Vollständige Version anzeigen : Memento
Schwarzes Schaaf
30.10.2001, 15:11
Memento USA, 2000. 113 min. Regie: Christopher Nolan
Leonard Shelby hat eine Mission: Den Vergewaltiger und Moerder seiner Frau finden und ihn toeten. Leider hat er auch ein Handicap: Der Schlag auf den Kopf, den ihm der Taeter seinerzeit verpasste, raubte ihm das Kurzzeitgedaechtnis. Mit Zetteln, Polaroids und sogar Taetowierungen versucht Leonard die Informationen festzuhalten, die ihm nach 15 Minuten unwiederbringlich entfallen.
Ein bezeichnendes Merkmal von Memento ist die erzaehlerische Struktur: Der Film beginnt mit der Aufloesung und endet mit dem Anfang (so erscheint es zumindest). Man moechte meinen, dass dies ein Vorteil fuer den Zuschaeuer ist, da man weiss was 'als naechstes' passiert. Das Gegenteil ist der Fall: Ursachen, Motive und Auswirkungen vermengen und veraendern sich von Szene zu Szene, so dass der Zuschauer letztendlich genauso planlos ist wie Leonard. Freunde sind in wirklichkeit Feinde und umgekehrt. Dazu kommt ein enigmatisches Ende, welches mehr Fragen offen laesst als es beantwortet. Selten hat mich ein Film so gefesselt wie dieser. Man zweifelt an dem, was man meint gesehen oder nicht gesehen zu haben, so dass das zentrale Problem des Films- Erinnerungen und wie wir sie konstruieren- direkt auf den Zuschauer uebertragen wird. Ein spannender, intelligenter und innovativer Thriller.
Ich habe bisher auch nur gutes über den Film gehört, werde bald reingehen. Hat ihn noch jemand gesehen?
U_Sterblich
31.10.2001, 11:43
Ich hatte mal eine Karte für den Film im Sommer bei den Münchner Filmfestspielen. Die habe ich aber verschenkt, um statt dessen spontan mit einem ganz entzückenden jungen Mann nach Berlin zu fahren. Ich habe das nicht bereut, werde den Film aber jetzt auch nachholen.
Hey Clausen, gucken wir uns den zusammen an?
Wenn Du nicht wieder spontan mit einem jungen Mann nach Berlin fährst und mich alleine in München zurücklässt, äh, dann Sonntag.
Hey, Sneak-Preview-Hasser, Ihr habt was verpasst!
Memento ist verwirrend, denn der Zuschauer weiß immer nur, was passieren wird - warum etwas passiert ist, welchen Instinkten Leonard Shelby am Anfang der Geschichte folgt, wird erst am Ende des Films klar, denn er hat die Fähigkeit verloren, Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis in sein Langzeitgedächtnis zu übertragen. So findet er sich alle 10 bis 15 Minuten vor der Frage: Was mache ich hier eigentlich?
Um die wichtigsten Fakten seiner Mission nicht zu verlieren, hat er sie sich auf den Körper tätowiert: John G. hat meine Frau vergewaltigt und ermordet. Dazu kommen Fakten über John G., die er scheinbar in den letzten Tagen, wochen oder Monaten gesammelt hat. Er weiß nicht, wie lange er schon kein Kuzzeitgedächtnis mehr hat. Alles, an was er sich erinnert, ist sein Leben bis zum Tod seiner Frau.
Die Pointe des Films ist, dass, ach, nee, darf ich ja nicht erzählen. Vielleicht ist sie aber, dass man als Zuschauer nur ganz langsam die Zusammenhänge begreift und selbst am Ende noch nicht sicher ist, ob man nun wirklich alles weiß. Wem kann man vertrauen, wenn man in kurzen Zeitabständen alles vergißt?
Leonard vertraut nur Fakten und seinen Instinkten. Wozu sie ihn führen, erfährt man recht schnell, doch wie er sie gesammelt hat, ist das Rätsel.
Der Film ist wirklich sehr beeindruckend - große Empfehlung.
langsam aber sicher erhärtet sich die vermutung, daß meine abwesenheit bei der montagssneak sich positiv auf das programm auswirkt.
