leider überlebt er seine eigene Premiere nicht.
Genug.
Ich will hier nicht den ganzen Film erzählen, es werden viele Fäden sowohl aus dem ³Faustã als auch aus dem ³Phantom der Operã miteinander verwoben. Alle Helden, auch die Schurken, sind tragisch. Alle sterben. Oder werden wahnsinnig. Über allem die Musik von Paul Williams, so vielseitig schillernd wie der Film auch: vom lustigen ³Upholstryã zum zynischen ³Goodbye, Eddieã zum wüsten ³Life at Lastã zum traurigen ³Phantom«s Themeã zum anrührenden ³Old Soulsã ö jedes einzelne Stück kann ich tausendmal hören. Drei Jahre habe ich gebraucht, bis ich den Soundtrack auf LP bekam, dann kaufte ich ihn ein weiteres Mal: man weiß ja nie! Ganz selten erzähle ich jemandem von diesem Film, und noch seltener zeige ich ihn jemandem. Zu groß die Befürchtung, jemand der mir nahesteht, könnte ihn abtun als ³Achso, ein Musical..ã oder ³Eigentlich mag ich ja keinen Horror.. ³ oder noch schlimmer: ³nett.ã Das wäre das Ende einer wunderbaren Freundschaft.
³Phantom of the Paradiseã ist kein Musical. Die Leute singen, weil es um Leute geht, die Musik machen. Und sie singen nur dann, wenn es darum geht, jemanden darzustellen, der singt, weil er vorsingt, oder auf der Bühne steht, oder komponiert. Ah.. ich muß mindestens einen Song hier zitieren, ich kann mich nur nicht entscheiden.. Doch, hab ihn. Bitte stellt euch die Juicy Fruits vor, die Beach-Boys-Parodie: sie können zwar singen, aber sie singen absichtlich falsch. Schmalztollen, bunte Bermuda-Shorts und im Hintergrund auf der Bühne legen sie Bikini-Mädchen flach. Vor Publikum. Im Vordergrund der Leadsänger. Seine beiden Gitarristen stecken die Köpfe zusammen und machen ³shuwaddi-waddiã an den unpassendsten Stellen. Und er singt:
(rockig)
Little Eddie Mitty born in Jersey City
Started singin« when he was five
Never knew his father, mother didn«t bother
To catch his last name fast as he came
He was off and flying
Times were really trying
Eddie and his mother alone
Soon another mister, soon a baby sister
Mama kept swingin« and Eddie kept singin«
Ah ya ya ya ya....
(Spoken)
And now the tragic story
Eddie«s sister, Mary Louise, needed an operation
To get the money he would have to become an overnight sensation
Eddie believed the american people
Had wonderful, lovegiving hearts
His well publicized end, he considered, would send
His memorial album to the top of the charts.... and it did..
Ah ya ya ya ya...
(Spoken)
When a young singer dies to our shock and surprise
In a plane crash or flashy sports car
He becomes quite well known
And the kindness he«s shown has made more than one post mortem star
Well you did it, Eddie, and though it«s hard to applaud suicide
You gave all you could give so your sister could live
All America«s choked up inside
(jaulend)
We«ll remember you forever, Eddie
Thru« the sacrifice you made we can«t believe the price you paid
For love
Ach, ich liebe diesen Film. Bitte sagt mir nicht, wie ihr ihn fandet. Bitte, bitte..
(Beitrag wurde von bAbC am 18.10.2001 um 05:24 Uhr bearbeitet.)
