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Vollständige Version anzeigen : Ghost World (USA, 2001)


Murmel
16.10.2001, 05:36
Ghost World
von Terry Zwigoff
mit Thora Birch Scarlett, Johansson, Steve Buscemi, ...
Die beiden Freundinnen Enid und Rebecca haben gerade die High School hinter sich und wagen ihre ersten Schritte im echten Leben. Der Film ist sagenhaft. Ich will hier gar nicht so schnell eine Inhaltsangabe schreiben oder irgendwas betrunken äußern. stimmen, 13K und Kathrin Passig waren mit im Sneak Preview und wir alle können stolz behaupten: Wir haben den Film für 7 Mark gesehen! Ohne Werbung!

U_Sterblich
16.10.2001, 15:30
Na, wenn Steve Buscemi dabei ist...
Und was soll ich mir heute abend ansehen? Jemand eine Empfehlung? Das Angebot erscheint grad nicht so reizvoll.

Schwarzes Schaaf
16.10.2001, 16:24
Ich bin grosser Fan von Daniel Clowes Ghost World comic, welcher unheimlich dunkel und bizarr, gleichzeitig (oder vielleicht eben dadurch) aber sehr unterhaltsam ist. Die Werbetrailer fuer GW enthielten nur ziemlich alberne Szenen (Kerl mit Nunchaku usw), was mich gleich skeptisch machte, wie Zwygoff mit der Materie umgegangen ist. Dazu hiess es auch noch, das die Freundschaft zwischen Enid und Rebecca ziemlich in den Hintergrund gestellt wurde auf Kosten einer Beziehung zwischen Enid und einem einsamen Plattensammler. Trotzdem hab ich's mir angesehen, und ich muss sagen: Ein Meisterstueck, definitiv einer der besten Filme dieses Jahres. Thora Birch und Steve Buscemi sind beide grossartig. Die Beziehung zwischen Enid und Seymour wurde auesserst behutsam und ohne jegliches Melodrama in Szene gesetzt. Selten habe ich einen Film gesehen, der dermassen komisch ist und gleichzeitig eine solch ernsthafte Basis und ausgefeilte Charaktere hat. Obwohl ueberspitzt dargestellt, scheint die story wirklicher und realitaetsnaher als die meisten anderen Filme, die sich um teenager und ihre Probleme drehen, ohne dabei kitschig zu sein. Das Ende stimmte mich sogar richtig traurig, obwohl es nicht mal 'unhappy' per se ist.
Kurzum: Pflichtfilm
(Beitrag wurde von Schwarzes Schaaf am 16.10.2001 um 14:28 Uhr bearbeitet.)

Schwarzes Schaaf
23.10.2001, 23:14
. (wg. Bundesstart)

Schwarzes Schaaf
29.10.2001, 14:15
Clausen, verstehen sie das? Warum hat keiner was zu diesem Kleinod zu sagen?

U_Sterblich
29.10.2001, 14:30
Weil das Kleinod mal wieder nirgens läuft, zumindest in München nicht.

Murmel
29.10.2001, 14:46
Ich verstehe schon lange nichts mehr. Es ist, als ob ein Fluch auf diesem Flim läge, wie er auch auf Rushmore und anderen Meisterwerken lag. Schlimm, schlimm.

Schwarzes Schaaf
31.10.2001, 17:59
Offenbar artet das hier in ein Zwiegespraech aus, aber was solls...
Clausen, haben sie eigentlich das Comicbuch auf dem der Film basiert gelesen? Wenn ja, wie finden sie es im Vergleich?

Murmel
31.10.2001, 18:04
Das muss ich Sie enttäuschen, Schaaf. Ich sah die Serie manchmal kurz auf mtv, habe mich damit aber nicht anfreunden können. Dass der Film auf Comics basiert, habe ich erst danach erfahren.
Es dürfte aber ein guter Comic sein, wenn die Figuren genauso menschlich sind, wie die Charaktere im Film. Das hat selbst Kathrin Passig beeindruckt. Sie meinte, dass es angenehm gewesen sei, eine weibliche Rolle in einem Film zu sehen, die einfach nur menschlich ist - also nicht weibisch oder klischeemäßig bedient wird. Zumindest sinngemäß.