Dreizehn Koestlichkeiten
04.12.2001, 17:00
Jeder kennt den Aberglauben, durch das schnelle Herumwedeln eines Polaroidbildes lasse sich seine Entwicklung beschleunigen. Die erste Szene von "Memento" zeigt eine tätowierte Männerhand, die genau das tut: Wie einen Fächer schwenkt sie ein Foto rasch hin und her, und wie um sich der Wirkung ihres Tuns zu vergewissern, hält sie zwischendurch immer wieder inne. So kann man erkennen, was das Polaroid zeigt: Den Rücken und den Hinterkopf eines Mannes, der in einer Blutlache liegt.
Nun aber passiert etwas Eigenartiges. Die Konturen und Farben des Bildes werden mit fortdauernder Bewegung nicht stärker, sondern schwächer. Schon kann man nicht mehr erkennen, welche Farbe Hemd und Haare des Mannes haben, und das Blut gerinnt bald zu einem stumpfen Grau, das nicht mehr erahnen läßt, worum es sich eigentlich handelt. Die Hand bewegt das Bild weiter. Nun haben sich die Umrisse gänzlich verflüchtigt, ein paar helle, pastellfarbene Schlieren sind noch zu sehen, aber schon während der nächsten Sekunden wird das Polaroid vollständig weiß, schneeweiß, eine große, leere, gänzlich unberührte Fläche.
Memento wieder so ein Knaller wie Ghost World? Was aber wirklich ärgerlich ist, ich wollte und werde auf jeden Fall in Memento gehen. Meine Abwesenheit scheint sich ebenfalls positiv auf die Filme auszuwirken.
Kathrin Passig
04.12.2001, 21:19
Alle, die den Film noch sehen wollten, sollten um alle Rezensionen und Vorankündigungen einen weiten Bogen machen. Die, die ich gesehen habe, enthielten einen hässlichen Spoiler (man kriegt einen wichtigen Teil des Films weit vor der Zeit verraten). Nicht hinsehen! Nicht lesen!
Dirk von Foerster
04.12.2001, 22:59
Tatsächlich ist die Erzählstruktur revolutionär. Das Krankheitsbild - das Kurzzeitgedächtnis funktioniert nur in Intervallen von wenigen Minuten - wird dem Zuschauer anschaulich gemacht, indem ebenso lange Sequenzen in umgekehrter chronologischer Reihenfolge montiert sind. Damit ist der Zuschauer nie schlauer als der Protagonist, der stets aus dem Nichts in dei jeweilige Situation hinein "erwacht". Gemeinhin gilt es als kontraproduktiv und anstrengend´, einen Film gegen den Zeitpfeil zu erzählen und Hollywoods Produzente mögen so etwas gar nicht. In der Tat ist der Film anstrengend und das Gehirn steht immer kurz vor dem Kollaps. Was für ein Kunstgriff! Es gibt ein Buch namens "Times Arrow" von Martin Amis, das ebenfalls eine Geschichte im Rückwärtsgang erzählt. Aber im Kino habe ich sowas noch nicht gesehen.
Die Wucht
04.12.2001, 23:35
Anmerkung zu DvF's Signatur: Und mit welchem Namen will man die letzten Sendungen des Lesezirkels Einsendungen vortäuschen?
Schwarzes Schaaf
05.12.2001, 00:47
Ist ja langweilig! Findet denn gar niemand diesen Film schlecht!? Kurzer check bei http://us.imdb.com/CommentsShow?209144 : "overrated... incoherent... pretented intelligence... strained... gimmicky... technique masquerading as movie... style over substance... thin characters..."
Was sagt ihr dazu? Ist es ein Makel, wenn ein Film nur durch seine stilistischen Merkmale besticht, weniger durch den Inhalt oder die Charaktere?
Herr Genista
06.12.2001, 04:35
Ich fand den Film seltsamerweise gar nicht anstrengend, sondern nur sehr gut. Daß er rückwärts lief, hab ich kaum bemerkt. Kopf meinem mit falsch was ist?