Nachdem wir uns die Füße wundgelaufen und den Mund rundgestaunt hatten, suchten wir die Jugendherberge auf, die irgendwo im Norden von Paris lag. In Jugendherbergen war ich nur auf meinen beiden Interrailtouren und ich kann guten Gewissen sagen: Jugendherbergen sind nur etwas für ausgesprochen kommunikative und improvisationsfreudige Menschen. Ich mag sie nicht, keine einzige von denen, die ich kennengelernt habe, weder in Spanien, noch in Frankreich, noch in Portugal. Bei meinem letzten Aufenthalt in einer Jugendherberge kam es jedoch zu einem folgenschweren Zwischenfall, der mit ausschlaggebend sein kann für meine Abneigung. Es war besagte Herberge in Paris, die eine Art Garten hatte, in der sich die Lagerfeuerromantikjugend vor Zapfenstreich traf und sich, es sträuben sich mir die Nackenhaare, nach Jugendherbergsmanier ³austauschteã. Meine Freundin und ich, wir tauschten mit, wobei mein Auge auf einen hübschen Jüngling mit dunklen Locken und braunen Augen, und, wenn ich mich recht entsinne, römisch-antiken Gesichtszügen, fiel. Wir plauderten auf englisch über dies und das, Weltschmerz und Liebe, Patriotismus und revolutionäres Möchtegern-Gedankengut, und eigentlich wollte ich nur eines: Sex. Den ich bis dato noch nicht gehabt hatte, und mir zu der Zeit als erstrebenswertestes Gut auf dieser Erde ausmalte. Wie es sich traf, wollte T. das Gleiche und so verzogen wir uns zum Zeitpunkt des allgemeinen Aufbruchs in seinen ollen Kastenwagen. Denn T. nächtigte natürlich nicht in einem schnöden Etagenbett, non non, sondern im eigenen Auto, mit Matratze und Schlafsack im hinteren Teil. Sehr bequem war das. Ich will euch, die ihr auf die Filmkritik wartet, nicht über Gebühr langweilen. Es sei gesagt, daß es mit Kuscheln und ein wenig Petting begann und mir schlecht wurde, als er mir, einer wohlbehüteten Jungfrau, als nächstes einen Blow Job vorschlug. Das wars dann mit Romantik für diesen Abend.
Ich verließ jedoch mitnichten wutschnaubend den Wagen, um mich in den Schlafsaal zu trollen, sondern verbrachte die Nacht in diesem Wagen, und weiß heute nicht mehr zu sagen, warum. Unser Verhältnis war abgekühlt, aber nicht beendet. Am nächsten Tag wollten meine Freundin und ich eigentlich abreisen, aber ich bettelte sie solange an, bis sie mir einen zusätzlichen Tag allein mit T. in der Stadt genehmigte und wir uns für den Abend verabredeten. Ich weiß bis heute nicht, wie sie den Tag verbracht hat. Ich aber wurde von T. an der Hand genommen und wir bummelten durch ein paar Straßen, meist schweigsam, aber händchenhaltend: was wollte ich mehr? An der Hand eines bildhübschen, mich um zwei Köpfe überragenden selbstbewußten Franzosen, der mir die Stadt zeigte, kam ich mir trotz des vorabendlichen Fiaskos vor wie im siebten Teenagerhimmel. Irgendwann wurde ihm seine Pflicht wohl lästig oder langweilig und er schleppte mich in ein Kino. Es gab einen Film im englischen Original mit französischen Untertiteln: ³Phantom of the Paradiseã von Brian de Palma, USA 1974, Darsteller: Gerrit Graham (ein Standard-Schauspieler der frühen de Palma«s), William Finley, Jessica Harper, Paul Williams. Musik: Paul Williams. Und dann passierte es: ich vergaß den Jungen neben mir völlig und war ganz und gar vom Film gefesselt. Wohlgemerkt, bis auf seine unsensiblen Annäherungsversuche ein Traummann, ich auf der Schwelle zur Weibwerdung (hoho!), verliebt wie ein Maiglöckchen, und dann schafft es ein Film, mich von all dem abzulösen und in seine eigene Welt zu ziehen. Auf einmal gab es nur noch die grellen Farben, die wunderschönen Songs, die faszinierenden Split-Screens, die schockierende Traurigkeit und die hysterische Überdrehtheit auf der Wohnzimmerleinwand eines 50sitzigen Programmkinos. So einen Film hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, als würde man jemandem, der nichts außer der Schlichtheit von Charly-Chaplin-Filmen kennt, auf einmal ³Pulp Fictionã vorsetzen. Ich sog jede Minute, jede Einstellung, jede Note in mich auf und bis heute kann ich sagen, daß mich kein Film mehr berührt hat als dieser. Sicherlich gibt es viele andere Filme, die ich liebe und immer wieder gern sehe, aber keiner hat sich zu meinem persönlichen Schatzkästlein machen können.