Schwarzes Schaaf
31.10.2001, 18:21
Serie?! Ich wusste nicht, dass es eine Serie gibt! Sind sie sich sicher, dass es sich dabei um Ghost World handelte, und nicht um irgendeine andere von MTV's bizarren Cartoons?
Was das Comicbuch angeht, gibt es das zumindest bei amazon.de, falls es sie interessiert.

Murmel
31.10.2001, 18:28
Hmm, hab mich wohl geirrt. Ich hielt die Serie 'Daria' auf mtv für die Vorlage. Gehe ich jetzt eben zu amazon. Danke für den Tip, aber.

Elpenor
10.11.2001, 00:20
Durch die Hinweise im Filmforum habe ich mir vorgestern diesen Film angeschaut und war enttäuscht. Die Geschichte plätscherte unmotiviert hin, es bestand der Eindruck als wäre der Drehbuchschreiber sich unschlüssig gewesen, welchen Weg er einschlagen möchte. Hautsächlich krankte der Film daran, dass er sich zu sehr auf die Beziehung zwischen Enid und Seymour konzentrierte, dabei aber zu wenig Dynamik aufbaute und mit Thora Birch eine schwache Hauptdarstellerin besitzt, die nur über einen gelangweilten Gesichtsausdruck verfügt.

Schwarzes Schaaf
11.11.2001, 00:32
Sicher, die klassischen Plotpunkte trifft der Film wohl nicht, insofern kann ich ihren Eindruck von "dahinplaetschern" und "fehlender Dynamik" nachvollziehen. Im Gegensatz zu ihnen sehe ich das aber nicht als ein Makel, sondern als einen Vorzug dieses Films an. Darin aehnelt er sehr der Comicvorlage, dass eben nicht von A nach B nach C durchgehechelt wird, sondern das Kennenlernen der Charaktere im Vordergrund steht.

Elpenor
11.11.2001, 22:33
Aber das passiert eben nicht, das Kennenlernen von den Charaktern, stattdessen verbleibt der Film in der Schwebe, ob er nüchtern abphotographieren und sich auf die Personen konzentrieren will oder der Handlung den Vorrang einräumt. Die Charaktere entwickeln nicht genügend eigenes Leben, um den Verzicht auf einen stringenten Handlungsfaden zu rechtfertigen. Stranger than Paradies hat keine Handlung, funktioniert aber, da die Ziellosigkeit der Personen in den übergeordneten Rahmen der Unbestimmtheit des Films eingebettet ist, dies findet bei Ghost World nicht statt.

Murmel
11.11.2001, 22:46
Aus dem Exil

Ich habe an dem Film gerade genossen, dass die Geschichte so plätschert. Keine aufgesetzten, unwirklichen Charaktere oder überinszenierte Bilder bestimmen den Eindruck, den der Film vermittelt, sondern die scheibare Gleichgültigkeit des Lebens und der Entwicklung Enids. Ich finde, dass genau diese Einöde, in der die beiden Mädchen nach einer Art Sinn und Zukunft suchen, sensationell dargestellt wird. Alles wurde sehr reduziert und so dünn aufgetragen, genau das hat mir gefallen.

Elpenor
11.11.2001, 23:08
Zunächst: es ging nicht um die beiden Mädchen, da sich die Handlung auf Enid konzentrierte, das andere Mädchen Beiwerk war. Genau dies störte, wie schon erwähnt, da keine Ausgewogenheit zwischen der Haupthandlung und den Nebenhandlungen bestand. Am Anfang suggerierte der Film, es ginge um die Freundschaft der beiden Mädchen aber die eine wurde dann beiseite geschoben und nur halbherzig eingebaut. Die Suche nach einer Zukunft, die ebenfalls anfangs suggeriert wurde, fand nicht statt, kein Prozeß ist spürbar. Man kommt nicht weiter, wenn man Enids Weg mitgeht, die Nichtigkeit des Bemühens wird aber nicht dargestellt. Amores Perros filmt die Figuren realistischer ab, sie können Wirklichkeit beanspruchen, Enid und Seymour sind Filmfiguren.