Das Krankheitsbild heißt übrigens anterograde Amnesie und ist die Unfähigkeit neue episodische Erinnerungen anzulegen. Im Gegensatz zur retrograden, bei der alte Erinnerungen fehlen, ist die Prognose schlecht. D.h. alte verlorene Erinnerungen kommen vielleicht wieder, die Fähigkeit, welche anzulegen vermutlich nicht. Glaube ich. Kann mich aber nicht ganz sicher erinnern.
Sehr freaky: das Lernen von Fertigkeiten kann unberührt sein. Man kann jemandem mit aA also zB Gitarrespielen beibringen, und er wird hartnäckig behaupten, es nicht zu können, aber immer besser zu spielen lernen. Darüber würde ich auch gerne mal einen Film sehen.
Zu früh geunkt, tatsächlich ein großer Film, der zur Zweitsehung verpflichtet. Wer den Film noch nicht gesehen hat, reingehen und nicht mehr weiterlesen.
Noch nicht-Seher weg? Gut.
Ärgerlich und gegen meine Gesinnung war es, daß Leonard Shelby einem Trug aufsitzt. D.h. bei dem Spiel Erinnerung versus Auf das Geschriebene bauen, drückte ich letzterem Team die Daumen. Es gibt einen magischen Punk in dem Film. Die geschlagene Frau sitzt im Wagen und wartet, daß Leonard die Erinnerung schwindet, dann ist der Moment da, wo der Zuschauer weiß, daß Leonard es vergessen hat. In diesem Augenblick knackste es in meinem Kopf, einer der stärksten Szenen, in welcher der Verlust des Urvertrauens geschildert wird.
Das Ende sprengt die Basis 90% aller Hollywoodfilme in die Luft, selten konnte ich es erleben wie derartig deutlich eine tönere Götze zerschlagen wird. Man sieht einen Ausschnitt vom blanken Fundament des Wahrheitsgebäudes.
Dabei wird der Film knallhart schnell erzählt, was nach Audition abermals beweist, daß die großen Fragen keine Tarkowski-, Bergmannlangsamkeit benötigen, positiv, dies.
eisenvater
16.12.2001, 16:43
der film ist allenfalls mittelmässig.
zugegeben - es liegt eine gute Idee zugrunde, und die Erzählweise entspricht dem im grossen und ganzen.
einzelne bildideen haben mir auch gefallen - leider ist vor allem der hauptdarsteller nicht sehr überzeugend - das fängt schon bei der schwachsinnigen Idee an, das er sich wichtige Information tätowieren lässt. man hofft bis zum schluss, endlich am anfang der geschichte anzukommen, damit es bald vorbei ist. Tatsächlich bietet der Film bis dahin kaum Überraschungen
slowtiger
20.12.2001, 13:25
Der Film ist darin beileibe kein Pionier. (Ich hab ihn nicht gesehen.)
Verschachtelte Erzählstrukturen gibts reichlich in der Kinogeschichte, eine konsequent rückwärts erzählte Geschichte hab ich selbst allerdings nur einmal gesehen. Es war eine Folge von Seinfeld, in der die Geschichte eine Hochzeit in Indien komlett rückwärts erzählt wurde, bis zur letzten Szene, die 15 Jahre vor der ersten stattfand und Jerrys allererste Begegnung mit Kramer zeigt. Genial. Jeder Zeitsprung hatte einen Untertitel "15 Minuten zuvor", "3 Tage zuvor" etc.
king kacke
20.12.2001, 13:51
"Assbangers IV" wird auch von hinten erzählt. Brauchen wir ein Po-Sex-Forum?
Gestern hab ich ihn endlich gesehen!
Beim darauffolgenden Kneipenbesuch konnte ich mich für eine Weile nicht von der Sammy-Jankis-Insulinspritzen-Szene und dem Polaroidfoto, das Leonard glücklich zeigt, lösen.
Heute morgen war einer meiner ersten Gedanken der Film.
Wie schön es ist, unschuldig zu sein?
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