Dabei ist die Geschichte simpel: Winslow, ein armer, aber genialer Komponist, spielt dem super-reichen Musikproduzenten Swan Auszüge aus seiner Rockoper ³Faustã vor. Swan ist an dem Werk durchaus interessiert, er will damit seinen neuen Musikpalast, das ³Paradiseã eröffnen. Swan hat ein Ohr für Musik, aber noch mehr Gespür für Geld und so beschließt er, Winslow (armer Irrer: William Finley) die Komposition zu stehlen. Nach wochenlangem Warten auf die versprochene Rückmeldung schmuggelt sich Winslow in ein Casting, bei dem Snow (arrogant, geheimnisvoll, faszinierend: Paul Williams) eine Sängerin sucht, die Auszüge aus der Rockoper singen soll. Winslow verliebt sich in Phoenix (Püppchengesicht Jessica Harper), ein Mädchen mit Stimme, aber leider auch mit zuviel Moral, die es nicht erträgt, daß Gruppensex mit Swans Angestellten zu den üblichen Prozeduren des Castings zählt. Sie wird rausgeschmissen, ebenso wie Winslow, den man in Frauenkleidern erwischt, in denen er sich bis zu Swan vorschleichen will. Geschmierte Polizisten schieben ihm zu allem Überfluß auch noch Drogen unter und so landet der arme, dusselige Kerl im Gefängnis, wo man ihm en passant alle Zähne zieht und ein Metallgebiß verpaßt. Doch als Winslow im Radio am Fließband des Gefängnisses hört, daß bald Swan«s ³Paradiseã mit seiner (Swans) Eigenkomposition ³Faustã eröffnet werden soll, entkommt er amoklaufend (und im Zeitraffer gefilmt, wir wissen schließlich, was wichtig ist und was nicht) aus dem Gefängnis und setzt seine Raserei so lange fort, bis er in Swans Plattenpresse gelangt ist, um dort die Originale zu vernichten. Dummerweise hat die Pechsträhne unseres unseligen Komponisten damit kein Ende, denn er gerät mit seinem Kopf zwischen die zischenden, heißen Druckköpfe der Plattenpresse. Wir nehmen die Hände von den Augen und sehen Winslow wimmernd und kreischend zum Fluß kriechen, in den er dann mit einem Platscher hineinfällt.
Szenenwechsel: Das Paradise von innen. Wunderbarer Einsatz von Split-Screen. Auf der linken Seite des Bildschirms machen sich die Juicy Fruits an eine Bühnenprobe mit einem rosafarbenen Cadillac. Die Juicy Fruits, beach-boys-like aber bitterböse, sind Swans Band Nummer 1. Auf der rechten Seite aus der Perspektive einer Handkamera schleicht jemand durch die Gänge, bis er in der Maske gelandet ist, sich dort einen schwarz-silbernen Cape und eine vogelähnliche Maske ausgesucht hat. Auf der linken Seite versucht einer der Juicy Fruits den Manager (dick, schmierig, brutal: George Memmoli) davon zu überzeugen, daß sein Horoskop für heute Sterben angesagt hat, aber der Manager ist erbarmungslos und schubst ihn zu den anderen auf die Bühne. Auf der rechten Seite eine schwarze behandschuhte Hand, die eine Bombe in den Kofferraum des Cadillac legt. Auf der linken Seite: der Cadillac wird nach vorne auf die Bühne geschoben. Auf der rechten Seite: der Cadillac erscheint auf der Bühne. Symbiose des Split-Screen. BOOM! Desaster!
Swan hat sehr wohl mitbekommen, daß ein Phantom an dem Anschlag schuld ist. Das gesamte Paradise ist von Kameras überwacht. Swan lauert dem Phantom auf, als es sich an ihn heranschleichen will, und stellt Winslow erneut als völligen Trottel dahin. Winslow, der ewige Looser.. Er läßt sich auf einen mit Blut unterschriebenen Pakt ein (schönes Detail: Swan benutzt einen Stempel mit seinem Namenszug, den er über seinen angeritzten Daumen führt), der ihn verpflichtet, ³Faustã umzuschreiben, damit ihn Phoenix singen kann. Aber Swan denkt nicht daran, Phoenix zu engagieren. Er sperrt Winslow in ein kleines Studio ein und während der verliebte, verkrüppelte Trottel Tag und Nacht an seiner Kantate schreibt, wird er bei lebendigem Leib eingemauert.