Walter Schmidtchen
11.04.2002, 13:53
Jetzt auch gesehen.
Bisschen seltsam fand ich, dass eine Aussenseiterin so COOL ist, das gibts nicht. Das Busende fand ich auch doof.
Interessant fand ich in diesem sympathischen, etwas ungelenken Film (aber nicht so ungelenk wie die auch nicht unsympathischen John Waters Filme), dass Steve Buscemi eindeutig Robert Crumb war (Hass auf Radiomusik, Ragtimefaible, finstere Museums-Wohnung) und Thora Birch eindeutig nach Robert Crumbs Lieblingsfetischen gestaltet ist. Kurze Röcke, dicke Beine, klobige Schnürstiefel.
Zwigoffs anderer Film ist übrigens "Crumb", Doku über den zeichner, aber das weiss ja jeder.

Schwarzes Schaaf
11.04.2002, 14:24
Ich fand- und finde auch weiterhin- diesen Film klasse, habe mittlerweile die DVD. GW ragte eindeutig aus dem schwachen Kinojahr 2001 heraus.
Schmidtchen: ihren Einwand "coole Aussenseiterin = unrealistisch" halte ich fuer vorschnell. Was wir fuer cool halten moegen ist im Sozialgefuege der Amerikanischen high school der Beliebtheit nicht unbedingt foerderlich. Den typus den Enid und Rebecca verkoerpern gibt es meiner Erfahrung nach durchaus. Ich empfehle auch weiterhin das Comicbuch. Clowes schaffte es wie kein anderer, die Stimmung und das teenager Lebensgefuehl der fruehen/mittleren 90er darzustellen, und dass ohne einem staendig "generation X" Klischees um die Ohren zu schlagen.
Darueberhinaus muss ich wohl einen aehnlichen Fetisch wie Robert Crumb haben, denn ich finde Thora Brich in dieser Rolle einfach heiss.

virchow
17.04.2002, 18:51
Der Anfang des Films ist grossartig, da plätschert es angenehm und episodisch dahin. Aber, der Teufel weiss warum, in der zweiten Hälfte hatten Clowes und Zwigoff leider offenbar das Gefühl, es müsse mehr Action her. Daher die doppelte aber unnötige Eskalation: Buscemis progressive Existenzzerstörung und Birchs Verlust einer Lebensaussicht nach der anderen.

Mir hätte es besser gefallen, wenn man die Hauptpersonen einfach noch ein bisschen beobachtet und umkreist und dann einfach mittendrin aufgehört hätte. Die interessanteste Beobachtung der Autoren fand ich die, dass man als junger Mensch Aussenseiter sein muss , um hip zu sein. Sobald man aber, wie Buscemis Charakter, um die vierzig ist, ist man als Aussenseiter auf einmal nur noch ein Spinner.

Crumb und Zwigoff sammeln übrigens beide 78er Platten und sind auch einig darin, was ihre Abneigung gegen die gegenwärtige amerikanische Massenkultur betrifft. Und Clowes ist natürlich ein glühender Verehrer und letztlich Epigone von Robert Crumb. Er und der Regisseur machen einen rührenden Versuch, ihr Publikum davon zu überzeugen, dass Exzentriker generationsübergreifend miteinander reden (und ficken) sollten.

ps. hat einer von Euch den Film in Originalversion gesehen? Die monotone Art, in der Johanssen spricht ist unglaublich beängstigend und sagenhaft echt!

ps. die besten Filme der letzen zehn Jahre sind alles Dokumentarfilme: Crumb, Nico Icon, When we were Kings, Paris is burning.