Swan ist nun auf der Suche nach einem neuen, geeigneten Showtalent für die kommende Eröffnung. In einer wunderschönen Szene sieht man ihn an einem runden Tisch in einem dunklen Raum sitzen. Rings um ihn leuchten Spotlights mit immer anderen Künstlern auf, die versuchen, ³Faustã zu interpretieren. ³Nein, nein.. warum muß ich so leiden?ã Ausgerechnet Beef (herrlich tuntig-trashig: Gerrit Graham), das absolute Gegenstück zu unserem Winslow findet dann seinen Gefallen. Beef ist eine Mischung aus Marilyn Manson, Angus Young und George Michael, bi bis ins Mark und singt so kreischig, daß es schon wieder schön ist. Leider überlebt er seine eigene Premiere nicht.
Genug.
Ich will hier nicht den ganzen Film erzählen, es werden viele Fäden sowohl aus dem ³Faustã als auch aus dem ³Phantom der Operã miteinander verwoben. Alle Helden, auch die Schurken, sind tragisch. Alle sterben. Oder werden wahnsinnig. Über allem die Musik von Paul Williams, so vielseitig schillernd wie der Film auch: vom lustigen ³Upholstryã zum zynischen ³Goodbye, Eddieã zum wüsten ³Life at Lastã zum traurigen ³Phantom«s Themeã zum anrührenden ³Old Soulsã ö jedes einzelne Stück kann ich tausendmal hören. Drei Jahre habe ich gebraucht, bis ich den Soundtrack auf LP bekam, dann kaufte ich ihn ein weiteres Mal: man weiß ja nie! Ganz selten erzähle ich jemandem von diesem Film, und noch seltener zeige ich ihn jemandem. Zu groß die Befürchtung, jemand der mir nahesteht, könnte ihn abtun als ³Achso, ein Musical..ã oder ³Eigentlich mag ich ja keinen Horror.. ³ oder noch schlimmer: ³nett.ã Das wäre das Ende einer wunderbaren Freundschaft.
³Phantom of the Paradiseã ist kein Musical. Die Leute singen, weil es um Leute geht, die Musik machen. Und sie singen nur dann, wenn es darum geht, jemanden darzustellen, der singt, weil er vorsingt, oder auf der Bühne steht, oder komponiert. Ah.. ich muß mindestens einen Song hier zitieren, ich kann mich nur nicht entscheiden.. Doch, hab ihn. Bitte stellt euch die Juicy Fruits vor, die Beach-Boys-Parodie: sie können zwar singen, aber sie singen absichtlich falsch. Schmalztollen, bunte Bermuda-Shorts und im Hintergrund auf der Bühne legen sie Bikini-Mädchen flach. Vor Publikum. Im Vordergrund der Leadsänger. Seine beiden Gitarristen stecken die Köpfe zusammen und machen ³shuwaddi-waddiã an den unpassendsten Stellen. Und er singt:
(rockig)
Little Eddie Mitty born in Jersey City
Started singin« when he was five
Never knew his father, mother didn«t bother
To catch his last name fast as he came
He was off and flying
Times were really trying
Eddie and his mother alone
Soon another mister, soon a baby sister
Mama kept swingin« and Eddie kept singin«
Ah ya ya ya ya....
(Spoken)
And now the tragic story
Eddie«s sister, Mary Louise, needed an operation
To get the money he would have to become an overnight sensation
Eddie believed the american people
Had wonderful, lovegiving hearts
His well publicized end, he considered, would send
His memorial album to the top of the charts.... and it did..
Ah ya ya ya ya...
(Spoken)
When a young singer dies to our shock and surprise
In a plane crash or flashy sports car
He becomes quite well known
And the kindness he«s shown has made more than one post mortem star
Well you did it, Eddie, and though it«s hard to applaud suicide
You gave all you could give so your sister could live
All America«s choked up inside
(jaulend)
We«ll remember you forever, Eddie
Thru« the sacrifice you made we can«t believe the price you paid
For love
Ach, ich liebe diesen Film. Bitte sagt mir nicht, wie ihr ihn fandet. Bitte, bitte..
(Beitrag wurde von bAbC am 18.10.2001 um 05:24 Uhr bearbeitet.)